Herrschaft der Dinge - Trentmann, Frank
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Konsum - der Motor unserer Zivilisation
Was wir konsumieren, ist zu einem bestimmenden Aspekt des modernen Lebens geworden. Wir definieren uns über unseren Besitz, und der immer üppigere Lebensstil hat enorme Folgen für die Erde. Wie kam es dazu, dass wir heute mit einer derart großen Menge an Dingen leben, und wie hat das den Lauf der Geschichte verändert?Frank Trentmann, Historiker am Londoner Birkbeck College, erzählt in Herrschaft der Dinge erstmals umfassend die faszinierende Geschichte des Konsums. Von der italienischen Renaissance bis hin zur globalisierten Wirtschaft der Gegenwart…mehr

Produktbeschreibung
Konsum - der Motor unserer Zivilisation

Was wir konsumieren, ist zu einem bestimmenden Aspekt des modernen Lebens geworden. Wir definieren uns über unseren Besitz, und der immer üppigere Lebensstil hat enorme Folgen für die Erde. Wie kam es dazu, dass wir heute mit einer derart großen Menge an Dingen leben, und wie hat das den Lauf der Geschichte verändert?Frank Trentmann, Historiker am Londoner Birkbeck College, erzählt in Herrschaft der Dinge erstmals umfassend die faszinierende Geschichte des Konsums. Von der italienischen Renaissance bis hin zur globalisierten Wirtschaft der Gegenwart entwirft er eine weltumspannende Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, die eine Fülle von Wissen bietet, den Blick aber ebenso auf die Herausforderungen der Zukunft lenkt angesichts von Überfluss und Turbokapitalismus. Ein opulentes, eindrucksvolles Werk, das Maßstäbe setzt, in der Forschung wie in den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Debatten unserer Zeit.

  • Produktdetails
  • Verlag: Dva
  • Originaltitel: The Empire of Things. How We Became a World of Consumers, from the Fifteenth Century to the Twenty-first
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 1095
  • Erscheinungstermin: 22. Mai 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 157mm x 58mm
  • Gewicht: 1303g
  • ISBN-13: 9783421042736
  • ISBN-10: 342104273X
  • Artikelnr.: 47032048
Autorenporträt
Trentmann, Frank§Frank Trentmann ist Professor für Geschichte am Birkbeck College der Universität London. Seine akademische Ausbildung absolvierte er an der Universität von Hamburg, an der London School of Economics und in Harvard, ehe er in Princeton und in Bielefeld lehrte. Für sein 2008 erschienenes Buch Free Trade Nation erhielt er den Whitfield Prize der Royal Historical Society. Frank Trentmann ist einer der renommiertesten Historiker im Bereich der Alltags- und Konsumgeschichte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.07.2017

All die Dinge, die uns brauchen

Ausbeutung geht anders: Frank Trentmann hat eine Geschichte des Konsums geschrieben, die den Debatten um den Kapitalismus eine solide Basis gibt.

Dass der Konsum der Zweck allen wirtschaftlichen Handelns ist, wusste schon Adam Smith. Diese einfache Tatsache hat freilich in Deutschland, dessen Wirtschaft sich seit seiner schwerindustriell geprägten Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert auf den Export, also auf den ausländischen Konsum, spezialisiert und den eigenen Konsum stets als Kostenfaktor in der internationalen Konkurrenz begriffen hat, lange keine hinreichende Anerkennung gefunden. Diese Missachtung ist nicht nur bis in die Gegenwart zu beobachten, wo der nationale Konsum stets als Kostenfaktor im globalen Wettbewerb angesehen wird; sie bestimmte und bestimmt auch unser Bild vom Kapitalismus, der hierzulande stets als produktionsgestütztes Ausbeutungssystem interpretiert wurde.

Anderswo, etwa in Großbritannien und den Niederlanden, wo der Massenkonsum schon seit dem siebzehnten Jahrhundert zu den Treibern der modernen Wirtschaft zählte, spielen Konsum und Konsumverhalten bei der Aufklärung über Struktur und Wandel des Wirtschaftens eine prominentere Rolle. Entsprechend hat dort die wirtschafts- und sozialhistorische Forschung sich bereits seit den achtziger Jahren diesem Thema zugewandt, wodurch sich auch die Vorstellung vom modernen Kapitalismus deutlich gewandelt hat.

