Tito - Calic, Marie-Janine
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Josip Broz Tito war der ewige Partisan - ein typisches Geschöpf des Zeitalters der Extreme, welches er persönlich erlebt, erlitten und gestaltet hat. Bei seinem Tod galt er als ein international anerkannter Staatsmann. Heute halten ihn viele für einen brutalen Diktator. Doch was war er wirklich? Marie-Janine Calic lässt die historische Person hinter den Legenden sichtbar werden und erzählt die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens, in dem sich Aufstieg und Fall Jugoslawiens spiegeln.
Tito war ein Politiker eigenen Kalibers. Er war Visionär und Pragmatiker, Stratege und Macher, einer, der
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Produktbeschreibung
Josip Broz Tito war der ewige Partisan - ein typisches Geschöpf des Zeitalters der Extreme, welches er persönlich erlebt, erlitten und gestaltet hat. Bei seinem Tod galt er als ein international anerkannter Staatsmann. Heute halten ihn viele für einen brutalen Diktator. Doch was war er wirklich? Marie-Janine Calic lässt die historische Person hinter den Legenden sichtbar werden und erzählt die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens, in dem sich Aufstieg und Fall Jugoslawiens spiegeln.

Tito war ein Politiker eigenen Kalibers. Er war Visionär und Pragmatiker, Stratege und Macher, einer, der durch außergewöhnliche Talente und unter ganz besonderen historischen Umständen eine beispiellose Karriere machte. Im Zweiten Weltkrieg befreite er Jugoslawien mit seinen Partisanen aus eigener Kraft von der deutschen Besatzung. Es war die Rolle, in der er ganz bei sich war und die seine langjährige Herrschaft legitimierte. Ohne den ewigen Partisanen hätte es Jugoslawien nach dem ZweitenWeltkrieg wahrscheinlich nicht mehr gegeben. 35 Jahre lang blieb er der unverzichtbare Moderator eines mehr oder weniger gedeihlichen Zusammenlebens. Doch Titos Jugoslawien überlebte seinen Schöpfer kaum eine Dekade, und es folgte ein Gewaltausbruch, wie ihn Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hatte. Über Titos Lebenswerk liegt somit der Schatten bitteren Scheiterns.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 442
  • Erscheinungstermin: 17. September 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 151mm x 35mm
  • Gewicht: 701g
  • ISBN-13: 9783406755484
  • ISBN-10: 3406755488
  • Artikelnr.: 58988355
Autorenporträt
Marie-Janine Calic lehrt als Professorin für südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Inhaltsangabe
Apropos Tito

KUMROVEC, 7. MAI 1892
Der Bauernsohn
Kindheit im Zagorje
Mutters Sohn
Versagte Lebenschancen
Politisierung

PETROGRAD, 23. FEBRUAR 1917
Der Bolschewist
Vom Weltkrieg zum Roten Oktober
Kairos der Weltrevolution
Frühe politische Arbeit

ZAGREB, 7. NOVEMBER 1928
Der Revolutionär
Der «Bomber-Prozess»
Chef der Zagreber Ortsgruppe
Das Zuchthaus - die Schule des Revolutionärs
Generation Revolution

MOSKAU, 25. JULI 1935
Parteiarbeiter der Komintern
Faszinosum Moskau
Im «Generalstab der Weltrevolution»
Im Hotel Lux
In geheimer Mission
Der Alte
Hanni König (Lucie Bauer) - ein deutsches Schicksal
Auf Messers Schneide
Endlich Generalsekretär

ZAGREB, 10. APRIL 1941
Der Partisanenführer
Hitlers Strafgericht
Volksbefreiungsaufstand
Der Rivale
Untergang und Neuanfang
Im Wald
«Brüderlichkeit und Einheit»

BIHAC, 26. UND 27. NOVEMBER 1942
Der Staatsgründer
«Titos Staat»
«Schicksalsstunde der Revolution» an der Neretva
Der Alte wird verletzt
«Der sagenhafte Tito»
Auf dem Weg zur internationalen Anerkennung
Unternehmen «Rösselsprung»
Churchills Dilemma

