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Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst. Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen - in der verstrahlten Zone -, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive…mehr

Produktbeschreibung
Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst.
Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen - in der verstrahlten Zone -, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko?
Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 244
  • Erscheinungstermin: 20. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 128mm x 27mm
  • Gewicht: 376g
  • ISBN-13: 9783406727023
  • ISBN-10: 3406727026
  • Artikelnr.: 52046444
Rezensionen
Besprechung von 20.07.2018
Frühling im Wasteland
Adolf Muschg schickt in seinem neuen Roman einen Architekten
in die verstrahlte Zone von Fukushima
VON MARTIN EBEL
Manchem großen Autor nimmt erst der Tod die Computermaus aus der Hand. Nur wenige setzen sich wie Philip Roth mit einem „alles ist gesagt“ selbst zur Ruhe. So produziert der 91-jährige Martin Walser Jahr für Jahr Buch um Buch, und der nur etwas jüngere Schweizer Adolf Muschg steht ihm darin kaum nach.
Muschgs Spätwerk, etwa seit „Kinderhochzeit“, darf man „merkwürdig“ in dem doppelten Sinn nennen, den das Adjektiv im Deutschen bereit hält, und der neue Roman ist vielleicht der merkwürdigste von allen: bemerkenswert und sonderbar. Mit ihm kehrt Muschg zu seinen Anfängen zurück, nach Japan, wo „Im Sommer des Hasen“ aus dem Jahr 1965 spielt; über ein halbes Jahrhundert ist das her. Und auch an das vorangehende Buch knüpft er an; war im „Weißen Freitag“ Goethe der Gewährsmann, so ist es diesmal Adalbert Stifter.
Merkwürdig ist dies: Muschg, bekanntlich ein dezidierter Gegner der Atomkraft – weil der Mensch nicht geschaffen ist, ihre Risiken und Folgen zu beherrschen –, lässt sich intensiv auf das komplexe Verhältnis Japans zu dieser Energiequelle ein. Das Land hat im Zweiten Weltkrieg das verheerende Zerstörungspotenzial der Atombombe erlebt und trotzdem voll auf dieKernspaltung gesetzt. Dann kam der 11. März 2011, kamen Tsunami, Erdbeben und Kernschmelze. 20 000 Tote kosteten die ersten beiden Katastrophen, die dritte machte weite Landstriche unbewohnbar.
Unbewohnbar – das ist eine absolute Vokabel, die wir hier auch noch mit riesigen Halbwertszeiten verbinden, Muschgs Protagonist aber, aber der Architekt und Philosoph Paul Neuhaus, lernt in Fukushima, dass man alles relativieren kann. Er sieht schwarze Säcke, „geschart zu riesigen, regelmäßigen Herden, die ihre Schwäche in ihrer Masse verbargen“. Es ist verstrahlte Erde, die man in Millionen dieser Plastiksäcke gepackt hat, dann geballt zu „Sackkolonien“, die wie schwarze Plantagen wirken und bestellte Felder simulieren.
Die Reise führt Paul durch verlassene Dörfer, teils zerstört von Beben und Flut, teils völlig unversehrt, aber durch Strahlenbelastung unbewohnbar, schlimmer als tot, nämlich „untot“. Muschg beschwört die Paradoxien der Erscheinungen und der menschlichen Emsigkeit in Bildern und Sätzen von unwirklicher Schönheit. Etwas Verzweifeltes und Vergebliches liegt darin, aber weder der Besucher noch der Autor können sich einer gewissen Bewunderung für den Willen zum Wiederaufbau der gebliebenen oder zurückgekehrten Bewohner entziehen.
Es gibt Bauern, die wegen ihres Viehs in der „Zone“ ausharren; es gibt Pendler und Arbeiter, denen der Geigerzähler die Dauer ihres Aufenthalts vor Ort vorzählt. Es gibt aber auch finanziellen Druck von der Regierung zur Rückkehr, und es gibt Enthusiasten wie den Bürgermeister von Yoneuchi, Irie Seizo, der das abwegige Projekt einer Künstlerkolonie im verstrahlten Gebiet vorantreibt und dafür Paul Neuhaus als Berater gewinnen will. Was, fragt Irie Seizo, weiß man eigentlich wirklich über die Langzeitfolgen? Ist der Mensch nicht resilienter, als man meint? Und könnten nicht Tiere, so fabuliert und fantasiert er weiter, durch ihren Stoffwechsel die Gegend dekontaminieren? Strahlenbelastung ist messbar, also auch relativierbar. Da der Mensch Grenzwerte definiert, kann er sie auch heruntersetzen.
