Alles nur gekauft (eBook, ePUB) - Engels, Jens-Ivo
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  • Format: ePub


Im Ranking des Korruptionswahrnehmungsindexes 2018 von Transparency International rutscht Deutschland auf Platz 11 - deutsche Wirtschaftsbosse sind besorgt ... Korruption zieht sich durch die gesamte Geschichte der Bundesrepublik. Schon die Entscheidung für Bonn als Hauptstadt 1949 war erkauft. Realitätsfern wäre es, sich ein demokratisches Gemeinwesen vorzustellen ohne Verquickungen von Politik einerseits und Wirtschaft und Geld anderseits. Eine Bananenrepublik, wie in Folge der Flick-Affäre häufig gesagt, ist Deutschland deshalb trotzdem nie gewesen. Jens Ivo Engels, der sich als erster…mehr

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Produktbeschreibung
Im Ranking des Korruptionswahrnehmungsindexes 2018 von Transparency International rutscht Deutschland auf Platz 11 - deutsche Wirtschaftsbosse sind besorgt ... Korruption zieht sich durch die gesamte Geschichte der Bundesrepublik. Schon die Entscheidung für Bonn als Hauptstadt 1949 war erkauft. Realitätsfern wäre es, sich ein demokratisches Gemeinwesen vorzustellen ohne Verquickungen von Politik einerseits und Wirtschaft und Geld anderseits. Eine Bananenrepublik, wie in Folge der Flick-Affäre häufig gesagt, ist Deutschland deshalb trotzdem nie gewesen. Jens Ivo Engels, der sich als erster deutscher Historiker wissenschaftlich mit der Thematik auseinandergesetzt hat, analysiert die wichtigsten Korruptionsfälle, bettet sie in ihr gesellschaftliches Umfeld wie in die internationale Diskussion um Transparenz und good governance ein und zeigt: die Diskussion von Korruption in der Öffentlichkeit ist ein herausragender Indikator für die jeweilige politische Verfasstheit eines Staates.

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  • Produktdetails
  • Verlag: wbg Theiss
  • Seitenzahl: 400
  • Erscheinungstermin: 01.08.2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783806240504
  • Artikelnr.: 57517893
Autorenporträt
Jens-Ivo Engels, geb. 1971, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt. Er gehörte zu den ersten deutschen Historikern, die sich mit Korruption beschäftigen, und hat unter anderem drei DFG-Forschungsprojekte zu diesem Thema geleitet.
Inhaltsangabe
Einleitung 9 Was ist Korruption? 14 Was bisher geschah: eine sehr kurze Geschichte der Korruption 16 Korruption in der Bonner Republik 1949 bis 1990 23 Neubeginn mit Hindernissen 25 Bares für Bonn? Die Hauptstadtaffäre 1951 25 Nach dem Nationalsozialismus: Demokratie als korruptionsfreie Alternative 33 Saubere Republik? Korruption in den ersten beiden Jahrzehnten 44 Kilb, Koblenz, Klett - Affären um 1960 44 Von der Reinheit des Staates - Korruptionsdebatten um 1960 52 FIBAG und Starfighter - die angezweifelte Ehre des Franz Josef Strauß 61 Gegenmaßnahmen: Antikorruptionsreferat und Bestechungsparagrafen 69 Der Fall Gerstenmaier 74 Stimmenkauf im Bundestag: Geldner, Steiner, Wienand in der sozialliberalen Ära 1970-1973 79 Die Mission der Regierung Brandt 81 Die Affären 86 Pragmatismus und Empörung: die politische Bewertung 94 Exkurs: Der Sport verliert seine Unschuld: der Bundesligaskandal 1971 100 Vorboten des Wandels: die Flick-Affäre 1981 bis 1986 105 Geistig-moralische Wende? Das politische Bonn in den 1980er-Jahren 106 Die Aufdeckung 112 Flicks Verbindungen 115 Ruckblick: die Geschichte der Parteienfinanzierung in der Bundesrepublik 119 Die Affäre 123 Moral, Parteienkritik und Transparenz 128 Rechtfertigungen und Kritik der Moralisierung 140 Große Wende: die Welt im Korruptionsfieber ab 1990 143 Moral und Effizienz: neue Ideen über Korruption und ihre Bekämpfung 145 Korruptionsbekämpfung und Neoliberalismus 146 Mit guter Regierung gegen Korruption 158 Mehr Markt und mehr Kontrolle: New Public Management und Compliance 164 Die Versprechen der Transparenz 170 Exkurs: Den Staat einhegen: Protagonisten und Profiteure der Transparenz im 20. und 21. Jahrhundert 173 Repressive Transparenz und Misstrauen: Warum Korruption nicht durch Transparenz besiegt wird 178 Interessen, Akteure, Politik: die Herrschaft der "Antikorruptionsindustrie" 184 Moral, US-Handelsinteressen und die Entstehung der globalen Antikorruptionsregime 186 Der "Washington-Konsens" gegen Korruption und die Weltbank 194 Antikorruption hat einen Namen: Transparency International 200 Die Gründungsgeschichte 200 Korruptionsindex und Integritätspakte: Transparencys Markenzeichen 204 Spinne im Netz der Antikorruptionsindustrie 212 Mehr Demokratie - mehr Diktatur? Politische Folgen der Antikorruptionsprogramme 216 Korruption in der Berliner Republik 1990 bis 2012 221 Nachwende und Treuhand 221 Politische Vertrauenskrise und Moralisierung in der Berliner Republik 229 Ein Politikfeld entsteht 235 Verwaltung und Gesetze 238 Experten und Antikorruptionsspezialisten 241 Die Antikorruptionslobby: Transparency International und andere NGOs 247 Der Deutungsrahmen 256 Die Wiederkehr des Antikorruptionspamphlets 256 Warum Korruption? Übeltäter und Ursachen in den Antikorruptionsschriften 261 In der Nische: linke antikapitalistische Korruptionskritik? 267 Transparenz in der Bundesrepublik 274 Herrschaftskontrolle und Ressentiment: Transparenz in der Bundespolitik 274 NGOs und Piratenpartei: Ruckwirkungen der Transparenz auf ihre Protagonisten 280 Bereicherung im Amt? Politikereinkünfte unter Beobachtung 284 Norbert Gansel und die Erfindung des "gläsernen Abgeordneten" 294 Affären und Skandale im wiedervereinigten Deutschland 300 "Freunde zu haben ...": Politiker und Industrielle in den frühen 1990er-Jahren 301 Dienstwagen- und Flugaffären 306 Kohls finale Affäre: der zweite CDU-Spendenskandal 1999-2000 311 Bonusmeilen und erste Zweifel am Skandalisierungsimperativ 2002 321 Abschied vom rheinischen Kapitalismus: Volkswagen und Siemens 2005-2007 324 Ein korrupter Präsident? Die Affäre Wulff 2011-2012 333 Fazit 345 Danksagung 358 Anmerkungen 360 Literatur 380 Personenregister 394
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.01.2020

