Für Glaube und Volkstum - Nordblom, Pia

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Die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik veränderte auch die in der Weimarer Republik engen Beziehungen Berlins zu der deutschen Minderheit in Polen grundlegend. Dr. Eduard Pant (1887-1938), führender Politiker der deutschen Katholiken Polens, erkannte die drohende Instrumentalisierung zum Spielball des Regimes damals sehr klar und frühzeitig, konnte sich mit dieser Einschätzung aber nicht durchsetzen. Die katholische deutsche Minderheit in Polen spaltete sich. Nach seiner politischen Isolierung griff Pant zur publizistischen Gegenwehr. Die von ihm neu gegründete…mehr

Produktbeschreibung
Die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik veränderte auch die in der Weimarer Republik engen Beziehungen Berlins zu der deutschen Minderheit in Polen grundlegend. Dr. Eduard Pant (1887-1938), führender Politiker der deutschen Katholiken Polens, erkannte die drohende Instrumentalisierung zum Spielball des Regimes damals sehr klar und frühzeitig, konnte sich mit dieser Einschätzung aber nicht durchsetzen. Die katholische deutsche Minderheit in Polen spaltete sich. Nach seiner politischen Isolierung griff Pant zur publizistischen Gegenwehr. Die von ihm neu gegründete katholisch-konservative Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" (1934-1939) entwickelte sich rasch weit über Polens Grenzen hinaus zu einem wichtigen Sprachrohr der christlichen Emigration und Opposition gegen den Nationalsozialismus und der nicht gleichgeschalteten Minderheiten in Ost- Mitteleuropa.

Die Autorin kann sich auf vielfältiges, umfangreiches Quellenmaterial, hauptsächlich aus deutschen, österreichischen und polnischen Archiven sowie auf zahlreiche, bisher unbekannte Materialien aus Privatbesitz und der zeitgenössischen Presse stützen. Auf dieser Grundlage zeichnet sie zunächst ein umfassendes Portrait der politisch-kulturellen Lebenswelt der deutschen Minderheit in Polen. Mit der Gründungsgeschichte, einer detaillierten Inhaltsanalyse der oberschlesischen Zeitung und einer organisatorisch-strukturellen Profiluntersuchung des "Deutschen in Polen" liefert sie gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Presseforschung. Die Untersuchung ist schließlich ein sehr beachtenswerter Beitrag zur Wider-standsforschung - insbesondere der Katholiken in Schlesien -und zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

  • Produktdetails
  • Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B
  • Verlag: Schöningh
  • Seitenzahl: 758
  • 2000
  • Ausstattung/Bilder: 758 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 169mm x 62mm
  • Gewicht: 1240g
  • ISBN-13: 9783506799920
  • ISBN-10: 3506799924
  • Best.Nr.: 08308030
Autorenporträt
Dr. phil. Pia Nordblom, geboren 1961, ist Historikerin an der Universität Heidelberg. Arbeitsschwerpunkte: deutsch-polnische Beziehungen im 20. Jh., Geschichte der deutschen Minderheit in Polen, politisches Widerstandsrecht im 19 Jh. in Deutschland.
Rezensionen
Besprechung von 04.10.2000
Glauben haben und Glauben schenken
Zwischen allen Stühlen: Die Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" in den dreißiger Jahren

Pia Nordblom: Für Glaube und Volkstum. Die katholische Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" (1934-1939) in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte. Reihe B: Forschungen. Band 87. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2000. 758 Seiten, 168,- Mark.

Etwa eine Million Deutscher lebte vor dem deutschen Überfall 1939 in Polen. Eine Minderheit dieser Minderheit war katholischer Konfession. Eine Minderheit dieser Minderheit verstand sich nicht als Bürger des deutschen, sondern des polnischen Staates. Eine Minderheit dieser Minderheit ging nach 1933 in Konfrontation zur NS-Regierung in Deutschland. Diese Minderheit ist quantitativ nicht zu bestimmen. Ihrer Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" widmet Pia Nordblom eine umfangreiche Studie.