Der Gegenpol des Bürgermeisters ist Ken-Ichi, ein alter Freund Pauls. Er hat für den Umgang seines Landes mit der Katastrophe, mit der Atomtechnik überhaupt nur schwärzesten Sarkasmus übrig. Für ihn sind die Japaner unfähig, aus dem GAU die richtigen Schlüsse zu ziehen. Fukushima steht für sie einfach in einer Reihe von Unglücken, die man mannhaft und lächelnd zu ertragen hat, statt nach staatlichem oder unternehmerischem Versagen zu fragen oder gar Verantwortliche zu suchen. Mit Ken hat Muschg eine Figur geschaffen, der die fatale Kombination aus Technikgläubigkeit und Fatalismus – müssen wir nicht alle an irgendwas sterben? – wie in einem Brennspiegel fasst und ironisch verzerrt zurückwirft.
So weit, so bemerkenswert. Zum sonderbar Merkwürdigen des Romans müssen wir an den Anfang zurück, in das zweistöckigen Glashaus, das Paul für sich und seine Frau Suzanne im Südbadischen gebaut hat. Mit ihr führt er eine saturierte, aber auch etwas langweilige Ehe. Suzanne hat keine Lust auf Japan, Strahlendosen und Künstlerkolonie-Projekte. Das ist gut für den Roman, es ist aber auch gut für Paul, denn in Japan wartet Mitsu, Kens Frau. Sie begleitet ihn durch die „Zone“, ist Dolmetscherin , Führerin und Vermittlerin, bald auch mehr. Denn es bleibt nicht lange bei Höflichkeiten und Verbeugungen, mitten im verstrahlten Gebiet reißen beide sich die Schutzkleidung vom Leib und „impfen“ (so nennt es Mitsu) einander, auf eine akrobatische Weise, die wie eine Umkehrung jenes antiken Ringkampfs von Herkules mit dem Riesen Antäus anmutet, bei der dieser den Boden nicht berühren durfte, um nicht neue Kräfte zu erlangen – hier gilt es, die Kontamination mit verseuchter Erde zu vermeiden.
Das ungleiche Paar (er 62, sie 37) hat noch mehrfach Sex, im Auto, am Strand; Muschg bemüht die Psychologie (Mitsus Hingabe als Akt der Verzweiflung, Strahlung und Todeshauch befeuern die Lust etc.) und die Bibel („Sie waren Ein Fleisch“) für diese Passagen, die, um es nett zu sagen, nicht zu den Stärken des Romans gehören. Die Stärken liegen vielmehr in der Intensität, mit der „untote“ Landschaften beschworen werden, und in der Reflexion über Mensch, Vernunft, Technik und Katastrophe vor japanischem Horizont. Damit sind wir bei Stifter, dessen Spätwerk ja auch als merkwürdig, ja verschroben gilt. Sein Bild von der „heitren Blumenkette der Ursachen und Wirkungen" greift Muschg auf und malt es weiter: Heute ist die Kette gerissen, wenn sie nicht gar nur noch aus Lücken besteht. An ihre Stelle ist die Kettenreaktion getreten, die der Mensch auslösen, aber nicht mehr beherrschen kann. Fukushima als Menetekel.
Paul reist ab, wird aber wiederkommen, ein Haus in der „Zone“ kaufen und japanisch lernen. Mitsu ist schwanger, aber, wenn die Strahlen nicht auch hier alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt haben, von Ken. Der hat Leukämie, wie schon sein Vater, als Spätfolge von Hiroshima. Auch das eine Kette, eine fatale. Höchst merkwürdig, das alles.
Muschg lehnt Atomkraft ab,
der Mensch ist nicht geschaffen,
ihre Risiken zu beherrschen
Der Sex in der verseuchten Zone
mutet an wie ein
akrobatischer Ringkampf
Leben in Fukushima: Es gibt Bauern, die wegen ihres Viehs ausharren, Pendler, denen der Geigerzähler die Dauer ihres Aufenthalts vorrechnet, Bürgermeister, die von Künstlerkolonien träumen.
Foto: AP
 