Im Umfeld dieser Debatten um die Entstehung der Konsumgesellschaft in England und den Niederlanden seit dem achtzehnten Jahrhundert hat sich eine ganze Forschungsrichtung etabliert. Ihre Ergebnisse präsentiert der am Londoner Birbeck College lehrende deutsche Historiker Frank Trentmann in seinem Buch. In der Darstellung, die von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart reicht und eine wirklich globale Perspektive besitzt, plädiert Trentmann für "historischen Realismus" im Umgang mit dem Phänomen des Konsums, den er weder in konsumkritischer Perspektive verdammt noch in liberaler Sicht zum Heilsgeschehen erklärt.

Von gegen den Konsum gerichteten Gesellschaftsentwürfen des Verzichts, des Sparens oder der Einschränkung hält Trentmann wenig, da sie eine Zufriedenheit versprächen, die sie kaum ermöglichen könnten; im Gegenteil würden derartige Versuche viel eher Ungleichheit zementieren und neue soziale Ungerechtigkeiten schaffen. Der historische Blick lehre etwas anderes. Konsum sei weder ein im Interesse der Herrschenden aufgezwungenes Verhaltensmodell ("Konsumterror", "Manipulation") noch eine feststehende Größe, sondern überaus wandlungs- und anpassungsfähig, basiere aber vor allem auf dem menschlichen Wunsch nach Annehmlichkeiten in der Lebensführung und der Selbstrepräsentation.

Die konkrete Ausprägung des Konsums, Trentmann spricht von einer Mehrzahl an Konsumgesellschaften, sei regional und national überaus wandelbar, folge jedoch bestimmten, nur historisch aufklärbaren Mustern, die im ersten Teil des Buches, der eigentlichen Geschichte des Konsums, dargelegt werden. Trentmann zeigt detailliert, wie der Konsum, seine Organisation und die mit ihm verbundenen Praktiken (Warenvielfalt, Einkauf, Kaufhäuser) unsere Welt und die Vorstellung von ihr in wesentlichen Punkten prägten.

Im zweiten Teil geht der Autor Merkmale unserer gegenwärtigen Konsumwelt Punkt für Punkt durch - unter anderem Konsumschulden, Beschleunigung, altersspezifischer Konsum und Werbung - , betrachtet aber auch jene Phänomene, die den Konsum beeinflussen, ohne unmittelbar mit dem Marktgeschehen verknüpft zu sein - etwa betriebliche und staatliche Sozialpolitik -, diskutiert den Zusammenhang von Welthandelsstrukturen und Konsumkulturen und die Bedeutung der Religion für die jeweiligen konsumgesellschaftlichen Ausprägungen, bevor er mit einem Blick auf die "Wegwerfgesellschaft" seine Darstellung schließt.

Typisch für Trentmanns Argumentation ist das Aufgreifen aktueller Sichtweisen und ihre subtile historische Dekonstruktion. Denn die zumeist stark normativ geprägten kritischen Bewertungen des modernen Konsums lassen sich im Lichte einer historischen Betrachtung nicht aufrechterhalten. Vorbehalte wie Verschuldung, Kommerzialisierung der Kindheit oder Beschleunigung des Lebens entpuppen sich dabei als Vorurteile, empirisch wenig begründete Annahmen, theoretische Spekulationen oder schlicht elitäre Distinktionswünsche.

Gerade im Bereich des altersspezifischen Konsums, um nur ein Beispiel zu nennen, waren es weniger die Unternehmen, die zu einer Vermarktlichung und Kommerzialisierung des Alters beitrugen; vielmehr waren es öffentliche Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter, die ältere Menschen zu einem aktiveren, insofern auch konsumnäheren Leben drängten, ein Wandel, der sich mit konsumkritischem Unterton schlicht nicht begreifen lässt.

