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5 Kundenbewertungen

Hajime ist nach Jahren der Ziellosigkeit erfolgreicher Jazz-Bar-Besitzer und Vater. Wie eine Halluzination taucht nach 25 Jahren Shimamoto, eine Freundin aus der Kinderzeit, bei ihm auf. Hajime ist fasziniert von dieser unfassbaren und geheimnisumwobenen Frau, die in ihm längst verloren geglaubte Saiten anrührt. Er ist sogar bereit, sein bisheriges Leben aufzugeben... Ein Roman voller magischer Kraft, der auf fesselnde Weise vom Einbruch dämonischer Leidenschaft ins Leben erzählt. Hajime lebt so wie Millionen Japaner: in geordneten Verhältnissen, geschäftlich erfolgreich. Er betreibt einen…mehr

Produktbeschreibung
Hajime ist nach Jahren der Ziellosigkeit erfolgreicher Jazz-Bar-Besitzer und Vater. Wie eine Halluzination taucht nach 25 Jahren Shimamoto, eine Freundin aus der Kinderzeit, bei ihm auf. Hajime ist fasziniert von dieser unfassbaren und geheimnisumwobenen Frau, die in ihm längst verloren geglaubte Saiten anrührt. Er ist sogar bereit, sein bisheriges Leben aufzugeben...
Ein Roman voller magischer Kraft, der auf fesselnde Weise vom Einbruch dämonischer Leidenschaft ins Leben erzählt.
Hajime lebt so wie Millionen Japaner: in geordneten Verhältnissen, geschäftlich erfolgreich. Er betreibt einen Jazzclub in einem schicken Viertel von Tokio, ist verheirat und hat zwei Töchter. Da tritt eines Abends Shimamoto an die Bar, seine Jugendliebe, mit der er einst ganz in die Welt der Musik versunken ist. Wie eine Halluzination erscheint sie immer ganz geheimnisumwoben an regnerischen Abenden und rührt mit ihrem bezaubernden Lächeln verloren geglaubte Saiten in Hajime an. Langsam zieht sie ihn aus seiner so perfekt erscheinenden Welt, bis er schließlich bereit ist, alles für sie zu opfern.
  • Produktdetails
  • btb Bd.72795
  • Verlag: btb bei Goldmann
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 1. Juli 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 121mm x 22mm
  • Gewicht: 222g
  • ISBN-13: 9783442727957
  • ISBN-10: 3442727952
  • Artikelnr.: 10250762
Autorenporträt
Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, ist der international gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Roman "Gefährliche Geliebte" entzweite das Literarische Quartett, mit "Mister Aufziehvogel" schrieb er das Kultbuch seiner Generation. Ferner hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.
Rezensionen
Skandalbuch
Vielen ist es noch in Erinnerung: Gefährliche Geliebte, das in Deutschland bekannteste und erfolgreichste Buch des Japaners Haruki Murakami. Es bot den Anlass für einen Skandal im Literarischen Quartett. Ein Skandal mit Folgen: Die Meinungsverschiedenheiten um die darin dargestellte Erotik führten schließlich zum Bruch zwischen Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki. Zwei Jahre danach bietet die Erscheinung des Taschenbuchs einen Anlass zu einem neuen Blick auf das Buch. Und siehe da: Erotik? Heute, nach Büchern wie Das sexuelle Leben der Catherine M. von Catherine Millet, könnte das Buch in dieser Hinsicht keinen mehr erregen. Was bleibt, ist eine spannende Liebesgeschichte mit Tiefgang.
Hajime, der zu spät die Gefährlichkeit seiner Geliebten bemerken sollte, gehört der Oberschicht an. Er sieht gut aus, trägt italienische Designeranzüge, ist cool und lebt natürlich in einem schicken Viertel von Tokio. Dieses Leben hat er sich mit der Hilfe seines Schwiegervaters erarbeitet. Seine Leidenschaft, Jazzmusik, hat er dabei zum Beruf gemacht und führt einen erfolgreichen Jazzclub. Erst Ende Dreißig hat er eigentlich keine Ziele mehr. Um das Maß voll zu machen, ist er auch noch glücklich verheiratet und hat zwei Kinder, die er liebt.
Verführerin aus einer anderen Welt
Eines abends aber tritt Shimamoto an den Tresen seiner Bar. Hajime erkennt in ihr seine Jugendliebe, mit der er einst die Leidenschaft zur Musik teilte. Mystisch und wie eine Erscheinung weckt sie, die er verloren glaubte, alle früheren Gefühle und Sehnsüchte wieder. Ihr fast penetrant geheimnisvolle Aura reißt ihn mit sich, sie zieht ihn wie eine böse Fee in ihre Welt, von der er erst nach und nach die Wahrheit mehr erahnt als erfährt. Schließlich ist er bereit, alles für sie zu opfern.
Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, und der Leser folgt ihm atemlos, denn die Spannung wird immer dichter und Shimamoto immer noch geheimnisvoller.
Bei alle dem ist das Buch eigentlich kein japanisches Buch. Murakami lebte lange Zeit in den USA und ist durch seine Übersetzungsarbeit an der klassischen westlichen Kriminalliteratur geschult. So ist Gefährliche Geliebte leicht und ohne kulturelle Verständigungsschwierigkeiten zu lesen. Damit gehört er zu den wenigen japanischen Autoren, denen das möglich ist. Daß er auch anders kann, beweist er allerdings mit Büchern wie Wilde Schafsjagd. Ein Buch, das jedem empfohlen sei, dem Gefährliche Geliebte zu glatt war und vielleicht sogar gelangweilt hat. (Andreas Rötzer)

