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Die Frage "Was ist deutsch?" ist ihrerseits typisch deutsch - keine andere Nation hat so sehr um die eigene Identität gerungen und tut es bis heute. Wie vielfältig und faszinierend die Antworten auf diese Frage im Lauf der Jahrhunderte ausfielen, das zeigt Dieter Borchmeyer: Von Goethe über Wagner bis zu Thomas Mann schildert er, wie der Begriff des Deutschen sich wandelte und immer wieder neue Identitäten hervorbrachte. Er erzählt von einem Land zwischen Weltbürgertum und nationaler Überheblichkeit, vom deutschen Judentum, das unsere Auffassung des Deutschen wesentlich mitgeprägt hat, von der…mehr

Produktbeschreibung
Die Frage "Was ist deutsch?" ist ihrerseits typisch deutsch - keine andere Nation hat so sehr um die eigene Identität gerungen und tut es bis heute. Wie vielfältig und faszinierend die Antworten auf diese Frage im Lauf der Jahrhunderte ausfielen, das zeigt Dieter Borchmeyer: Von Goethe über Wagner bis zu Thomas Mann schildert er, wie der Begriff des Deutschen sich wandelte und immer wieder neue Identitäten hervorbrachte. Er erzählt von einem Land zwischen Weltbürgertum und nationaler Überheblichkeit, vom deutschen Judentum, das unsere Auffassung des Deutschen wesentlich mitgeprägt hat, von der Karriere der Nationalhymne und der deutschesten aller Sehnsüchte: der nach dem Süden. Borchmeyer erklärt, wie gerade die deutsche Provinz - etwa Weimar und Bayreuth - Weltkultur schaffen konnte und was es für Deutschland bedeutet, sich entweder als Staats- oder als Kulturnation zu verstehen.
Dieter Borchmeyer zeichnet ein facettenreiches und eindrückliches Bild des deutschen Nationalcharakters. In einer Zeit der Umbrüche, in der Deutschland wieder einmal seine Rolle sucht, ist diese große Geschichte der deutschen Selbstsuche Spiegelbild und Wegweiser zugleich.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Berlin
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 1056
  • Erscheinungstermin: 17. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 157mm x 60mm
  • Gewicht: 1186g
  • ISBN-13: 9783871340703
  • ISBN-10: 3871340707
  • Artikelnr.: 47072639
Autorenporträt
Borchmeyer, Dieter
Dieter Borchmeyer, geboren 1941 in Essen, war bis 2006 Professor für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg. Von 2004 bis 2013 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Stiftungsratsvorsitzender der Ernst von Siemens Musikstiftung. Dieter Borchmeyer ist Autor zahlreicher Bücher und ein ausgewiesener Experte für die Weimarer Klassik, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. Im Jahr 2000 erhielt er den Bayerischen Literaturpreis (Karl-Vossler-Preis).
Rezensionen
Besprechung von 20.02.2017
Ein Gefühl von Heimatlosigkeit
Eine Nation auf der Suche nach sich selbst: Dieter Borchmeyer folgt den Deutschen bei ihren Versuchen, sich ihre
Geschichte zu erklären. Mithilfe von Hegel, Fichte, Goethe, Bloch, Walser, Thomas Mann und Richard Wagner
VON FRANZISKA AUGSTEIN
Die Deutschen, hartnäckig, ließen es mit einem Weltkrieg nicht auf sich beruhen. Wenig später begannen sie den Zweiten und setzten die fabrikmäßig betriebene Vernichtung von Millionen Menschen ins Werk. Seither fragen die Nachgeborenen, was faul war in deutschen Landen. War Luther mit seinen judenfeindlichen Tiraden, salopp gesagt, an allem schuld? Hatte Johann Gottlieb Fichte den Antisemitismus für Gebildete salonfähig gemacht, bevor der Begriff überhaupt in Schwang kam? Musste der preußisch-deutsche Militarismus auf zwei Weltkriege und Massenmord hinauslaufen? Was hat es mit der deutschen Seele auf sich, genauer mit der deutschen Unseligkeit? Solche Fragen bleiben, auch wenn die Bundesrepublik mittlerweile, mit Gerhard Schröder gesprochen, ein „normales Land“ ist.