Autoimmunerkrankung der Demokratie
Korruption seit 1949 - wie Politiker unter Generalverdacht gerieten

Am Ende, als die Justiz die Vorwürfe gegen Christian Wulff geprüft hatte, blieb nicht viel übrig vom Sturm der Entrüstung, der ihn aus dem Amt des Bundespräsidenten gefegt hatte. Trotzdem stand er vor den Trümmern seiner politischen Karriere. Das Staatsoberhaupt war über einen vielschichtigen Korruptionsskandal gestolpert, der mit einem zweifelhaften Hauskredit und einer vermeintlichen Lüge vor dem Landtag in Hannover begann, zu Berichten über Einladungen zum Essen und in den Urlaub führte und in einem geschenkten Bobby-Car seinen Höhepunkt fand. Der Freispruch Wulffs 2014 bildet den Schlusspunkt von Jens Ivo Engels' Buch "Alles nur gekauft? Korruption in der Bundesrepublik seit 1949". Der Bundespräsident a. D. entsprach dem "populären Politikerbild vom Schnäppchenjäger", schreibt Engels. Die Affäre stehe für eine "Art Quintessenz der elitenkritischen Korruptionsdebatte seit dem Beginn der 1990er-Jahre". Der Fall Wulff ist auch das Ende einer Skandalisierungsspirale, in der "Antikorruption" zur "politischen Obsession" geworden sei.

Seine Erzählung von der Korruption der Bundesrepublik beginnt der Autor mit einem Rückblick. Ende der vierziger Jahre habe es eine "populäre Gleichsetzung" von Nationalsozialismus und Korruption in der Öffentlichkeit gegeben. "Die Untaten der Nazis, das waren zunächst weniger Judenmord, Holocaust, Euthanasie, Verfolgung und Kriegsverbrechen, sondern vielmehr Korruption, Käuflichkeit und Bereicherung von Nazibonzen", schreibt Engels. Als besonders absurdes Beispiel führt der Autor den SS-Richter Konrad Morgen an, der sich während seines Entnazifizierungsverfahrens als Kämpfer gegen die Korruption in Auschwitz inszenierte. "Was man heute als Beitrag zur Optimierung der Schoah bewerten würde, galt [. . .] als moralische Heldentat." Der SS-Mann wurde entlastet.

Obwohl die junge Demokratie eine korruptionsfreie Alternative sein sollte, ereignet sich in den ersten Jahren der Bundesrepublik ein besonders schwerer Fall der Bestechung bei der Entscheidung, ob Bonn oder Frankfurt Hauptstadt werden soll. 1950 kam heraus, dass einzelne Mitglieder der Bayernpartei offenbar Geld dafür erhalten hatten, dass sie für die Stadt am Rhein stimmten. Engels erkennt im Hinblick auf die Medienberichterstattung dieser Zeit eine Strategie der "behutsamen Aufklärung", die zum Erfolg geführt habe.

