Andrej Tarkowskij - 6 DVD Collection (6 Discs) - Diverse
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Technische Angaben: Bildformat:16:9, 4:3 FF; 4:3 (1,85:1) Sprache/Tonformat: Deutsch DD 2.0
Bonusmaterial
Bio- und Filmografie, Audiokommentar, Gedicht, Pressespiegel, Interview, Bildergalerie

Produktbeschreibung
Technische Angaben: Bildformat:16:9, 4:3 FF; 4:3 (1,85:1) Sprache/Tonformat: Deutsch DD 2.0

Bonusmaterial

Bio- und Filmografie, Audiokommentar, Gedicht, Pressespiegel, Interview, Bildergalerie
  • Produktdetails
  • Anzahl: 6 DVDs
  • Hersteller: Icestorm Entertainment
  • Gesamtlaufzeit: 680 Min.
  • Erscheinungstermin: 1. Juli 2005
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §14 JuSchG
  • Sprachen: Deutsch
  • Regionalcode: 2
  • Bildformat: 4:3
  • Tonformat: Dolby Digital 1.0
  • EAN: 4028951194056
  • Artikelnr.: 14676156
Rezensionen
Besprechung von 21.02.2001
Wie reproduziert man das Schicksal?
Ernst ist das Leben, ernst auch die Kunst: Andrej Tarkowskis "Solaris" ist ein Beitrag zur Klon-Debatte

Wenn die russische Raumstation "Mir" in wenigen Wochen über dem Pazifik abstürzen wird, dann wird mit ihr auch die Videosammlung der Kosmonauten vernichtet. Unter den von den früheren Besatzungen besonders bevorzugten Filmen befinden sich zwei Klassiker des Science-fiction-Genres, deren Ästhetik manche Anleihe beim russischen Raumfahrtprogramm gemacht hat. Der eine ist schon seines Titels wegen derzeit in aller Munde: Stanley Kubrick hat mit "2001 - Odyssee im Weltraum" einen Film gedreht, auf den sich die Protagonisten der Debatte um die Nanotechnologie immer wieder gern berufen, weil mit der Rolle von HAL, dem denkenden Computer, bereits vor vierunddreißig Jahren zahlreiche Fragen aufgeworfen wurden, die im Licht der technischen Entwicklung heute von großer Bedeutung sind. Morgen startet in den deutschen Kinos die restaurierte Fassung des Films.

Das zweite Werk wird immer gern neben "2001" genannt, wenn es um die philosophische Erörterung der Expansion ins All geht: "Solaris" von Andrej Tarkowski, gedreht 1972. Dieser Film paßt perfekt ins Videoprogramm der "Mir", denn sein Thema ist vordergründig die Liquidierung einer Raumstation. Die Besatzungen werden ihren Spaß gehabt haben mit den anachronistischen Bildern von "Solaris", dessen Szenenbild sich einerseits an den damaligen Planungen für die "Mir" orientierte, andererseits aber seine Protagonisten auf der Raumstation durch Gänge wandeln läßt, die derart vollgestopft mit technischen Anlagen sind, daß man die sonst so überladen-antiquiert wirkende Ausstattung der echten "Mir" im Vergleich beinahe als Bauhaus im All empfinden kann. Und was den Architekten der realen Stationen nie gelang, ist bei "Solaris" ästhetisches Programm: die Trennung von Wohn- und Arbeitsbereich. Die Schlafzimmer der Astronauten im Film sind modern ausgestattet, die Bibliothek dagegen gibt sich rustikal und traditionell bis zur Reproduktion von Bruegels Gemälde "Jäger im Schnee".

Das Thema der Reproduktion strukturiert "Solaris". Die Entwurfszeichnungen, die Mikhail Romadin für den Film anfertigte, lassen an Traumprotokolle denken und somit an Reproduktionen einer unwirklichen Erfahrung: Romadins Räume sind vollgestopft mit Accessoires, die Farben monochrom gehalten, die Figuren statisch eingefügt, als gehörten sie gar nicht in diese Szenerie.

Das nimmt die Konstellation vorweg, in der sich die Menschen des Films wiederfinden: Sie geraten in eine vertraute Umgebung, die man sich gleichwohl nicht zu eigen machen kann. Das beginnt bereits in der Rahmenhandlung, die den Astronauten Kris Kelvin beim Besuch in dessen Vaterhaus zeigt. Tarkowskis Film erweitert hier die Vorlage von Stanislaw Lem und umkreist die eigentliche Handlung des Romans mit der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn. Es ist eine der vielen Kreisbewegungen, die "Solaris" strukturieren - bis in das Thema der Reproduktion hinein, das immer wieder neue Zyklen in Gang bringt.

