Die Liebenden von Taschkent - Qodiriy, Abdullo
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Zum 120. Geburtstag des Reformers, Journalisten und Begründers des modernen usbekischen Romans, Abdullo Qodiriy, erscheint sein großer Roman "Die Liebenden von Taschkent" erstmalig als unzensierte Ausgabe in deutscher Sprache. Vor dem Hintergrund einer feudalen Gesellschaft und der russischen Kolonialherrschaft entspinnt sich eine tragische Liebesgeschichte. Der Sohn eines reichen Kaufmanns heiratet seine große Liebe, die jedoch von einem anderen begehrt wird. Dieser intrigiert gegen den Kaufmannssohn und bezichtigt ihn revolutionärer Umtriebe. Nur der unerschrockene Einsatz seiner Frau rettet…mehr

Produktbeschreibung
Zum 120. Geburtstag des Reformers, Journalisten und Begründers des modernen usbekischen Romans, Abdullo Qodiriy, erscheint sein großer Roman "Die Liebenden von Taschkent" erstmalig als unzensierte Ausgabe in deutscher Sprache.
Vor dem Hintergrund einer feudalen Gesellschaft und der russischen Kolonialherrschaft entspinnt sich eine tragische Liebesgeschichte. Der Sohn eines reichen Kaufmanns heiratet seine große Liebe, die jedoch von einem anderen begehrt wird. Dieser intrigiert gegen den Kaufmannssohn und bezichtigt ihn revolutionärer Umtriebe. Nur der unerschrockene Einsatz seiner Frau rettet ihn vor dem Galgen. Seine Mutter indes will ihm der Tradition gemäß eine zweite Frau geben. Der Sohn weigert sich, seiner Liebe untreu zu werden und beugt sich nur formal dem Druck. Die zurückgewiesene Zweitfrau sinnt auf Rache und es kommt zu einem tödlichen Showdown.
Neben einer detailreichen Beschreibung der Verhältnisse im kolonialisierten Russisch-Turkestan bietet sein Roman einen spannenden Einblick in die Diskussionen um die Entwicklung einer islamisch geprägten Gesellschaft, um Tradition, Ehre und Vergebung, die in vielen Aspekten sehr gegenwärtig erscheint.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dagyeli
  • Artikelnr. des Verlages: 4689543
  • Seitenzahl: 372
  • Erscheinungstermin: Dezember 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 148mm x 35mm
  • Gewicht: 500g
  • ISBN-13: 9783935597531
  • ISBN-10: 3935597533
  • Artikelnr.: 41042216
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.04.2020

Eine Braut sucht dir deine Mutter, Junge!

Aber zwei Bräute sind eine zu viel: In Abdulla Qodiriys usbekischem Klassiker "Die Liebenden von Taschkent" spielt sich der tödliche Konflikt in der Familie ab.

Eine Begegnung am Brunnen, ganz kurz, ein junger Mann und eine Frau, die fast noch ein Mädchen ist, ein Windstoß, der den Gesichtsschleier hebt und wieder fallen lässt, ein Lächeln für den wie vom Blitz getroffenen Jüngling - das ist alles, was es braucht, um eine Entwicklung in Gang zu setzen, die einen Roman von gut 350 Seiten mühelos trägt: "Die Liebenden von Taschkent" oder, nach dem usbekischen Originaltitel, "Vergangene Tage" (Ötkan Kunlar). Der Verfasser Abdulla Qodiriy, Sohn eines Kleinbauern in Taschkent, gilt als Vater des modernen usbekischen Romans und "Die Liebenden von Taschkent" als Hauptwerk einer durch Stalins Terror jäh beendeten Autorenexistenz - Qodiriy, der sich in den zwanziger Jahren als Mitarbeiter von Periodika, zu denen ein Satireblatt zählte, exponiert hatte, wurde im Oktober 1938 als angeblicher Konterrevolutionär und Trotzkist erschossen.

Die Handlung setzt im Jahr 1847 ein, oder, wie es im Roman heißt: "Man schrieb den siebzehnten Tag des Monats Dalv im Jahre 1264 der Hijra" - diese Chronologie kann man durchaus als ein Mittel des 1894 geborenen Autors ansehen, die kulturelle Distanz seiner eigenen Zeitgenossen zu jener Epoche zu markieren, in der sein Roman spielt und in der man die Jahre noch in muslimischer Zeitrechnung zählte. Damals gehörten Taschkent und Maghilan (oder Margilan) zum Khanat von Kokand im Fergana-Tal im äußersten Osten des heutigen Usbekistans. Dem Khanat stand nicht nur das westlich gelegene Emirat Buchara entgegen, es musste sich auch gegen die russischen Invasionsbestrebungen wehren, die auf den zentralasiatischen Raum zielten und schließlich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts auch Kokand ins Zarenreich integrierten.

