Nachgelassene Prosa und Dramenfragmente - Keller, Gottfried

64,00
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Buch mit Leinen-Einband

Jetzt bewerten

Produktdetails
  • Verlag: Stroemfeld; Nzz Libro
  • Seitenzahl: 699
  • Erscheinungstermin: Januar 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 252mm x 167mm x 58mm
  • Gewicht: 1274g
  • ISBN-13: 9783878777182
  • ISBN-10: 3878777183
  • Artikelnr.: 12006078
Autorenporträt
Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 in Zürich geboren. Nach dem Verweis von der Industrieschule Zürich bildete er sich autodidaktisch weiter. Ab 1840 lebte er als Maler in München, 1842 kehrte er nach Zürich zurück und widmete sich, unterstützt von der Mutter, dem Schreiben. 1846 erschien ein Band seiner Gedichte, 1848/49 hatte er ein Stipendium zum Studium in Heidelberg. Von 1850 bis 1855 hielt Keller sich in Berlin auf. Ab 1861 war er erster Stadtschreiber in Zürich, er pflegte Bekanntschaften u.a. mit Paul Heyse, Theodor Storm und Richard Wagner. Er starb am 15. Juli 1890 in Zürich.
Rezensionen
Besprechung von 12.04.1997
Lesen verpflichtet
Gottfried Keller, historisch-kritisch · Von Heinz Schlaffer

"Die HKKA wird zwar von Fachleuten gemacht, aber es ist ihr Ehrgeiz, möglichst viele Keller-Leserinnen und -Leser zu einer erneuten Beschäftigung mit dem großen Autor anzuregen", heißt es "zum Geleit" der neuen Ausgabe von Gottfried Kellers sämtlichen Werken. Doch bereits die rauhe Buchstabenfolge HKKA, die Abkürzung für die künftige "Historisch-kritische Keller-Ausgabe", mag jene erhofften Leser zweifeln lassen, ob wirklich sie und nicht ausschließlich die Fachleute einer solchen Ausgabe gewachsen sind, die für den editorischen Apparat nicht weniger Bände vorsieht als für die poetischen Werke. Selbst Studenten philologischer Fächer scheuen den Umgang mit historisch-kritischen Editionen, weil sie die Terminologie und die abkürzenden Zeichen der Herausgeber wie eine Fremdsprache erst erlernen müßten. Um gar die Darstellung von Varianten zu verstehen, bedarf es der Geduld, der Liebe zum Detail und logischer Fähigkeiten, die nur selten zur Ausstattung eines Liebhabers von Literatur gehören.

Die heute übliche Unterscheidung zwischen "Leseausgaben" und "historisch-kritischen Ausgaben" deutet darauf hin, daß letztere, anders als es das Geleitwort zur HKKA wünscht, nicht zum Lesen bestimmt sind. Zumindest müssen sie auf andere Weise gelesen werden: nicht fortlaufend, von links nach rechts, von der ersten bis zur letzten Seite, sondern als ein räumliches Tableau, in dem die Wörter, sogar die Buchstaben vorne und hinten, oben und unten gleichzeitig und gleichberechtigt präsent sind. Solche Aufhebung der Sukzession bestimmt auch das Verhältnis der Bände untereinander: Ein und dasselbe Gedicht Kellers wird im neunten Band dieser Ausgabe in der vom Dichter intendierten endgültigen Gestalt zu lesen sein, im dreizehnten Band in einer früheren Fassung, im sechzehnten Band als Skizze in einem Notizbuch, im fünfundzwanzigsten und siebenundzwanzigsten Band mit allen Varianten zwischen erster und letzter Gestalt.

Lesen heißt für den Philologen Verweilen. Er umgibt einen Text, der dem zutraulichen Leser als der einzige gilt, mit vielen möglichen Texten, die in der Arbeit des Schriftstellers als Alternativen existierten. Der Weg von der ersten zur letzten Fassung ist nicht immer ein Fortschritt. Unterwegs schleichen sich neben Verbesserungen auch Verschlechterungen von eigener wie von fremder Hand ein, so daß der Herausgeber den scheinbar endgültigen Text mit ästhetischem ebenso wie mit historischem Recht wieder zu den Etappen seiner Entstehung zurückführen muß. Er macht den eindeutigen Zeitverlauf rückgängig; daher muß auch der Leser solcher Ausgaben die gewohnte Leserichtung verlassen, um die veränderliche Gestalt des Textes durch die Geschichte ihrer Realisationen zu verfolgen.