BELGRAD, 20. OKTOBER 1944
Der stalinistische Autokrat
Machtübernahme
«Das Schwert der Revolution»
«Kein Schwabe darf bleiben»
«Ich trage die Verantwortung, ich entscheide!»
Wiederaufbau und Versöhnung
Das Gewissen des Erzbischofs

MOSKAU, 28. JUNI 1948
Der Abtrünnige
Moskaus treuester Verbündeter
Stalins Bannfluch
Die Reihen fest geschlossen
Trumans Keilstrategie
Titoland
Goli Otok

ZAGREB, 2.-7. NOVEMBER 1952
Der Reformkommunist
Die Erfindung der Arbeiterselbstverwaltung
Die Geister, die ich rief: der Fall Ðilas
Ich, Jovanka
Coca-Cola-Sozialismus
Titos Charisma

DELHI, DEZEMBER 1954
Der «Weltbürger»
Der Globetrotter
Stalin ist tot - hoch lebe Jugoslawien!
«Unternehmen Diamant»
Anführer der Blockfreien
«Riese auf der Weltbühne»
Der Gastgeber

BRIONI, 1. JULI 1966
Der Richter und Schlichter
Titos Sorgen
Der Sturz des Aleksandar Rankovic
Aufstand der Intellektuellen
Das Verdikt von Karadordevo
Abgang der serbischen «Liberalen»
«Neutralisierung» der Emigration
Mehr Brüderlichkeit, weniger Einheit

BONN, DÜSSELDORF UND HAMBURG, 24.-27. JUNI 1974
Der Elder Statesman
Endlich Versöhnung
Entspannung - aber bitte global!
Nur noch schnell die Welt retten
Anfang vom Ende
Rückkehr an die Sutjeska

LJUBLJANA, 4. MAI 1980
«Nach Tito: Tito!»
Das «Ende einer Epoche»
Nach Tito kein neuer Tito
Sockelsturz
Titostalgie

Dank

Anhang
Anmerkungen
Quellen und Literatur
Abkürzungen
Bildnachweis
Ortsregister
Personenregister
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.10.2020

Stahlharte Mythen

Der neuen Biographie des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito hätte etwas mehr Distanz zum Titelhelden nicht geschadet.

Von Michael Martens

Josip Broz, der unter seinem Kampfnamen "Tito" bekanntere einstige Staatschef Jugoslawiens, hat drei Jahrzehnte nach seinem Tod eine gewisse Konjunktur. Eine 2016 in deutscher Übersetzung erschienene Biographie des slowenischen Historikers Joze Pirjevec, mehr als 700 Seiten stark, wurde ungeachtet ihrer quellenkritischen Mängel in den Medien weitgehend positiv aufgenommen, obschon in der Fachwelt der zuweilen "begeistert-apologetische Tonfall" des Biographen gerügt wurde. Vier Jahre später kommt nun wieder eine Tito-Biographie auf den Markt, diesmal von der deutschen Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic. Da auch Calic 2016 zu den Lobrednerinnen auf Pirjevecs recht unkritische Darstellung gehört hatte, war zumindest nicht auszuschließen, die Tito-Verklärungsliteratur werde durch ihr Werk um ein Belegexemplar wachsen. Doch gleich vorweg sei gesagt: Calic hat die selbstgestellte Aufgabe viel besser bewältigt als Pirjevec. Während ihr Vorgänger sich in der Fülle seines Materials bisweilen verlor, ordnet sie den Stoff ungleich souveräner, weshalb ihr Buch, obschon gut 250 Seiten kürzer, ein weitaus anschaulicheres Bild vom Leben des 1892 in Kroatien geborenen Bauernsohns und späteren Diktators bietet.