"Alles ist möglich bei Haruki Murakami. Seine Bücher sind eine gelungene Mischung aus Zen und Coca-Cola` hat einmal ein Rezensent geschrieben. Hier sind es Jazz und Cocktails, die das westliche Flair bringen. Und wenn man bei Zen an die Kunst des Bogenschießens denkt, dann geht Murakami noch einen Schritt darüber hinaus. Seine Kunst besteht nicht nur darin, ins Schwarze zu treffen, sondern den Pfeil so abzuschießen, dass er in der Luft bleibt." (Die Welt)
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Besprechung von 10.03.2000
Leere Vitrinen
Der Romancier Murakami
gibt sich geheimnisvoll
Hajime sagt von sich selbst: „Ich bin als Mensch nichts Besonderes. Ich mache nicht viel her. ” Stimmt. Aber das ist ganz normal für einen Helden Haruki Murakamis. Schon der Erzähler in „Wilde Schafsjagd” bezeichnet sich als „mittelmäßigen Menschen”. Und Toru Okada sitzt im „Mister Aufziehvogel” als Hausmann rum, bügelt Hemden und kocht Spaghetti. Die Männer, von denen da erzählt wird, sind sympathische, etwas wortkarge Einzelgänger. Sie haben eine Katze, einen Job, eine Frau – kurz, ein Leben wie du und ich. Nur dass du und ich keinen Autor haben, der dafür sorgt, dass plötzlich das Fremde in den Alltag einbricht: In „Wilde Schafsjagd” wird der freundliche Vollblutphlegmatiker von einem geheimnisvollen Millionär damit beauftragt, ein Schaf zu suchen, das Schopenhauers ,Willen an sich‘ inkarnieren soll. Bei dem Helden aus „Mister Aufziehvogel” klingelt eines Mittags das Telefon; woraufhin ihm sein gesamtes bisheriges Leben zerbröselt.
Hier nun, in „Gefährliche Geliebte”, dem neuen Roman des japanischen Erfolgsautors, bringt eine Kindheitsfreundin das geruhsame Leben eines Mannes durcheinander. Hajime, verheiratet, zwei Kinder, erfolgreicher Betreiber zweier Jazzkneipen, war als Zwölfjähriger mit einem seltsam frühreifen Mädchen namens Shimamoto befreundet. Die beiden saßen oft nachmittags bei ihr zu Hause, tranken Tee, hörten Platten von Liszt und Nat King Cole, und Shimamoto erzählte ihm von den Qualen der Individualität und Vergänglichkeit: „Wenn erst einmal eine gewisse Zeit vergangen ist, verhärten sich die Dinge. Wie Zement, der in einem Eimer hart wird. Und wir können dann nicht mehr zurück. ” Einmal, ein einziges Mal, hielten sich die beiden für einige Sekunden an der Hand. Kurz darauf zog Hajime mit seinen Eltern fort. Aber noch für den 37-jährigen Mann bedeutet dieser Moment einer kindlich schüchternen Berührung das Glück.
Inzwischen ist Hajime im Alltag eines Familienvaters angekommen, und der Zement ist hart geworden: Alles läuft irgendwie, die Ehe, die Jazzkneipe, und doch kurvt er mit seinem chicen Auto und den zwei Töchtern auf dem Rücksitz durch ein leeres Leben. Bis eines Tages Shimamoto in seiner Kneipe auftaucht.
