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Die Individualisierung gilt als wesentliche Ursache für den oft als bedrohlich empfundenen Wandel von Werten und Einstellungen in der modernen Zivilisation. Volker Gerhardt unterzieht die verbreitete These vom späten historischen Auftritt des Individuums einer grundlegenden Revision. Sein Buch zeigt, wie die Individualität das gesamte Welt- und Selbstverhältnis des Menschen bestimmt. Welt- und Selbstbegriff des Menschen stehen in Korrespondenz, so daß die Individualität als Element der Welt systematisch an die Stelle des Atoms gerückt werden kann. Gerhardts grundlegende Analyse der…mehr

Produktbeschreibung
Die Individualisierung gilt als wesentliche Ursache für den oft als bedrohlich empfundenen Wandel von Werten und Einstellungen in der modernen Zivilisation. Volker Gerhardt unterzieht die verbreitete These vom späten historischen Auftritt des Individuums einer grundlegenden Revision. Sein Buch zeigt, wie die Individualität das gesamte Welt- und Selbstverhältnis des Menschen bestimmt. Welt- und Selbstbegriff des Menschen stehen in Korrespondenz, so daß die Individualität als Element der Welt systematisch an die Stelle des Atoms gerückt werden kann. Gerhardts grundlegende Analyse der Individualität ist daher zugleich auch ein Beitrag zur Metaphysik, Erkenntnistheorie, Kulturphilosophie sowie zu Ethik und Ästhetik.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.1381
  • Verlag: Beck
  • 2000.
  • Seitenzahl: 242
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 127mm x 20mm
  • Gewicht: 276g
  • ISBN-13: 9783406459214
  • ISBN-10: 3406459218
  • Artikelnr.: 08909040
Autorenporträt
Volker Gerhardt wurde 1944 geboren. Er promovierte 1974 und habilitierte 1984. 1985 war er Professor für Philosophie in Münster, 1986 hatte er eine Gastprofessur an der Universität Zürich, von 1988 bis 1992 war er Leiter des Instituts für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Seit Oktober 1992 ist er Professur für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, leitet den DFG-Beirat zur Förderinitiative Bioethik und gehört dem Nationalen Ethikrat an. 1999 hat er mit der Selbstbestimmung eine lebenswissenschaftlich fundierte Begründung der Ethik vorgelegt, der 2001 mit der Individualität die Skizze eines neuen Systems der menschlichen Welterfahrung folgte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.06.2001

Erst kommt das Individuum, dann die Moral
Morgen wird mit Volker Gerhardt die "Ethik des starken Ego" in den Nationalen Ethikrat einziehen

Daß ein jegliches in Raum und Zeit individuell, das heißt einmalig oder einzigartig und somit strenggenommen unvergleichlich sei, ist in der Philosophie keine neue Einsicht, sondern darf seit Leibniz als Trivialität gelten. Daß Volker Gerhardt das Thema neu aufgreift und dabei als bloß vorläufige "Skizze" für kommende Arbeiten versteht, wo doch schon sein letztes Buch über "Selbstbestimmung" dem "Prinzip der Individualität" gewidmet war, zeigt, daß es ihm nicht um das Aufbacken von Allgemeinplätzchen geht. Das Problem ist ihm vielmehr deshalb so wichtig, weil er die moderne Philosophie mit ihrer Fixierung auf allgemeinste Begriffe und notwendige Aussagen als eine "subtile Flucht vor der Individualität" entlarvt. Sie gefalle sich in historischen Überwindungsszenarien, in szientifisch-methodologischer Scholastik oder in archivarischem Wiederkäuen, habe jedoch die "Lebensnähe" verloren und vor allem auf praktischem Gebiet "vor dem Individuum vollkommen versagt".

Man wird Gerhardt bescheinigen dürfen, daß er die antike Dimension eines "Philosophierens aus dem Leben für das Leben" in der Tat wiedergewinnt. Auch sinkt die so zurückeroberte "Selbstbesinnung" bei ihm durch ständige Bezugnahme auf die Wissenschaften nicht ins Erbauliche ab. Die Stärke seines Buches liegt darin, daß er den Leser in einem exemplarischen "Gang des Lebens" durch Stufen der Individualisierung führt und so die Unausweichlichkeit, Bedeutsamkeit, ja Würde der Einmaligkeit konkret vor Augen stellt, statt bloß abstrakt darüber zu räsonieren. Der Leser, der die Geduld aufbringt, sich ohne vorweg bilanzierte Zielangabe führen zu lassen durch die sieben Stufen von Wissen, Welt, Leben, Kultur, Politik, Moral und Kunst, wird reichlich belohnt durch Einblicke in ungewohnte Zusammenhänge.

