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Alexander von Humboldt erforschte Südamerika - hat er den Weg allein gefunden? Bis heute hält sich das Bild, die berühmten Entdecker und Forschungsreisenden seien völlig auf sich gestellt durch fremde Länder gezogen oder über Ozeane gesegelt. Doch ob James Cook, David Livingstone oder Sven Hedin - sie alle hatten Helfer vor Ort, die zum Erfolg der Unternehmungen beitrugen. Wer waren diese Menschen? Hier werden sie zum ersten Mal in den Blick genommen: die Führer und Dolmetscher, Informanten und Transporteure. Nicht selten waren sie sogar die eigentlichen Leiter der Expeditionen. Anhand von…mehr

Produktbeschreibung
Alexander von Humboldt erforschte Südamerika - hat er den Weg allein gefunden? Bis heute hält sich das Bild, die berühmten Entdecker und Forschungsreisenden seien völlig auf sich gestellt durch fremde Länder gezogen oder über Ozeane gesegelt. Doch ob James Cook, David Livingstone oder Sven Hedin - sie alle hatten Helfer vor Ort, die zum Erfolg der Unternehmungen beitrugen. Wer waren diese Menschen?
Hier werden sie zum ersten Mal in den Blick genommen: die Führer und Dolmetscher, Informanten und Transporteure. Nicht selten waren sie sogar die eigentlichen Leiter der Expeditionen. Anhand von Beispielen aus allen außereuropäischen Kontinenten rückt Volker Matthies ihren Beitrag zur Vermessung der Welt ins rechte Licht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ch. Links Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: .989
  • Seitenzahl: 246
  • Erscheinungstermin: 28. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm x 169mm x 19mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783861539896
  • ISBN-10: 3861539896
  • Artikelnr.: 50259488
Autorenporträt
Matthies, Volker
Jahrgang 1945, Dr. phil., Prof. i. R., hat in Hamburg am Deutschen Übersee-Institut (dem heutigen GIGA) sowie am Institut für Politische Wissenschaft der Universität geforscht und gelehrt; langjähriger Redakteur des »Jahrbuch Dritte Welt« und Herausgeber historischer Reiseberichte; zahlreiche Veröffentlichungen zur Friedens- und Konfliktforschung und zur Region Horn von Afrika; im Ch. Links Verlag erschien: »Unternehmen Magdala« (2010).
Rezensionen
Besprechung von 07.05.2018
Der Entdecker als Anhängsel
Volker Matthies zeigt, dass die europäischen Forschungsreisenden ohne die indigenen
Führer und Dolmetscher ihre Expeditionen kaum hätten überleben können
VON HARALD EGGEBRECHT
Es klingt alles so unverrückbar eindeutig: Columbus hat Amerika entdeckt, Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien, Livingstone sah als erster die Fälle, die er nach Königin Victoria benannte, und so weiter und so fort. Nun, der Blick auf diese und andere Abenteurer und Weltreisende und ihre epochalen Taten ändert sich radikal, wenn man Volker Matthies’ Studie über „Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender“ liest. Der Hamburger Politologe und Konfliktforscher, Jahrgang 1945, hat seinem vermeintlich gesichertes Wissen erschütternden, informativen Buch ein Motto aus Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ vorangestellt: „Der junge Alexander eroberte Indien. /Er allein?/Cäsar schlug die Gallier./ Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“
Tatsächlich verschwinden hinter den bekannten Namen von Feldherren, Eroberern und eben Entdeckern all jene, die solche Unternehmungen erst ermöglicht, beschützt, oft auch geleitet haben. Dabei war, so Matthies, „die Abhängigkeit europäischer Entdecker und Forschungsreisender von ihren indigenen Führern von geradezu existenzieller Bedeutung, so dass in vielen Fällen die Europäer die Expeditionen zwar planten, finanzierten und ausrüsteten, aber ihre indigenen Führer kraft ihrer Sprach- und Landeskenntnisse, ihrer Autorität und ihres Durchsetzungsvermögens gegenüber den Expeditionsmitgliedern sowie ihres Mediations- und Organisationstalents zu den eigentlichen Anführern und Leitern der europäischen Unternehmungen avancierten“.
Matthies kritisiert zunächst den ungetrübt eurozentrischen Blick, mit dem jene Reisen, Eroberungen und Forschungsfahrten der da Gama, Cortez, Magellan, Cook, Bougainville, Franklin, Humboldt, Lewis und Clark, Heinrich Barth, Gustav Nachtigal, Livingstone, Stanley, Amundsen und vielen anderen bis heute gesehen werden. Als seien Afrika, Amerika oder Australien, nur weil die Europäer nichts von ihnen wussten, tatsächlich weiße Flecken gewesen, die erst dann meist blutige Farbe annahmen, als die jeweiligen „weißen Götter“ dort auftraten.
Dass überall seit Jahrtausenden Bevölkerungen vorhanden waren, die ihre Regionen und Landstriche bestens kannten, miteinander kontinentalweit Handel trieben und mächtige Hochkulturen entwickelt hatten, nahmen die Entdecker erstaunt, manchmal auch bewundernd und sogar anerkennend wahr, aber im Großen und Ganzen blieben für sie die indigenen Völker „Eingeborene“, denen nicht auf Augenhöhe begegnet werden musste. Rassistische Herablassung und kolonialistisches Denken und Handeln gehörten von Beginn an zu diesen Ausfahrten und ihren Ergebnissen.