Der japanische Originaltitel des Buches zitiert einen Song von King Cole: „South of the border, west of the sun” heißt ein Lied, über das sich Hajime und Shimamoto unterhalten, als sie auf dem Weg zu ihrer einzigen gemeinsamen Liebesnacht sind. „,Wenn ich als Junge dieses Stück hörte, habe ich mich immer gefragt, was »südlich der Grenze« denn wohl läge. ‘ ,Ich mich auch‘ sagte Shimamoto. ,Als ich älter wurde und den englischen Text verstehen konnte, war ich enttäuscht. Es war nur ein Lied über Mexiko. Ich hatte immer gedacht, südlich der Grenze müsse etwas Herrliches liegen. ‘” Beim Lesen von Murakamis Büchern geht es einem ähnlich wie Shimamoto mit diesem Song. Ständig verspricht der Plot die Lösung großer Rätsel, weist der Text weit über die Grenze seiner Bedeutung hinaus. Hajimes Geschichte durchziehen Bilder von verschlossenen Gegenständen, die einen Schatz oder ein Geheimnis bergen. Schon als der zwölfjährige Hajime für einen kurzen Moment Shimamotos Hand hält, bemerkt er: „Es war lediglich die kleine . . . Hand eines zwölfjährigen Mädchens, aber diese fünf Finger. . .waren wie eine Vitrine, die absolut alles enthielt, was ich wissen . . . musste. ” Als sich die beiden 25 Jahre später in Hajimes Jazzbar wiedersehen, doziert Shimamoto bei der Betrachtung alter Fotografien über einen unsichtbaren Wesenskern: „Aus Fotos kann man nichts schließen, Hajime. Das sind nur Schatten. Die wahre Shimamoto ist weit, weit fort. Sie ist auf keinem Bild zu sehen. ”
Buchstabengekräusel
Die Vitrine wird auf den 230 Seiten, auf denen Murakami sein Kammerspiel um die zerstörerische Kraft der Liebe entfaltet, nicht einmal geöffnet: Man erfährt nur immer neu, dass Shimamoto irgendwie geheimnisvoll, rätselhaft, unerklärlich sei. So kommt einem „Gefährliche Geliebte” mit der Zeit wie eine der Fotografien vor, von denen Shimamoto spricht: die Figuren bleiben Schatten, Buchstabengekräusel auf dem Papier. Sicher, Murakami spielt in seinen Büchern postmodern virtuos mit den Reizen der Fiktionalität. Im „Aufziehvogel” betonte er die Künstlichkeit einiger Personen noch, indem er ihnen Namen wie Malta, Kreta oder Zimt gab. Gleichzeitig suggeriert er aber, dass hinter diesen Schablonen eine ganze Welt der Tiefe und des Sinns liegt. Schade, denn das klingt dann oft, als habe Rüdiger Dahlke oder Erich von Däniken in einem Thriller von Stephen King herum redigiert: Die ungemein spannenden Geschichten werden mit einer konfus okkultistischen Metaphysik unterfüttert.
Murakami sagte einmal: „Die Städte sind doch nur die Oberfläche. Darunter ist die Unterwelt, so wie bei den Menschen. Mir geht es um die Unterwelt. Wenn man zu der keinen Kontakt aufnimmt, bleibt alles schal. ” Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Murakami beschreibt die Oberfläche sehr genau: die verschiedenen Tokioter Viertel Hajimes Jazzkneipe oder den Regen an einem Nachmittag. Dadurch aber, dass er immer auch versucht zur Unterwelt esoterischer Wahrheiten „Kontakt aufzunehmen”, bleibt am Ende ein schaler Nachgeschmack.
ALEX RÜHLE
HARUKI MURAKAMI: Gefährliche Geliebte. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. DuMont Verlag, Köln 2000. 230 S. , 39,80 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 05.08.2000
Zwei mögen es lieber normal
Haruki Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte" · Von Thomas Poiss