Trentmann hat ein im positiven Sinne unaufgeregtes Buch geschrieben, dessen großer Vorzug, von seiner guten Lesbarkeit und der geradezu enzyklopädischen Breite seiner Darstellung ganz abgesehen, darin besteht, den Konsum als eine zwar regional, kulturell und historisch vielfältige Praxis zu beschreiben, die sich jedoch stets auf unmittelbare menschliche Bedürfnisse bezieht. Weit entfernt, einfachen ökonomischen Modellen zu folgen, zeigt Trentmann die Fülle der Faktoren, die den Konsum beeinflussen und nicht allein auf das Kosten-Nutzen-rationale Handeln preisbewusster Verbraucher reduziert werden können; politische, soziale und kulturelle Momente kommen dabei ins Spiel. Die westliche Moderne spielte eine Pionierrolle, die aber im Laufe der Zeit verlorengegangen ist und heute einer Vielzahl globaler Konsumpraktiken Platz gemacht hat.

Materieller Wohlstand und entsprechend hohe Kaufkraft sind zwar deren Voraussetzungen, doch wie sich die Konsumgesellschaft konkret entfaltet, ist damit längst nicht gesagt. Insofern ist Trentmanns Darstellung auch zukunftsoffen und ein veritabler Beitrag zu derzeit laufenden, meist spekulativen Kapitalismus-Debatten, die sie auf Tatsachen zurückführen kann. Der Kapitalismus liegt, so könnte man zugespitzt sagen, im Kern der "Herrschaft der Dinge", die von einer fast unüberschaubaren Wandlungsfähigkeit geprägt ist. Diesen Wandel zu gestalten erscheint viel realistischer, als auf die Idee einer Überwindung des Kapitalismus zu setzen, die vor allem von romantischen Illusionen lebt. Und die, so möchte man nach der Lektüre hinzufügen, historisch noch so einiges lernen könnte.

WERNER PLUMPE

Frank Trentmann:

"Herrschaft der Dinge". Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Aus dem Englischen von K.-D. Schmidt und St. Gebauer-Lippert. DVA, München 2017. 1104 S., geb., 40,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.08.2017

