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Zwei Erwachsene, vier Kinder, ein Museum mit klassischen Gemälden: Was als gewöhnlicher Ausflug beginnt, wird von einem Anschlag im Foyer des Gebäudes durchbrochen. Gemeinsam mit den Museumsbediensteten versuchen die Erwachsenen Normalität vorzutäuschen, doch mit ihren vorwitzigen Fragen zu den Heiligen und Helden, Märtyrern und Ungeheuern auf den Gemälden machen ihnen die Kinder dieses Vorhaben nicht gerade leicht. Hanno Millesi unternimmt in seinem neuen Roman einen kenntnisreichen und humorvollen Streifzug durch die christlich-europäische Kulturgeschichte und spiegelt darin die Gegenwärtigkeit terroristischer Anschläge und medialer Hysterie.…mehr

Produktbeschreibung
Zwei Erwachsene, vier Kinder, ein Museum mit klassischen Gemälden: Was als gewöhnlicher Ausflug beginnt, wird von einem Anschlag im Foyer des Gebäudes durchbrochen. Gemeinsam mit den Museumsbediensteten versuchen die Erwachsenen Normalität vorzutäuschen, doch mit ihren vorwitzigen Fragen zu den Heiligen und Helden, Märtyrern und Ungeheuern auf den Gemälden machen ihnen die Kinder dieses Vorhaben nicht gerade leicht.
Hanno Millesi unternimmt in seinem neuen Roman einen kenntnisreichen und humorvollen Streifzug durch die christlich-europäische Kulturgeschichte und spiegelt darin die Gegenwärtigkeit terroristischer Anschläge und medialer Hysterie.
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition Atelier
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 152
  • Erscheinungstermin: 3. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 197mm x 128mm x 16mm
  • Gewicht: 256g
  • ISBN-13: 9783903005372
  • ISBN-10: 3903005371
  • Artikelnr.: 50109276
Autorenporträt
Millesi, Hanno
Hanno Millesi, geboren in Wien; Studium an der Universität und an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Auszeichnungen u.a.: Reinhard-Priessnitz-Preis (2017), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, Staatsstipendium für Literatur des BKA. Zuletzt in der Edition Atelier erschienen: "Der Schmetterlingstrieb".
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.06.2018

Alarm im
Museumsbezirk
In Hanno Millesis Roman „Die vier Weltteile“ erlebt
eine Familie einen Anschlag inmitten von Kunst
Springlebendig sind die vier Kinder, die durch diesen Roman hüpfen, man kann sie sogleich auseinanderhalten: Iggy, der Älteste, ein Freund des Chaos, des Abenteuers und der klugen Einfälle, die umsichtige Emily, aufmerksam und einfühlsam, Konrad, der Jüngste und Ängstlichste, und schließlich Tessa, die in einer eigenen Sphäre zu leben scheint. Man könnte die putzmunteren Zeitgenossen, die zu beaufsichtigen keine leichte Übung ist, aber auch für die Verkörperung der vier Temperamente halten. Eines jedenfalls erkennt man auf den ersten Blick: Jedes Kind nimmt die Welt anders wahr und geht anders auf sie zu.
Eine Welt im Kleinen entwirft der 1966 geborene Österreicher Hanno Millesi in seinem neuen Roman. Es ist eine fein konstruierte Kunstwelt, in der sich das wirkliche Leben so verfängt, dass wir es in aller Ruhe betrachten können. Zwei Erwachsene streifen mit den vier Kindern durch die Gemäldesammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Sie betrachten die berühmten Gemälde. Die Kinder mit frischem Blick und in ständiger Bewegung. Das Paar, das sie begleitet, mit der gespaltenen Aufmerksamkeit von Erwachsenen, die mindestens ebenso sehr mit ihrer Verantwortung wie mit den Kunstwerken beschäftigt sind. Und ihre Verantwortung ist groß. Die letzten Augenblicke im „Zeichen der Unbekümmertheit“ gehen gerade vorüber.
Hanno Millesi konstruiert ein spielerisches Ernstfall-Szenario, das es ihm erlaubt, ebenso freihändig wie dringlich mit seinen Figuren umzugehen. Während sich die Kinder von den Bildern beeindrucken lassen – der kleine Konrad ist ganz starr vor Schreck, als er das Krokodil mit dem aufgerissenen Maul auf dem Gemälde von Peter Paul Rubens sieht, das dem Roman seinen Titel gibt –, begreifen Wanda und der Erzähler, dass tatsächlich etwas Gefährliches vor sich geht.