Vom Wolfsrudel lernen

Schade ist allerdings, daß dabei für die Klärung der Begriffe so wenig Platz übriggeblieben ist. Selbst über den Zentralbegriff des Buches erfahren wir nur wenig, obwohl Gerhardt auch die Frage beantworten will, "was eigentlich unter Individualität zu verstehen ist". Zwar ist es sinnvoll, daß der Autor sich nicht auf die historischen Kontroversen um das principium diversitatis individuorum und so weiter einläßt. Aber für die so kunstvoll beschriebenen Phänomenkreise wird manches Verdeutlichungspotential verschenkt, indem etwa das Begriffsverhältnis unscharf bleibt zwischen "Individualität", die zu den "absoluten Tatbeständen unserer Welt" gezählt wird, und "Individuum", das nach Analogie des Atoms als "das Element der Welt" verstanden wird; oder indem systematische Zusammenhänge auf mehrere Kapitel verteilt werden, ohne in begrifflichen Zwischenbilanzen resümiert zu werden. Hierzu zählt etwa die Skala von schwachen, weil unscharfen und betrachterabhängigen Individuen (etwa Brandungswellen) über konturierte Individuen, die ohne Verlust ihres Artcharakters teilbar sind (das Zertrümmern eines Steines erzeugt viele Steine) bis zu starken Individuen, die funktional unteilbar sind (die Tötung eines Tieres erzeugt individuelle, aber leblose Einheiten).

Methodisch schlägt der Autor nicht den Weg von Montaigne und dem späten Nietzsche ein, biographisch vom eigenen, leiblich bedingten Ich zum All fortzuschreiten. Vielmehr beschreibt er umgekehrt einen Weg "vom All zum Ich", indem er zeigt, wie die Entfaltung eines Menschen durch Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und Mitwelt immer stärker zur Selbsterfahrung der eigenen Individualität führt und wie auch diese Einzigartigkeit mit dem wachsenden Komplexitätsgrad des Lebens, Wissens und Wollens gesteigert wird. Während die Individuiertheit des Anorganischen in einer bloßen Verschiedenheit gegebener Merkmale besteht (Steine unterscheiden sich durch Farbe, Figur und Größe), tritt mit der Stufe des Lebendigen das Novum auf, daß jedes Individuum seine einmalige Konstitution gegen äußere Widerstände verteidigt. Das Lebendige vollzieht auch sein Sich-Unterscheiden von anderem aus sich selbst heraus, so daß man von einem Prozeß der Individuation sprechen kann. Bei den Pflanzen besteht sie bloß im Ausbilden von Variationen gattungsspezifischer Merkmale. Tiere dagegen, insbesondere Wirbeltiere und hier am deutlichsten Primaten, steigern ihre Einzigartigkeit noch, indem sie sich mit ihren Profilierungsinstinkten von ihren Artgenossen aktiv zu unterscheiden suchen.

Die Tendenz zur "komparativen Individualität", die sich in Sangeswettbewerben unter Vögeln oder Rangkämpfen in Wolfsrudeln zeigt, tritt besonders zur Paarungszeit hervor, in der die Individuen durch ein Vorführen ihrer Vorzüge dem anderen Geschlecht zu gefallen suchen. Konkurrenz ist also "älter als der Kapitalismus" und schon die ganze Natur eine Art "Leistungsgesellschaft". Doch auch wenn ein Alpha-Tier unter Pavianen seinen ausgezeichneten Sozialstatus wahrnehmend erkennt, läßt sich dieses Überlegenheitsempfinden kaum als ein Bewußtsein von Einzigartigkeit deuten. Hierzu kommt es erst auf dem Komplexitätsniveau menschlicher Selbstorganisation.