Die Geschichte ist rasch erzählt. Der Sohn einer "typischen Hausfrau" und eines Investment-Angestellten wird am 4. Januar 1950 geboren und symbolisch Hajime - das heißt "Beginn" - genannt. Er geht zur Schule, wird erst ein "typischer Teenager" und dann - 1969, nach erfolgter erotischer Initiation - Literaturstudent. Nach dem Abschluß verdöst er ein paar Jahre als Schulbuchlektor, bis ihm sein Schwiegervater, ein typischer Bauunternehmer, einen Jazzklub finanziert. Das Geschäft läuft prächtig, man fährt einen BMW, und zum Chauffieren der beiden Töchter bekommt die Frau einen roten Jeep. Hajime hält seinen Körper beim Schwimmen in Form, trägt beruflich "Anzug von Luciano Soprani, Hemd und Krawatte von Armani, Schuhe von Rosetti" und plaudert mit Mercedesfahrerinnen, die wie er vor dem Kindergarten warten. Und doch empfindet er das typische Leben eines japanischen Barbesitzers der zweiten Jahrhunderthälfte als leer.

Im siebenunddreißigsten Jahr betritt plötzlich das Schicksal in Frauengestalt die Jazz-Bar, das Klaviertrio spielt "Star-Crossed Lovers" von Duke Ellington, und es kommt, wie es kommen muß. Die "Lady of the Night" ist Shimamoto, eine Klassenkameradin des zwölfjährigen Hajime, die Noch-nicht-Geliebte, an die er sein ganzes Leben lang gedacht hat. Wie sie an ihn. Gemeinsam hatten sie auf dem Sofa Liszts Klavierkonzerte gehört und Jazz wie Nat King Coles "South of the Border". Es kommt zu unregelmäßigen Treffen in der Bar und zu einem Winterausflug, ehe die beiden nach sechsundzwanzig Jahren des Wartens die erste und einzige Nacht miteinander verbringen - nicht nur Nat King Cole hörend. Am Morgen danach ist Shimamoto verschwunden, und nach längerer Ehekrise legt die verständige Gattin die Hand auf die Schulter Hajimes, der in Gedanken an Shimamoto auf das Meer hinausblickt.

Aber fürs erste gibt es nichts zu verstehen, denn diese Handlung reicht gerade für einen sentimentalen Film. Zwar ist der Text in Motiven und situativen Spiegelungen dicht konstruiert, doch keine sprachliche Qualität hebt ihn über das Niveau eines Drehbuches hinaus. Das ist um so verwunderlicher, als man bislang den japanischen Bestsellerautor Murakami für einen gebildeten und ironischen Schriftsteller halten konnte. Seine direkt aus dem Japanischen übersetzten Erzählungen "Der Elefant verschwindet" (1995) deuteten dies zumindest an. "Gefährliche Geliebte" wurde indes aus dem Englischen übersetzt, wo das Buch wie im Japanischen "South of the Border, West of the Sun" heißt. Und zunächst schöpft man Verdacht, daß irgendwo zwischen den drei Sprachen fundamentale sprachliche Pannen passiert sein müssen. So etwa beim folgenden Dialog zweier japanischer Schüler um 1966: "Kein Problem, Mann, meinte er cool . . . Stark, jubelte ich." Es geht dabei um den Kauf von Kondomen im Hinblick auf eine Beziehung, die aber dann bloß in einer Streichel-Szene mit folgendem Satz kulminiert: "So nackt hatten wir nichts voreinander zu verbergen." Schwierig zu entscheiden, ob das unbeholfene Figurenrede sein soll, ob ein Black-out des Autors oder der Übersetzer vorliegt. Ähnlich unklar ist die Perspektive in folgender Platitüde: "Ein einfacher Szenenwechsel kann zu einschneidenden Veränderungen im Fluß der Zeit und der Empfindungen führen." Wie wahr, doch spricht hier der achtzehn- oder der siebenunddreißigjährige Protagonist - oder ist das gar Autorenkommentar? Oder klingt es nur auf deutsch so hausbacken?

