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Dieser Band versammelt haarsträubende Reise-, aberwitzige Lügen- und tragikomische Liebesgeschichten, die Kästner zwischen den frühen Zwanzigerjahren und der Nachkriegszeit schrieb. Viele davon erschienen nur in Tageszeitungen und liegen jetzt erstmals in einem Buch vor. Es zeigt sich, dass die Form der Erzählung für Erich Kästner ein Experimentierfeld war, das er höchst unterhaltsam zu durchmessen wusste. Dabei gibt es einen bisher unbekannten Kästner zu entdecken, der neue Erzählweisen ausprobiert, überraschende Töne anschlägt und eine ungeahnte Ausgelassenheit an den Tag legt, die das Lesen…mehr

Produktbeschreibung
Dieser Band versammelt haarsträubende Reise-, aberwitzige Lügen- und tragikomische Liebesgeschichten, die Kästner zwischen den frühen Zwanzigerjahren und der Nachkriegszeit schrieb. Viele davon erschienen nur in Tageszeitungen und liegen jetzt erstmals in einem Buch vor. Es zeigt sich, dass die Form der Erzählung für Erich Kästner ein Experimentierfeld war, das er höchst unterhaltsam zu durchmessen wusste. Dabei gibt es einen bisher unbekannten Kästner zu entdecken, der neue Erzählweisen ausprobiert, überraschende Töne anschlägt und eine ungeahnte Ausgelassenheit an den Tag legt, die das Lesen zu einem wahren Abenteuer macht. So ist dieses Buch beides: ein Blick ins Schreiblabor und ein Lesefest mit unvergesslichen Figuren und verblüffenden Geschichten. Ausgewählt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen vom Kästner-Experten Sven Hanuschek.
  • Produktdetails
  • Verlag: Atrium Verlag
  • Seitenzahl: 297
  • Erscheinungstermin: 20. August 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 144mm x 32mm
  • Gewicht: 528g
  • ISBN-13: 9783855354115
  • ISBN-10: 3855354111
  • Artikelnr.: 42665486
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

In "Der Herr aus Glas" sind jetzt zahlreiche Gelegenheitsarbeiten Erich Kästners versammelt, die er für Zeitungen und Magazine verfasste, berichtet Claus-Ulrich Bielefeld. Die frühesten Geschichten sind häufig noch sehr moralisch, später hat Kästner seine Sozialkritik dann mit Ironie etwas bekömmlicher gemacht, erklärt der Rezensent. Gemein ist allen Geschichten ein melancholischer Unterton, und immer wieder variiert Kästner das Motiv des Scheiterns an den Ansprüchen der Welt, das dann meist von einem leisen Abtreten und Verschwinden gefolgt ist, fasst Bielefeld zusammen, für den diese Erzählungen auf besondere Weise die Stimmung in der Weimarer Republik anschaulich machen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.11.2015
Ein großer Junge unterwegs

Erich Kästner hielt viel auf seinen Witz. In den besten Stücken eines Bands mit bislang wenig bekannten Erzählungen des Autors ist diese Begabung zu spüren.

Obwohl es genügend andere Gründe gäbe - den Verlust der Geliebten und den Selbstmord des Freundes, die Entlassung aus der Redaktion, nicht zuletzt den ausdauernden nächtlichen Genuss der Berliner Club-Kultur -, kommt Erich Kästners Romanheld Fabian doch durch einen Zufall und sein gutes Herz zu Tode. Man kann auch sagen: Er stirbt an einer Pointe. Fabian springt von einer Brücke, um ein Kind zu retten. "Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen." Der Retter ertrinkt, der Ertrinkende rettet sich. Die Pointe ist über Kreuz angelegt, hat die Form eines Chiasmus. Die dazu passende Überschrift verkündet trocken: "Lernt schwimmen!"