Im Laufe der Kulturgeschichte mit ihrer fortschreitenden Arbeitsteilung steigert der Mensch, wie Gerhardt rekapituliert, nicht nur sein Bewußtsein der je eigenen Individualität. Es steigt auch sein Bedürfnis, daß seine Einmaligkeit von den anderen beachtet und er selbst in dieser geachtet werde. Er bekommt einen eigenen Namen, feiert seinen Geburtstag und sucht sich ein anderes Individuum, das ihm möglichst das ganze Leben lang bestätigt, wie liebenswürdig er doch in seiner unverwechselbaren Eigenart ist. Insgesamt setzt die Kultur also die animalische Tendenz fort, sich vor anderen auszuzeichnen.

Weil auch die Kultur von Sexus und Eros getragen wird, weil das Imponieren- und Gefallenwollen zu ihren stärksten, wenn auch meist gut kostümierten Motiven gehört, kann letztlich auch das Schaffen großer Werke und sogar die Ausbildung moralischer und intellektueller Tugenden nicht ohne jene beiden zeugenden Mächte verstanden werden - wie Gerhardt überzeugend darzulegen weiß. Deshalb erweist sich die Liebe in ihrem ganzen Phänomenspektrum als "Schlüsselproblem der Individualität". Was die Stufe der Kultur hinzufügt, ist die Fähigkeit zum Selbstbewußtsein. Das Individuum verdoppelt sich in den Betrachter seiner selbst und in sein betrachtetes Spiegelbild. Weil das Selbstbild die Normen der Mitmenschen reflektiert, also soziomorph verfaßt ist, ist es nie ganz frei von einer Art konstitutivem Narzißmus. Der einzelne "spiegelt sich vor sich selbst und vor seinesgleichen".

Auch in der politischen Sphäre kommt es nicht etwa zur Durchbrechung, sondern erneut zur Steigerung der Individualität. Die altgriechische Erfindung einer Teilhabe an der Herrschaft selbst beruhte einerseits auf einem spannungsreichen Individualisierungsschub, der eine Kooperation durch freie und argumentative Abstimmung nötig machte. "Das Politische ist die auf Dauer gestellte Organisation des Konflikts" zwischen individuellen Zwecksetzungen. Andererseits stärkt der "berechenbare soziale Kontext" der Polis wiederum die Potentiale, "nach eigenen Vorstellungen leben" zu können. Selbst der Einsatz für das Gemeinwohl des Kollektivs, ja sogar das Eintauchen in die Masse kann immer nur individuell ausfallen. Und auch an politischer Gleichheit liegt uns viel, weil wir so verschieden sind.

Weil der "Individualismus" somit das "Grundprinzip aller Politik" ist, folgert Gerhardt frei nach Voltaire: "Wenn es nicht schon Individuen gäbe, müßten wir sie für die Politik erfinden." Darüber hinaus arbeitet er den höchst wichtigen Sachverhalt heraus, daß alle politischen Organisationen aufgrund ihrer historisch-geographischen Einmaligkeit letztlich "individuelle Formationen" sind. Das bewahrheitet sich zum Beispiel deutlich bei der Internationalisierung von Rechtssystemen. Während das ästhetische Erleben (neben der erotischen Verschmelzung) die einzige Dimension zu sein scheint, in der das Individuum "außer sich" gerät und sich dadurch in seiner Eigenheit zurücknimmt, führt auch die Moral keineswegs zu einer Entindividuierung des Menschen, sondern dient umgekehrt der Bewahrung der je eigenen Identität. Sie wurzelt darin, daß das menschliche Individuum aufgrund der Vielfalt seiner konfligierenden Kräfte zugleich ein "Dividuum" ist (Nietzsche). Es vegetiert nicht einfach dahin, sondern muß sich entscheiden und wählen, indem es in einer Art "Selbstzerteilung" einige seiner Antriebe nachordnet, um andere um so entschiedener zur Geltung zu bringen. Wegen der ständigen Internalisierung des Sozialen lag es von jeher nahe, daß sich das Individuum hier, in Analogie zum politischen Körper, als eine Art hierarchisch gegliederte Institution verstand, in der eine übergeordnete Kraft (Vernunft) über die anderen Stimmen des Leibes "gebietet" oder "verfügt".

