Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus - Albert, Marcel
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Nach Hitlers Machtergreifung 1933 gewährte der Laacher Abt Ildefons Herwegen dem abgesetzten und bedrohten Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer ein Jahr lang Zuflucht in seinem Kloster. Gleichzeitig versuchte der Abt mit seinen engsten Mitarbeitern, Brücken der Verständigung zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus zu bauen. Mehr noch: Spätestens seit Heinrich Bölls 1959 erschienenem Roman "Billard um halb zehn" ist bekannt, dass die Mönche von Maria Laach Hitlers Machtergreifung begeistert feierten. Erst Anfang 1934 distanzierte sich der Konvent vom Regime, so dass…mehr

Produktbeschreibung
Nach Hitlers Machtergreifung 1933 gewährte der Laacher Abt Ildefons Herwegen dem abgesetzten und bedrohten Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer ein Jahr lang Zuflucht in seinem Kloster. Gleichzeitig versuchte der Abt mit seinen engsten Mitarbeitern, Brücken der Verständigung zwischen der katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus zu bauen. Mehr noch: Spätestens seit Heinrich Bölls 1959 erschienenem Roman "Billard um halb zehn" ist bekannt, dass die Mönche von Maria Laach Hitlers Machtergreifung begeistert feierten. Erst Anfang 1934 distanzierte sich der Konvent vom Regime, so dass Adenauer von einer "wahren - sehr offen zugegebenen - Götterdämmerung" sprach.

Die politischen Einlassungen der Laacher Mönche fanden damals grosse Beachtung und führten zu scharfen Auseinandersetzungen. Zahlreiche neue Quellenfunde ermöglichen es nun, erstmals einen minutiösen Überblick über die Ereignisse zu geben. Dabei werden die Gründe für die Entstehung der rechtskonservativ-nationalistischen Positionen der führenden Mönche der Abtei und ihre Einbettung in das Lager der Rechtskatholiken sorgfältig analysiert. Ebenso gründlich wird die Frage erörtert, warum sich die Abtei bereits nach einem Jahr von ihren bisherigen Positionen abwandte. Die spannende Darstellung schildert dann die - zuletzt erfolgreichen - Anstrengungen der Benediktiner, im Kirchenkampf zu überleben, sowie das Kriegsende und die schwierige Neuorientierung in den ersten Nachkriegsmonaten.
  • Produktdetails
  • Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen Bd.95
  • Verlag: Schöningh
  • Seitenzahl: 261
  • Erscheinungstermin: Januar 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm x 167mm x 27mm
  • Gewicht: 555g
  • ISBN-13: 9783506701350
  • ISBN-10: 3506701355
  • Artikelnr.: 12010016
Autorenporträt
Dr. Marcel Albert OSB ist Benediktinermönch der Abtei Gerleve. Forschungsschwerpunkte im Bereich der neuzeitlichen Ordens- und Kirchengeschichte.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.12.2003

Kreuz und Adler
Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus

Marcel Albert: Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus. Schöningh-Verlag, Paderborn 2004. (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte Reihe B, Forschungen, Band 95). 261 Seiten, 38 [Euro].

