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Eine Afrikareise in der Kindheit wurde für Le Clézio, einem der bedeutendsten zeitgenössischen französischen Schriftsteller, zur Initiation. Hier lernte er eine Welt kennen, die ihn mit ihren fremden Lebensformen, den exotischen Gerüchen und Farben in ihren Bann schlug und nie wieder loslassen sollte. Und so erzählt er von der Reise, die ihn 1948 nach Afrika führte und wo er zum ersten Mal seinem Vater begegnete. Einem Tropenarzt, der in Nigeria Lepra und Sumpffieber kurierte, den Kolonialismus hasste, mit einer Piroge das Landesinnere erkundete und Landschaften und Menschen fotografierte. Und…mehr

Produktbeschreibung
Eine Afrikareise in der Kindheit wurde für Le Clézio, einem der bedeutendsten zeitgenössischen französischen Schriftsteller, zur Initiation. Hier lernte er eine Welt kennen, die ihn mit ihren fremden Lebensformen, den exotischen Gerüchen und Farben in ihren Bann schlug und nie wieder loslassen sollte. Und so erzählt er von der Reise, die ihn 1948 nach Afrika führte und wo er zum ersten Mal seinem Vater begegnete. Einem Tropenarzt, der in Nigeria Lepra und Sumpffieber kurierte, den Kolonialismus hasste, mit einer Piroge das Landesinnere erkundete und Landschaften und Menschen fotografierte. Und er erzählt die Liebesgeschichte seiner Eltern, die in Kamerun, vor seiner Geburt, spielt, als der Traum eines von Krankheit und Fremdherrschaft befreiten Afrika noch realisierbar schien.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Deutsch
  • Abmessung: 20, 5 cm
  • Gewicht: 234g
  • ISBN-13: 9783446209480
  • ISBN-10: 3446209484
  • Artikelnr.: 22793609
Autorenporträt
Jean-Marie Gustave Le Clézio wurde 1940 in Nizza geboren und studierte in Frankreich und England Literatur. Er veröffentlichte über dreißig Bücher - Romane, Erzählungen und Essays. Der promovierte Literaturwissenschaftler zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen französischen Schriftstellern. 2008 wurde Jean-Marie Gustave Le Clézio der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2007
Die Treue zur Blechgamelle
Zweimal Afrika: Der französische Autor Le Clézio setzt seinem Vater ein literarisches Denkmal
Hinter dem Autor Le Clézio steht ein anderer Afrikaner, sein Vater. Der in Nizza aufgewachsene Le Clézio kam 1948 achtjährig mit seiner Mutter und seinem Bruder zum ersten Mal nach Nigeria und lernte dort seinen Vater kennen, einen Tropenarzt im Dienst des britischen Kolonialreichs. Dem Vater kam er nicht nahe, dafür war der Sonderling schon zu verbittert. Doch fand der Sohn in der Grasebene am Flusstal mit den Termitenhügeln, den Iroko- und Okumebäumen, den Kindern aus dem Dorf, dem Geruch von Erdnusssuppe und Yamswurzelbrei, der sengenden Sonne und den jähen Gewittern eine ihn dauerhaft prägende Welt. Diese Verbundenheit mit dem Schwarzen Kontinent ist Thema dieses Buchs: ein Lebensbericht, ein postumer Annäherungsversuch, eine Meditation übers alte und neue Afrika.
   Le Clézios Literatur strebt immer danach, uns Fremdartigkeit frei von Exotik nahe zu bringen. Hier ist ein Schlüssel dazu. Spiegel kamen in der Umgebung des Achtjährigen nicht vor, keine Bilder und gerahmte Darstellungen, dafür aber Körper in ihrer Unmittelbarkeit – glänzende Rücken, hervorstehende Bäuche, Gerüche, von Narben übersäte, stilisierte Maskengesichter, schwere Brüste.
Der Sohn wuchs nicht in der feinen Kolonialwelt auf, die aus der Literatur bekannt ist. Sein Vater hasste alles, was nach Kolonialsystem aussah, aß bis zuletzt aus seiner emaillierten Blechgamelle, zog den geschnitzten Möbeln seinen alten Klappstuhl aus Bambus vor, liebte Holzfiguren und Masken, weil sie Teil seiner Welt, nicht weil sie „schön” waren. Doch er fotografierte. Und aus diesen Fotos, die in den Text dieses Buchs eingestreut sind, liest Le Clézio die entscheidende Wende heraus, die ihm den Vater endgültig unzugänglich machte.
   Mit seiner Frau durchstreifte der Vater in der Zwischenkriegszeit zu Pferd das Hochland Westkameruns und war glücklich. Der zweite Weltkrieg zerstörte diesen afrikanischen Traum. Die Frau saß nach dem deutschen Einmarsch mit den zwei Kleinkindern in Frankreich fest. Nach einem gescheiterten Versuch, sie über die Sahara nachzuholen, blieb der Vater in der Routine eines nigerianischen Landkrankenhauses jahrelang ohne Nachricht von ihnen. Als sie schließlich kamen, war es zu spät. Der Abenteurer hatte begriffen, dass er auch als Arzt nur ausführendes Organ der Kolonialmacht war. Dazu kam die Gewalt von Stammesfehden und Racheakten in jener Gegend – manche Obduktion von Mordopfern musste der Arzt im Verdacht auf Kannibalismus vornehmen. Der Zauber Afrikas war für ihn gebrochen. Was der Sohn in der nigerianischen Flusslandschaft als Kinderglück und Freiheit erlebte, war für den Vater nur noch Nachspiel.
   Doch finden die beiden in diesem Buch zueinander. Der Autor phantasiert sich auf den Lebensspuren des Vaters in eine Welt, in der Glück und Katastrophe, Drama und Fest eng beieinander wohnen. Er tut dies mit der Ausdruckskraft eines großen Schriftstellers, wagt sich aber, etwa in der imaginierten Hochzeitsnacht der Eltern zu den ausgelassenen Festtrommeln draußen, zu nah ans Klischee und streut manche politischen Überlegungen wie jene zum Biafrakrieg zu unvermittelt ein. Dennoch entstand eine bezaubernde Huldigung an Afrika, von der landläufigen Elendsrhetorik gleich weit entfernt wie von naiver Verklärung. Uli Wittmanns wendige und zugleich straffe Übersetzung wäre vorbildlich, hätte sie auch die geringfügigen Unachtsamkeiten und Patzer – „karikaturale Seite”, Lichtbrechung statt Lichtspiegelung – vermieden. JOSEPH HANIMANN
J.M.G. Le Clézio
Der Afrikaner
Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Carl Hanser Verlag, München 2007. 136 Seiten, 14,90 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Sehr angetan ist Rezensent Walter van Rossum von dieser autobiografischen Erzählung, in der J.M.G. Le Clezio sich mit der Abstammung seiner Familie aus Mauritius, seiner Kindheit in Westafrika und seinem Vater auseinandersetzt. Besonders die Diskretion und die literarischen Umwege, auf denen dieser Autor zu seinem Vater gelangt, findet van Rossum ganz wunderbar und spricht von einer "magischen Berührung" von Vater und Sohn in literarischen Sphären. Aber auch die "intensiven Beschwörungen" existenzieller Kindheitsmomente gehen dem Rezensenten sichtlich unter die Haut.

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