Das Buch des Germanisten Dieter Borchmeyer verspricht viel im Titel: „Was ist deutsch?“ heißt es, und im Untertitel kündet es von der „Suche einer Nation nach sich selbst“. Borchmeyers knappe Einleitung ist ausgezeichnet: Die bisher genannten Gründe, warum Deutschland 1945 ein Paria unter den Völkern war, fasst der Autor fein zusammen.
Anders als etwa Britannien oder Frankreich war das Heilige Römische Reich kein Nationalstaat, sondern ein Konglomerat von Königtümern und Fürstentümern, darunter etliche Kleinststaaten, das gegen Ende des 16. Jahrhunderts den Zusatz „Deutscher Nation“ erhielt, weil die Mehrheit der Bevölkerung Dialekte sprach, die aus dem West-Germanischen erwachsen waren. Deutsch war, wer „deutsch“ sprach – wenn auch ein friesischer und ein bayerischer Bauer einander damals nicht verstehen konnten. Obwohl der Dreißigjährige Krieg viele deutsche Lande zu Wüsteneien gemacht hatte, als er 1648 endlich beendet wurde, sahen Könige und Fürsten keinen Grund, einander nicht auch in Zukunft eifrig zu bekämpfen.
Auftritt: Der deutsche Dichter und Denker. Man musste im 17. und 18. Jahrhundert kein Nationalist sein, um zu erkennen, dass das feudalistische „Heilige“ Gebilde „Deutscher Nation“ politisch ein Desaster war – und dass die Untertanen dagegen wenig tun konnten. Hölderlin war nicht der einzige Intellektuelle, der sich und seinesgleichen als „tatenarm und gedankenvoll“ beschrieb.
Aus diesem obwaltenden Gefühl der Ohnmacht zieht Dieter Borchmeyer zwei Schlüsse: Die im 18. Jahrhundert mit Macht aufkommende Frage nach dem Wesen des Deutschen fand widersprüchliche Antworten: Manche neigten dem Kosmopolitismus zu, sie wollten die Deutschen als Lehrer eines künftigen allseitigen Verständnisses im Namen des Weltfriedens sehen. Andere forderten, es müsse endlich einen echten Nationalstaat geben – wie wir solche von heute kennen samt allem Pipapo: mit soliden Grenzen, wirtschaftlichem Protektionismus, frühzeitig gelehrtem Patriotismus und Ausgrenzung alles Fremden.
Borchmeyers zweiter Schluss: Nach dem Sieg von Napoleons Truppen 1806 über die des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen hatten viele Deutsche fürs Erste genug vom Kosmopolitismus. Napoleon hatte bei Jena und Auerstedt gesiegt. Jetzt galt es, Widerstand zu leisten – mit eigenen Mitteln: Deutschland über alles. Immer wieder in seinem Buch zitiert Borchmeyer den deutschen Privatgelehrten und Publizisten Erich Kahler (auch wegen seiner jüdischen Abkunft musste Kahler 1933 emigrieren). Kahler habe den „merkwürdigen Umschlag des nationalen Minderwertigkeitskomplexes in das Gefühl der ,Auserwählung‘“ diagnostiziert. Erich Kahler ist nicht ganz unbekannt. Borchmeyer stellt ihn verdientermaßen neu ins Rampenlicht. Kahlers These leuchtet ein: Viele von eigenen Gnaden „Auserwählte“ geben wenig auf das eigene Leben, auf das anderer dann eben auch nicht.
Nach Borchmeyers großartiger Einleitung folgen 900 Seiten Text. Sehr schnell wird klar: Es geht hier nicht um die versprochene „Suche einer Nation nach sich selbst“. Nein, wir haben es mit Zitaten von bedeutenden Literaten, Philosophen, Publizisten zu tun – also mit dem üblichen Gipfelgehupfe, von dem sozial interessierte Historiker in den 1960er-Jahren Abschied nahmen. Will man wissen, was die „Nation“ dachte, müsste man soziologisch arbeiten. Borchmeyer zitiert zwei bis drei Dutzend Autoren mehrfach. Was sie schrieben, hat im Zweifelsfall mit dem Deutsch-Empfinden eines schlesischen Webers um 1844 oder dem einer Bäuerin um 1914 nicht das Geringste zu tun. Es fällt denn auch auf, dass Borchmeyer sich für die misslungene deutsche Revolution von 1848 wenig interessiert: Die meisten Redner, die sich damals in der Frankfurter Paulskirche zur deutschen Zukunft äußerten, konnten ihre politischen Ideen nicht durchsetzen, obwohl etliche von ihnen literarisch bewandert waren. Rechtfertigt das, sie auszulassen, wenn von „der Suche einer Nation nach sich selbst“ die Rede ist?