Lust des Habens und Verbrauchens
Warum beherrschen uns die Dinge? Und warum leben wir mit immer mehr?
Der Historiker Frank Trentmann schreibt eine Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart
VON BURKHARD MÜLLER
Frank Trentmann, britischer Professor für Geschichte, nimmt für sich eine absolute Pionierleistung in Anspruch: mit seinem mehr als tausend Seiten starken Werk erstmals eine umfassende Historie des Konsums in den letzten fünfhundert Jahren vorgelegt zu haben. Dass noch niemand vor ihm so etwas gewagt hat, dafür gibt es Gründe; dieser Gegenstand steht quer zu den großen etablierten Disziplinen der politischen, Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte und speziell zu dem, was Trentmann als „Warenbiografie“ bezeichnet, den unterhaltsamen Schmökern, die uns erzählen, wie Tee, Zucker und Porzellan nach Europa kamen, und dabei einen farbenfrohen Längsschnitt durch die Epochen legen. Diesen Schnitt in die Fläche und Tiefe zu erweitern hat sich Trentmann vorgenommen, und es muss ihn eine unendliche Mühe gekostet haben.
Nicht als ob der Konsum bisher keinerlei Aufmerksamkeit gefunden hätte. Doch er wurde vorzugsweise unter einem von zwei einander weitgehend ausschließenden Aspekten behandelt, dem der Reklame und dem der Kritik.
Die Reklame und die Wissenschaft von ihr ist praktisch ausgerichtet, man will wissen, wie man am besten Waren verkauft, und zwar vor allem solche, auf deren Erwerb die Leute nicht von allein verfallen wären; insoweit hat sie immer eine leicht zynische Grundierung. Die Kritik setzt auf der Gegenseite an, beim Käufer, der natürlich immer zu viel kauft, weit über seine echten Bedürfnisse hinaus, sich so als genusssüchtiger Egoist erweist und damit wahlweise die göttliche Gerechtigkeit, das Gemeinwesen oder die Umwelt beleidigt. Interessanterweise kombiniert dieser moralisierende Ansatz gern zwei im Kern unvereinbare Vorwürfe, nämlich der Konsument schätze die Dinge zu hoch ein, indem er ihrem fetischistischen Charme erliege; und zugleich, wenn er sie leichthin anhäuft und wegwirft, zu niedrig.
Trentmann hat sein Buch „Herrschaft der Dinge“ genannt (im Englischen etwas anders akzentuiert „Empire of Things“). Der Titel hört sich erst mal gut an; aber mit ihm hat der Autor im Vorgriff jene Auffassung ins Recht gesetzt, die behauptet, wir seien in Wahrheit durch die Entwicklungen des letzten halben Jahrtausends die Sklaven unseres Besitzes geworden.
Konsum wird also (obwohl Trentmann das keineswegs vorhatte) doch von einer moralischen Warte aus betrachtet, und alles, was der Autor im Folgenden zugunsten des Konsums zu sagen hat – das ist eine ziemliche Menge –, trägt darum notwendig apologetischen Charakter. Der Titel ist ungenau auch in dem Sinn, dass der Mensch schon immer von den Dingen abhing – das eben unterscheidet ihn seit der Ära des Faustkeils vom Tier –, und ferner, weil es sich bei einem großen Teil dessen, worum es hier geht, gar nicht um Dinge handelt, sondern um Dienstleistungen, Sozialtransfer, auch Müll, Urlaubsreisen usw.
Nicht anders als das Ding wird auch der Begriff des Konsums selbst problematisch, wenn man ihn näher ins Auge fasst. Von einem bestimmten Standpunkt aus kann es nützlich sein, zwischen Konsum- und Investitionsgütern zu unterscheiden. Aber sie teilen die wesentlichen Merkmale, dasselbe Geld zu kosten und auf gleiche Weise (wenn auch in verschiedenem Tempo) dem Verbrauch und Verschleiß zu unterliegen. Selbst eine Mondrakete wird insofern konsumiert, als sie nach Benutzung weg ist. Da Trentmann den Begriff des Konsums so weit wie möglich ausdehnt, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als ein Buch der Neuzeit überhaupt zu verfassen, denn Konsum ist letztlich alles.
Trentmann mag ja recht damit haben, dass bislang allzu einseitig die Produktion untersucht worden ist, nicht hingegen, was mit den Produkten geschieht, sobald sie Fabrik, Schiff und Lager verlassen haben. Er verfällt aber, wenn er nun die andere Seite der Medaille betrachtet, prompt in den gegenteiligen Fehler und lässt alles beiseite, was die Produktion und damit die Ökonomie in einem engeren Sinn betrifft.
„Dieses Buch“, schreibt er in der Einleitung, „dreht sich um die Frage, wie es dazu kam, dass wir mit immer mehr Dingen leben.“ Und etwas später: „Nur wenn man anerkennt, dass Dinge wichtig sind, können wir zu begreifen hoffen, wie und wann unser Leben so abhängig von ihnen geworden ist.“ Genau diese Hoffnung jedoch muss ihn trügen, wenn er die Logik kapitalistischen Wirtschaftens übergeht. Da der Kapitalismus wesenhaft das Wachstum braucht, setzt er unvermeidlich immer mehr Waren in Umlauf. (Charakteristischerweise taucht der Begriff der Ware in diesem Buch nur am Rande auf.)