Von diesem Verlust der politischen Selbständigkeit sind in "Die Liebenden von Taschkent" allenfalls Vorzeichen sichtbar - einer der Protagonisten, so heißt es im Epilog des Romans, stirbt schließlich um 1860 "während eines Zusammenstoßes mit den zaristischen Truppen bei Alma-Ata den Heldentod". Zuvor aber bestimmen innere Wirren das politische Geschehen der Romanhandlung: Taschkent erhebt sich gegen Kokand, das Khanat schlägt zurück und bringt die heutige Hauptstadt Usbekistans wieder unter Kontrolle, Aufstände und blutige Kämpfe zwischen den Ethnien werden ebenso beschrieben wie die verzweifelten Bemühungen Einzelner um Frieden und Einheit - auch hier scheinen Erfahrungen des Autors, der seinen Roman um 1920 schrieb, eine Rolle gespielt zu haben; jedenfalls hätte er in dieser Umbruchszeit Anlass genug gehabt, seine Mitbürger zum friedlichen Miteinander aufzurufen.

Diese Werte vertritt auch der junge Otabek, Sohn des einflussreichen Yusufbek-Hoji aus Taschkent. Er kommt seiner Geschäfte wegen nach Maghilan und erhascht den schicksalhaften Blick auf Kumush, die einzige Tochter des reichen Händlers Mirzakarim-Qutidor. Es folgt ein langes stilles Sehnen auf beiden Seiten, beide verraten sich durch Reden im Schlaf, das von ihrer Umgebung aufgeschnappt wird, und schließlich übernimmt es Otabeks väterlicher Freund, ein vom Sklaven zum Faktotum avancierter Mann, ohne Wissen des jungen Mannes und seiner Eltern, bei Kumushs Eltern für Otabek um ihre Hand anzuhalten. Erfolgreich, wobei sein Versprechen den Ausschlag gibt, die künftigen Eheleute würden hier, in Maghilan, bei Kumushs Eltern bleiben - oder wenigstens die Ehefrau in spe. Auch von diesem Versprechen ihres Faktotums erfahren Otabek und seine Eltern erst nachträglich, wobei sie selbstverständlich daran gebunden sind.

Damit ist der Roman bei sich selbst angekommen, nicht zum letzten Mal und keineswegs konfliktfrei: Er beschreibt ausdauernd und alle Folgen erwägend die Praxis der Ehestiftung als Angelegenheit der jeweiligen Eltern und der Vermittler, nicht aber derjenigen, um die es eigentlich geht. Otabek und Kumush wechseln die ersten Worte miteinander buchstäblich im Moment der Verheiratung, und dass sie sich mögen, dass sie sich diese Verbindung gewünscht haben, ist die große Ausnahme.

Haben sie also einfach großes Glück gehabt? Kritisiert der Autor eine verbreitete Sitte, indem er die Sache wider Erwarten gut ausgehen lässt? Eine Sitte übrigens, die sich im heutigen Usbekistan, wo offenbar immer noch viele Eltern die Ehen ihrer Kinder anbahnen, durchaus noch finden lässt, wenn auch weit weniger rigide? Der Roman ist, trotz mancher durchaus vergnüglicher Kolportagemotive, erheblich raffinierter und zu klug für eine platte Anklage. Und aus den anfangs recht blassen Liebenden, gekennzeichnet im Grunde nur durch ihre große Schönheit und ihre Ergebenheit, werden im Verlauf des Romans eigenständige Charaktere, deren Profil sich an der innerfamiliären Situation schärft.

Das liegt zunächst an einer Entscheidung von wiederum Otabeks Eltern in Taschkent, die den Sohn, da die Schwiegertochter ja nun dauerhaft bei ihren Eltern in Maghilan ist, zu einer zweiten Ehe drängen, diesmal mit dem Mädchen Zaynab aus bester Taschkenter Familie. Kumush ist irritiert, aber einverstanden, solange sie nicht zur Nebenfrau wird. Nach dramatischen Verwicklungen, einer Trennung und einer nur durch Otabek abgewendeten Entführung ihrer Tochter durch einen üblen Nebenbuhler, willigen ihre Eltern schließlich ein, Kumush zu ihrem Ehemann ziehen zu lassen. Mit dem Ergebnis, dass sich seine beiden Frauen nun einen subtilen häuslichen Krieg liefern. Auf dem Grabstein der einen wird jedenfalls stehen, sie sei ein Opfer der Tradition der Polygamie geworden.

Was die Schilderung also jener eigenständigen Welt angeht, der Sitten, Häuser, Speisen oder Einrichtungen, ist dieser Roman von großem Wert. Das Glossar am Ende des Buches wird man oft konsultieren, auch wenn es einen manchmal im Stich lässt - dass "Tanob" ein Flächenmaß ist, verrät es, aber dass es ungefähr einem Viertelhektar entspricht, muss man andernorts suchen. Und auch die Zahl der Druckfehler und inkonsequenten Schreibungen ist nicht gering. Verdienstvoll ist der Band trotzdem. Weil er uns eine Welt zeigt, deren prächtigen Relikte noch heute jedem westlichen Reisenden ins Auge fallen und ihm zugleich Rätsel über Rätsel aufgeben.

TILMAN SPRECKELSEN

Abdulla Qodiriy: "Die Liebenden von Taschkent". Roman.

Aus dem Russischen von Arno Specht, revidiert nach dem usbekischen Original von Barno Aripova. Dagyeli Verlag, Berlin 2020. 372 S., geb., 24,- [Euro].

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