Historisch-kritische Gesamtausgaben müssen auf den Liebhaber und Laien als Käufer und Leser hoffen - mit ihm rechnen dürfen sie kaum noch. Der Preis für den unbezweifelbaren Fortschritt der Editionstechnik ist ihre zunehmende Kompliziertheit; die Anforderungen an die Benutzer sind allzu hoch geworden. Vorüber sind jene glücklichen Zeiten, da Jonas Fränkel, der 1926 zum erstenmal Kellers "Sämtliche Werke" mit historisch-kritischem Anspruch zu veröffentlichen begann, noch an einen eindeutigen Text glauben konnte und den Apparat begrenzte, um die Dichtung in schönen, schmalen Bänden handlich und lesbar zu machen. Dafür nahm er Verkürzungen bei der Wiedergabe der Varianten und Inkonsequenzen bei der Wahl der Textgrundlage in Kauf, die ihm nun die neuen Editoren unter der Leitung von Walter Morgenthaler verständnisvoll, aber unerbittlich vorrechnen. Sie tragen ihre Einwände, ihre Prinzipien so durchdacht vor, daß an der philologischen Überlegenheit ihres Verfahrens nicht zu zweifeln ist, auch nicht an seinen Kosten: Ausgaben solcher Art werden umfangreich, teuer und in Jahrzehnten noch nicht abgeschlossen sein.

Doch praktische Erwägungen über Nutzen und Grenzen historisch-kritischer Ausgaben werden deren eigentlicher Bestimmung nicht gerecht. Sie sind nicht Objekte der Privatlektüre, sondern Monumente einer Nationalkultur. Hat ein Autor den Rang eines Klassikers erreicht - wie Keller bereits einige Jahre vor seinem Tode -, so sieht sich die Nachwelt zu einer monumentalen, und das heißt im Zeitalter der akademischen Nationalphilologien: zu einer historisch-kritischen Ausgabe verpflichtet. Darum mußten und konnten die Initiatoren dieser Edition die Repräsentanten der bürgerlichen Öffentlichkeit (hier den Zürcher Kantonsrat) für ihren Plan gewinnen. In deren Zustimmung sehen sie den "Ausdruck des Bewußtseins, daß es längerfristig auf die geistigen Ressourcen von Staat und Gesellschaft nicht weniger ankommt als auf die materiellen".

Ob und wie die Ressource "Sämtliche Werke" dereinst gebraucht wird, muß die Nachwelt entscheiden. Solange historisch-kritische Ausgaben auf eine unerschütterliche Fortdauer der bürgerlichen Bildungsidee vertrauen konnten, waren die epischen Zeiträume, die bis zum Abschluß der Ausgabe vergehen konnten, selbst ein Beleg für die Fortdauer so schöner Verhältnisse. Heute, da eine Zukunft denkbar, wenn nicht schon eingetreten ist, in der der klassischen literarischen Bildung nur noch eine geringe öffentliche Bedeutung zukommt, reicht das Ende einer gerade begonnenen Edition in eine Epoche, deren Bedürfnis nach "geistigen Ressourcen" sich nicht prognostizieren läßt. Um wenigstens die mutmaßliche Lese- und Arbeitstechnik späterer Generationen nicht zu verfehlen, begleitet jeden Band von Kellers sämtlichen Werken und sämtlichen Varianten eine CD-ROM-Fassung - ein Novum in der Geschichte der Editionen. In die Computer jedenfalls paßt die neue Ausgabe, auch wenn sie nicht mehr in die Köpfe derer passen sollte, die vor dem Computer sitzen.

Zum Trost für altmodische Leser von heute ist der Einführungsband ein Dokument humaner Philologie, nicht allein der gefälligen Beigaben wegen: Kellers Lebenslauf, zeitgenössische Photographien, Faksimiles und eine CD-ROM, die das strenge Geschäft einer textkritischen Lektüre "mit spielerischen Komponenten" erheitern soll. Das Konzept, das Morgenthaler und seine Mitarbeiter vorstellen und exemplarisch an Kellers "Tanzlegendchen" erproben, überzeugt durch Klarheit, Konsequenz und Vollständigkeit, auch durch die Gerechtigkeit früheren Editionen, den eigenen Möglichkeiten und schließlich dem Autor gegenüber, dessen bedenkliche Gewohnheit, Manuskripte in Druck zu geben, deren Ende er noch gar nicht geschrieben hatte, zu oft inkorrigiblen Ungereimtheiten führen mußte.