Als Bundeskanzler Konrad Adenauer im Jahr 1951 seine Weihnachtsansprache vorbereitete, kam ihm eine Begebenheit aus dunkler Zeit in den Sinn: "Es war ein Weihnachten in der nationalsozialistischen Zeit, als ich aus meiner Heimatstadt verjagt und verbannt und von einem Jugendfreund, dem Abt des Klosters Maria Laach, aufgenommen war. Ich weiß nicht, ob das nicht das schönste meiner Weihnachtsfeste war. Meine Frau und meine Kinder waren gekommen, der Christbaum war klein in einem Hotelzimmer aufgebaut, und es gab nur wenige Geschenke, aber wir, die wir getrennt worden waren, freuten uns des Zusammenseins." Adenauer erwähnte damals nicht, was auch manchem Hörer seiner Worte in lebhafter Erinnerung geblieben war: die fast paradoxe Lage, in der er sich an Weihnachten 1933 befand. Seit der gemeinsamen Schulzeit am Kölner Apostelngymnasium waren Abt Ildefons Herwegen und Konrad Adenauer befreundet. Politisch aber standen sie längst in entgegengesetzten Lagern. Adenauer, von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister von Köln und seit 1921 Mitglied und Vorsitzender des Preußischen Staatsrates, war einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der katholischen Zentrumspartei. Die 1892 wiederbesiedelte Benediktinerabtei Maria Laach aber hatte sich nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches zum Zentrum des Rechtskatholizismus im Westen Deutschlands entwickelt. "Unser Verlangen . . . geht nach dem Organischen, nach der lebensvollen Gemeinschaft", so formulierte Abt Herwegen im April 1918 im Vorwort zu Romano Guardinis epochemachendem Buch "Vom Geist der Liturgie". Sollte, was in der Kirche und dem Benediktinerorden recht war, für den Staat nicht billig sein? Die Weimarer Parteiendemokratie konnte dieser präfaschistischen politischen Theologie nicht genügen. Herwegen, ein überzeugter Royalist und Sympathisant des antirepublikanischen "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten", lehnte sie wie große Teile auch des westdeutschen Adels ab.

Als die Stunde des "totalen Staates" schlug, wollte der Abt nicht abseits stehen. Schon 1931 unterstützte Herwegen eine Eingabe einer Gruppe westfälischer Adliger an den Paderborner Bischof Klein, in der die Bischöfe aufgefordert wurden, ihre Vorbehalte gegen die NSDAP aufzugeben. Gleichzeitig ermunterte er junge Adlige, in die nationalsozialistische Partei einzutreten. "Die Gefahr steht links", lautete das Credo des Abtes des weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Klosters. Unter den Mönchen regte sich kein Widerspruch. Fast alle standen sie so weit rechts, daß sie sich unter der Führung ihres Abtes der Illusion hingaben, die Hitler-Partei habe kein kirchenfeindliches Programm.

Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 und Hitlers Bekenntnis zum Christentum am "Tag von Potsdam" kannte die nationale Begeisterung in Maria Laach keine Grenzen mehr. So traf am 26. April 1933 nicht nur Adenauer in der Abtei ein. Am selben Tag versammelten sich am selben Ort Mitglieder des neugegründeten "Bunds katholischer Deutscher - Kreuz und Adler" sowie Geistliche und Intellektuelle, um die Gründzüge einer "Reichstheologie" zu entwerfen. Carl Schmitt, der Bonner Staatsrechtslehrer, trat kurz nach seiner Rückkehr aus der Eifel, am 1. Mai 1933, in die NSDAP ein.

Die bis ins Groteske gehende Verschmelzung von Religion, Theologie und Politik hielt das ganze Jahr 1933 an. Während Adenauer von Maria Laach aus für seine Rehabilitation kämpfte und empörte Katholiken in Briefen Greueltaten der Nationalsozialisten schilderten und auf die Repressionen gegenüber Juden aufmerksam machten, arbeiteten die Mönche nach Kräften am Aufbau des neuen Reiches. Herwegen sprach im Mai auf der Schlageter-Gedenkfeier in Köln, vor Vertretern der Schützenbruderschaften sprach er vom Gleichklang des katholischen Mottos "Glaube, Sitte und Heimat" mit "Blut, Boden und Schicksal". Im Juli, während der 3. Soziologischen Sondertagung des Katholischen Akademikerverbandes zum Thema "Neuordnung von Staat und Gesellschaft im Licht des Reichsgedankens", gab Vizekanzler von Papen in Laach unter Glockengeläut den Abschluß des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und dem der Hitler-Regierung bekannt.

