Kroch - der Name bleibt - Spithaler, Hans-Otto;Weber, Rolf H.;Zimmermann, Monika
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Dem rasanten Aufstieg vom Getreidehandel zum Bankhaus und Immobilienkonzern folgt die schrittweise Vernichtung. Das Schicksal der jüdischen Familie Kroch in Leipzig und ihrer Unternehmen ist nicht einzigartig und doch ganz besonders. Denn hier kann anhand überlieferter Firmenakten detailliert nachgezeichnet werden, wie raffiniert und hinterhältig sich die Einflussnahme der Nationalsozialisten auf jüdische Unternehmen vollzog. Und besonders ist auch, dass die rücksichtslose Zerschlagung nach der Nazizeit im Sozialismus der DDR weiterging, vermeintlich gerettetes Eigentum endgültig enteignet…mehr

Produktbeschreibung
Dem rasanten Aufstieg vom Getreidehandel zum Bankhaus und Immobilienkonzern folgt die schrittweise Vernichtung. Das Schicksal der jüdischen Familie Kroch in Leipzig und ihrer Unternehmen ist nicht einzigartig und doch ganz besonders. Denn hier kann anhand überlieferter Firmenakten detailliert nachgezeichnet werden, wie raffiniert und hinterhältig sich die Einflussnahme der Nationalsozialisten auf jüdische Unternehmen vollzog.
Und besonders ist auch, dass die rücksichtslose Zerschlagung nach der Nazizeit im Sozialismus der DDR weiterging, vermeintlich gerettetes Eigentum endgültig enteignet oder unter Zwangsverwaltung gestellt wurde.
Insofern hat die Aufarbeitung des Falls Kroch, die 1990 begann, zweierlei Unrecht wiedergutzumachen: Nazi-Unrecht und DDR-Unrecht. Diese Unternehmensgeschichte ist also ein überaus verzwickter Fall. Sie spiegelt eindrucksvoll ein Stück deutscher Geschichte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: Mai 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 144mm x 20mm
  • Gewicht: 376g
  • ISBN-13: 9783963110078
  • ISBN-10: 3963110074
  • Artikelnr.: 52367892
Autorenporträt
Hans-Otto Spithaler ist von Hause aus Bankkaufmann und Jurist. Aus dem Bankgeschäft wechselte er 1973 in die papierverarbeitende Industrie nach Berlin. 1991 reizte es ihn, an der deutschen Wiedervereinigung mitzuwirken. Er wurde Vorstand von Kroch-Unternehmen, u.a. der »AG für Haus- und Grundbesitz«. Zehn Jahre lang war er maßgeblich mit der Restitution beschäftigt. Dabei wurde er zu einem Kenner der Geschichte des Kroch-Konzerns. Bis heute ist er der Familie beratend verbunden und in diversen Kroch-Firmen als Aufsichtsrat engagiert. Hans-Otto Spithaler lebt in Berlin. Rolf H. Weber hat in Zürich und Harvard Rechtswissenschaften studiert. Der an wirtschaftlichen und historischen Zusammenhängen interessierte Schweizer Jurist hat als Anwalt der Kanzlei Bratschi, Wiederkehr & Buob in Zürich nach 1990 die Restitution des ehemaligen krochschen Vermögens juristisch begleitet und die Erbengemeinschaft Kroch betreut. Rolf H. Weber ist Aufsichtsratsvorsitzender der »AG für Haus- und Grundbesitz« und anderer ehemaliger Kroch-Firmen. Zudem war er von 1995 bis 2016 Ordinarius für Privat-, Wirtschafts- und Europarecht an der Universität Zürich. Rolf H. Weber lebt in Zürich. Monika Zimmermann studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Göttingen und promovierte 1976. Bis 1990 war sie mehrere Jahre DDR-Korrespondentin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Nach der Wiedervereinigung wurde sie Chefredakteurin der ehemaligen DDR-Zeitung »Neue Zeit«, später u.a. der »Mitteldeutschen Zeitung« in Halle. 2006 wechselte sie in die Politik: In Sachsen-Anhalt war sie Regierungssprecherin, in Sachsen verantwortlich für Medienpolitik und politische Strategie. Seit 2014 lebt sie wieder in Berlin. Im Mitteldeutschen Verlag erschienen von ihr »Auf ein Wort, Herr Böhmer« und »Unter lauter Leuten«.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.06.2018

Leipzig und Kroch
Eine eindrucksvolle Wirtschaftsgeschichte

Dieses Buch ist eine Perle in der Flut von Neuerscheinungen. "Kroch - Der Name bleibt" beschreibt die Entfaltung eines jüdischen Familienunternehmens seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei sind die Entwicklungen so tragisch und kurios zugleich, dass das Buch zu einer lesenswerten Wirtschaftsgeschichte avanciert. Zudem wird das Ganze anschaulich, kenntnisreich und anhand von Personen erzählt, so dass die Lektüre der 160 Seiten wie im Flug vergeht. Worum geht es? Dem rasanten Aufstieg vom Getreidehandel zum Bankhaus und Immobilienkonzern folgt die schrittweise Vernichtung.

"Das Schicksal der jüdischen Familie Kroch und ihrer Unternehmen ist nicht einzigartig und doch ganz besonders", schreiben die Autoren: "Denn hier kann anhand überlieferter Unternehmensakten detailliert nachgezeichnet werden, wie raffiniert und hinterhältig sich die Einflussnahme der Nationalsozialisten auf jüdische Unternehmen vollzog. Die rücksichtslose Zerschlagung ging im Sozialismus der DDR weiter."