Matthies zeigt sine ira et studio an zahlreichen Beispielen, welche entscheidende, überlebenswichtige Rolle gerade die Einheimischen für die vermeintlichen Entdeckerhelden und ihre nachmaligen Erfolge in Europa spielten. Das reicht von der richtigen Ausrüstung einer Expedition bis zu den Orts- und kartografischen Kenntnissen der indigenen Begleiter, die selbstverständlich auch als Übersetzer und Diplomaten agierten. Oft reisten europäische Forscher nur im Karawanentross und sogar bei Sklavenjägerunternehmen mit, weil sie sonst kaum eine Chance gehabt hätten, überhaupt unversehrt weiterzukommen.
Außerdem waren die Einheimischen die Lehrer in allen Lebenslagen, von der angemessenen Kleidung bis zum Essen, man denke nur an das allen Karl-May-Lesern wohlbekannte Pemmikan. Die weißen Immigranten lernten die Vorzüge indianischer Mokassins, Leggins und Schneeschuhe ebenso schätzen wie Robbenfell-Hosen und Anoraks der Inuit in arktischen Gegenden. Ähnliches gilt für erprobte einheimische Transportmittel wie etwa Hundeschlitten, Rindenkanus und Fellboote.
Im zweiten Teil versammelt Matthies einen Strauß von Biografien jener imponierenden Frauen und Männer, welche die eigentlichen Heroen solcher Expeditionen waren. So führte etwa der Chipewyan Matonabbee den Samuel Hearne von der Hudson Bay Company 1770-72 durchs arktische Kanada. Matonabbee besaß diplomatisches Geschick, zudem die nötige geografische Spürnase, und seine indianische Lebensweise sorgte dafür, dass Hearne nach zwei misslungenen Expeditionen nun Erfolg hatte. Für Hearne war Matonabee „der gefälligste, freundlichste und verständigste unter allen Indianern“, in dem sich die „Lebhaftigkeit eines Franzosen, die Aufrichtigkeit eines Engländers und die Würde eines Türken“ vorteilhaft mischten.
Matonabee vermied einen entscheidenden Fehler Hearnes bei den ersten beiden, misslungenen Expeditionen: Im Gegensatz zu Hearne nahm er Frauen mit, die für den Gepäcktransport, den Zeltaufbau, das Instandhalten oder die Anfertigung von angemessener Kleidung zuständig waren. Damit entlasteten sie die Männer für die Jagd. So gelang die Expedition. Allerdings war Hearne auf dieser durchweg indianischen Maßgaben folgenden Tour wenig mehr als ein Anhängsel.
Als zentraler Begleiterin der von Thomas Jefferson initiierten Lewis- und Clark-Expedition, die Amerika westlich des Mississippi bis zum Pazifik erkunden sollte, wurde die Shoshonin Sacagawea zu einer amerikanischen Heldin, der mehr Denkmäler als irgendeiner anderen Frau in der amerikanischen Geschichte errichtet wurden. Sie half der Unternehmung als kluge Dolmetscherin und sie war so angesehen in der Gruppe, dass ihr zum Beispiel bei der Abstimmung über die Wahl des Winterquartiers am Pazifik Ende November 1805 das gleiche Stimmrecht eingeräumt wurde wie den männlichen Expeditionsteilnehmern.
Sidi Mubarak Bombay, ein Held der Erforschung Afrikas, unterstützte John Hanning Speke bei der Suche nach den Nilquellen ebenso wie er später auch Henry Morton Stanley half. Er kam um 1820 in Ostafrika zur Welt und wurde mit zwölf Jahren von arabischen Sklavenhändlern geraubt. In Sansibar wurde er gekauft, erhielt den Sklavennamen Mubarak und reiste mit seinem Herren nach Bombay. So kam er zu seinem Spitznamen. Nach dem Tod des Herrn wurde er frei. Er hatte in Indien Hindi gelernt und konnte sich so mit Speke, der kein Arabisch sprach, unterhalten. Die Beziehung der beiden überstand auch handgreiflichen Streit. Als Sidi Mubarak vom Tod Spekes erfuhr, trauerte er, nun sei „sein Vater tot“ und „sein rechter Arm abgeschnitten“.
Diese und ähnliche Geschichten sind allerdings fast nur in den Niederschriften der Europäer dokumentiert, Selbstzeugnisse der Indigenen sind rar. Zur bitteren Seite dieser Konstellation gehört, dass die indigenen Übersetzer und Lebensretter indirekt dazu beitrugen, dass den „Entdeckern“ die Eroberer und weißen Kolonialisten folgten. Doch diese Konsequenzen ahnten sie nicht, als sie, zunächst zum eigenen materiellen Vorteil, dann aus Neugier und sogar Reiselust den unwissenden weißen Männern gleichsam die Entdeckerkastanien aus dem Feuer holten.
Die weißen Immigranten
lernten die Vorzüge
indianischer Mokassins kennen
Als Sidi Mubarak vom Tod John
Spekes erfuhr, trauerte er, sein
rechter Arm sei abgeschnitten
Wegweiserin für die Lewis-Clark-Expedition auf dem Weg nach Westen, Richtung Pazifik: die Shoshonin Sacagawea, hier als Statue in Oregon.
Foto: Mauritius images
Volker Matthies:
Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter
europäischer Forschungs-
reisender. Ch. Links Verlag, Berlin 2018. 246 Seiten,
28 Euro. 
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