Im Winter 1933/34 geriet Herwegens Glauben an die göttliche Fügung des Dritten Reiches ins Wanken. Erste Maßnahmen gegen katholische Verbände, die Ernennung Alfred Rosenbergs ("Mythus des 20. Jahrhunderts") zum Chefideologen der Partei und erste Schikanen gegen seine Person und die Abtei ließen allmählich die bittere Gewißheit reifen, daß Christentum und Nationalsozialismus unvereinbar seien. Adenauer sprach im März 1934 von einer "Götterdämmerung". Sie wurde bald darauf durch die Entmachtung Papens und den Röhm-Putsch besiegelt.

Die Affinität der Laacher Benediktiner zum Nationalsozialismus und der Einsatz Herwegens für die Reichstheologie sind aus zeitgenössischen Berichten, aus Erinnerungen und einer fragmentarischen Edition der "Erinnerungen" des Abtes seit langem bekannt. Bis zu einer wissenschaftlichen Erforschung des Verhältnisses von Maria Laach und dem Nationalsozialismus mußten indes siebzig Jahren vergehen. Abt Anno Schoenen öffnete dazu Marcel Albert, einem Mitbruder aus Gerleve, das Klosterarchiv. So konnte der Ordenshistoriker viele erstmals öffentlich zum Sprechen bringen: Abt Herwegen mit seinen vollständigen "Erinnerungen", Prior Albert Hammenstede, den Annalisten der Abtei, und auch Theodor Bogler, den ewigen Offizier im Gewand des heiligen Benedikt. Von Albert ebenso souverän wie akribisch mit anderen zeitgenössischen Überlieferungen in Beziehung gesetzt, geben die überraschend reichhaltigen Dokumente den Blick frei in einen braunen Abgrund katholisch-totalitären Denkens und Handelns.

Alberts Rekonstruktion der Abteigeschichte endet nicht mit dem Jahr 1934. Der Benediktiner verfolgt das Schicksal der Mönche bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches. Wie alle anderen Ordenshäuser wurde auch Maria Laach von der Gestapo überwacht und mit Devisen- und Sittlichkeitsprozessen überzogen, entging aber während des Klostersturms 1941 einer Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten. Mächtige hielten die Hand über das Eifelkloster.

Doch Böses ohne Gutes gibt es nicht. Die Nähe der Mönche zu den Nationalsozialisten hatte Adenauer fast ein Jahr lang Schutz geboten. So erinnerte sich der Bundeskanzler 1951 dankbar an das Weihnachtsfest 1933 in Maria Laach: "Und der Gottesdienst war so ergreifend. Er begann am hl. Abend um 10 Uhr in der herrlichen Basilika, er dauerte bis 2 Uhr nachts. Die alten Metten und Choräle wurden gesungen und unsere schönen deutschen Weihnachtslieder . . . Alle waren hingegeben dem großen Geheimnis, das gefeiert wurde. Draußen lag Schnee, es funkelten die Sterne, und eine große wunderbare Stille lag auf Berg und See."

DANIEL DECKERS

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zwar ist es bereits bekannt gewesen, dass die Benediktermönche des Klosters Maria Laach schon vor 1933 in eine nationale Begeisterung verfielen, die dann mit der Machtergreifung Hitlers noch verstärkt wurde, jetzt aber wurden die Türen des Klosterarchivs geöffnet und damit der wissenschaftliche "Blick frei in einen braunen Abgrund katholisch-totalitären Denkens und Handelns", schreibt Rezensent Daniel Deckers. Der Ordenshistoriker Marcel Albert hat die "überraschend reichhaltigen Dokumente" ausgewertet und vollzieht die Entwicklung der Mönche um Abt Herwegen nach, ihre Hinwendung zur NSDAP, ihre Mitarbeit an der Idee einer "Reichstheologie", ihre schließliche Erkenntnis, dass "Christentum und Nationalsozialismus unvereinbar seien", zu der sie allerdings nur aufgrund der zunehmenden Schikanen der Nazis kamen. Bis dahin, schreibt Deckers, "arbeiteten die Mönche nach Kräften am Aufbau des neuen Reiches". Fazit unseres Rezensenten: Eine überfällige Aufarbeitung der Aktivitäten am zentralen Ort des Rechtskatholizismus in Weimarer Republik und Drittem Reich.

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