Die Fremde - Durastanti, Claudia
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"Claudia Durastantis Roman ist eine Rettungsboje in den dunklen Gewässern der Erinnerung." (Ocean Vuong) - Eine außergewöhnliche Familiengeschichte über das Anderssein
Claudia Durastanti erzählt in ihrem von der Kritik gefeierten Roman eine ganz besondere Familiengeschichte. Es ist ihre eigene. Beide Eltern sind gehörlos. In den sechziger Jahren sind sie nach New York ausgewandert. Claudia kommt in Brooklyn zur Welt und als kleines Mädchen zurück in ein abgelegenes Dorf in Italien. Mit Büchern bringt sie sich selbst die Sprache bei, die ihr die Eltern nicht geben können. Aus allen Facetten…mehr

Produktbeschreibung
"Claudia Durastantis Roman ist eine Rettungsboje in den dunklen Gewässern der Erinnerung." (Ocean Vuong) - Eine außergewöhnliche Familiengeschichte über das Anderssein

Claudia Durastanti erzählt in ihrem von der Kritik gefeierten Roman eine ganz besondere Familiengeschichte. Es ist ihre eigene. Beide Eltern sind gehörlos. In den sechziger Jahren sind sie nach New York ausgewandert. Claudia kommt in Brooklyn zur Welt und als kleines Mädchen zurück in ein abgelegenes Dorf in Italien. Mit Büchern bringt sie sich selbst die Sprache bei, die ihr die Eltern nicht geben können. Aus allen Facetten dieses Andersseins hat Claudia Durastanti einen außergewöhnlichen Roman gemacht. Von den euphorischen Geschichten einer wilden italoamerikanischen Familie in den Sechzigern bis ins gegenwärtige London. Dieser Roman lässt einen keine Zeile lang unberührt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Originaltitel: La straniera
  • Artikelnr. des Verlages: 551/07200
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 296
  • Erscheinungstermin: 15. Februar 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 138mm x 30mm
  • Gewicht: 380g
  • ISBN-13: 9783552072008
  • ISBN-10: 3552072004
  • Artikelnr.: 60344857
Autorenporträt
Durastanti, Claudia§ Claudia Durastanti, 1984 in Brooklyn geboren, ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie war Fellow für Literaturwissenschaft an der American Academy in Rom und gehört zu den Gründern des Italian Festival of Literature in London. Sie schreibt für La Repubblica und lebt in London. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen. "Die Fremde" war auf der Shortlist für den Premio Strega und wird gerade in viele Sprachen übersetzt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FAS-Rezension

Rezensentin Anna Vollmer findet so manche allgemeingültige Wahrheit in Claudia Durastanis autobiografischer Familiengeschichte zwischen Süditalien und New York. Wie die Erzählerin von ihren tauben Eltern berichtet, vom archaischen Süden und den Erfahrungen des Fremdseins in den USA, von familiärer Gewalt auch, scheint Vollmer gelungen, da Durastanis Humor und Empathie das Gefühl des allzu Privaten nicht aufkommen lassen. Die Figuren im Text scheinen Vollmer außergewöhnlich, im Grunde larger than life.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.03.2021