Wir wissen nicht, ob Walter Benjamin, der unerbittliche Kritiker von Kästners Lyrik, sich auch dazu geäußert hat. Man könnte es sich ausmalen. Von einem seriösen Roman darf man jedenfalls ein anderes Finale erwarten - so wie es Wolfgang Koeppen in seinem Roman "Das Treibhaus" dem Abgeordneten Keetenheuve zukommen lässt, einem schwerblütigen Nachfolger Fabians, der ausgerechnet am Bonner Nachtleben zugrundegeht: "und ein Sprung von dieser Brücke machte ihn frei". Das ist ein letzter Satz, der offen Schillers "Wilhelm Tell" zitiert, stillschweigend aber auch auf Fabian anspielt und diesen zum puren Luftikus herabstuft. Kann aber sein, dass Kästner dazu eine Formel aus seiner "großdeutschen Kunstlehre" eingefallen wäre: "Es schwimmt der Held im eignen Blut? Ende schlimm - alles gut!"

Pointen gehen Erich Kästner über alles. Er produziere "wie ein Kaninchen", schreibt er gelegentlich an die Mutter; zum Glück sind es Pointen, vor denen er sich kaum retten kann. Pointe - das bedeutet Witz in jeder Form und mit allen Mitteln, eingeschlossen die Nähe zum Kabarett, zum Slapstick, zum Sketch, zum Kalauer, zur Abiturzeitung. Kästner, Schüler des Aufklärungshistorikers Albert Köster und selbst promovierter Kenner der Aufklärung, kann sich freilich auch noblere Vorbilder vorstellen. Im Vorwort zu einer Sammlung eigener Epigramme (1948/1950) erläutert er im Anschluss an Lessing den Bau eines Epigramms und damit zugleich die Konstruktionsformel für das eigene Verfahren. "Erwartung" wecken und überraschenden "Aufschluss" geben, im Zusammenspiel dieser Regeln können Pointen glücken.

Die Zeitungen, Wochenblätter, Magazine, für die der junge Kästner in Leipzig und Berlin schreibt, verlangen Tempo, Kürze und spannende Unterhaltung. Das Zeitmaß für die Lektüre ist die Zigarettenlänge, das Milieu für die Produktion das Kaffeehaus. "Ich gehe durch die Gärten der Gefühle, die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen", heißt es in Kästners "Kurzgefaßtem Lebenslauf". Doch gestatten die Zeitläufte solchen Leichtsinn? Mit sorgfältig geschliffenen Feindseligkeiten protestierte Walter Benjamin; es setzte (großbürgerliche) Klassenkampfkeile gegen die Späße einer (kleinbürgerlichen) Mittelschicht von Personalchefs, Angestellten und Vertretern, die selbst revolutionäre Motive an das Vergnügen verrieten, an Zerstreuung, Amüsement und Konsum. "Linke Melancholie" hieß im Jahr 1931 Benjamins Diagnose. "Gequälte Stupidität: das ist von den zweitausendjährigen Metamorphosen der Melancholie die letzte."

Ein neuer Band mit großenteils nicht gut bekannten Kästner-Texten gibt die Gelegenheit, die Haltbarkeit von Kästners Pointen zu überprüfen. Etwa 140 Erzählungen hat man inzwischen ausgemacht, elf davon hatte Kästner selbst für die Ausgabe letzter Hand (1969) ausgewählt, 42 präsentiert jetzt der neue Herausgeber Sven Hanuschek. Warum just und nur diese 42, wird freilich nicht verraten. Die meisten und besten sind jedenfalls in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu Hause, Kästners wohl produktivster Zeit.

Nicht gut bekommt ihm das Flair der fünfziger Jahre, als man versucht, wieder an internationale literarische Standards anzuknüpfen. "Paula vorm Haus", 1955 gedruckt, erzählt die Daphne-Geschichte einer Tochter, die im elterlichen Vorgarten zwischen den anderen Sträuchern und Bäumen aufwächst - und das ist schon alles. Viel Erwartung, Tiefsinn womöglich, aber kein Aufschluss, keine Pointe. Kästner wird seiner Begabung untreu. Das gilt auch für andere Versuche, die Nachkriegszeit einzufangen, sie wirken angestrengt, wollen belehren, haben gute Absichten ("Das Märchen von der Vernunft") und werden sperrig. Der Versuch des Herausgebers und Kommentators, mit intertextuellen "Überraschungen" aufzuwarten und gelegentlich sogar (für die Erzählung "Der Hungerkünstler") Kafka einzuschmuggeln, ist ebenfalls wenig erfolgreich.