Die politische und weltanschauliche Ausrichtung der Deutschen in Polen war in der Zeit der Weimarer Republik ähnlich wie in Deutschland. Dies spiegelte sich in der Vielzahl verschiedener politischer Institutionen wider, deren Existenz fast durchweg von den umfangreichen und breitgestreuten Subventionen aus Berlin abhing. Die wichtigsten Konfliktlinien verliefen zwischen den loyalen polnischen Staatsbürgern und den auf das deutsche Reich orientierten Deutschen sowie zwischen den eher polenfreundlichen Katholiken und den gegenüber Berlin und auch gegenüber dem Nationalsozialismus offenherzigeren Protestanten. Eingehegt wurden die zunehmend offener ausgetragenen Konflikte vor allem durch die politische und finanzielle Einflußnahme Berlins. Diese ging schon bald so weit, daß ihre mögliche Einstellung ähnlich bedrohlich erschien wie die politischen Einschränkungen durch polnische Regierungs- und Verwaltungsorgane.

Berlin änderte 1933 seine Haltung gegenüber den Auslandsdeutschen, ihren Verbänden, Presseorganen und Parteien entscheidend. Dies bekam neben linken und jüdischen Organisationen nicht zuletzt Eduard Pant (1887-1938) zu spüren. Bereits 1927 hatte er an der Spitze der politischen Organisation der deutschen Katholiken in Polen, der "Deutschen Katholischen (seit 1933: Christlichen) Volkspartei" (DCVP) gestanden. Er trat damit auch im polnischen Parlament als einer der wichtigsten deutsch-polnischen Minderheitenführer auf. Doch die Berliner Stellen und die NSDAP-freundlichen Deutschen in Polen vermochten es nach dem 30. Januar 1933 binnen weniger Monate, den erfolgreichen Nachwuchspolitiker an den Rand des politischen Geschehens zu drängen.

Pant reagierte 1934 mit der Gründung der Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" auf seine zunehmende Marginalisierung, beschleunigte sie dadurch allerdings auch noch. Er machte die Zeitung zu einem Sprachrohr der entschieden katholischen und gegen den Nationalsozialismus gerichteten "bodenständigen deutschen Minderheit" in Polen, die sich nach 1933 nicht als Emigranten, sondern als loyale Staatsbürger der polnischen Republik fühlten. Schon die Entstehung und das Ende des Blattes zeigen, wie abhängig es von den Zuständen im westlichen Ausland war: Die Gründung reagierte auf die massive und einseitige Einflußnahme Berlins auf die Auslandsdeutschen, und die letzte Nummer der Zeitung erschien wenige Tage vor dem 1. September 1939. Nicht zufällig wurde sie von vielen als Emigrantenorgan eingeschätzt.

Chefredakteur und wichtigster Autor neben Pant war Johannes Maier-Hultschin (1901-1958), der nach dem Tod Pants auch die Herausgeberschaft übernahm. Die Stärken des als introvertiert beschriebenen Maier-Hultschin lagen im journalistischen Bereich, so daß er die öffentlichkeitswirksamen Auftritte Pant überließ. Ihre Unterstützung kann aufgrund einer sehr schlechten Quellenlage heute größtenteils eher vermutet als nachgewiesen werden.

Beispielhaft dafür ist Nordbloms Rekonstruktion der finanziellen Situation der Wochenzeitung, die von Einzelspenden, ehrenamtlicher Mitarbeit, einzelnen Hilfen aus Kirchenkreisen und wohl auch der österreichischen Regierung abhängig war. Aufgrund der konspirativ organisierten Redaktionsarbeit fehlen genaue Zahlen, Verbindungsnachweise oder gar Kontobewegungen. Ähnlich vage bleibt die Darstellung des Mitarbeiter- und Informantennetzes, dessen Verzweigungen die Autorin allerdings nicht nur bis ins Ausland, sondern sogar ins sozialdemokratische Lager hinein nachweist.

Daß sich "Der Deutsche in Polen" niemals wirklich etablieren konnte, lag an seiner politischen Position, die fast allen einflußreichen Kräften Unbehagen bereitete. Vor allem in nationaler Hinsicht saß das Blatt zwischen allen Stühlen, denn in der international angespannten Situation vor dem Zweiten Weltkrieg wagte es keine Seite, durch demonstrative Sympathie mit dem Minderheitenorgan politische Optionen zu verspielen. Dies galt nicht nur für Berlin und für die kirchenfreundliche Regierung in Wien, sondern ebenso für Warschau, dessen Haltung zu Pants Zeitung "eines der Barometer für die Ernsthaftigkeit der bilateralen Beziehungen" zu Deutschland war. Entscheidend war dafür nicht zuletzt, daß nur wenige Polen Pants Loyalitätsversicherungen gegenüber dem polnischen Staat Glauben schenkten.

