Krieg in den Alpen
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Der italienische Kriegseintritt im Mai 1915 eröffnete im Süden Europas eine neue Front, die von der Weltkriegsgeschichtsschreibung lange Der italienische Kriegseintritt im Mai 1915 eröffnete im Süden Europas eine neue Front, die von der Weltkriegsgeschichtsschreibung lange vernachlässigt wurde. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges stellt dieser Band darum einen wichtigen Beitrag zur Analyse des österreichisch-italienischen Krieges in den Alpen und am Isonzo dar. Ausgewiesene Historikerinnen und Historiker aus Österreich, Deutschland und Italien beschäftigen sich - jeweils in…mehr

Produktbeschreibung
Der italienische Kriegseintritt im Mai 1915 eröffnete im Süden Europas eine neue Front, die von der Weltkriegsgeschichtsschreibung lange Der italienische Kriegseintritt im Mai 1915 eröffnete im Süden Europas eine neue Front, die von der Weltkriegsgeschichtsschreibung lange vernachlässigt wurde. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges stellt dieser Band darum einen wichtigen Beitrag zur Analyse des österreichisch-italienischen Krieges in den Alpen und am Isonzo dar. Ausgewiesene Historikerinnen und Historiker aus Österreich, Deutschland und Italien beschäftigen sich - jeweils in Parallelgeschichten - mit sechs zentralen Themenbereichen der Weltkriegsgeschichte in den beiden Staaten: der Rolle von Regierung und Politik, der militärischen Kriegführung, der Erfahrungsgeschichte der Soldaten, der Geschichte von gesellschaftlicher Mobilisierung und Propaganda sowie der Kriegserinnerung und der Geschichtsschreibung bis in die Gegenwart.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau Wien
  • Seitenzahl: 346
  • Erscheinungstermin: 12. März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 159mm x 30mm
  • Gewicht: 715g
  • ISBN-13: 9783205794721
  • ISBN-10: 3205794729
  • Artikelnr.: 38106940
Autorenporträt
Oswald Überegger war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Tiroler Landesarchiv und an den Universitäten Innsbruck und Hildesheim. Seit Juli 2013 ist er Direktor des Zentrums für Regionalgeschichte an der Freien Universität Bozen. Nicola Labanca ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Siena und Präsident des Interuniversitären Zentrums für militärhistorische Studien und Forschungen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.05.2015

Das Trauma von der Blutmühle am Isonzo
Vor hundert Jahren wurden aus Verbündeten Erbfeinde: Ein Band über den Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn

Am 23. Mai 1915 erklärte das Königreich Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Kaiser Franz Joseph I. verdammte die Entscheidung des bisherigen Bündnispartners als "Treuebruch", und in Österreich richtete sich der Hass gegen den "Erbfeind" Italien. Aber auch auf italienischer Seite blieb man den Attacken aus Österreich nichts schuldig. Es schien ganz so, als habe das im Zuge des 1882 geschlossenen Dreibundes lange zurückgestaute traditionelle Ressentiment zwischen den Mächten sich ins Ungemessene gesteigert. Die Propagandaschlachten und der reale Krieg bildeten zwei Seiten eines Konflikts, der knapp dreieinhalb Jahre dauern sollte.

Die "Südwestfront", die von den Alpen nahe der Schweizer Grenze bis zum Karst eine Länge von rund 750 km erreichte, galt im Vergleich zum Stellungskrieg an der West- und Ostfront lange als zweitrangiger Gegenstand der Forschung. Ein solches Urteil unterschätzt aber die Dimensionen des Konflikts: Der "Intervento" Italiens war mitentscheidend für den Kriegsausgang 1918 und bewirkte eine tiefgreifende soziale und politische Destabilisierung des Königreichs, die letztlich dem Faschismus und Mussolini den Weg zur Macht bahnte.

Der Titel des nun vorliegenden Sammelbandes "Krieg in den Alpen", herausgegeben von dem an der Universität Bozen tätigen Historiker Oswald Überegger und dem in Siena lehrenden Nicola Labanca, führt ein wenig in die Irre: Denn Hauptthema ist nicht der Gebirgskrieg, die "Front in Fels und Eis", sondern ein Gesamtüberblick des Kriegs zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Der Band beschreibt dessen Verlauf und analysiert militärische Vorbereitung und Kräfteverhältnisse ebenso wie gesellschaftliche Brüche und Verwerfungen auf der Halbinsel und in Österreich-Ungarn als Folge des Großen Kriegs.

Das realpolitische Kalkül der Regierung Antonio Salandra und seines Außenministers Sidney Sonnino förderte die Entscheidung für den Kriegseintritt Italiens, den eine lautstarke nationalistische Minderheit und eine schmale politische Elite forciert hatten. Eine gesellschaftliche Mehrheit aber blickte sorgenvoll, oft mit Ablehnung, dem Konflikt entgegen.

In Wien war man auf den Kriegseintritt gefasst gewesen: So empört sich die österreichische Seite auch gab, Regierung und Armee waren auf den "Fall I" längst vorbereitet. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf hatte bereits 1908 Pläne parat für einen Präventivkrieg gegen den Bündnispartner, der seinerseits darüber bestens im Bilde war.