Allerdings lässt auch diese Lebensbeschreibung zumindest passagenweise etwas von jener Distanz vermissen, die Biographen bei aller Empathie zur dargestellten Person aufweisen sollten. Mitunter finden sich in dem Buch Sätze, die zumindest unglücklich formuliert sind. Dass die im Katholizismus verwurzelte Mutter des Protagonisten "von heimlichen Sorgen um die Seele ihres Sohnes geplagt" wurde, als der in jungen Jahren auf die kommunistische Bahn geriet, liegt nahe - aber ist es eine angemessene Formulierung für ein Sachbuch? Als der Sohn später vom Tod der Mutter erfährt, heißt es: "Aber Josip, im langen Fellmantel, mit hohen Schaftstiefeln und einer Pelzmütze, auf der noch der Abdruck des fünfzackigen Roten Sterns zu erkennen war, gab sich kämpferisch." Über einen Haftantritt lesen wir: "Irgendwie kommt mir der bekannt vor, dachte sich Broz, als er kurz darauf dem Gefängnisdirektor vorgeführt wurde." Zu Titos Weltanschauung wird resümiert: "Einzig und allein der Revolution fühlte sich der legendäre Partisanenmarschall, langjährige Staatspräsident und gefeierte Frontmann der Blockfreien verpflichtet." In ihrem Duktus auktorialer Allwissenheit wären solche Sätze statthaft in einem Roman, aber in einer historischen Biographie gibt es bessere Lösungen, als zu behaupten: "Erzbischof Aloizije Stepinac hatte ein reines Gewissen, als er im September 1946, glattrasiert und akkurat gescheitelt, die zum Gerichtssaal umfunktionierte vollbesetzte Turnhalle in Zagreb betrat."

Die Herausforderung für Tito-Biographen ergibt sich daraus, dass viele zeitgenössische Berichte über dessen Leben bereits im Dienste der Legendenbildung standen. Wer sich mit dem Wirken Titos befasst, bewegt sich in einer stark hagiographisch geprägten Quellenlandschaft - schließlich gebot Broz 35 Jahre lang über einen Staat und dessen Propagandaapparat, um in Wort, Bild und Ton an seiner Apotheose feilen zu lassen. Für den Kinofilm "Neretva" über den Kampf der Partisanen wurden Weltstars wie Yul Brynner und Orson Welles engagiert, Picasso gestaltete die Plakate. Die enormen Produktionskosten, die sich Jugoslawien damit aufbürdete, wurden immerhin durch eine Oscar-Nominierung honoriert. Für eine noch aufwendigere Produktion wurde die Rolle Titos mit Richard Burton besetzt - von Tito, wie Calic schildert.

Kurzum: Wer sich biographisch mit diesem einstigen Staatschef befasst, muss den Ausgang aus einem Irrgarten der Idolisierungen finden. Und wer Texte über ihn liest, darf sich bisweilen getrost die Lorbeerzweige wegdenken, mit denen es Broz noch postum gelingt, Beschreibungen seines Lebens zu umkränzen - etwa wenn es, in der Sache womöglich durchaus treffend, in diesem Buch über ihn heißt: "In brenzliger Lage stahlharte Nerven zu behalten, gehörte später zu seinen außergewöhnlichsten Qualitäten."

Wie stahlhart der Tito-Mythos bis heute ist, zeigt sich auch an der andauernden Überhöhung der militärischen Schlagkraft von Jugoslawiens Partisanen. Bei Calic lesen wir: "Im Vielvölkerstaat besaß sonst keiner den Mut und die Verwegenheit, der militärisch haushoch überlegenen Wehrmacht die Stirn zu bieten. Nur den Jugoslawen gelang es, die fremde Besatzung fast ganz aus eigener Kraft abzuschütteln." In der Forschung ist diese Lesart inzwischen nicht mehr unbestritten. Der Wiener Südosteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt etwa spricht von einem "jugoslawischen Staatsgründungsmythos", bei dem ignoriert werde, dass Titos Partisanen 1944 militärisch kaum erfolgreich gewesen wären ohne den vorherigen Bündniswechsel der Bulgaren, dem ein Vormarsch der bulgarischen Armee mit 450 000 Mann nach Serbien sowie das Vordringen der Roten Armee an die mittlere Donau folgten.

Ein Zufall freilich waren Titos Erfolge nicht. Er hatte Charisma und wusste sich Gefolgschaft zu sichern, wie Calic beschreibt. So überstand er 1948 den Konflikt mit Stalin, bevor ihm in den sechziger Jahren sein Meisterstück gelang: Nach der Gründung der Blockfreien-Bewegung boxte Jugoslawien in der Staatengemeinschaft mehr als zwanzig Jahre lang in einer Gewichtsklasse, in die es seiner Größe oder Wirtschaftskraft nach eigentlich nicht gehörte. Calic zitiert Henry Kissinger, der befunden habe, dass Tito seinem Land eine Rolle zu geben versuche, "die ziemlich unverhältnismäßig ist verglichen mit Größe, Lage und Potential". Aber darin hatte er eben Erfolg, und das ist seine größte staatsmännische Leistung.