Umso mehr kümmert Borchmeyer sich um das deutsch-jüdische Verhältnis: Ausführlich referiert er, wie gebildete Juden seit dem 18. Jahrhundert sich in der deutschen Nicht-Staatlichkeit wiederfanden, wie Deutsche sich mit den heimatlosen Juden verglichen. Das deutsche Kleinstaatentum ermöglichte Juden und denen, die einfach nur Deutsche waren, sich miteinander zu vergleichen.
Borchmeyer hat noch eine zweite Präferenz. Er ist ein großer Musikkenner. Er liebt die Musik Richard Wagners. Deshalb wird dieser in fast jedem Kapitel zitiert, was die Lektüre der 900 Seiten nicht einfacher macht. Ein Kapitel heißt „Phänomenologie des Deutschen“, das nächste „Nationale Identität“, gefolgt von „Kritik des deutschen Charakters“. Da gibt es viele Überschneidungen. Immer wieder werden Merksprüche aus dem Kanon der Autoren angeführt, die sich zum „Deutschen“ geäußert haben: Hegel, Fichte, Herder, Goethe, Schiller, Heinrich von Kleist, Heine, Börne, Nietzsche, Thomas Mann, von Keyserling, Ernst Bloch, Martin Walser und andere.
Fichte wird von Borchmeyer gerettet: Obwohl dieser verkündete, die Juden müssten den Kopf andersherum aufsetzen, um als wahre Deutsche durchzugehen, trat er 1812 von seinem Rektorenposten an der Berliner Universität zurück, weil ein jüdischer Student vom Senat mies behandelt worden war. Borchmeyer rettet auch Martin Walsers Reputation: Er zitiert aus den Essays Walsers, in denen dieser seit den 1960er-Jahren geschrieben hatte, dass die Schuld der Deutschen am Ermorden der Juden untilgbar sei.
Die ersten hundert Seiten von Borchmeyers Buch sind summa summarum nötige Vorarbeiten. So wie Klavieradepten sich traditionell durch die Etüden von Czerny arbeiten müssen, bevor sie echte Musik spielen dürfen, müssen Borchmeyers Leser viele Seiten hinter sich bringen, bevor sie zum reinen Genuss kommen. Das Verhältnis von Deutschtum, Musik und Literatur hat mit der Frage „Was ist deutsch“ im politischen Sinn nichts mehr zu tun. Aber es ist anregend.
Borchmeyer zitiert Richard Wagner, der sich über französische Operntexte mokierte: „Der Franzose betont nie anders als die Schlusssilbe“, ungeachtet der eigentlichen Betonung französischer Wörter. Wagner zog daraus den Schluss, dass die Franzosen ihre eigene Sprache quasi hintergingen und deshalb als Librettisten ungeeignet wären. Das ist wahrhaft komisch. Es stimmt: Viele Franzosen enden ihre Sätze mit dem Akzent auf der letzten Silbe, was ihre Feststellungen oftmals wie eine Frage klingen lässt. Indes: Sie verschlucken die letzte Silbe bloß. Zum Beispiel: Das zweisilbige Verb für „folgen“, auf Französisch „suivre“, wird am Ende eines Satzes einsilbig gesprochen: „suivr“. Wagner hat offenbar nicht verstanden, wie Franzosen reden, und meinte, vor allem die deutsche Sprache sei für Operntexte wahrhaft geeignet.
Ausführlich verbreitet Borchmeyer sich über das Verhältnis Thomas Manns zur Musik. Die Musikalität der deutschen Seele, so Mann, habe das deutsche Volk politisch teuer bezahlen müssen. Ein Land ohne Romane, sagte Thomas Mann, zeuge davon, dass es von Demokratie nichts verstehe. Das schrieb Mann, als er sich von seinen deutsch-nationalen Ideen abgewandt hatte. Borchmeyer führt köstliche Zitate an, er referiert ausgezeichnet. Gut wäre es seinem Buch bekommen, wenn es dreihundert Seiten kürzer wäre.
Die Franzosen betonen immer auf
der Schlusssilbe, schrieb Wagner.
Verraten sie damit ihre Sprache?
Es kommt auch auf die Akzentuierung an bei der Frage „Was ist deutsch?“ – Wagners Rheintöchter in einer Pariser „Götterdämmerung“, 1908.
Foto: SZ / Scherl
Dieter Borchmeyer:
Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Rowohlt Berlin, Berlin 2017.
1056 Seiten, 39,95 Euro. E-Book 34,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 19.03.2017
Deutsch ist keine Eigenschaft