Auch die wenigen Texte aus der Zeit nach 1933 lassen keine ,verdeckte Schreibweise' oder gar politisch Widerständiges erkennen. Nicht einmal die Bombardierungen Berlins können Kästner, der selbst ausgebombt wird ("Mama bringt die Wäsche", "Berliner Hetärengespräch 1943"), zu irgendeiner Form von Pathos hinreißen. Obwohl die neusachliche Attitüde mit den neuen Verhältnissen kaum noch zurechtkommt, bleibt sie die bevorzugte Äußerungsform (sofern davon nach dem Schreibverbot überhaupt noch die Rede sein konnte).

Den guten alten Kästner-Sound aber findet man nur vor 1933, als noch die alten Spielregeln gelten. Der urkomische "Sebastian ohne Pointe" macht sie schon im Titel kenntlich: hier geht es freilich nicht um den Mangel, sondern um ein Gedränge an Pointen, und das ist die Pointe. Für Tief- oder Parteisinn bleibt nirgends Raum. Allerdings will sich auch nicht jene Kälte einstellen, die man gern zum Hauptmerkmal der Neuen Sachlichkeit machen wollte. Die Kästnersche Sachlichkeit sucht vielmehr gemischte Gefühlslagen (ein Erbe der Lessing-Zeit); auch Tränen sind erlaubt, manchmal fließen sie reichlich. Dies geschieht regelmäßig, wenn Kinder im Spiel sind, vorzugsweise ein kleiner Junge mit seiner Mutter.

Gleich mehrfach hat Kästner ein autobiographisches Motiv - den Besuch des Schulzöglings bei seiner kranken Mutter - ausgeformt, als knappe Reminiszenz im "Fabian", als rührendes Erlebnis ("Ein kleiner Junge unterwegs"), als große tragische Schulgeschichte ("Die Kinderkaserne"), herzzerreißende Kinderszenen für Erwachsene. Kästners Verhältnis zu seiner Mutter und die "Muttchen"-Briefe, die er ihr schreibt, bilden den Hintergrund. Und nichts Rührenderes gibt es als die Geschichte des kleinen Mädchens, das am Grabe der verstorbenen Mutter von der neuen Mutter - an deren Hochzeitstag! - aus seiner Trauer herausgeholt wird ("Zwei Mütter und ein Kind").

Nein, Kästners Kurzgeschichten verfügen nicht über Härte und Schlagkraft amerikanischer Pendants. Dem steht schon der titelgebende "Herr aus Glas" im Weg. Er verkörpert einen Typus in Kästners Personal, nicht mehr den erotisch aktiven "möblierten Herrn" der Gedichte und des "Fabian", sondern den empfindsamen, verletzlichen Einzelgänger, manchmal ist er auch Dichter ("Der kleine Herr Stapf", "Ein Musterknabe", "Johann Baptist Krügel"). Der Schritt von der kurzen Geschichte zur Novelle, den die jäh in das sensible Leben einbrechende Erschütterung verlangt, ist freilich Kästners Sache nicht. Mit dem Vorbild Thomas Mann ("Der kleine Herr Friedemann") möchte er nicht konkurrieren, für Psychologie ist er zu ungeduldig.

Der einzige regelrecht autobiographisch aufgemachte Text gehört in diesen Umkreis, die "Briefe an mich selber" von 1940. Schon Fabian schickte Telegramme an sich selbst, um sich von seiner Wirtin wecken zu lassen; hier wird Dr. Kästner in eigener Sache zum Schreiber und Empfänger seiner Briefe. Er schildert sich selbst: "Ich weiß um Ihr empfindsames Gemüt, das Sie, in jahrzehntelangem Fleiß, mit einer Haut aus Härte und Kälte überzogen haben." Er kennt seine Kritiker: "Man hat Sie sogar gehaßt. Das hat Sie geschmerzt, aber nicht verwandelt." Kästner hat zugesehen, als die Nazis seine Bücher verbrannten. Sein größter Irrtum: Er wollte bessern. "Warst Du denn nur deshalb nicht Volksschullehrer geblieben, um es später erst recht zu werden?" Die Konklusion: "Wer die Menschen ändern will, der beginne nicht nur bei sich, sondern er höre auch bei sich selber damit auf!"

Wenn auch Tiefe, Kälte und Härte, politische Korrektheit und deftige Erotik in diesen Erzählungen vermisst werden mögen, überall bleibt Kästners Witz, wiegt alles auf und garantiert ein großes Lesevergnügen.