In konfessioneller Hinsicht hatten Pant und seine Mitarbeiter es dank des auf Einheit ausgerichteten römischen Katholizismus leichter. Obwohl der einflußreichste Bezugspunkt stets Deutschland war, richtete sich "Der Deutsche in Polen" stark am Vatikan aus. Der Nutzen dieser Ausrichtung zeigte sich zum Beispiel, als Maier-Hultschin einen politischen Gegner katholischer Konfession in die Schranken wies, indem er sich im Vatikan einen Segen für die eigene Sache organisierte. Dennoch blieb für Pants Anhänger wie Gegner die "Gretchenfrage ,Wie hältst Du's mit dem Kirchenkampf im Reich?'" wichtiger als das internationale kirchliche Parkett. Dabei legitimierte sich die gegen Berlin gerichtete Haltung im katholischen Lager um so selbstverständlicher, je offensichtlicher die Schwierigkeiten nicht nur des Vatikans, sondern auch der deutschen Bischöfe mit dem NS-Regime wurden.

Die Wochenzeitung orientierte sich in fast allen wichtigen Fragen wie dem Verhältnis zum Protestantismus, zum Judentum und zur Demokratie am katholischen Mainstream, der wiederum seine Haltung und seine Handlungen eher an weltanschaulichen und konfessionellen Bekenntnisfragen orientierte als an konkreten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen. Dieser Befund weist gleichzeitig auf die entscheidende Schwäche der Untersuchung: Die umfangreichsten Kapitel widmen sich gerade solchen Themen, die für die kirchliche Zeitgeschichte keine Überraschungen mehr bereithalten.

Angesichts der Übermacht der internationalen Politik in den dreißiger Jahren konnte "Der Deutsche in Polen" den Krieg und die Gewalt natürlich nicht verhindern. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht ging auch die Zeitung unter. Daß die Autorin trotz all ihrer Sympathie für den Untersuchungsgegenstand seine Grenzen im Blick hat, zeigt ihr einleitendes Zitat von Martin Niemöller, daß es "im letzten Grund ... nicht um den Erfolg, sondern um das Zeugnis" gehe. Die Arbeit soll verhindern, daß dieses Zeugnis dem Vergessen anheimfällt. Vielleicht hätte sie diesem Ziel besser gedient, wenn die häufig ausufernde Darstellung der Fakten durch eine präzise gedankliche Durchdringung stärker gebändigt worden wäre.

DAMIAN VAN MELIS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als eine Art Denkmal für eine Minderheit einer Minderheit einer Minderheit beschreibt Damian van Melis diesen umfänglichen Band, der erstmals die Wochenzeitung jener deutschen Katholiken in Polen vorstellt, die sich nicht nur Polen zugehörig fühlten, sondern auch noch gegen Hitler eintraten. Eindrücklich zeichnet van Melis nach, wie sich der Gründer der Wochenzeitung, Eduard Pant, und ihr Chefredakteur Johannes Maier-Hultschin in den Jahren vor dem Einmarsch in eine totale Außenseiterposition begaben. Über die Unterstützung der Zeitung durch die betroffene Bevölkerungsgruppe, so van Melis, lasse sich angesichts der schlechten Quellenlage nicht viel sagen, offensichtlich reichten ihre Kontakte aber bis in die Sozialdemokratie. Auch wie der Vatikan sich zur Zeitung verhielt, wird aus der Besprechung nicht recht deutlich. Van Melis merkt hier nur an, dass ihre Zentrierung auf Rom sehr stark gewesen sei, und sie im allgemeinen dem katholischen Mainstream gefolgt sei. Das Referat des Buchs schließt van Melis mit der Anmerkung, dass ein stärker gliedernder Eingriff der Autorin in ihre Stoffmassen dem Buch insgesamt gut getan hätte.

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