Erstaunlich genug war trotz des späten Kriegseintritts die schlechte Vorbereitung der italienischen Armee und ihres Oberkommandos. Generalstabschef Luigi Cadorna, getrieben von der Illusion eines raschen Sieges, ging mit dilettantischer Strategie, Ausrüstung und Logistik in einen Massenkrieg, auf den die Soldaten kaum vorbereitet wurden. Von Beginn an zeichnete sich das militärische Desaster ab, das Italien rund 650 000 gefallene Soldaten kostete. Sie waren der Preis für einen bedingungslosen Angriffs- und Verteidigungskrieg, vor allem am Isonzo.

Die Skrupellosigkeit, mit der die italienische Generalität gegen Wehrunwillige vorging und schlecht motivierte Soldaten in die "Blutmühle" am Isonzo warf, wurde in Italien bereits um 1970 aufgearbeitet. Schikanen, Quälereien, Todesurteile gegen Deserteure auf europäischem Rekordniveau waren an der Tagesordnung. Weit höher war die Motivation auf österreichischer Seite, so dass General Boroevic, der "Löwe vom Isonzo", trotz harter, oft brutaler Kriegsdisziplin auf ungebrochene Verteidigungsbereitschaft seiner Truppen bauen konnte.

Erstaunliche Parallelen zwischen Italien und Österreich-Ungarn zeigen sich in der Militarisierung von Politik und Gesellschaft: mit Blick auf die Suspendierung parlamentarischer Aktivität, die Einschränkung sozialer Rechte, zumal in den Rüstungsbetrieben, und das stümperhafte Management der Lebensmittelversorgung.

Spätestens hier stellt sich die Frage, weshalb Ansätze zu einer vergleichenden Weltkriegsforschung zwischen Italien und Österreich bisher weitgehend fehlen. Angesichts der Fülle an Vergleichsmöglichkeiten, die sich bei der Lektüre des Bandes erschließen, staunt man darüber, dass keine gemeinsamen Forschungsprojekte auf den Weg kamen. An die Stelle der "Erbfeindschaft", so hat man den Eindruck, trat auf der Ebene historischer Forschung wohltemperierte Gleichgültigkeit samt Desinteresse am Forschungsstand des Nachbarn, ohne Sensorium dafür, dass der Blick auf die in vieler Hinsicht gemeinsame Kriegserfahrung und -erinnerung nicht nur der Zeitgeschichte zugutekommt, sondern auch der wechselseitigen erinnerungspolitischen und kulturellen Öffnung.

Auch "Krieg in den Alpen" überwindet solche kognitiven Barrieren nicht zur Gänze, da ein systematischer Vergleich mit dem Band nicht vorliegt. Die Beiträge zu Regierung und Politik, zu den Themen militärischer Kriegsführung, Soldaten, Gesellschaft, kultureller Mobilisierung und Propaganda, schließlich zu den Fragen von Erinnerung und Geschichtsschreibung bieten nur selten eine übergreifende, beide Seiten einbeziehende Darstellung, sondern resümieren den jeweils eigenen Forschungsstand. Herausgeber Oswald Überegger räumt denn auch ein, dass erst das Vorstadium eines Vergleichs in transnationaler Absicht erreicht sei - dessen Grundlagen der vorliegende Band aber exzellent aufbereitet.

Besonders erhellend sind die Bemerkungen von Fabio Todero zur literarischen Verarbeitung der Weltkriegserfahrungen in Italien: Der Gegensatz zur dominanten dröhnenden Kriegsrhetorik zeigt sich etwa am Lyrikband "Il porto sepolto" (1916) von Giuseppe Ungaretti, dessen Töne an Georg Trakls "Grodek" erinnern. Wie Propaganda und Subversion ineinander verflossen, wie eng Kriegstrauma und patriotischer Ritus verflochten waren, belegen die Arbeiten von Curzio Malaparte, der trotz seiner Skepsis vom faschistischen Regime große Anerkennung erfuhr. Unterlaufen aber wurde der Kriegsmythos von Corrado Alvaro oder Giani Stuparich, deren 1930 erschienene Antikriegsromane heftige Kritik auf sich zogen.

Ein anderer Vorzug des Bandes liegt darin, dass die Genese der nationalen Narrative in Österreich und Italien bis in die Gegenwart hinein dargestellt wird. Wie sehr trotz aller Fortschritte historischer Forschung nationale Rhetoriken weiterhin fröhliche Urständ feiern, zeigt die jüngste Verordnung des italienischen Premierministers Matteo Renzi, am morgigen Sonntag, dem hundertsten Jahrestag des Aufrufs von König Vittorio Emanuele III. an seine Truppen, alle öffentlichen Gebäude in Italien mit der Trikolore zu beflaggen. Eine zweideutige Order, die Gedenken und nationale Grandeur bedenkenlos vermengt.

HANS HEISS

Nicola Labanca, Oswald Überegger (Hrsg.): "Krieg in den Alpen". Österreich-Ungarn und Italien im Ersten Weltkrieg (1914-1918)

Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2015, 346 S., geb., 35.- [Euro].

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