Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900 / Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart Bd.9/1 - Sprengel, Peter
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Diese Gesamtdarstellung der deutschen, österreichischen und Schweizer Literatur von 1870 bis 1900 reicht von dem Spätwerk der großen Realisten bis zu den literarischen Zeugnissen von Décadence und Fin de siècle. Schwerpunkte bilden die Literatur der Gründerzeit, des Naturalismus und Symbolismus. Peter Sprengel führt den Leser in eine der spannendsten Literaturepochen, in der sich die literarische Moderne zu formieren begann.…mehr

Produktbeschreibung
Diese Gesamtdarstellung der deutschen, österreichischen und Schweizer Literatur von 1870 bis 1900 reicht von dem Spätwerk der großen Realisten bis zu den literarischen Zeugnissen von Décadence und Fin de siècle. Schwerpunkte bilden die Literatur der Gründerzeit, des Naturalismus und Symbolismus. Peter Sprengel führt den Leser in eine der spannendsten Literaturepochen, in der sich die literarische Moderne zu formieren begann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 1998.
  • Seitenzahl: 825
  • Erscheinungstermin: 17. April 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 1067g
  • ISBN-13: 9783406441042
  • ISBN-10: 3406441041
  • Artikelnr.: 07579652
Autorenporträt
Peter Sprengel, geboren 1949 in Berlin, ist Literatur- und Theaterwissenschaftler. Nach Stationen an den Universitäten Erlangen und Kiel lehrt er seit 1990 Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Mitherausgeber der Tagebücher Gerhart Hauptmanns. Zahlreiche Publikationen zur deutschen Literaturgeschichte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.02.1999

Schöner dichten mit Tendenzen
Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1870 bis 1900

Von allen Literaturgeschichten der letzten Jahrzehnte hat die de Boor-Newaldsche den Wechsel der Methoden und Etikette am besten überstanden. Daß sie aus dem Streit der Konzeptionen fast unbeschadet hervorging, verdankt sie ihrer Gliederung nach geschichtlichen Epochen und politischen Eckdaten. Damit unterlief sie den Neuigkeits- und Führungsanspruch der sogenannten Sozialgeschichte der Literatur, einem Lieblingskind der Verlage, das nicht recht erwachsen werden wollte. In Hansers Sozialgeschichte der Literatur schwor Gert Ueding mit seinem Band "Klassik und Romantik" der "sozialgeschichtlichen Strukturanalyse" als einem hier "unangemessenem Paradigma" ab. Der Rowohlt Verlag führt seine Reihe sozialgeschichtlicher Bände nicht fort. Das hat schon den Charakter eines Begräbnisses. Und der Neuansatz einer "Funktionsgeschichte der Literatur" ist über theoretische Konzepte nicht hinausgekommen.

Also Rückkehr zum Alten? Das gewiß nicht. Nur ist die Zeit der vollmundigen Lippenbekenntnisse vorüber. Daß sozialgeschichtliche ebenso wie geistes- und mentalitäts-, kunst- und technikgeschichtliche Erklärungsmuster wesentliche Mithilfe leisten können, zeigt der neueste Band der de Boor-Newaldschen Reihe, Peter Sprengels "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 bis 1900", der erste Band zur Literatur von der Reichsgründung bis 1918, dem Ende der Wilhelminischen Epoche. Ausdrücklich aber werden "die Texte und ihre Eigenart in den Vordergrund" gestellt. Allzu bescheiden freilich ist es, wenn Sprengel seiner Auswahl keinen exemplarischen Charakter zuerkennen möchte. Ohne klare Vorstellung, welchen Texten aus der Überfülle der Literatur der Vorzug gebührt, läßt sich eine Literaturgeschichte nicht schreiben.

Was in anderen Literaturgeschichten als sozial- und kulturgeschichtlicher Abriß die Bände eröffnet, faßt Sprengel unter dem etwas konturlosen Begriff "Tendenzen der Zeit". Unter diesem allgemeinen Dach finden aber dann doch sehr bestimmte Bewegungsrichtungen ihren Platz: etwa das Ausgreifen der Technik, Kulturkampf und Bismarckkult, die Rolle der Sozialdemokratie, die Frauenbewegung, das Judentum zwischen Anpassung und Zionismus. Die Rezeption der Philosophie, die Entwicklung der Naturwissenschaften und die Vorgeschichte der Psychoanalyse werden unter "Geistige Grundlagen" gebündelt.

Unter den "Institutionen" des damaligen literarischen Lebens bleibt für den heutigen Leser die Zensur ein Stein des Anstoßes. Gewiß war die Zeit vorbei, als man Schriftstellern einfach einen Maulkorb umhängen konnte. Die Verurteilung Wedekinds zu sieben Monaten und Oskar Panizzas zu einem Jahr Gefängnis zeigt gerade, wie der Freiheitsanspruch noch einmal mit einer Gesetzgebung zusammenstieß, die immerhin an die Aufhebung der Zensur (in Preußen 1850) gebunden war. Sprengel verweist auf das fortbestehende Machtinstrument der Theatervorzensur, also das Recht der Polizei, Bühnentexte zu prüfen und die Aufführung der Stücke oder einzelner Stellen zum "Schutz" von "Sittlichkeit" und "öffentlicher Ordnung" zu verbieten. Doch wäre der Eindruck falsch, dies sei eine preußische Sonderregel gewesen. Die Theatervorzensur bestand noch in fast allen Ländern Europas.