Nicht nur eine Heimat
Claudia Durastanti erzählt in ihrem autofiktionalen Roman „Die Fremde“ vom
Aufwachsen als Kind gehörloser Eltern und vom Weg durch die Sprache ins Leben
VON FRANCESCA POLISTINA
Die Geschichte beginnt und endet am gleichen Ort, dem Ponte Sisto. Einer Brücke in Rom, die über den Tiber geht und die historische Altstadt mit dem Stadtteil Trastevere verbindet, eine der Brücken, die man laut Reiseführer gesehen haben muss. In diesem Roman ist sie aber nicht das Motiv einer pastellfarbenen Postkarte, sondern „eine gute Stelle zum Springen“.
Auf der Brücke haben sich die Eltern der Autorin Claudia Durastanti zum ersten Mal getroffen, als er runterspringen und sie ihn retten wollte – zumindest will es die Legende so. Womöglich sind sie sich auch nicht auf der Brücke begegnet, sondern zwei Kilometer entfernt am Bahnhof Trastevere. Aber das sind Details, oder besser, verschiedene Versionen einer Familienmythologie. Jedenfalls ist der Ponte Sisto der erste einer Reihe von Orten, an denen die Familiengeschichte spielt, die Durastanti jetzt in ihrem autobiografischen Roman „Die Fremde“ erzählt. „Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topographischen Karten als einem Roman“, schreibt sie. Das stimmt umso mehr, wenn sie, wie in diesem Fall, von Migration handelt. Wenn jemand auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ist, sollte man jedenfalls da anfangen, wo alles begann.
Claudia Durastanti ist 1984 in Brooklyn geboren, ihre italienischen Eltern waren in den Sechzigerjahren eingewandert. Als sie noch ein kleines Mädchen war, trennten sie sich, und die Tochter zog mit ihrer Mutter zurück nach Italien, in ein abgelegenes Dorf in der süditalienischen Basilikata, jener Region, die zwischen Kampanien,
Kalabrien und Apulien eingezwängt ist. „Ich kam aus dem Asphalt, und in diesem Ort gab es nur Steine“, schreibt sie in „Die Fremde“.
Ihre Reise geht rückwärts und gegen den Strom: Von der Zukunft der amerikanischen Metropole in die Vergangenheit eines archaischen Dorfes, wo die Sonne die Erde trocken brennt und Schinken, Knoblauch und getrocknete Peperoni an Haken von der Decke hängen, ganz nach der Tradition. In diesem Ort beweist der Dialekt die Zugehörigkeit, die Sechsjährige aber spricht keinen Dialekt, sondern nur die „kaputte Sprache“ der Italoamerikaner in New York, die „Bruklì“ sagen statt Brooklyn und „aranò“ statt „I don’t know“. Ihre andere eigenartige Muttersprache ist die ihrer Eltern, die beide gehörlos sind, ihren Kindern aber nie die Gebärdensprache beigebracht haben, sondern in einer aus Gesten und immer wiederholten einzelnen Worten bestehenden Lingua franca kommunizieren. Italienisch lernt das Mädchen auf der Straße und aus Büchern, nicht systematisch, sondern wild liest sie alles von Micky Maus bis zu Jack Kerouac und F. Scott Fitzgerald. Jahre später wird ihre Leidenschaft für die Bücher zum Beruf.
„Die Fremde“ ist der vierte und bisher erfolgreichste Roman von Claudia Durastanti. In Italien wurde „La straniera“ – was auch „Die Ausländerin“ bedeutet – gefeiert und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Die 1984 geborene Schriftstellerin, die selbst aus dem Englischen übersetzt, gilt spätestens seit ihrer Nominierung für den Premio Strega, Italiens wichtigsten Literaturpreis, als eine der innovativsten Stimmen der italienischen Literatur. Durastantis Romane spielen am Rande der Gesellschaft, sie erzählt von Marginalisierung und wie frustrierend es ist, immer gegen das Scheitern ankämpfen zu müssen. Sie experimentiert mit Sprache, verwendet Elemente der mündlichen Kommunikation und bedient sich an den Jargons der Pop- und Underground-Kultur. „Jedes einzelne meiner Privilegien habe ich dank der Sprache erworben und verloren“, schreibt sie in „Die Fremde“. Sprache dient Durastanti nicht nur der Verständigung, sie ist ihr ein wertvolles Gut, für das sie hart kämpfen musste, wie darum, sich zugehörig fühlen zu können. Die interessantesten Passagen in „Die Fremde“, sind die, in denen die Autorin über Sprache nachdenkt.
Bis vor einigen Jahren hätte man dieses Buch in die Kategorie Memoiren eingeordnet, heute spricht man von Autofiktion – und meint damit eine Fiktion, die nicht erfunden ist, sondern die etwas wirklich Erlebtes literarisch nachkonstruiert. „Die Fremde“ ist ein autobiografischer Text, der sich wie ein Roman liest – auch weil die Geschichte der Familie, von der er handelt, dramatisches Potenzial hat. Von den Großeltern und den Eltern werden nicht trockene historische Umstände erzählt, wie es manchmal in Autobiografien passiert, sondern sie entwickeln sich im Laufe des Textes zu großen Romanfiguren.
Die wichtigste ist die Mutter, die als Kind durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör verloren hat: ein melancholischer und zugleich unabhängiger Mensch. Sie wächst in einem von Nonnen geführten Internat auf, nachdem die Familie in die USA eingewandert ist und fängt früh an zu rebellieren. Als junge Frau ist sie verschlossen und rabiat, verbringt die Tage mit Nichtstun, liegt rauchend auf dem Bett und starrt an die Decke. Auch als Erwachsene lernt sie nie, mit Geld umzugehen, und wenn sie es schafft, ihre Alkoholprobleme zu überwinden und etwas zu leisten, dann verwandelt sich ihre Zufriedenheit schnell wieder in das Gefühl, von der Welt besiegt zu werden. Dennoch geht sie ihren Weg.
Durastanti gibt Einzelheiten und Ereignisse nicht genau wieder, was zählt in ihrem Roman, sind die Erinnerungen und die Assoziationen, die sie auslösen. An vielen Stellen verliert die Erzählerin ihre auktoriale Distanz und wird zur Protagonistin pikaresker Episoden, um dann wieder nüchtern über soziale Schichten und das Brexit-Referendum zu reflektieren. Das passiert nicht ohne Reibung, aber genau das scheint Durastanti anzustreben: Sie springt von einem Gedanken zum nächsten, von der Poesie zur Prosa, von einer Überhöhung zu einer nüchternen Passage, als ob es unmöglich wäre, ihre Lebensgeschichte linear zu erzählen.
Es gibt in diesem Buch unzählige Themen, die den Roman dicht werden lassen, an manchen Stellen sogar so sehr, dass man seine Gegenstände nicht in aller Tiefe erfassen kann: Die Behinderung der Eltern, ihre Liebe und ihre Rebellion gegen das dominante Opfernarrativ. Die Immobilität des Alltags in der Basilikata und ein New York jenseits der Wolkenkratzer („Die größte Attraktion unseres Viertels war die Autowaschanlage mit den riesigen Bürsten“). Die Migration, die Armut. Das bekannte Motiv der Bücher als Rettungsanker, schließlich das Leben im heutigen London, wohin die Erzählerin im Alter von 27 Jahren geht, um ihre Stimme als Schriftstellerin zu finden.
Das zentrale Gefühl in diesem Leben ist das Gefühl, fremd zu sein. Weil man die Sprache nicht beherrscht, weil man den Nagellack in Magenta trägt, während alle anderen eintönig herumlaufen, weil man Angst hat, jemand könnte die eigene Dickens-Kindheit erahnen: „Ich fürchtete, jemand könnte mich als das erkennen, was ich war: eine, die sich eingeschlichen hatte.“ Dieses Fremdsein ist nicht nur negativ konnotiert. Es bedeutet, wie Claudia Durastanti in einem Interview erklärt hat, auch die Freiheit, zwischen verschiedenen Heimaten wählen zu können.
Fremdsein ist außerdem das Gefühl, das Mutter und Tochter verbindet. Als Teenager ist Durastantis Erzählerin ein einsames Mädchen, die Lebensbedingungen ihrer Familie, ihre seltsame Mutter sind ihr peinlich. Erst mit der Zeit versöhnt sie sich. Wenn sie nun mit ihr unterwegs ist, gestikuliert sie jetzt und hebt die Labiallaute absichtlich hervor: „Ich möchte von den Passanten gesehen werden, es soll offensichtlich sein, dass ich mich nicht mehr für meine Mutter schäme, obwohl sie das jetzt nicht mehr interessiert.“ Das Verständnis der Tochter kommt zu spät.
Die Erzählerin verliert
die Distanz und
wird zur Protagonistin
Die Autorin Claudia Durastanti wurde 1984 als Tochter italienischer Einwanderer in Brooklyn geboren.
Foto: Getty Images
Claudia Durastanti:
Die Fremde. Roman.
Aus dem Italienischen
von Annette Kopetzki. Zsolnay, Wien 2021.
304 Seiten, 24 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.03.2021