Die Aufarbeitung des Falls Kroch, die im Jahre 1990 begann und erst vor kurzem abgeschlossen werden konnte, hatte also Nazi-Unrecht und DDR-Unrecht wiedergutzumachen. Die Geschichte ist überaus verzwickt, zumal es um verschiedene Unternehmen geht und um manch glücklichen Zufall. Hans Kroch gründete die "AG für Haus- und Grundbesitz" am 14. Juli 1922. Dieses Unternehmen hat alle Widrigkeiten überdauert - angefangen von Inflation und Weltwirtschaftskrise über Naziherrschaft, Zweiten Weltkrieg, Staatswirtschaft und Enteignung von Grundbesitz in der DDR.

Es ist kaum zu glauben, aber die "AG für Haus- und Grundbesitz" existiert heute noch, befindet sich wieder ausschließlich im Eigentum der Familie Kroch und hat - nun mit Hauptsitz in Berlin - ein in jeder Hinsicht blühendes Dasein. Andere Unternehmen mussten an die Nazis abgegeben werden oder wurden von der DDR in "Volkseigentum" überführt, weil die Inhaber keine Deutschen waren: Die Familie Kroch war in der Nazi-Zeit, aufgrund ihres jüdischen Glaubens, ausgebürgert worden. Dieses Unrecht wurde von der DDR weitergeführt und vertieft.

Dass die bis heute bestehende "AG für Haus- und Grundbesitz" die Nazizeit überstehen konnte, war nur möglich durch eine Schein-Arisierung des Unternehmens. Freunde der Familie Kroch übernahmen Positionen in Aufsichtsrat und Vorstand. Als die Nazis einen Zwangsvorstand einsetzen wollten, wurde kurzerhand eine geteilte Leitung entworfen - ohne die Zustimmung des zweiten Vorstands konnte der Nationalsozialist die Gesellschaft nicht liquidieren. Das Unternehmen galt inzwischen als "judenrein".

Denn dass der nach Südamerika geflohene Hans Kroch im Hintergrund noch die Fäden zog und sich auf Vertraute verlassen konnte, war den Nationalsozialisten entgangen. Auch die von Kroch gestiftete Synagoge konnte gerettet werden, denn sie befand sich in einem Mehrfamilienhaus in Leipzig, das die Machthaber nicht anzünden wollten: Hier wohnten auch Nazis. Ein Vertrauter Kochs trat sogar in die NSDAP ein, um Schaden von den Unternehmen abzuwenden. Nach dem Krieg verbrachte er deswegen drei Jahre in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Viele Mitglieder der Familie Kroch konnten fliehen und landeten in den Vereinigten Staaten, der Schweiz, Israel oder Australien. Hans' Ehefrau Ella wurde dagegen 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg vergast. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem Haus in der Sebastian-Bach-Straße 53 an sie.

Wer durch Leipzig schlendert, wird an vielen Stellen an das Wirken der Familie Kroch erinnert: Am Augustusplatz steht das - inzwischen sanierte - Kroch-Hochhaus neben der neu errichteten Universitätskirche. Den Fassadenschmuck entwarf der Münchner Bildhauer Josef Wackerle. Die Inschrift "Kroch-Bank" ließen die Nazis entfernen. Heute befindet sich darin die Ägyptische Sammlung der Universität, die ehemalige Schalterhalle ist ein Ausstellungsraum. Auch das "Königshaus" am Alten Markt gibt es noch. Hans Kroch hatte das geschichtsträchtige Haus - es reicht bis in die Renaissance-Zeit zurück - in den dreißiger Jahren für sein Unternehmen erworben. Im Jahr 1929 ließ Kroch im Leipziger Stadtteil Neu-Gohlis eine Wohnsiedlung im Bauhaus-Stil errichten. Auch sie ist bis heute erhalten. Eine Gedenktafel erinnert inzwischen an seinen Erbauer.

Wie konnte die "AG für Haus- und Grundbesitz" die DDR-Zeit überleben? Sie erhielt seit den dreißiger Jahren eine Zweigstelle in Berlin. Als sich abzuzeichnen begann, dass die Stadt in vier Sektoren aufgeteilt werden würde, hatte man diese Zweigstelle, die Unter den Linden ansässig war, rasch in einen der Westsektoren umgesiedelt, die Zweigstelle zu einer Zweigniederlassung aufgewertet und eine Eröffnungsbilanz erstellt. Im Jahre 1965 verlegte Kroch dann den Hauptsitz offiziell von Leipzig nach Berlin (West) und beendete damit auch eine andauernde kuriose Situation: Denn eigentlich war das Unternehmen seit 1938, als die Nazis es eliminieren wollten, immer noch eine Firma "in Abwicklung".

Das Grundeigentum im Osten ging derweil verloren. Mit der Wiedervereinigung begann die Wiedergutmachung. Dabei zeigte sich, wie vorausschauend es gewesen war, dass Kroch das Osteigentum nie ausgebucht hatte. Stattdessen wurde es über Jahrzehnte immer mit jeweils 1 DM geführt. Dieser kleine Merkposten wurden zum Schlüssel für eine erfolgreiche Restitution. Schon 1991 entließ die Stadtverwaltung von Leipzig die Kroch-Firmen aus der Zwangstreuhandverwaltung und gab sie der Familie symbolisch zurück. Bis zur vollständigen Klärung aller Restitutionsfragen sollte es noch einmal über 20 Jahre dauern. Die Zusammensetzung der Autoren und ihre unterschiedlichen Rollen bei dieser Restitution tragen dazu bei, dass dieses kleine Buch überaus lesbar, spannend und lehrreich ist.

JOCHEN ZENTHÖFER

Hans-Otto Spithaler / Rolf H. Weber / Monika Zimmermann: Kroch - der Name bleibt. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale), 2018. 160 Seiten. 20 Euro.

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