Auch viele Vergleiche des Buches sind von provozierender Banalität. Die Erinnerung an Shimamoto wird eben so umschrieben: "Lange Zeit nahm sie einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Ich hielt diesen besonderen Platz nur für sie frei, wie einen ruhigen Ecktisch in einem Restaurant, mit einem Reserviert-Schildchen darauf." Auch wenn dies den Gedanken eines Barbesitzers darstellen sollte, aber welche Frau erinnert sich an einen Ecktisch? Ähnliche Unbeholfenheit trübt das Staunen in der Szene der Wiederbegegnung nach fünfundzwanzig Jahren: "Sprachlos saß ich da und starrte sie an, als sei sie ein Wunderwerk der modernen Technik, von dessen Existenz ich bislang nur gerüchteweise gehört hatte." Die Wunderfrau wird vom Erzähler bloß in die Aura einer technischen Neuheit gehüllt.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, daß man gerade im Blick auf die sprachlichen Unebenheiten den Roman doch aus ironischer Distanz als Darstellung von Hajimes falschem Bewußtsein lesen sollte. Der bekennende E.T.A. Hoffmann-Leser Murakami hat in Shimamoto eine ferne Schwester der Automatenfrau Olimpia geschaffen, kenntlich an ihrem Gang und an den zahllosen Versuchen Hajimes, in ihren Augen etwas zu erkennen. Der gebildete Barbesitzer, der lieber "Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert" als neue liest, scheitert erschreckend: "Und ich sah ihr in die Augen. Ich sah mein Gesicht darin gespiegelt. Tief in ihren Augen, in ihren stets bodenlosen Tiefen, gab es eine Quelle. Und, gerade noch zu erahnen, ein schwaches Licht. Das Licht des Lebens, dachte ich." Nur wenn man darin ein ironisches Reflexionsgeschehen sieht, wird dieser Kitsch erträglich wie auch die Kette erotischer Szenen, die dieses Buch zur éducation sexuelle Hajimes machen. Er hatte seine erste, zimperliche Freundin zwar dazu gebracht, sich auszuziehen, sie dann aber fürs Leben verletzt, indem er sie mit der tatkräftigeren Cousine betrog: "Vögeln war das einzige, was wir taten." Die Liebesnacht mit Shimamoto bietet die Umkehr der Ausgangssituation: Shimamoto fordert den Mann auf, sich auszuziehen, um ihn betrachten zu können, was ihm die unsägliche Frage entfahren läßt: "Warum?" Ohne ironische Distanz wären die anschließenden, etwas komplizierten und unanschaulichen Praktiken Shimamotos nicht zu verstehen, da sie zudem, wie sich gleich herausstellt, völlig überflüssig sind. Als sie nämlich ihrerseits Hajime das Wünschen freistellt, klärt sich alles: "Ich mag's einfach ganz normal. Hast du was dagegen? - Gar nicht, sagte sie. Ich mag das auch." Wozu der ganze Aufwand, wenn es beide gern "einfach ganz normal" haben?