Zwischen den Sprachen
Claudia Durastanti sucht in der Heimat ein Zuhause

Claudia Durastantis "Die Fremde" beginnt gleich zwei Mal: "Meine Mutter und mein Vater lernten sich kennen, als er versuchte, sich in Trastevere vom Ponte Sisto zu stürzen", lautet der erste Satz. Und dann, zwei Seiten später: "Mein Vater und meine Mutter lernten sich an dem Tag kennen, als er sie vor einem Überfall vor dem Bahnhof Trastevere rettete." Wie es wirklich war, wissen wir, weiß auch die Erzählerin nicht. Die Mutter erzählt ihre, der Vater seine Version, in der immer sie selbst den jeweils anderen gerettet haben.

Es ist ein sehr passender Anfang für Durastantis Buch, in doppelter Hinsicht. Zum einen, weil gleich klar ist, dass die Geschichte dieser beiden keine durchschnittliche Liebesgeschichte werden wird. Und zum anderen, weil in diesem Text, den man wohl als autofiktional bezeichnen muss, die Biographie einer tatsächlichen Familie erzählt wird, die ihr Leben nur allzu gerne selbst mit Geschichten ausschmückt. Obwohl die Eltern eine Abneigung gegen alles haben, was nicht "wahr" oder "echt" ist und auch jeden Spielfilm für bare Münze nehmen, hindert sie diese Eigenschaft nicht daran, sich ihren eigenen Fiktionen bereitwillig hinzugeben.