Neben der Nacherzählung der großen Korruptionsaffären - von den Dienstwagen-Affären der Ära Adenauer über Fibag, Starfighter und das gescheiterte Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt - geht es um die Debatten und Bewertungen, die diese zur Folge haben. Im Zusammenhang mit den Parteiübertritten von SPD und FDP hin zu CDU und CSU im Jahr 1972 hatte Brandt in einem Interview behauptet, dass dabei Korruption eine Rolle gespielt habe. Das löste eine Welle der Empörung aus. Das "Reizwort Korruption", schreibt Engels, war noch immer tabu. Ironie der Geschichte: Erst viel später sollte sich herausstellen, dass das Misstrauensvotum gegen Brandt nur gescheitert war, weil offenbar der DDR-Geheimdienst Abgeordnete gekauft hatte - und damit den Fortbestand der sozialliberalen Koalition gesichert hatte.

Das Klima in Sachen Korruption sollte sich in den achtziger Jahren grundlegend ändern. Die Flick-Affäre und das Bekanntwerden eines illegalen Spendensystems, von dem alle Parteien mehr oder weniger profitierten, sollte zu einer massiven Parteienkritik führen und dem "Korruptionsfieber" der neunziger Jahre den Boden bereiten. In dieser Zeit wurden besonders die negativen Konsequenzen von Bestechung in der Wirtschaft beleuchtet, der Kampf für Transparenz wurde zum Wert an sich. Vor diesem Hintergrund durfte Helmut Kohl 1999 beim CDU-Spendenskandal nicht mit Gnade rechnen.

Darüber änderte sich auch der Umgang mit Korruptionsvorwürfen durch die Politik. Der junge Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir (Grüne) trat 2002 nur einen Tag nach dem Bekanntwerden der Bonusmeilen-Affäre zurück; er hatte Flugmeilen, die er durch Dienstreisen bekommen hatte, privat eingesetzt. Auch in Özdemirs raschem Handeln erkennt Engels einen Grund dafür, dass er später relativ unbeschadet zunächst ins Europaparlament und später in den Bundestag zurückkehren konnte. In der Reflexion des Falles sprach etwa "Die Zeit" vom "Generalverdacht gegen eine als gierig angesehene Politikerklasse", der "Spiegel" beklagte eine "Wallungsdemokratie". Das Lamento der Medien vergleicht Engels mit dem berühmten Zauberlehrling, der die Geister nicht loswird, die er gerufen hat. Ein erheblicher Teil der Korruptionsdebatte hat aus Engels' Sicht das Zeug zu einer "Selbstkannibalisierung der Demokratie". Die Kritik an der vermeintlichen Korruption sei wie eine "Autoimmunkrankheit": Sie lasse das Vertrauen in die Integrität des politischen System erodieren, dessen Ausdruck sie selbst ursprünglich war. Der Autor erkennt sogar eine gewisse Tragik der Korruptionskritiker, die mit ihrer Aufklärung die Demokratie besser machen wollten, damit aber Populisten in ihrem Kampf gegen das Establishment den Weg bereiteten.

Der abwägende Blick des Autors macht den fast 400 Seiten starken Band besonders lesenswert. Engels entlastet die Politik keineswegs, ihm geht es vielmehr um die Gefahren obsessiver Korruptionsbekämpfung. Wenn er schreibt, dass nur "wenige staatspolitische Entscheidungen von großer Reichweite" durch Korruption zustande gekommen sind - die Hauptstadtentscheidung und das gescheiterte Misstrauensvotum gegen Brandt -, mag das stimmen, greift aber trotzdem zu kurz. Nur weil Bestechung ohne direkte Konsequenz bleibt, heißt das nicht, dass sie nicht weniger zu verurteilen ist - und dem Bild der Politik nachhaltig schadet.

Doch nicht die Korruption in der Politik ist entscheidend, sondern ihr Umgang mit Fehlern. Im Fall Wulff sind Medien über das Ziel hinausgeschossen, daran besteht kein Zweifel. Trotzdem war er nicht bloß wegen angeblicher Vorteilsnahme aus dem Amt geschieden. Er hatte im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung dem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung mit Krieg gedroht, hatte Fehler erst eingestanden, als sie längst bekannt waren - er hat alles falsch gemacht, um den Skandal rasch und mit Würde zu beenden.

TIMO STEPPAT

Jens Ivo Engels: Alles nur gekauft? Korruption in der Bundesrepublik seit 1949. WBG Theiss, Darmstadt 2019. 399 S., 35,- [Euro].

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