So umkreist auch die Station den Planeten Solaris, einen Himmelskörper, auf dessen Oberfläche eine Ursuppe brodelt, die den Raumfahrern deren Erinnerungen vor Augen führt. Hatte "2001" die menschliche Expansionslust zum Thema, so widmet sich "Solaris" unserem Drang zur Introspektion: In den unendlichen Weiten des Alls werden die Astronauten mit den eigenen Ängsten und Schuldgefühlen konfrontiert, die sie auf der Erde zurückgelassen wähnten. Die brodelnde Flüssigkeit auf Solaris kocht etwas aus; auch sie reproduziert, statt Unerwartetes zu schaffen. Im Orbit über dem Planeten zählt die traditionelle Trias der Weltraumerkundung - neue Welten, neues Leben und neue Zivilisation - nichts. Hier kreisen die Menschen nur um sich. Und werden sich fremd.

Alles andere ist schon fremd. Wie reagiert man etwa auf die Doppelgänger längst verstorbener Menschen? Tarkowskis Film stellt Überlegungen an, die das Zeitalter des Klonens betreffen, und ganz wie die derzeitige Debatte vermag auch er keine Antwort zu liefern. Doch etwas leistet er allemal, und das ist schon viel: Er zeigt die Verstörung, die angesichts der Wiederkehr von Leben droht. Wenn der frisch auf der Station eingetroffene Kelvin plötzlich seiner Frau Hira begegnet, die sich vor Jahren seinetwegen umgebracht hat, dann ist seine erste Reaktion panisches Erschrecken und Ablehnung: Er flieht, lockt dann die Erscheinung in eine Falle und tötet sie. Damit aber reproduziert er nur wieder die unglückliche Geschichte seiner Ehe.

Doch die Erscheinung ist immer noch da. Bei der zweiten Wiederkehr Hiras läßt sich Kelvin auf sie ein. Doch auch die Akzeptanz der Kopie ändert nichts an deren Schicksal: Diesmal ist es Hira selbst, die sich abermals den Tod gibt. Der Bestimmung kann die Wunschmaschine Solaris nichts entgegensetzen; die Menschheit ist nicht in der Kontingenz gefangen, sondern im Teufelskreis: Alles Leben ist individuell, und eine konsequente Klonierung müßte auch dieses individuelle Geschick reproduzieren.

"Solaris" denkt damit zu Ende, was sich jene Befürworter des Klonens nicht recht klarmachen wollen, die das Leid derjenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, als Argument für die prinzipielle Zulässigkeit des Verfahrens ins Spiel bringen. Erhofft wird von den Hinterbliebenen eine Reproduktion des Verstorbenen, doch natürlich wird niemand abstreiten, daß die äußeren Umstände - die spätere Geburt, das veränderte Umfeld, vor allem die massiv unterschiedlichen Erwartungen an das geklonte Wesen - für den Klon ganz andere sind, so daß sich ein vollkommen eigenständiger Mensch entwickeln wird, der außer dem Genom nichts mit seinem "Vorbild" gemein hat - keine Erfahrung und kein Wissen. Wäre es anders, müßte die Geschichte immer wieder identisch ablaufen; der Zweck des Klonens wäre ad absurdum geführt. So beschreibt es "Solaris".

Der französische Philosoph Paul Virilio hat in Tarkowskis Film ein Zögern, einen Zweifel ausgemacht, den er als krassen Gegenentwurf zum Optimismus von Kubricks "2001" liest. Mit dem "Planetenschädel", wie Virilio den Himmelskörper Solaris nennt, erschuf der Regisseur ein Vorbild der Kybernetik, das sich eine Welt virtuell erzeugt und als dessen Bestandteil die Menschen im Orbit nicht mehr sind als Neuronen, die ihr winziges Teil zu den Denkoperationen des gewaltigen Gehirns beitragen. Es ist eine andere Überwältigung als die durch HAL bei Kubrick: Tarkowski läßt den Menschen vor der Natur verzweifeln, die er nicht nach seinem Wunsche formen kann, sondern die nun seine Wünsche formt.

Damit steht "Solaris" uns näher als "2001". Klonierung und Genmanipulation sind im Gegensatz zur Robotik als Bedrohung der menschlichen Individualität bereits präsent. Mit Tarkowskis Film gibt es einen Schlüssel zum Thema, der bislang seltsamerweise weitgehend unberücksichtigt blieb.

ANDREAS PLATTHAUS

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