Typisch dafür, wie Trentmann an das Thema herangeht, ist sein groteskes Missverständnis der Gedanken von Karl Marx. Dessen Thesen von Warenfetischismus und Entfremdung hält er für eine Spielart der Konsumkritik. Er glaubt, dem Konsum ohne einen Hauch von politischer Ökonomie beikommen zu können, und landet folgerichtig in einem heillosen methodischen Defizit. So überrascht auch das letzte Wort nicht, das er in dieser Sache spricht. „Was nottäte, wäre eine allgemeine Wertschätzung des Vergnügens an einer tieferen und länger bestehenden Beziehung zu den Dingen. (…) Mehr Menschen müssen sich bewusst werden, dass sie als Konsumenten Staatsbürger sind, und nicht nur Kunden. Und es bedarf historischer Vorstellungskraft.“
Die geht Trentmann in eklatanter Weise ab. An ihre Stelle treten der Appell und die Sonntagspredigt. Er fordert eine „ehrlichere“, eine „ernsthafte“, eine „mutige“ Diskussion. Aber wie kann die Diskussion mutig, ernsthaft und ehrlich sein, wenn sie planmäßig ihre kategorialen Voraussetzungen ausblendet?
Im Grunde weiß der Autor das sehr wohl; nur eben in den Teilen seines Buchs, nicht im Ganzen. Er analysiert beispielsweise genau Impulse, Möglichkeiten und Grenzen des „Fair Trade“, wie er seit einigen Jahren in Europa gedeiht, und nennt auch die Ursachen dafür, weshalb dieses weithin symbolische Unterfangen über das eine Pfund fairen Kaffee oder das Büschel faire Bananen ewig nicht hinausgelangt. Hier liegen klar die Grenzen dessen, was Moral rein als solche in einer kapitalistischen Gesellschaft vermag.
Dass Trentmanns Buch konzeptuell scheitert, heißt nicht, man könnte nichts mit ihm anfangen. Man muss es bloß sozusagen auftrennen. Dann spendet es eine unschätzbare Fülle an Information. Man erfährt, dass es im Jahr 1675 in 22 Prozent aller englischen Haushalte Brillen, in neun Prozent Uhren, aber nur in einem Prozent Messer und Gabeln gegeben hat. Detailliert zeichnet es Ausmaß und Folgen der neuen globalen Arbeitsteilung nach, die Abfall und einfache Arbeiten exportiert: „Im letzten halben Jahrhundert hat sich die Weltgemeinschaft in eine organisierte Bergexpedition verwandelt, bei der einige wohlgenährte Touristen ohne Gepäck zum Gipfel vorauseilen, gefolgt von einer großen Gruppe von Sherpas, die den Proviant und die Ausrüstung der Expedition schleppen.“ Und mit seiner Raum und Zeit ausmessenden Perspektive ist Trentmann in der Lage, all den flotten monokausalen Modellen von einer „Überflussgesellschaft“, einer „Erlebnisgesellschaft“ oder des „Geltungskonsums“ die verdiente Abfuhr zu erteilen. Auch Max Weber mit seiner These vom Ursprung des Kapitalismus aus der calvinistischen Arbeitsethik kriegt einen herben Dämpfer: Trentmann empfiehlt, sich die Interieurs und Stillleben der niederländischen Malerei im 17. Jahrhundert anzuschauen. Der darin zu besichtigende materielle Reichtum lässt deutlich werden, dass keineswegs alles Geld asketisch gespart und investiert, sondern ein großer Teil hedonistisch konsumiert worden ist.
Nirgends verleugnet Trentmanns Buch die Komplexität der Verhältnisse, die es unmöglich macht, die Welt über einen Kamm zu scheren, wenn es auch vor den Gründen solcher Komplexität in Ratlosigkeit verharrt. So kann man diesem Buch seine Achtung nicht versagen. Das Material für das Projekt, das Trentmann im Sinn hatte, liegt nunmehr vollständig vor. Jetzt müsste das Werk noch geschrieben werden.
Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert. DVA, München 2017, 1097 Seiten, 40 Euro. E-Book 32,99 Euro.
Konsumenten erwarten zu viel
von den Dingen und schätzen sie
zugleich zu gering
An die Stelle historischer
Vorstellungskraft treten hier
Appell und Sonntagspredigt
„Was nottäte, wäre eine allgemeine Wertschätzung des Vergnügens an einer tieferen und länger bestehenden Beziehung zu den Dingen“, schreibt Frank Trentmann, mehr Menschen sollen sich bewusst werden, „dass sie als Konsumenten Staatsbürger sind, und nicht nur Kunden.“ – Shopping in New York.
Foto: Regina Schmeken
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»Was für ein überraschendes, großartiges Buch von Frank Trentmann! Spannend und randvoll mit Erkenntnissen gefüllte Seiten über die Geschichte des Konsums. Vielschichtig - und dennoch übersichtlich.« Gert Scobel, 3Sat