Gerhardt sieht in dem Grundsatz, "möglichst politisch" und nicht despotisch "mit sich selber umzugehen", eine nicht nur kluge, sondern bereits "ethische Maxime". Denn er definiert "Ethik" einseitig als "Lehre von der Verfassung, die sich das Individuum selbst zu geben und zu bewahren sucht". "Moral" ist für das Mitglied des sich am 8. Juni konstituierenden "Nationalen Ethikrats" demnach nur die "selbstbewußte Sicherung der Individualität". So wichtig aber Gerhardts Betonung der Individualität für die Moral ist, so richtig seine Darlegung ist, daß auch allgemeingültige Moralnormen stets zu je "eigenen Gründen" gemacht und erst damit individuell verantwortet werden, so verteidigungsfähig sein Insistieren auf der Unmöglichkeit völliger Selbstlosigkeit auch ist, so unbehaglich bleibt es doch, daß in den Definitionen von Ethik und Moral der andere Mensch nicht zugleich als Zweck, sondern nur als Mittel der eigenen Selbststeigerung auftaucht. Wenn man Moral nur als "aktiv betriebene personale Spiegelung im Medium der Sozialität" versteht, als "ernsthafte Selbstdarstellung eines Individuums in praktischer Absicht", verliert man jene Rücksicht auf das Wohl anderer aus den Augen, die für die Moral wesentlich ist, sogar für die Moral des "starken Ego", mit der Gerhardt sympathisiert. Ähnlich schief ist die Folgerung: "Das höchste Ziel ist die Wahrung der eigenen Individualität." Selbst wenn man einräumt, daß alle Moral keineswegs selbstlos ist, sondern unbewußt immer auch der eigenen Identität dient, folgt daraus nicht, daß dies ihr höchstes Ziel ist. Nicht einmal das rücksichtsloseste Individuum, das obendrein noch starke Selbstwertprobleme hat, kann sich so etwas zum direkten und gar höchsten Ziel setzen.

Schon mal an Ehekrise gedacht?

Trotz solcher Übertreibungen, die man als Überreaktionen gegen neuzeitliche Tendenzen von Individualitätsvergessenheit entschuldigen wird, bleibt es das große Verdienst des Buches, als tragenden Wurzelgrund aller Natur und Kultur jene absolute Singularität mit großer Empiriefrömmigkeit herausgearbeitet und in ihren Steigerungsdimensionen konkret veranschaulicht zu haben, von der unser gleichmachendes, in allgemeinen Begriffen operierendes Denken so gerne und mit so fatalen Konsequenzen abstrahiert. Inhaltlich vermissen wird man vielleicht, daß das Buch nicht auch einige Schwierigkeiten beschreibt, die wir modernen Mitteleuropäer mit den Effekten unseres extremen Individualisierungsgrades haben, zum Beispiel die Kommunikationsprobleme aufgrund hochgradig arbeitsteiliger Eigenwelten, die Schwierigkeiten bei der Lebenspartnerfindung (vielleicht sogar die Krise der Ehe) und so weiter. Daß das Fehlen dieser Phänomene keineswegs das Symptom für ein harmonistisches Menschenbild des Autors ist, läßt sich an dessen früheren Schriften mühelos erkennen.

HUBERTUS BUSCHE

Volker Gerhardt: "Individualität". Das Element der Welt. Verlag C. H. Beck, München 2000. 242 S., br., 28,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dem Autor, schreibt Hubertus Busche, geht es nicht um das Aufbacken von Allgemeinplätzen. Was der Rezensent stattdessen in diesem Buch entdeckt, ist die antike Dimension eines "Philosophierens aus dem Leben für das Leben", die, wie Busche erleichtert vermerkt, "durch ständige Bezugnahme auf die Wissenschaften" auch nicht ins Erbauliche absinke. Das Verdienst der Arbeit, den Leser über die "sieben Stufen" der Individualisierung von Wissen, Welt, Leben, Kultur, Politik, Moral und Kunst die Einmaligkeit der Einmaligkeit "konkret" zu veranschaulichen, trübt für Busche allein eine zu konstatierende Scheu vor Begriffsklärungen sowie der Umstand, dass die Überreaktion des Autors "gegen neuzeitliche Tendenzen von Individualitätsvergessenheit" mitunter zu "schiefen Folgerungen" führt - als wäre Individualität immer und überall im Spiel und höchstes Ziel des Handelns.

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