Früchte einer großen Stadt - Goethes Venezianische Epigramme - Oswald, Stephan
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Seit ihrem Erscheinen haben Goethes Venezianische Epigramme Unverständnis und Befremden ausgelöst eine Situation, die bis heute andauert. Dabei bietet der Zyklus Gelegenheit, neben dem Werk selbst bislang wenig bekannte Aspekte aus dem werk- und lebensgeschichtlichen Zusammenhang näher zu beleuchten. Vor dem Hintergrund des aus unbekannten Quellen rekonstruierten zweiten Venedigaufenthalts wird der Zyklus erstmals einer umfassenden Gesamtanalyse unterzogen. Goethes Orientierung am spätlateinischen Vorbild Martial schlägt sich in Distichen zu Politik und Religion, Erotik und Sexualität nieder,…mehr

Produktbeschreibung
Seit ihrem Erscheinen haben Goethes Venezianische Epigramme Unverständnis und Befremden ausgelöst eine Situation, die bis heute andauert. Dabei bietet der Zyklus Gelegenheit, neben dem Werk selbst bislang wenig bekannte Aspekte aus dem werk- und lebensgeschichtlichen Zusammenhang näher zu beleuchten. Vor dem Hintergrund des aus unbekannten Quellen rekonstruierten zweiten Venedigaufenthalts wird der Zyklus erstmals einer umfassenden Gesamtanalyse unterzogen. Goethes Orientierung am spätlateinischen Vorbild Martial schlägt sich in Distichen zu Politik und Religion, Erotik und Sexualität nieder, in denen sich radikale, mit dem gängigen Goethebild schwer zu vereinbarende Positionen artikulieren. Einen zentralen Motivkomplex bildet Venedig als Große Stadt , die Goethe bereits in einer Reihe von typischen Zügen erfasst. Damit stellt der Zyklus eine Vorform von Großstadtdichtung dar, die im Epigramm die lyrische Form findet, um das Punktuelle, Fragmentarische und Unabgeschlossene der Stadtwahrnehmung dichterisch gelungen auszudrücken.
  • Produktdetails
  • Ereignis Weimar-Jena, Kultur um 1800, Ästhetische Forschungen Bd.33
  • Verlag: Universitätsverlag Winter
  • Seitenzahl: 424
  • Erscheinungstermin: Juli 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 159mm x 32mm
  • Gewicht: 770g
  • ISBN-13: 9783825363062
  • ISBN-10: 3825363066
  • Artikelnr.: 40539722
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.06.2015

