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Birgit Birnbachers Figuren lassen Wale steigen, leihen sich Geld bei der Bank für eine Fischbude in Camden, klettern einarmig auf den Springturm im Freibad, wenn Herbst ist, sitzen mit anderen nackt in fremden Wohnzimmern, wollen was tun, aber am liebsten was Großes. Sie sind politisch, fühlen sich machtlos, solidarisieren sich. Nehmen Drogen, aus Langeweile, überfallen eine Tankstelle, aus Dummheit. Sie leben in der Kleinstadt, sie wollen nicht unbedingt weg, aber hier sein allein reicht nicht. Sie suchen ihren Platz, und während sie sich fragen, was es zu bedeuten hat, dass der Mensch…mehr

Produktbeschreibung
Birgit Birnbachers Figuren lassen Wale steigen, leihen sich Geld bei der Bank für eine Fischbude in Camden, klettern einarmig auf den Springturm im Freibad, wenn Herbst ist, sitzen mit anderen nackt in fremden Wohnzimmern, wollen was tun, aber am liebsten was Großes. Sie sind politisch, fühlen sich machtlos, solidarisieren sich. Nehmen Drogen, aus Langeweile, überfallen eine Tankstelle, aus Dummheit. Sie leben in der Kleinstadt, sie wollen nicht unbedingt weg, aber hier sein allein reicht nicht. Sie suchen ihren Platz, und während sie sich fragen, was es zu bedeuten hat, dass der Mensch genetisch zu über 50 Prozent mit einer Banane übereinstimmt, kriegt einer die Kurve und eine andere die Panik.
Viel war die Rede von denen über 30. Doch was machen die mit Mitte 20? Ausbildung, studieren, etwas anderes, alles anders. Feiern, die Welt verbessern, labern. Aber das Leben: Ist das schon das Leben? Ist das alles schon ernst? Während sie noch darauf warten, dass es beginnt, müssen sie erkennen, sie sind längst mittendrin. Und aus diesem Mittendrin stürzt sich jemand von der Brücke und einer schaut zu.
  • Produktdetails
  • Verlag: Jung Und Jung
  • Seitenzahl: 165
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 182 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 123mm x 20mm
  • Gewicht: 242g
  • ISBN-13: 9783990270899
  • ISBN-10: 3990270893
  • Best.Nr.: 44946833
Autorenporträt
geboren 1985 in Schwarzach im Pongau, arbeitete als Behindertenpädagogin in der Kinder- und Jugendarbeit, u.a. in Äthiopien und Indien, studierte Sozialwissenschaften in Salzburg, wo sie als Soziologin und Autorin lebt. Seit 2011 erste Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2015 erhielt sie den Rauriser Förderungspreis und den Autorenpreis zum Irseer Pegasus.. »Wir ohne Wal« ist ihr erstes Buch. Für die Arbeit daran erhielt sie 2016 den Theodor-Körner-Förderpreis.
Rezensionen
Besprechung von 08.03.2017
In der Nebelsuppe des Daseins
Letzter Badetag für die Kleinstadtjugend: Birgit Birnbachers Adoleszenzroman "Wir ohne Wal"

Die Lektüre von Birgit Birnbachers Debüt ist geprägt von dem vagen Empfinden, über der Kleinstadt, über den Figuren, von denen die 1985 geborene Österreicherin erzählt, hinge permanent eine zähe, trübe Nebelsuppe. Was nicht stimmen kann, bricht doch etwa im Kapitel "Letzter Badetag" eine Gruppe junger Leute in ein Freibad ein, um auf dem Sprungturm auf den Spätsommer zu trinken. Vielmehr entspringt das Gefühl einer Lähmung dem Innenleben der Figuren, die in den zehn mehr oder weniger eng miteinander verzahnten Episoden dieses Buches auftreten. Ob man den schmalen Band, wie auf dem Umschlag vermerkt, zwingend als Roman bezeichnen muss, mag dahingestellt bleiben, ist aber auch nicht wesentlich.

Ohne Ausschmückung, ohne Einbettung oder erzählerischen Vorlauf, beinahe karg und dennoch unmittelbar einprägsam schildert Birnbacher ihre jungen Protagonisten. Manche von ihnen haben gerade die Schule beendet, manche besuchen bereits die Universität oder versuchen sich, wie Anna in der Eingangsepisode, als Künstler. Ein Porträt der Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen?

Man scheut sich allein deshalb, dieses Debüt auf ein solch griffiges Schlagwort zu reduzieren, weil es Birnbacher über weite Strecken gelingt, nicht in die gängigen Klischees zu verfallen, wenn sie über diese jungen Menschen erzählt, die an der Schwelle zum wirklichen Erwachsenwerden straucheln. Keinesfalls trifft man ausschließlich auf voraussehbare Charaktere, die keine Energie und keine Perspektive hätten und sich lustlos durch den Alltag trinken und chatten würden. Was die Figuren aber vereint, ist ein Horizont, der allenfalls bis zu den Bergen zu reichen scheint, die die Stadt einrahmen, in der sie leben.

Anna etwa hat durchaus Ambitionen. Sie will Kunst machen. Woran es mangelt, ist allein der Erfolg, der symbolische wie der finanzielle. Das fällt umso mehr auf im Vergleich mit ihrer Schwester Johanna, einer Tierärztin, die in gesicherten Verhältnissen und einer, wenngleich biederen, Beziehung lebt. Anna und Johanna? Klingt - fast eine Spur zu deutlich -, als wäre Anna die unvollständige Version ihrer Schwester. Anna selbst beschreibt das Verhältnis ein wenig anders: "Wenn wir Superhelden wären, wärst du Robin und ich Batman, sage ich zur Begrüßung, als du dich ins Auto setzt." So heißt es gleich zu Anfang, als Johanna zu einem ihrer seltenen Besuche eintrifft. "Robin ist doch überhaupt keiner, sagst du, und ich sag, eben, und bevor du mich umarmen kannst und ich merke, dass du es nicht tust, starte ich den Wagen."