HANS-JÜRGEN SCHINGS

Erich Kästner: "Der Herr aus Glas". Erzählungen.

Herausgegeben von Sven Hanuschek. Atrium Verlag, Zürich 2015. 300 S., geb., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 17.11.2015
Stehgeiger in der Versfabrik
Erich Kästners Erzählungen handeln von den Dramen des Alltags – eine Auswahl gibt es nun unter dem Titel „Der Herr aus Glas“
Wenn man einmal zum literarischen Klassiker geworden ist, hört die Nachwelt nicht auf, am nachgelassenen Werk und an der Biografie herumzuzuzeln und zu schrauben. Bei Erich Kästner scheint das gerade erst anzufangen, denn vierzig Jahre nach dem Tod des Schriftstellers möchten manche wissen: War der Mann wirklich so unerschütterlich in seinen Grundsätzen wie ein fest im Boden verwurzelter Baum, einer, der allen Versuchungen des Dritten Reichs trotzte; der damals in Deutschland blieb, um Zeugnis abzulegen und auch deshalb nach dem Krieg eine moralische Instanz wurde wie nach ihm nur noch Heinrich Böll und, bis zum Eingeständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS, auch Günter Grass?
  Kästner hat sich in der jungen Bundesrepublik gerne als Mahner und Erzieher empfohlen, und seine wortkargen und etwas steifen Interviewäußerungen gaben ihm etwas von einer Amtsperson des nicht korrumpierbaren Gewissens. Er hat sich als Schriftsteller gewissermaßen institutionalisiert, allerdings wurde in seinen späten Jahren nur noch wenig über sein bedeutsames Werk geredet, das ja hauptsächlich vor der NS-Zeit entstanden war.
  Erich Kästner leitete in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren eine sogenannte Versfabrik. Gemeinsam mit seiner Sekretärin Elfriede Mechnig weckte er per Angebot die Nachfrage nach seinen epigrammatischen und hemdsärmelig ironischen Gedichten. Die Zeitungen, von denen die meisten damals literarischen Texten großen Platz einräumten, druckten Kästners Gedichte gerne ab, denn dieser Autor war auf elegant-jugendliche Art großstadtmodern.
  Dass Kästner sogar ein literarischer Großunternehmer war, zeigen die 140 Erzählungen, von denen der Germanist und Kästner-Forscher Sven Hanuschek nun eine Auswahl von 42 Texten herausgegeben hat. Manches kennt man, vieles erscheint in „Der Herr aus Glas“ zum ersten Mal in Buchform. Es finden sich Humoresken neben ernsten Sozialgeschichten; feine Psychogramme wie die anrührende Stiefmutter-Geschichte „Zwei Mütter und ein Kind“ stehen in Gesellschaft mit Außenseiterepisoden wie der Titelgeschichte, die beinahe ein kleine Kästnersche Poetologie darstellt. Der feinnervige Dichter Jarosmin scheitert im Schreiben und im Leben, weil er beide Vorgänge nicht zusammenbringt: „Er verstand sich darauf, kleine Bücher zu schreiben, deren Herstellung ihm durch Kenntnis vorbildlicher Schriftsteller und durch Unkenntnis des Lebens sehr leicht von der Hand ging.“
  Die Botschaft ist unmissverständlich: Nur wer als Autor im Lebensgetriebe aufgerieben wird, hat das Recht und die Gabe, Bücher zu schreiben. Allerdings: Die Kenntnis vorbildlicher Schriftsteller machte sich auch Erich Kästner zunutze. Er schrieb seine Erzählung „Der Hungerkünstler“ wenige Jahre nach Kafkas fast titelgleichem Prosastück. Sven Hanuschek stellt in seinem Nachwort fest, „dass Kästner überhaupt Kafka gelesen hatte, und das zu einem Zeitpunkt, als dieser noch ganz unbekannt war, ist immerhin erstaunlich“. Andererseits: War Kästner nicht ohnehin ein literarisch gebildeter Autor und zudem ein gut informierter Kulturjournalist, dem die Kafka-Elogen Kurt Tucholskys, Hermann Hesses und Robert Walsers nicht entgangen sein dürften?