Dieter Borchmeyer fragt "Was ist deutsch?" - und verweigert auf mehr als tausend Seiten die Antwort. Das ist kein Mangel, das ist das Verdienst dieses erstaunlich aktuellen Buchs

Die Sätze, die man nicht nur Alexander Gauland und Björn Höcke um die sogenannten Ohren hauen möchte (denen allerdings besonders heftig), sondern auch all den gemäßigteren bürgerlichen Geistern, die sich, mehr oder weniger heimlich, danach sehnen, dass endlich weniger Aufhebens gemacht werde von deutscher Schuld und deutscher Schande, damit der Blick frei werde auf bessere und hellere Zeiten, auf jene Gestalten, Werke, Taten also, die es einem leichter machten, stolz auf Deutschland zu sein, auf Glanz und Größe der deutschen Vergangenheit, diese Sätze hat, ausgerechnet, Richard Wagner geschrieben, klar und unzweideutig, wenn auch in einem eigenwilligen Deutsch: "Daß aus dem Schooße des deutschen Volkes Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven erstanden, verführt die große Zahl der mittelmäßig Begabten gar zu leicht, diese großen Geister als von Rechts wegen zu sich gehörig zu betrachten, und der Masse des Volkes mit demagogischem Behagen vorzureden, sie selbst sei Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven. Nichts schmeichelt dem Hange zur Bequemlichkeit und Trägheit mehr, als sich eine hohe Meinung von sich selbst beigebracht zu wissen, die Meinung, als sei man ganz von selbst etwas Großes und habe sich, um es zu werden, gar keine Mühe erst zu geben. Diese Neigung ist grunddeutsch . . ."

Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche: Genau diese Namen, die Helden aus der Geschichte der Künste und des Geistes, werden befragt, gedeutet und zitiert in Dieter Borchmeyers tausendseitigem Buch "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst" - und dass es um die andere Geschichte nicht geht, nicht um die Geschichte von Kaisern und Fürsten, Revolutionen, Kriegen, Verträgen und gesellschaftlichem Wandel (oder nur insofern, als all das womöglich reflektiert und vor allem, in seiner deutschen Variante, beklagt wird in der Literatur): Das ist schon eines der wichtigsten Themen dieses Buchs.

Es können nämlich die Deutschtümler von heute, die Bewältigungsgegner und Stolzseinwoller noch so gierig greifen nach dem Mantel der Geschichte, noch so heftig mit dem Fuß auf deutschen Boden stampfen - das deutsche Territorium war immer schon zu unbestimmt, zu unscharf an den Rändern, als dass man irgendwann einfach hätte sagen können, deutsch sei eben das, was innerhalb der deutschen Grenzen geschehe.

Und die Chronik der Ereignisse, die Liste der bedeutenden Akteure geben auch zu wenig her, als dass sich der Wunsch nach klarer Definition und einer Identifikation mit deutscher Größe dort erfüllen könnte. Wer rückwärts blickt, sieht den Bismarckstaat, das preußische Deutschland, dem keine achtzig Jahre Dauer beschieden waren. Und das schon seinen empfindsameren Zeitgenossen, also jenen Autoren, deren Texte Dieter Borchmeyer in seinem Buch zitiert und referiert, als geistlos und barbarisch erschien, ja geradezu als undeutsch in seinem Militarismus und seiner Gier nach immer neuen Territorien.