"Die Fremde" trägt in deutscher Übersetzung die Gattungsbezeichnung Roman, was es wahrscheinlich besser trifft als der Begriff "Memoir", um die oft sprunghafte Erzählweise Durastantis fassen zu können. Dennoch sind große Übereinstimmungen von Autorin und Erzählerin nicht zu leugnen. Im Roman, wie auch in der Wirklichkeit, wird Claudia 1984 in Brooklyn als Tochter italienischer Einwanderer geboren. Wenige Jahre später, nach der Trennung der Eltern, kehrt ihre Mutter mit Tochter und Sohn zurück nach Basilicata, eine spärlich besiedelte Region im Süden Italiens, wo die Familie in ein Tausend-Seelen-Dorf zieht, um dort noch fremder zu sein, als sie es in New York je hätten sein können.

Die Eltern sind taub, aufgewachsen in einer Zeit und Umgebung, in der dieser Umstand für sie vor allem soziale Isolation bedeutet. Die Mutter besucht ein Internat, wo man ihr ein Messer auf die Zunge legt, um sie zum Schreien zu zwingen. Der Vater wird von seinen Eltern mit auf Pilgerfahrten genommen, in der Hoffnung auf Hilfe von oben. Beide werden ihren eigenen Kindern die Gebärdensprache nie beibringen, auch, weil sie nicht akzeptieren, taub zu sein. Die Mutter freut sich, wenn man sie in der Öffentlichkeit nicht für taub, sondern für eine Ausländerin hält.

"La straniera", wie der Roman auf Italienisch heißt, bedeutet sowohl "die Ausländerin" als auch "die Fremde". In Durastantis Roman ist damit nicht die Erzählerin selbst, sondern ihre Mutter gemeint. Die ist zeitweise eine Migrantin, eine Ausländerin, aber vor allem eine Person, die kein Opfer sein möchte und sich bewusst allen Konventionen des Alltags verweigert. Genau wie der Vater ihrer Kinder, mit dem sie eine Beziehung zwischen Gewalt und Anziehung führt, entscheidet sie sich für ein Leben, das zwar oft grausam, aber immer frei ist. In ihm findet sie einen Gleichgesinnten: Einen "Menschen, der die Behinderung nicht mit Mut oder Würde, sondern mit Leichtigkeit meistern wollte".

Während die meisten Menschen sich oft einheitlich für bestimmte Lebenswege entscheiden, nimmt die Mutter stets einen anderen. Einwanderungsgeschichten von Italienern, die es von der Armut des Südens in die Vereinigten Staaten zog, gibt es zuhauf. Durastantis Mutter wählt die umgekehrte Migration. In der ersten Wohnung, die die Familie in Basilicata bezieht, hängen Haken an der Decke - um Fleisch und Peperoni zu trocknen. Durastanti spielt mit diesen Klischees, dem rätselhaften, armen italienischen Süden, auch, weil sie natürlich nicht mehr zutreffen: "Mädchen, die von einer Daseinskrise erfasst wurden, zertraten im Zustand der Besessenheit keine Spinnen, sondern malten sich die Fingernägel an und tranken zu viel." Das Dorf hat seine Regeln, aber ist in erster Linie Provinz und vor allem in dieser Hinsicht ein Kontrast zur Großstadt. Das Geld für Essen fehlt manchmal, aber Claudias Turnschuhe sind neu, bunt und amerikanisch - Gründe genug, um auch hier aus dem Rahmen zu fallen.

Es scheint, als hätte "Die Fremde" doppelt so viele Geschichten wie Seiten. Die Welt, von der dieser Roman erzählt, ist riesig - und gerade das macht ihn so aktuell. Ein Leben zwischen Kontinenten, Ländern und Sprachen, ein Hier, dass das Dort nicht ausschließt, kann sich fremd anfühlen und doch ein Zuhause sein. Trotz aller Tragik und Verlorenheit seiner Figuren ist "Die Fremde" deshalb auch auf seltsame Weise optimistisch. So hat die italienische Großfamilie in New York zwischen Dialekt, Englisch und Italienisch ihre eigene Art, zu kommunizieren. Dass ein Familienmitglied taub ist, fällt da fast nicht mehr auf: "Was ist Behinderung in einer Familie, in der ohnehin jeder anders spricht?"