In der Gondel lag ich gestreckt und fuhr durch die Schiffe
Goethes „Venezianische Epigramme“ gelten als saure Früchte einer missglückten Italien-Reise: Stephan Oswald entdeckt sie neu, als virtuose Großstadtlyrik
Zu den traurigen Versen, mit denen Goethe eine italienische Stadt bedachte, gehören diese: „Unglückselige Frösche, die ihr Venedig bewohnet! / Springt ihr zum Wasser heraus, springt ihr auf hartes Gestein.“ Aber erstreckt sich das Unglück, in einer Stadt im Wasser zu leben, auch auf den Besucher? Ist der Spott nicht eher leicht und heiter? Und was sind das überhaupt für Frösche, die einen Ort bewohnen, der gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch zu den prächtigsten der Welt gehörte?
  Unter allen Werken Goethes gehören die „Venezianischen Epigramme“ zu den „glücklosen Schöpfungen“, schreibt Stephan Oswald, Germanist an der Universität Parma, und meint damit vor allem deren Rezeption. Allzu eng wurde dieser Gedichtzyklus über mehr als zweihundert Jahre hinweg mit dem Leben Goethes verbunden, als Ausdruck einer vermeintlich misslungenen zweiten Reise nach Italien im Frühjahr 1790, die von Enttäuschung und Bitterkeit geprägt gewesen sein soll.
  Die Biografie, wenn sie sich denn so zugetragen hätte, war nicht allein der Grund für Vorbehalte gegen die „Venezianischen Epigramme“. Sie wurden ihrer vielen erotisch oder gar sexuell konnotierten Verse wegen als unziemlich empfunden, angesichts der darin dargebotenen Kritik an revolutionären, feudalen und religiösen Verhältnissen für unpassend erklärt und überhaupt, etwa weil es ihnen scheinbar an Ordnung mangelte, für missraten gehalten.
  So weit ging die Ablehnung, dass in den Manuskripten geschabt und geschnitten wurde, um einzelne Passagen zu löschen. Die im Jahr 1948 begonnene Hamburger Ausgabe, maßgeblich für die Vorstellungen, die man sich nach dem Zweiten Weltkrieg von Goethe machte, enthält die „Venezianischen Epigramme“ nur in Auszügen, weil sie nach Ansicht des Herausgebers Erich Trunz „nur ganz als Nebenwerk entstanden“. Und Nicholas Boyle, Autor der jüngsten großen Biografie Goethes, hält von diesem Werk nicht viel mehr. Auch ihn, so Stephan Oswald, habe die Idealisierung Goethes zum Klassiker blind werden lassen gegenüber einem Werk, das spielerischer, freier und im moralischen wie im politischen Sinne kühner ist, als man es von Goethe gemeinhin erwartet.
  Oswald scheut keine Mühe, weder philologisch noch detektivisch, und es gelingt ihm, die Vorurteile gegenüber den „Venezianischen Epigrammen“ zu widerlegen. Er trennt die Gedichte vom Leben. Er legt die Vorbilder offen, vor allem die Epigramme Martials, die selbst lange zu Unrecht als mindere Werke eines haltlosen Charakters galten. Er weist nach, einen wie großen Anteil die poetologische Reflexion an diesem Zyklus hat, wie sehr er sich dem Experimentieren mit einer historischen Form verdankt, zu der das Sprechen in fremden Stimmen von vornherein gehörte.
  Oswald verfolgt die Entwicklung von den Entwürfen, die für mehrere Hundert Gedichte ausgereicht hatte, bis zu den gut hundert „Venezianischen Epigrammen“, die in die Ausgabe des Jahres 1800 eingingen, und er weiß, was aus moralischen oder politischen Rücksichten am Ende fortgelassen wurde: nicht nur das sexuell allzu Explizite, sondern auch eine gründliche Auseinandersetzung mit dem vom Freund zum Gegner gewordenen Johann Caspar Lavater. Und er rekapituliert die Erfahrungen, die Goethe in diesen zwei Monaten in Venedig machte, von den Einträgen im Fremdenregister über die poetischen Spuren flüchtiger Begegnung mit Prostituierten bis zum Besichtigungsprogramm für die Kirchen. Mit persönlichen Erlebnissen aber hat das, was dann als Epigramm entsteht, nur sehr bedingt etwas zu tun.
  Dieses Buch ist daher sehr viel mehr als eine Auseinandersetzung mit den „Venezianischen Epigrammen“, an deren Ende ein gründlich veränderter Blick auf dieses Werk steht: Es ist zugleich die Darstellung eines kurzen Abschnitts in Goethes Leben, der reich an prägenden Ereignissen war. Ein Tierschädel, den er auf dem Lido findet, wird ihm zum Evidenzerlebnis in seinen naturkundlichen Forschungen, in den Salons lernt er den Marquis de Bombelles kennen, den französischen Botschafter, den er zwei Jahre später als royalistischen Offizier im französischen Feldlager wiedertrifft, auf der Riva degli Schiavoni schaut er fasziniert der Gauklerin Bettine zu (die bald danach als „Mignon“ in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ auftritt).
  Ein neues Medium habe er gefunden, in griechischem Metrum und in antiker Form, gedacht für die schnell wechselnden, flüchtigen Eindrücke im unsteten Dasein eines Touristen: „In der Gondel lag ich gestreckt und fuhr durch die Schiffe, / Die in dem große Kanal, viele befrachtet, steh’n.“ Erst hundert Jahre später gebe es in der deutschen Literatur etwas Vergleichbares, schreibt Oswald: „Großstadtlyrik“.
THOMAS STEINFELD
  
Stephan Oswald: Früchte einer großen Stadt – Goethes „Venezianische Epigramme“. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2014. 436 Seiten, 62 Euro.
Goethe experimentiert sehr
modern mit einer antiken Form
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