Und davor, das "liebe Heil'ge Röm'sche Reich" war zu lange schon zu morsch gewesen; als im "Faust" sein Morschen beklagt wurde, war es gerade untergegangen. Immer war es aber zu groß, zu zerstritten und zerrissen, als dass es als Gefäß für deutsches Wesen, deutsche Größe taugte. Einer wie Friedrich, König in Preußen, der Krieg gegen seinen Kaiser führte, Land raubte und die Reichsverfassung verhöhnte, war auch nur aus einer preußischen Perspektive "der Große"; aus jeder anderen eher nicht.

Nein, das ist schon eines der Verdienste, das Borchmeyers Riesenbuch quasi im Vorübergehen erwirbt: dass beim Lesen ganz deutlich wird, dass es die eine deutsche Geschichte, welche, der französischen vergleichbar, einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erinnerungsraum formte, eine gemeinsame Leidens- und Erfolgschronik erzählte, nicht gibt.

Und wenn Borchmeyer davon auf dem Weg über die Literaturgeschichte erzählt, wird das umso anschaulicher: Als im 19. Jahrhundert die Deutschen ihre Herkunft und ihr Wesen in den Urwäldern Germaniens suchten, fanden sie Arminius, den Cherusker, den Sieger der sogenannten Hermannsschlacht im Teutoburger Wald. Und Borchmeyer macht sich (und zum Teil auch seinen Lesern) die Mühe, Heinrich von Kleists Drama "Die Hermannsschlacht" noch einmal und so genau und gegen die Intentionen des Autors zu lesen, bis der tiefe innere Widerspruch offensichtlich ist - dass nämlich gerade dieser deutsche Held, dieser Arminius, im Sinne Kleists eigentlich undeutsch handelt: unehrlich, heimtückisch, zynisch und mit jener kalten Grausamkeit, welche die Deutschen doch eigentlich den Römern (und den Franzosen, für die sie stehen) zuschreiben wollten.

Es geht also um Texte, um literarische und essayistische, historische und philosophische, die alle um die Frage kreisen, was das sei, Deutschland und das Deutsche: von der Weimarer Klassik bis zum späten Thomas Mann. Ein überforderter Rezensent hat Dieter Borchmeyer, dem Literaturprofessor, vorgeworfen, dass er ein Gelehrter und kein Intellektueller sei, kein Mann also, der sich ins Handgemenge politischer Debatten stürzte, sondern ein bedächtiger Leser und Deuter, dem seine Bibliothek völlig ausreicht als Erfahrungs- und Erinnerungsraum.

Dabei ist die Gelehrsamkeit Borchmeyers geradezu die Voraussetzung für die Aktualität und die Relevanz seines Buchs. Denn die Frage, was deutsch sei, stellt sich ja nicht bloß dem, der in seiner Bibliothek sitzt und überlegt, ob er die Bücher neu sortieren soll. Die Frage stellt sich heute, weil so viele Deutsche so genau zu wissen scheinen, was undeutsch sei, was nicht dazugehöre, was also gefälligst draußen bleiben solle: es sind die Globalisierung und der Islam, es ist also einerseits das, was linke TTIP-Gegner schon mal "amerikanische Unkultur" nennen, all das Bunte, Grelle, Billige, überdeutlich und ohne alle Voraussetzungen Verständliche, der Pop, der Trash, der angeblich totale Kommerz. Und andererseits sind es die Minarette, die Muezzinrufe, die Kopftücher, die anderen Feste und Dresscodes und Fastenvorschriften.

Es geht im Kern also um die Kultur; und die Frage, was das eigentlich sei, das Deutsche, das da bedroht und gefährdet werde, führt naturgemäß wieder zu Richard Wagners Frage, ob es wirklich reiche, sich einen Deutschen zu nennen, damit man Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven als sein exklusives Erbe und Eigentum beanspruchen könne, gegen die anderen, mit ihrem Muezzin oder ihren komischen englischen Wörtern.

Was Schiller und Beethoven angeht, möchte man, ganz ohne Borchmeyers Hilfe, schon mal allen Deutschtümlern empfehlen, die ohnehin schon etwas abgenudelte Neunte Symphonie sich so lange immer wieder vorzuspielen, bis auch der Letzte begriffen hat, dass da nicht bloß von den Deutschen die Rede ist. Alle Menschen, heißt es, werden Brüder. (Borchmeyer, in seiner Gelehrsamkeit, widmet allein der Hymne ein ganzes Kapitel.)