Nur wenige Zeilen braucht Birgit Birnbacher, um Annas Grundgefühl zu umreißen, das sich in ähnlicher Form bei den Figuren der anderen Episoden wiederfindet. Anna ist spröde, bissig, sie lässt sich die Schwester nicht zu nahe kommen und ist doch verletzt darüber, von dieser auf die gleiche Weise zurückgestoßen zu werden. Oder glaubt sie nur, dass ihr diese Zurückweisung widerfährt? Als Anna zudem von ihrer Schwester erfährt, dass ihr Vater erkrankt ist und Johanna um eine Spenderniere gebeten hat, ist Anna doppelt getroffen.

Nicht allein, dass nicht sie um ein Spenderorgan gebeten wurde. Ihr Vater hat sie noch nicht einmal über seinen Zustand informiert. Die Verbindung zwischen Vater und Tochter, wenn sie denn einmal eng war, ist längst abgerissen. Anschaulich macht das noch einmal die letzte Szene dieser Episode, eine Rückblende. Anna ist es, die gemeinsam mit einer befreundeten Künstlerin den überdimensionierten, mit Luft gefüllten Kunststoff-Wal entworfen hat, der in allen Geschichten lautlos über der Stadt schwebt. Stolz hat Anna ihren Vater auf eine Brücke geführt, von der aus das Kunstwerk besonders gut zu sehen war, wollte mit ihm anstoßen, man hat Sekt im Plastikbecher dabei. Seine Reaktion: wortkarge Ratlosigkeit. "So geht es auch, hat er nach einer Weile gesagt, und ich hatte kurz das Gefühl, er würde gleich den Arm um meine Schulter legen. Aber dann hat er doch nur den Becher am Geländer abgestellt und gesagt, dass das Weiß schön weiß ist."

Und wieder flackert sie kurz auf, diese stumme Sehnsucht in Anna, diese Hoffnung aufs Aufgehobensein. Aber genau wie Anna kann auch keine der anderen Figuren Birnbachers diese tiefsitzende Traurigkeit in Worte fassen. Marko etwa, der nach dem Prozess wegen des Überfalls auf eine Tankstelle vor dem Haus seiner Eltern steht und sich immerhin einredet, er würde einfach hineingehen können, und alles würde wieder gut werden. Wirklich glauben tut man ihm das nicht, und er selbst glaubt es sich vielleicht auch nicht. Oder Eve, die sich leer und haltlos fühlt und sich endlich doch durchringt, ihren Wunsch nach Zuneigung auszusprechen. Nun, sie macht jedenfalls einen Ansatz. "Umarme mich, denke ich, umarme mich, aber ich sage, gehen wir noch ein Stück?"

Während all diese jungen Menschen, von denen Birnbacher erzählt, gefangen sind in ihrer Sprach- und Tatenlosigkeit, ist es allein eine ältere Frau, die Mutter einer Nebenfigur, die aus der unerträglichen Mittelmäßigkeit des Daseins, unter der die Figuren allesamt leiden, ausbricht. Sie springt in den Tod, vielleicht von ebenjener Brücke, auf der Anna zuvor mit ihrem Vater stand. Diese Episode ist die kürzeste in "Wir ohne Wal", womöglich, weil diese Frau tatsächlich keine Wahl, keinen Ausweg mehr sieht oder ganz einfach keine Notwendigkeit weiterzuleben: Ihre Töchter, eine davon hat mit Anna den Wal gebaut, sind erwachsen und können allein leben, könnten wählen, entscheiden, ausprobieren.

Insofern könnte man die Anspielung, die im Titel des Romans steckt, als eine trügerische verstehen, würde sie nicht dem Empfinden der Figuren entsprechen. Birgit Birnbacher erzählt - präzise gerade in der Auslassung und ohne falsches Pathos - von jungen Menschen, nicht von hoffnungslos verzweifelten, aber doch von solchen, um die sich der Nebel zu dicht gelegt hat, als dass sie die Möglichkeiten sehen könnten, die das Leben doch noch bereithalten müsste.

WIEBKE POROMBKA.

Birgit Birnbacher: "Wir ohne Wal". Roman.

Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016. 166 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Man könnte Birgit Birnbachers Debüt als Porträt einer Generation bezeichnen, meint Rezensentin Wiebke Porombka, scheut aber doch davor zurück, da "Wir ohne Wal" ganz ohne die Klischees auskomme, die man hinter diesem Begriff erwarten würde. In den Episoden über eine Gruppe 20-30-Jähriger treffen wir auf überraschend unvorhersehbare Figuren mit individuellen Wünschen, Ambitionen, Schicksalen, Ängsten und Fehlern, die jedoch alle durch etwas vereint und festgehalten werden, das Porombka die "trübe Nebelsuppe" nennt, ein grauer, schwerer Schleier, der sie lähmt, eine Sprach- und Tatenlosigkeit und damit ein sublimes Gefühl der Resignation und Trauer, erklärt die Rezensentin. Schnörkellos, fast minimalistisch und trotzdem eindringlich erzähle Birnbacher von jungen Menschen, die laufen und springen, ohne vom Fleck zu kommen, und die sich nach nichts mehr sehnen als nach einer Umarmung, aber unfähig sind, dies auszudrücken. Man merkt Porombkas Kritik an, dass diese Figuren sie stark beschäftigt haben.

© Perlentaucher Medien GmbH