 
 
 
 
Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima. Roman. C. H. Beck, München 2018. 244 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ganz hingerissen bespricht Roman Bucheli den neuen Roman von Adolf Muschg, den er schon oft "delikat", aber selten so "zart und verletzlich" erlebt hat. Erzählt wird die Liebesgeschichte des deutschen Architekten Paul und der jüngeren Japanerin Mitsuko, beide weltverlorene Geschöpfe, die sich aneinanderklammern, wie der Kritiker verrät und die sich todessüchtig ins atomverseuchte Fukushima begeben, um eine Künstlerkolonie zu gründen. Wie Muschg hier mit Stifter und Novalis im Gepäck Abgründe in die Idylle pflügt, dabei seelensatt, lebensvoll, farbenfroh und doch mit der "Härte der Gegenwart" von Sehnsucht und Erlösung erzählt, hat dem Rezensenten gut gefallen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 25.09.2018
Das wahre Leben in der Katastrophe

Die Immunität der Wildschweine gegen Strahlen: Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg beschreibt in seinem neuen Roman eine Liebe in Japan.

Vor gerade einmal einem Jahr nahm Adolf Muschg seine Leser mit auf eine Schweizer Reise. Begleitet wurden sie von Goethe, der ihnen 1779 vorangegangen war und im Koordinatensystem des Germanisten Muschg einen zentralen Bezugspunkt markiert. Sie führte ins Hochgebirge und erschloss weniger bekannte Regionen in der Existenz des Schriftstellers, die ihrem Ende entgegenzugehen schien. Muschg schrieb auf persönliche, ungemein berührende und versöhnliche Art über seine japanische Frau und seine Krebserkrankung. Auch über die schweizerische Vergangenheitsbewältigung. Von Blocher träumte er. Im Zwiegespräch mit Goethe, der ausgiebig zu Wort kam, blickte er auf sein Leben zurück. Den Leser ließ er mit dem Eindruck zurück, dass der Abschied länger dauern würde.

Ein Jahr danach gehen das Leben und das Lesen weiter. Sie führen in ein von Strahlen verseuchtes Gebiet, nach Fukushima, und als inspirierender, kommentierender Begleiter bemüht der Gegenwartsschriftsteller diesmal Adalbert Stifter. Auf dem Furkapass hatte der Seilschaft Goethes, die von Muschg aus sicherer Distanz beobachtet wird, ein Gletschersturz gedroht. In Fukushima sind die Naturkatastrophen bereits eingetreten: "Erdbeben, Tsunami, und dann: der SuperGAU." Muschg erzählt, wie der deutsche Architekt Paul Neuhaus, der in Fukushima eine Künstlerkolonie bauen soll, zu einer japanischen Geliebten kommt - und am Schluss ohne sie nach Europa zurückkehren wird. Neuhaus ist auch schriftstellerisch tätig und Verfasser eines Werks "Hier und Jetzt", das ins Japanische übersetzt wurde. Adolf Muschg suggeriert viele Bezüge zu seinem eigenen Leben, zahlreich sind die literarischen Querverbindungen zwischen "Heimkehr nach Fukushima" und seinen früheren Romanen. Auch mit der "Heimkehr" - wohin auch immer - hat es eine (mindestens) doppelte Bewandtnis.