Was, auch wenn man die hymnische Erregung der "Ode an die Freude" ein bisschen herunterkühlen möchte, doch das Thema der ganzen Weimarer Klassik ist. Wer glaubt, die Frage, was deutsch sei, sei schon beantwortet, indem man sich auf die eigene, geistige Herkunft von Weimar, aufs Erbe Goethes und Schillers beruft: Der hat die Weimarer Klassik nicht wirklich verstanden, der hat nicht gemerkt, dass Goethe und Schiller auf die Frage, was deutsch sei, die einfache Antwort verweigern. Auch sie stellen erst einmal fest, dass es die Einheit von Territorium und Gesellschaft, Staat, Sprache und gemeinsamer Geschichte, die es den Franzosen, trotz all ihrer Kriege und Bürgerkriege, so einfach macht, Franzosen zu sein, in Deutschland nicht gibt und niemals gab.

Wenn das Deutsche im Deutschen aber nicht zu erkennen, nicht zu bestimmen sei: Dann müsse man es vielleicht auch nicht konstruieren. Dann sollte man vielleicht den Mangel als Herausforderung begreifen. Und im Deutschen nicht das Deutsche suchen. Sondern den Menschen, ganz allgemein und universell.

Gerade deshalb, so geht der Weimarer Gedanke weiter, gerade weil deutsch allein keine Eigenschaft ist, sei die deutsche Kultur so offen für und neugierig auf alles Fremde, gerade deshalb könne man als Deutscher so leicht ein Grieche im Geiste und in der Sprache sein, ein Gesinnungsrömer, der literarische Zwilling eines persischen Dichters. Es schwingen in dieser Sicht auf das Deutsche ein Universalismus und ein Kosmopolitismus mit, eine Offenheit, welche im Grunde jede Rede vom Nichtdeutschen, gar vom Undeutschen kategorisch ausschließt, weil das Fremde ja tendenziell nur das Nochnichtdeutsche ist, noch nicht wahr- und aufgenommen und eingemeindet in die universale deutsche Kultur. Man fasst es, wenn man Borchmeyers Referat und den vielen Zitaten folgt, manchmal gar nicht, dass heutige Deutsche, die doch von Weimar auch schon mal gehört haben müssten, tatsächlich in ein paar Minaretten schon die Zeichen ihres baldigen Untergangs sehen.

Und zugleich klingt in dieser Gleichung, dass deutsch sein einfach Mensch sein heiße, eine unangenehme Prätention mit, ein Anspruch auf Besonderheit, ja der Glaube an eine Auserwähltheit, von der es nicht so weit ist zur Behauptung der eigenen Überlegenheit. Borchmeyer folgt auch dieser Spur, und wieder ist es seine Gelehrsamkeit, der auffällt, wie häufig beides, die Offenheit und der Universalismus einerseits und das Erwähltheits- und Überlegenheitsgefühl andererseits, in einem Werk neben- oder gegeneinanderstehen. Der Satz, wonach am deutschen Wesen die Welt genesen solle, war in seinem Ursprung nicht so böse gemeint, wie er dann weitergesagt und angewandt wurde in der Wirklichkeit. Er war nur Teil eines schrecklich schlechten Gedichts, dessen andere Verse man auch nicht mehr hören möchte - nach all dem, was deutsches Wesen der Welt beschert hat. (Aber selbst Karl Marx, der frühe, der alles Deutschtümelnde verachtete, war für das Erwähltheitsdenken empfänglich. Immer wieder spielen seine Texte mit dem Gedanken, dass in Deutschland, wo die Entrechtung der Menschen sich vollendet habe, auch die Befreiung vollendet werden müsste.)