  Wie auch immer: Kästner führt in diesen Erzählungen die mittleren bis großen Dramen des Alltags auf, die Katastrophen der Ungleichheit, die nicht selten im Selbstmord enden wie bei dem namenlosen Mann in der Geschichte „Ein Menschenleben“, der seine Arbeit verliert und als erbärmlicher Stehgeiger in ein entferntes Stadtviertel geht, um sich von barmherzigen Bürgern mit einer warme Suppe versorgen zu lassen: „Es tat ihm nicht gut, den ganzen Tag seine Kinderlieder zu geigen.“ Am Ende hängt er sich auf.
  Mit Selbstmord endet auch das Leben von Peter Sturz, dem 28 Jahre alten Metallarbeiter aus „Inferno im Hotel“. Sturz – Kästner liebt das Spiel mit sprechenden Namen – hat ein Preisausschreiben gewonnen und darf zwei Wochen in einem Luxushotel in Tirol verbringen. Dort verachtet man den Gast aus der Unterschicht, man mobbt und demütigt ihn so lange, bis der traurige, aber kräftige Proletarier schließlich einen seiner Peiniger niederschlägt. Es ist eine starke Geschichte, voll subtiler Spannung und psychologischer Ernsthaftigkeit.
  Anfang 1940, der Autor war seit Jahren verboten und lebte von der Arbeit an Drehbüchern und Theaterstücken, schrieb Kästner seine „Briefe an mich selber“. Man könnte sie als Selbstbefragungen des Moralisten lesen: Kommt man mit gutem Gewissen weiter, macht der Weltverbesserer die Welt wirklich besser oder anders gesagt: Ist der Volksschullehrer, wie Kästner sich nennt, vielleicht doch eher fehl am Platz, wenn das Volk sich nicht belehren lassen will? Die Briefe sind in der Absicht geschrieben, ihren Verfasser auf selbstironische Weise fragwürdig erscheinen zu lassen. Am Ende bestaunt man das Profil des vornehmen Kulturaristokraten, der letzten Endes an der Dummheit der Menschen gescheitert ist: „Es ist eine Anmaßung, die Welt, und eine Zumutung, die Menschen veredeln zu wollen“, schreibt Kästner.
  Natürlich gerät man leicht in Versuchung, jeden Text Kästners als Parabel auf seine damalige Verfasstheit zu betrachten, zumal er gelegentlich die Form des Märchens und der Legende wählt: „Paula vorm Haus“ erzählt von einem Mädchen, das anstelle von Füßen mit Wurzeln ausgestattet ist und sein trauriges Leben im Garten vorm Haus der Eltern fristen muss. Eine Geschichte voller Anleihen aus der Mythologie, geheimnisvoll und anrührend erzählt. Aber: Ein Bild für die innere Emigration? Sven Hanuschek zeigt, dass er der bequemen Deutungsautomatik nicht traut, weil der Text, wie er schreibt, nicht genügend Signale für diese Lesart liefere.
  Die Geschichten Erich Kästners sind mehr als der Brotenebenerwerb eines großen Lyrikers und keineswegs als lockere Fingerübungen des Romanautors zu seinem größten Erfolg „Fabian“ zu lesen. Sie sind all das, was man von Erich Kästner erwartet: unterhaltsam, lustig, ernsthaft mahnend und grotesk überspitzend. Und trotzdem hat jede dieser Geschichten ein anderes, ein eigenes Tempo; wo sie sehr ernst sind, staunt man über die Tragödienkunst des Humoristen; wo sie grotesk sind wie in den „Reisen des Amfortas Kluge“, erinnern sie an die versnobte Weltbelustigung des englischen Romanciers Evelyn Waugh. Dass ein Schriftsteller wie Erich Kästner, den man so gut zu kennen glaubte, einen tatsächlich noch überraschen kann, ist ganz fabelhaft.
HILMAR KLUTE
Fabelhaft, dass ein Schriftsteller,
den man so gut zu kennen glaubt,
immer noch überraschen kann
Als „Volksschullehrer“ bezeichnete sich Erich Kästner auch. Hier liest er 1949 in der Internationalen Jugendbibliothek in München.
Foto: Alfred Strobel
      
  
  
  
  
Erich Kästner: Der Herr aus Glas. Erzählungen. Atrium Verlag, Zürich 2015.
304 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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