Die Geschichte beginnt im alemannischen Raum mit einem Brief und einem gastronomischen Abstecher ins Elsass. Die Beziehung zwischen Paul und seiner Lebensgefährtin Suzanne ist nicht mehr ganz so innig. "Adalbert der Langweiler" ist bereits dabei und kommentiert die sanft bröckelnde Verbindung. Der Brief ist an sie beide adressiert. Abgeschickt hat ihn Ken Tenma, Neuhaus' ehemaliger Student. Es ist die Einladung an den Architekten, die Künstlerkolonie zu bauen, um die delokalisierten Bewohner zur Rückkehr zu bewegen. Stifter kommt ins Handgepäck: "Der ist aber nie geflogen", sagt sie. Er: "Trotzdem schützt er vor Strahlen." Mit ihm, aber ohne Suzanne fliegt Paul Neuhaus am 21. April 2017 in der ersten Klasse von Zürich-Kloten nach Tokio. Er liest dabei die "Nachkommenschaften".

Die Reise führt in ein Labyrinth. Aber sie finden sich - wie abgemacht nicht am Flughafen, sondern im Hotel. Ken wird von seiner in Weiß gekleideten Frau begleitet, "Mitsuko war Paul schon im Traum erschienen". Aus gesundheitlichen Gründen muss Ken auf die Fahrt nach Fukushima verzichten. Bürgermeister Irie will hier die "zerstreuungswütige Gesellschaft" erneuern. Nach Hiroshima, so erklärt er Neuhaus, waren die "Überlebenden in Sonntagsreden zwar gefeiert, in der Praxis aber isoliert worden". Fukushima sei die große Chance für ein "Recycling", für die "Rückkehr vom Virtuellen auf das Reelle". Das wahre Leben "findet unter den Bedingungen der Katastrophe" statt. Sie macht bekanntlich auch die Liebe ganz besonders intensiv. Eine gute Investition wäre auch der Erwerb einer Immobilie, rät Irie, der als Makler arbeitet.

Neuhaus und Mitsuko, die in Fukushima geboren wurde, fahren allein. Am Beginn ihrer Beziehung kann sich Muschg einen Hinweis auf den Film "Hiroshima mon amour" nicht verkneifen. Bei ihm geht es dann aber - nach einem Traum, in dem Neuhaus die Diagnose Atombombe im Kopf gestellt wird - ganz anders zur Sache als bei Marguerite Duras. Beim Besuch des zerfallenen Hauses schlägt der Geigerzähler aus: Die Wildschweine, die Mitsuko mit Pfefferspray vertreiben musste, sind zurück, doch diesmal ist kein Keiler dabei. Beider wildentschlossener Kampf gegen die Sauen ist der Auftakt zur ersten Kopulation. Mit gleicher Entschlossenheit steigt sie aus ihrem Schutzanzug, macht sich völlig frei und reißt ihn auch dem überrumpelten Neuhaus vom Leib. Sie springt auf ihn, "Wippen und Wüten finden kein Ende", Paul muss um das Gleichgewicht kämpfen, "sie fest- und vom verstrahlten Boden fernhalten, um jeden Preis".

Die Übung wird an unterschiedlichsten Orten wiederholt, und Muschg beschreibt die Paarung mit reichlich unverbrauchten Begriffen. Mal machen sie "die Schildkröte", "er der Schild, sie die Kröte". Bei einem früheren Beischlaf "zeichnete er die feine Naht nach, bis sein Finger auf den mit Fältchen verschnürten After stieß, und sprunghaft schwoll ihm der Kamm".

Mitsuko wird unvermittelt aus dem Verkehr gezogen. Neuhaus ahnt es, als er Kens Stimme aus dem Nachbarzimmer, in dem seine Geliebte logiert, vernimmt. In dessen "trüben Augen zeigte sich eine Spur Amüsement". Pauls Gedanken kehren zu Suzanne zurück. Er ist ein bisschen lebensmüde geworden. "Nie war er der Versuchung, Schluss zu machen, näher gewesen - und nie hatte ihn der Aufwand, der dafür nötig wäre, weiter davon entfernt." Lieber wäre er umgehend abgereist, aber er musste noch ein paar Tage im Hotel bleiben, das Zimmer verließ er kaum noch. Nach dem letzten Frühstück steht plötzlich Mitsuko mit einem Reisekoffer vor der Glastüre des Restaurants.