Claudia Durastanti, die in Italien schon länger bekannt ist, deren vierter, autobiographischer Roman sie aber noch deutlich erfolgreicher gemacht hat, ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch - und vielleicht noch mehr - Übersetzerin. Sie hat "Auf Erden sind wir kurz grandios", des amerikanischen Schriftstellers Ocean Vuong, eine weitere Muttergeschichte, ins Italienische übertragen und das "Festival of Italian Literature in London" gegründet. Ohne zu übersetzen, sagt Durastanti, könne sie nicht schreiben. Wissend, dass auch eine Übersetzung immer eine Annäherung ist, ein Versuch. An einer der schönsten Stellen des Romans liegt die Mutter auf dem Bett und flüstert: "Non sento niente", was auf Deutsch "Ich höre nichts" und "Ich fühle nichts" zugleich bedeutet. "Wie soll ich das übersetzen", schreibt Durastanti, "ohne alles zu verlieren, was sie mir sagen will?"

Die Mutter ist alkoholkrank, der Vater ein Kleinganove - für Claudia und ihren Bruder ist die Kindheit nicht die einfachste. Trotzdem schreibt Durastanti über ihre Eltern nie mit Groll, im Gegenteil: "Es gibt keine einzige Gewalttat in meinem Leben, an die ich mich erinnern kann, ohne zu lachen." Das mag mancher als Verharmlosung lesen, doch das ist es nicht. Dem ersten Teil des Romans ist ein Zitat von Emily Dickison vorangestellt: "After a great pain, a formal feeling comes." Nach einem großen Schmerz kommt ein formales Gefühl.

Es ist vielleicht dieses formale Gefühl, das es Durastanti erlaubt, sich ihren Eltern so zu nähern, wie sie es tut: empathisch, aber ohne ihren Lesern Gefühle aufzuzwingen, intim, aber nie unangenehm privat, unsentimental und mit Humor. Die Autorin weiß, dass eine Wahrheit, die über die eigene persönliche Geschichte hinausgeht, sich in der literarischen Form und in der Fiktion wiederfinden kann. Und erzählt eine Geschichte mit so außergewöhnlichen Protagonisten, wie man sie sich fast nicht ausdenken kann.

ANNA VOLLMER

Claudia Durastanti, "Die Fremde". Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Zsolnay, 304 Seiten, 24 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Wortmächtig erzählt die Autorin vom Leben der Familie über Kontinente hinweg. Ein zutiefst verstörendes Buch, passend zu einer Zeit, in der sich so viele fremd fühlen." Susanne Kippenberger, Der Tagesspiegel, 29.03.21

"Empathisch, aber ohne ihren Lesern Gefühle aufzuzwingen, intim, aber nie unangenehm privat, unsentimental und mit Humor. [...] eine Geschichte mit so außergewöhnlichen Protagonisten, wie man sie sich fast nicht ausdenken kann." Anna Vollmer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.21

"Von einer spröden Schönheit und selbstbewussten Eigenart." Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung, 10.03.21

"Durastanti springt von einem Gedanken zumnächsten, von der Poesie zur Prosa, von einer Überhöhung zu einer nüchternen Passage, als ob es unmöglich wäre, ihre Lebensgeschichte linear zu erzählen. Es gibt in diesem Buch unzählige Themen, die den Roman dicht werden lassen, an manchen Stellen sogar so sehr, dass man seine Gegenstände nicht in aller Tiefe erfassen kann." Francesca Polistina, Süddeutsche Zeitung, 09.03.21

"Ein sehr poetisches Buch." Jagoda Marinic, ZDF Das Literarische Quartett, 26.02.21

"Ein Text, der enorme Echtheit vermittelt." Juli Zeh, ZDF Das Literarische Quartett, 26.02.21

"In nahezu jedem Absatz gelingt es ihr, eine kleine literarische Welt zu erschaffen, die unter die Haut geht." Irene Prugger, Wiener Zeitung, 27.02.21

"Ein großer Wurf." Andrea Seibel, Literarische Welt, 27.02.21

"Dass Menschen auf verschiedene Weisen immer häufiger marginal bleiben und Nomaden werden, das macht das sehr lesenswerte Buch auch noch zu einem aktuellen Autodafé." Michael Freund, Standard Album, 20.02.21

"Egal ob italo-amerikanische Wohnviertel in Brooklyn, verlassene Dörfer in der Basilicata, oder die neue Heimat East-London, überall gelingen ihr überzeugende Milieustudien." Christine Gorny-Hansen, Radio Bremen Zwei, 17.02.21

"Eine junge literarische Stimme, die sich voll tobender Empathie und geistreicher Euphorie an den alten Themen abarbeitet, abarbeiten muss." Bernd Melichar, Kleine Zeitung, 13.02.21
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