Vermutlich hat Murakami - wenn er nicht ganz einfach ein schlechtes Buch schrieb - über der leeren Tiefe von Shimamotos Augen eine glatte Oberfläche konstruiert, auf der sich die typischen Spießer-Projektionen der zweiten Jahrhunderthälfte spiegeln können. Den Hinweis, daß man das Buch so distanziert lesen sollte, hat Murakami gut sichtbar versteckt. Zu Hajimes allerersten Versuchen in der Liebe gesellt der Erzähler einen Beobachter, der die angemessene Haltung vorgibt: "Auf dem Sessel uns gegenüber saß eine Katze. Sie öffnete die Augen, sah in unsere Richtung, streckte sich und schlief wieder ein." Wahre Erotiker sind diskret. Und vergessen Bücher wie dieses.

Haruki Murakami: "Gefährliche Geliebte". Roman. Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini. DuMont Buchverlag, Köln 2000. 230 S., geb., 39,80 DM.

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"Die verführerische Leichtigkeit von Murakamis Texten ist allerdings trügerisch. Unter der Oberfläche tun sich Abgründe auf, in die man nicht gefahrlos blickt." Berliner Zeitung

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

In einer Mehrfachbesprechung befasst sich Ulrich Greiner mit mehreren Romanen des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami.
1.) Haruki Murakami: "Naokos Lächeln" (DuMont)
2.) Ders.: "Gefährliche Geliebte" (DuMont)
Bei diesen beiden Romanen schätzt der Rezensent besonders, dass Murakami hier "sehr einfache Geschichten sehr einfach erzählt", die nach Greiners Ansicht deshalb so fesselnd und authentisch sind, weil sich der Autor auf den Inhalt der Geschichten konzentriert und nicht die Kunst der Literatur in den Vordergrund stellt. Greiner räumt ein, dass dies nicht von jedem Kritiker geschätzt wird, doch er selbst zeigt sich von der Schilderung "traurig-schöner, nicht selten tödlicher Liebesbegegnungen" sehr berührt. Zu den großen Stärken Murakamis in "Naokos Lächeln" gehört nach Greiner die Fähigkeit des Autors, Liebes- und auch sexuelle Dinge "sehr direkt" zu beschreiben, wobei der Rezensent betont, dass es eigentlich der Protagonist Toru ist, der erzählt. Dies sei wichtig, da durch diese Erzählperspektive die intimen Szenen nie peinlich geraten - es gibt keinen Betrachter von Außen, sondern Toru erzählt das, was er erlebt. Dass dieser Roman insgesamt nicht zu einem "trivialen Liebesroman" geraten ist, liegt nach Greiner vor allem in Murakamis Kunst des Weglassens. So werde das Äußere der Personen - wenn überhaupt - nur beiläufig geschildert. Lebendigkeit ergibt sich, wie der Leser erfährt, vor allem durch die Begegnungen und Gespräche. Ein weiterer Aspekt, der Greiner an diesem Roman wichtig erscheint, ist das Thema Erinnerung, oder besser gesagt: der Wunsch, Erinnerung festzuhalten bzw. die Angst, Erinnerungen für immer zu verlieren.
3.) Ders.: "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" (Suhrkamp)
4.) Ders.: "Wilde Schafsjagd" (Suhrkamp)
Diese beiden "quasi futuristischen Romane" Murakamis zeigen nach Greiner eine andere Seite des Erzählers, nämlich seine "architektonische Kühnheit", bei der die einzelnen Parameter, wie der Rezensent anerkennend anmerkt, auf das Genaueste durchdacht sind. Aber die Qualitäten Murakamis erschließen sich nach Greiner nicht unbedingt von selbst, viel muss vom Leser seiner Ansicht nach selbst erschlossen und entdeckt werden, "benannt" werde vom Autor selbst wenig. Doch auch wenn der Rezensent Murakamis Buch "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" eher ausgemachten Science-Fiction-Liebhaber ans Herz legt, so zeigt er sich insgesamt von Murakamis "immer spannenden, weitläufigen und oft irrläufigen Geschichten" äußerst angetan, besonders weil der Leser immer wieder mit einer "Ahnung des Wiedererkennens" konfrontiert werde.

© Perlentaucher Medien GmbH
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