Adolf Muschgs "Heimkehr nach Fukushima" geht mit der Abreise nach Zürich zu Ende. Aber japanische Bücher liest man bekanntlich von hinten nach vorn. Doch Pauls Geliebte bleibt zu Hause, im Koffer befindet sich ein Geschenk: der Schutzanzug, den sie in der verstrahlten Zone getragen "und abgelegt" hatten, frisch gewaschen und gebügelt. Auf dem Gang zum Gate sagt der Architekt nur noch, dass er das verfallene und verseuchte Haus kaufen wolle. Von der Künstlerkolonie war schon länger nicht mehr die Rede.

Diese westöstliche Lebens- und Liebesgeschichte voller Weisheit und Humor ist ein ungemein frischer Roman, den man mit viel Vergnügen liest. Darüber hinaus ist er eine Einführung in die japanische Kultur und Lebensart sowie eine geradezu dokumentarische Lektüre über einen Alltag, in dem der Geigerzähler wichtiger ist als die Uhr. Auch mit der geradezu metaphysischen Beziehung der Japaner zum Atom beschäftigt sich der Verfasser. In Tschernobyl konnte man die Region einfach aufgeben, "wir kämpfen um jedes Stück Boden", erklärt der Bürgermeister: "Aus dem Störfall haben wir auch ökologisch viel gelernt." Die Wildschweine beteiligen sich an der Dekontamination: Sie nehmen mit der Nahrung Radioaktivität auf, ohne dass ihre Chromosomen darunter leiden. Mit der Wiederbesiedlung will Bürgermeister Irie die moralische Aufrüstung der "zerstreuungswütigen" Gesellschaft betreiben, es geht ihm um die Rückkehr von der Virtualität in die Realität. Das wahre Leben findet bekanntlich unter den Bedingungen der Katastrophe statt.

JÜRG ALTWEGG

Adolf Muschg: "Heimkehr nach Fukushima". Roman.

C.H. Beck Verlag, München 2018. 244 S., geb., 22,- [Euro].

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"Eine Geschichte von den großen und kleinen Katastrophen des Lebens, von Liebe, Verlust und Neuanfang."
Rhein-Neckar-Zeitung, Zhe Weber

"Kultur und Mentalität Japans spielen in dieser bizarren Liebesgeschichte eine zentrale Rolle."
Die Zeit, Ulrich Greiner

"Muschgs Roman ist ein sprachliches und erzählerisches Kunstwerk."
taz, Marlen Hobrack

"Ein tiefgründiger, philosophischer Roman, der Reflexionen über Schicksal und Eigenverantwortlichkeit mit überraschenden Beobachtungen und Erkenntnissen paart."
SWR2 Lesenswert

"Diese westöstliche Lebens- und Liebesgeschichte voller Weisheit und Humor ist ein ungemein frischer Roman, den man mit viel Vergnügen liest."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Jürg Altwegg

"Nicht nur ein Alterswerk von großer erzählerischer Subtilität am Beispiel ruppiger Gegenstände, es ist tatsächlich ein Meisterwerk: 'hell erleuchtetes Weltall'!"
ORF Ex Libris, Peter Zimmermann

"Sehr elegant und eloquent, spannende Charaktere, schlüssige Geschichte."
SR2, Bianca Schwarz

"Ein Roman, der die Katastrophe von Fukushima klug und erhellend in Literatur verwandelt."
WDR, Barbara Geschwende

"Wo noch ein Rest von Leben ist, wo noch irgendeiner den Geigenzähler knacken hört, gehen die Geschichten weiter. Muschg ist ihr großartiger Erzähler!"
Alexander Solloch, NDR Kultur, 27. Juli 2018

"Seelenkundig und lebensprall gleichermassen."
Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 20. Juli 2018

"Muschg hat etwas zu sagen, und wie er es sagt ist köstlich."
Berner Zeitung
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