Es sind, wie erwähnt, mehr als tausend Seiten, es ist ein Text, der sich nur von Texten nährt - es wäre ein Wunder, wenn es nichts zu mäkeln gäbe: Von der Architektur ist nicht die Rede, von Malerei und Skulptur noch nicht einmal auf dem Umweg über Texte. Und dass auch die Musik, die Borchmeyer ein ganzes, großes Kapitel wert ist, nur eine Nebenrolle spielt, als Gegenstand von Texten, welche die Musik reflektieren und kritisieren: Das fällt besonders in gewissen Passagen auf, die eigentlich von etwas anderem handeln. Es geht da ums Selbstlob der deutschen Provinz, um die Frage, wie und wo sich geistiges Leben ereignen könne, wenn man einander nicht einfach treffen kann, zum Dinner im "Procope" oder im Palais Royal; wenn man stattdessen korrespondieren muss oder weit reisen, so zwischen Weimar und Königsberg, Göttingen, Heidelberg, Berlin. Die Antwort, dass das geistige Leben im multiprovinziellen Deutschland vielfältiger und individueller gewesen sei, aber dass es ihm zugleich gemangelt habe an der gesellschaftlich-politischen Verbindlichkeit, welche erst in der Metropole erzwungen werde durch die Begegnung mit der Obrigkeit und die Nähe zu Zeitungen, Verlagen, einer mächtigen Publizistik: Diese Antwort ist einerseits sicher richtig. Und wirft zugleich doch die Frage auf, ob Mozart und Beethoven wirklich Provinzler waren. Wien ums Jahr 1800 hatte um die 250 000 Einwohner; das waren halb so viel wie in Paris. Aber Berlin hätte eineinhalb mal hineingepasst, Weimar mehr als dreißigmal. Es gab dort, außer dem Hof und aristokratischen Mäzenen, auch ein sachkundiges bürgerliches Publikum, eine Öffentlichkeit, Konkurrenz, Intrigen, ein kommerzielles Verwertungssystem. Und aus diesen Produktionsbedingungen heraus ist diese Musik entstanden. Die "Pastorale", zum Beispiel, ist Großstadtmusik, die einen Ausflug aufs Land macht; zu Hause ist die Musik dort nicht.

Aber das wäre womöglich ein anderes Buch, noch einmal tausend Seiten - wobei schon das vorliegende, gerade weil es so dick und voller Zitate ist, sich dem Anspruch auf eine vollständige Übersicht völlig entzieht. Im Gegenteil, wer es auf einmal durchzulesen versucht, gerät nur in die Gefahr, dass er die markanten Sätze, die überraschend aktuellen Gedanken behält. Und deren Urheber vergisst, durcheinanderbringt, noch einmal nachschlagen will und sich bei der Suche festliest an einer Stelle, nach der er gar nicht gesucht hat. Wenn also dieses Buch ein Verdienst hat, dann besteht das nicht darin, dass es nach tausend Seiten der Lektüre eine Antwort auf die Titelfrage hätte. Sondern darin, dass es nachweist, wie geist- und traditionslos, man ist versucht zu sagen: wie undeutsch die geläufigen Antworten sind, mit denen heute das vermeintlich Eigene sich gegen das Fremde abzusetzen versucht.

Deutsch sein, der Satz wird Richard Wagner zugeschrieben, heiße, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Kann es sein, dass man den Satz, ohne viel Substanz zu verlieren, fortschreiben kann mit: Wir schaffen das?

CLAUDIUS SEIDL

Dieter Borchmeyer: "Was ist deutsch?". Rowohlt Berlin, 1056 Seiten, 39,95 Euro

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Der Rezensent Arno Widmann klagt über die Überlänge des Buches von Dieter Borchmeyer. Auch der Umstand, dass der Autor bei seiner Untersuchung der Titelfrage zwar gekonnt und ausgiebig seine Steckenpferde Thomas Mann und Wagner reitet, aber weder Caspar David Friedrich noch dem deutschen Expressionismus auch nur eine Zeile widmet, irritiert ihn sehr. Darüber hinaus wundert ihn Borchmeyers Mangel an Problembewusstsein, sein Hang zu Donnerschlägen und seine offensichtliche Abneigung gegen systematische Argumentation und einen sauberen Stil. Nein, was besonders deutsch wäre am Deutschen (die Philosophie, die Fettleibigkeit?) vermag ihm der Autor kaum nachvollziehbar und glaubwürdig zu vermitteln. Allein der ein oder andere bedenkenswerte Gedanke oder Verweis, etwa auf einen Autor wie Grimmelshausen, lässt die Lektüre dem Rezensenten dennoch lohnenswert erscheinen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Ein tiefschürfender Essay, der sich Zeit nimmt für Ausblicke und Einsichten und sich von keiner Zeitdebatte hetzen lässt. Frankfurter Neue Presse