Nach den blutigen Anfängen der vierziger und fünfziger Jahre, als Tito seinem Lehrmeister Stalin bei der Vernichtung von Gegnern nicht nachstand, kam im Fall Jugoslawiens eine erstaunliche Liberalität hinzu. Seit den sechziger Jahren war Jugoslawien wohl tatsächlich eine "kommode Diktatur" - anders als die DDR, auf die Günter Grass diese Worte gemünzt hat. Die Bürger Jugoslawiens durften nicht nur ihre Heimat verlassen, viele kamen sogar gern zurück - welch ungeheure Provokation für den sowjetischen Ostblock! Ob Titos Staat mehr kommod oder mehr diktatorisch war, hing dabei von der individuellen Botmäßigkeit ab. Wer den Machthabern unangenehm wurde, riskierte die Vernichtung der eigenen Existenz. Tito, schreibt seine Biographin, "hielt bis ganz zum Schluss ein repressives Instrumentarium vor, das immer zum Einsatz kam, wenn die sozialistische Ordnung, die Alleinherrschaft der Kommunisten oder der Staat Jugoslawien in Frage standen: Zensur, Berufsverbote, politische Prozesse und die Liquidierung von Regimefeinden im Ausland durch die Geheimdienste." Als Tito 1980 starb, hinterließ er ein Land, das mit fast 20 Milliarden Dollar verschuldet war. Das entsprach etwa 27 Prozent von Jugoslawiens Bruttosozialprodukt - wenig für heutige, durchaus viel für damalige Maßstäbe.

Was bleibt? Calic schreibt von einer gewissen "Titostalgie" in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Die gibt es tatsächlich, allerdings existiert in keinem der sieben Staaten, die aus dem jugoslawischen Verwesungsprozess entstanden sind, eine auch nur ansatzweise bedeutsame Strömung oder gar Partei, die Titos Jugoslawien zurückhaben will. Die "Jugosphäre", der gemeinsame kulturelle Raum der Region, ist nicht auf Tito als Maskottchen angewiesen. Der war ein Großer seiner Zeit, ging aber mit ihr unter. Beeindruckend ist der Lebensweg dieses Staatsmannes gleichwohl. Marie-Janine Calic beschreibt das mit großem Wissen und in einem Stil, der Seite um Seite zum Weiterlesen einlädt - selbst dort, wo das Lektorat ein wenig strenger hätte sein dürfen.

Marie-Janine Calic: "Tito - Der ewige Partisan". Eine Biografie.

C. H. Beck Verlag, München 2020. 442 S., geb., 29,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Michael Martens hätte sich mehr Distanz gewünscht von Marie-Janine Calics Tito-Biografie. Auch wenn die Autorin ihre Aufgabe laut Martens besser bewältigt als manche ihrer Vorgänger und den Stoff souverän ordnet und Titos Leben anschaulich macht, trifft Martens auf viele "unglückliche Formulierungen", die die Allwissenheit der Autorin suggerieren und in einem historischen Sachbuch nichts verloren haben. Den Weg aus der "hagiografischen Quellenlandschaft" der Ideologisierungen findet die Autorin demnach nicht ganz, auch wenn sie die repressiven Mittel von Titos Alleinherrschaft durchaus benennt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Eine packende Biografie."
Kleine Zeitung, Thomas Roser

"Zugänglich und plastisch erzählte Geschichte ist das Markenzeichen der Historikerin, die mit der "Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert" (2010) und "Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region" (2016) bereits zwei Standardwerke zum besseren Verständnis des Vielvölkerlabyrinths verfasst hat."
Tageblatt, Thomas Roser

"Eine lesenswerte und spannende Biografie dieses schillernden Ausnahmeherrschers."
dpa

"Marie-Janine Calic beschreibt das mit großem Wissen und in einem Stil, der Seite um Seite zum Weiterlesen einlädt."
Frankfurter Allgemeine Zeitung Messebeilage, Michael Martens

"Eine meisterhafte Biographie."
literaturkritik.de, Franz Horváth