Die Kapitel zu einzelnen literarischen Gattungen scheiden streng die Autoren der Schweiz, Österreichs und Deutschlands voneinander. Damit projiziert Sprengel heutige Autonomieansprüche in der österreichischen und der schweizerischen Literatur ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Grillparzer wies aber das Lob von sich, der bedeutendste österreichische Schriftsteller zu sein, und wollte als deutscher Schriftsteller gelten. Gottfried Keller hielt (um 1880) die Trennung der schweizerischen von der "reichsdeutschen" Dichtung für unsinnig. Sprengel selber gibt zu, daß trotz der Gründung des "kleindeutschen" Reiches im Jahr 1871 ein epochaler Zusammenhang der Literatur zwischen Zürich, Wien und Berlin "über die Grenzen der Schulen, Gattungen und Qualitätsstufen hinweg" fortbestanden habe.

Wie Sprengel als Literaturhistoriker kein Barrikadenstürmer ist, so kennt auch die Epoche, über die er schreibt, allenfalls kleine ästhetische Revolutionen. Selbst dann, wenn die Literatur gegen die wilhelminische Repräsentationsdramatik indirekt zu revoltieren scheint, etwa mit Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1881), bleibt das Theater konservativ, auch in Otto Brahms "Freier Bühne". Die Bühnenrevolution ereignet sich erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts.

Als "keine große Zeit der Lyrik" sieht Sprengel das letzte Jahrhundertdrittel. Immerhin bringt Detlev von Liliencron mit seinem forschen Sensualismus eine frische Brise in die Windstille epigonaler Dichtung, immerhin propagiert Arno Holz in der Schrift "Revolution der Lyrik" (1899) ein Gedicht, das "lediglich durch einen Rhythmus getragen wird", und immerhin reichen die Anfänge Hofmannsthals, Georges und Rilkes ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Auf einem Gebiet hat die Lyrik gegenüber den anderen Gattungen sogar einen Vorsprung: in der Erschließung der Großstadtatmosphäre.

In dem für die Rezeption von Lyrik wichtigen Erziehungsprogramm der Schulen erkennt Sprengel ein "Splitting der Lehrpläne". Der Deutschunterricht der Knabengymnasien bevorzugte dramatische und epische Formen; die Lyrik rückte ins Zentrum der Mädchenausbildung. Die "Poesie in ihrer ganzen Skala" sei "des Mädchens Lust", heißt es in einer "Geschichte der Pädagogik". Der Poesie selbst hat es wenig genützt. Keine einzige große Lyrikerin hat die Zeit hervorgebracht.

Einem neuerwachten allgemeineren Interesse an Nietzsche entspricht der ungewöhnliche Anteil, den Sprengel der Lyrik Nietzsches einräumt. Ihn rechtfertigen zumal die Dionysos-Hymnen, in denen die Krise der Kunst und des Künstlers in der Moderne reflektiert wird. Ihr "Nur Narr! Nur Dichter!" hallt mächtig nach, und so hätte man sich Hinweise auf das Echo in expressionistischer Lyrik gewünscht.

Zur Chance und zur Gefahr für die Erzählkunst wurde die Möglichkeit des Vorabdrucks in Zeitungen und Familienblättern wie der "Gartenlaube". Vorabdrucke brachten manchmal das Mehrfache an Honorar gegenüber dem Buch. Von Spielhagen - einem König der Romankunst damals, einer musealen Mumie heute - wurde der Roman "Sturmflut" (1877) an fünf verschiedenen Stellen gleichzeitig abgedruckt. Die Versuchung, Romane von vornherein als Fortsetzungsromane zu entwerfen, wirkte auf ihre Struktur zurück. Von der Rücksichtnahme auf mögliche moralische Bedenken wußte Theodor Fontane ein Lied zu singen. Trotz des Fontane-Jubiläums übrigens sieht sich Sprengel nicht in der Rolle des Festredners und meint, die "Verklärungsstrategie" des Autors am Schluß von "Effi Briest" beim Grenzübertritt "zur Sentimentalität, vielleicht auch zum Kitsch" ertappt zu haben.

Die Literaturwissenschaft hat die Erzählliteratur des neunzehnten Jahrhunderts nie ins Abseits geraten lassen. In Sprengels Roman-Kapiteln bilden Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer das schweizerische, Storm, Raabe und Fontane das deutsche realistische Urgestein. Morgenröte verheißen die Erzähler des "Jungen Wien". Obwohl Paul Heyse als erster deutscher Dichter 1910 den Nobelpreis erhält, stellt sich heute nicht die Frage nach weltliterarischem Rang. Allerdings arbeitet Thomas Mann in den letzten Jahren des Jahrhunderts an den "Buddenbrooks", dem Roman, der ihn in die Weltliteratur katapultierte.

Den Platz, den Sprengel der trivialen Massenliteratur nimmt, gibt er, für eine breitere Darstellung, der "nichtfiktionalen Prosa" (Autobiographie, politische Satire, Essay), wobei die "philosophische Prosa" hier nur wegen der stilistischen Qualität der Texte Nietzsches kein Grenzfall ist. Von hohem Rang sind auch die Feuilletons in Alfred Kerrs "Berliner Briefen", die Elemente der Großstadtprosa der zwanziger Jahre, etwa von Döblins "Berlin Alexanderplatz", vorwegnehmen.

Peter Sprengel hat sich für die literarische Epoche, deren Geschichte er schreibt, vor allem durch seine Einführung in das Werk Gerhart Hauptmanns und dessen Umfeld ausgewiesen. Seine Darstellung ist frei von Versuchen ideologischer Bevormundung des Lesers und von Exzessen des Wissenschaftsjargons. Sie ist von einer Unterkühltheit, die nicht eben Begeisterung weckt - das sollte auch der Literatur selbst vorbehalten bleiben -, wohl aber Neugier. WALTER HINCK

Peter Sprengel: "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende". Verlag C. H. Beck, München 1998. 825 S., geb., 78,- DM.

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