Das Kapitel über "Keller und seine Verleger" besitzt eigenständigen Wert als tragikomisches Porträt schriftstellerischer Tätigkeit (und Untätigkeit), jenes über die Nachlaßverwaltung verrät ohne Scheu, "wie eng verquickt" in deren Entscheidungen "Pietät für den verstorbenen Dichter und Freund und marktorientierte Überlegungen" waren. Der Bericht über die Geschichte früherer Editionen verschweigt auch nicht die unrühmliche Behandlung, die der jüdische Herausgeber der "Sämtlichen Werke", Jonas Fränkel, in der Zeit des Dritten Reichs von den Zürcher Behörden erfuhr. Diese fürchteten, daß Fränkels Kommentare von den deutschen Nationalsozialisten als "hebräische Bosheit" ausgelegt werden könnten, nahmen ihm die Arbeit aus der Hand und übergaben sie dem Schweizer Carl Helbling, der nur mäßige philologische Fähigkeiten besaß, so daß die Ausgabe ein Torso blieb.

In den letzten Jahrzehnten hatte sich die Gunst der Philologie der jeweils ersten Fassung eines Textes zugewandt. Mit ihr verbinden sich Vorstellungen von Ursprung, Kühnheit, Neuerung. Wirksam jedoch, weil von einem größeren Publikum gelesen, wurden meistens erst die späteren Fassungen. Für sie spricht also die literaturgeschichtliche Tradition. Ihr verpflichtet sich auch die HKKA durch die Wahl der zehnbändigen Ausgabe der "Gesammelten Werke" von 1889 als Textvorlage. Sie war im Todesjahr Kellers erschienen, von ihm geplant, aber wegen seiner Krankheit nicht mehr von ihm selbst korrigiert worden. Dieses Manko hatte bisherige Herausgeber, auch die der soeben abgeschlossenen "Sämtlichen Werke" im Deutschen Klassiker Verlag, dazu bewogen, auf frühere Drucke zurückzugreifen, an denen die Mitarbeit des Autors gesichert war. Für die Textvorlage von 1889 spricht jedoch, daß bereits ihre Anordnung - zehn Bände, mit dem "Grünen Heinrich" (in der zweiten Fassung) am Anfang und mit den Gedichten am Ende - ein Vermächtnis des Dichters darstellt. In dieser Gestalt, die auch einer Rangfolge der Werke entspricht, wurde Keller zum Klassiker. Während die erste Abteilung der neuen Ausgabe wiederum diese zehn Bände bringt, versammelt eine zweite Abteilung frühere Fassungen, eine dritte den Nachlaß (in "integraler Wiedergabe", das heißt, mit Faksimiles und Umschrift), die vierte schließlich den kritischen Apparat. Eine solche Trennung von Werken, Nebenwerken und Textkritik bietet den Vorteil, später einmal die Dichtungen - kritisch überprüft, doch unbelastet von einem Apparat - allen, die nur Leser und nicht Philologen sind, als preiswerten und dennoch gesicherten Text zur Verfügung zu stellen. Es bleibt nur zu hoffen, daß es dann immer noch "möglichst viele Keller-Leserinnen und -Leser" gibt.

Gottfried Keller: "Sämtliche Werke". Historisch-kritische Ausgabe. Herausgegeben von Walter Morgenthaler. Einführungsband. Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt am Main / Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1996. 369 S., geb., mit CD-ROM, 48,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Zunächst einmal unterstreicht Hanno Helbling, wie "wunderbar hilfreich" die historisch-kritische Gesamtausgabe zur "Erschließung" des Gesamtwerks von Gottfried Keller ist. In den jetzt erschienenen Bänden 18 und 31 sind Prosatexte und Dramenfragmente aus dem Nachlass enthalten, teilt der Rezensent mit. Er beschäftigt sich in seiner Rezension hauptsächlich mit dem dramatischen Fragment "Therese", in dem eine Frau sich in den Verlobten der Tochter verliebt und daran zugrunde geht. Allerdings kann Helbling dem Stück nicht besonders viel abgewinnen. Dessen "Hauptschwäche" liegt, so der Rezensent bestimmt, in der Tatsache, dass es sich bei den Protagonisten um "grundanständige Menschen" handelt. Zum Vergleich zieht Helbling ein kurz nach Kellers Drama entstandenes Stück von Giovanni Verga hinzu, das die gleiche Problematik wie "Therese" behandelt, diese aber, wie Helbling findet, wesentlich lebensnäher und interessanter darstellt. Allerdings will der Rezensent diese Anmerkungen "lediglich als "Fußnote" zur Gesamtausgabe verstanden wissen und lobt noch einmal nachdrücklich die "gewichtige Arbeit" der Herausgeber.

© Perlentaucher Medien GmbH