Der sichtbar überforderte Aufseher simuliert Gelassenheit und spricht von einem „technischen Problem“. Mit Blicken verständigen sie sich, was zu tun ist. Dabei sind Missverständnisse nicht auszuschließen, auch die Temperamentsunterschiede führen zu Konflikten. Wollen sie die Kinder möglichst sicher durch die Gefahrensituation lotsen, müssen sie ihre eigenen Emotionen unter Kontrolle bringen. Doch wer hat seine Gefühle schon so im Griff, dass er sie unter höchster Anspannung in Zaum halten kann? Der Roman lässt sich auf mehreren Ebenen lesen, nicht nur als lebendige Entfaltung bedeutender Kunstwerke, von Pieter Bruegels d. Ä. „Turmbau zu Babel“, das dem chaotischen Iggy besonders gut gefällt, über Tintorettos „Susanna im Bade“ bis hin zu Gentileschis „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“, in dem sich die kleine Gruppe wiederzuerkennen meint.
Hanno Millesi, der an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert hat und in den 1990er-Jahren unter anderem Assistent von Hermann Nitsch war, findet mit der Verknüpfung verschiedener Kinder- und Erwachsenenperspektiven einen guten Weg, die kunsthistorisch zu Tode analysierten Werke der Sammlung in ein anderes Licht zu stellen. Die Szenen, Temperamente, Charaktere und Gefühle dieses Romans umspielen die Schwelle zwischen Kunst und Leben.
Gewalt und Schrecken, Schmerz und Angst, scheinbar auf der Leinwand gebannt, diffundieren in das erste Stockwerk des Museums, das vom Personal abgeriegelt wurde. Einmal wagt der Erzähler einen Blick aus einem zufällig offen stehenden Fenster. Unten sieht er Polizei und Krankenwagen, Medienvertreter und eine aufgeregte Menschenmenge. Eine verwirrte Frau hat ihnen zuvor schon die Botschaft von einem „Attentat“ zugetragen. Später wird er aus den Medien erfahren, dass ein gewisser Hussein Y. einen Anschlag auf das Museum als „Tempel westlicher Dekadenz“ geplant hatte, allerdings wollte er nur ein Gemälde zerstören und wurde schon im Foyer gestoppt.
Auch die Kinder merken, dass etwas im Gange ist. Iggy kommt jedes Abenteuer recht. Emily bildet mit dem Erzähler eine Achse der Beschwichtigung. Sie stellt sich ganz darauf ein, Konrad zu beruhigen, während Wanda, die Erwachsene, immer mehr in Panik gerät.
Zwischen der „Besserwisserei“, mit der sie Gemälde kommentiert, und der unaufhaltsamen Verdunkelung ihres Gemüts, findet sie keinen Weg, den Erzähler bei seiner Suche nach einer Rhetorik der Beruhigung zu unterstützen. Wie moduliert man Stimmungen? Was sagt man, und was verschweigt man besser? Wie hält man eine Gruppe zusammen, eine Familie womöglich, die längst auseinandergebrochen ist (denn in welchem Verhältnis die sechs Hauptpersonen zueinander stehen, bleibt bis zum Schluss offen)?
Die Wiederbelebung von Kunstwerken durch einen kenntnisreichen, aber nicht kunsthistorischen Blick ist in der deutschsprachigen Literatur schon beinahe ein Genre. Von Brigitte Kronauer über Anne Duden und Arnold Stadler bis hin zu Martin Mosebach verstehen Schriftsteller die bildende Kunst als eine Schule der Wahrnehmung und Menschenkenntnis. Weniger pädagogisch als Éric-Emmanuel Schmitt, mit erstaunlicher Anmut und Natürlichkeit entwickelt Millesi in „Die vier Weltteile“ ein apartes Zwischenreich, eine Sphäre zwischen Ernstfall und Spiel, in der grundlegende Fragen des Menschseins verhandelt werden.
„Code Zero“ nennt der Aufseher die Anweisung, im Ernstfall mit Worten sparsam umzugehen. Auch der Autor, von dem zuletzt der Roman „Der Schmetterlingstrieb“ und die Novelle „Venusatmosphäre“ erschienen sind, setzt seine Worte mit Bedacht und findet doch zu einem angenehmen Rhythmus. Sein Roman verhandelt Schwellen aller Art, nicht zuletzt den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter. Er enthält auch eine kleine Medientheorie, die dem erfindungsreichen Iggy in den Sinn kommt: Im Gegensatz zum Film, der eine Geschichte zu Ende erzählt, lösen Gemälde einen Gedankengang aus, der im Kopf des Betrachters fortgeführt wird.
Auch in dieser Hinsicht trägt der Roman seinen Titel zu Recht. Anders als im Computerspiel „Mafia: The City of Lost Heaven“ von 2002, in dem das Kunsthistorische Museum Wien detailgetreu simuliert wurde, entwirft „Die vier Weltteile“ sein Höhlengleichnis des Medienzeitalters mit den Mitteln jahrhundertelang tradierter Kunst.
MEIKE FESSMANN
Die Perspektiven werden so
verknüpft, dass ein neuer Blick
auf alte Werke entsteht
Wie hält man eine Familie
zusammen, die womöglich
längst auseinandergebrochen ist?
Hanno Millesi: Die vier Weltteile. Roman. Edition Atelier, Wien 2018. 152 Seiten, 18 Euro.
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"... der Roman macht definitiv Lust auf Kunst." (Nicole Scheyerer, Falter)