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Unterhaltsam und farbig schildert Peter Demetz das abenteuerliche Spektakel um die Flugschau in Brescia, das gleichzeitig ein Stück Literaturgeschichte ist. An jenem denkwürdigen 11. September 1909 gingen die berühmtesten Piloten mit tollkühnen Fluggeräten an den Start - ein einzigartiges Ereignis, das phantastische Ingenieure, waghalsige Flieger, Visionäre und Künstler aus ganz Europa anzog, unter ihnen Franz Kafka, Gabriele d'Annunzio und Giacomo Puccini.…mehr

Produktbeschreibung
Unterhaltsam und farbig schildert Peter Demetz das abenteuerliche Spektakel um die Flugschau in Brescia, das gleichzeitig ein Stück Literaturgeschichte ist. An jenem denkwürdigen 11. September 1909 gingen die berühmtesten Piloten mit tollkühnen Fluggeräten an den Start - ein einzigartiges Ereignis, das phantastische Ingenieure, waghalsige Flieger, Visionäre und Künstler aus ganz Europa anzog, unter ihnen Franz Kafka, Gabriele d'Annunzio und Giacomo Puccini.
  • Produktdetails
  • Verlag: Zsolnay
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05199
  • Seitenzahl: 250
  • Erscheinungstermin: 16. September 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 136mm x 27mm
  • Gewicht: 412g
  • ISBN-13: 9783552051997
  • ISBN-10: 3552051996
  • Artikelnr.: 10629894
Autorenporträt
Peter Demetz, 1922 in Prag geboren, flüchtete 1948 in den Westen. Er promovierte sowohl in Prag als auch in Yale, wo er bis zu seiner Emeritierung deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft lehrte. Bei Zsolnay erschienen Die Flugschau von Brescia (2002), Böhmen böhmisch (2006) und die Erinnerungen Mein Prag (Neuauflage 2019).
Rezensionen
Besprechung von 19.11.2002
Tenöre der Luft
Peter Demetz rekonstruiert die Flugschau von Brescia 1909
Die Technik, sagt man, macht der Mythologie den Garaus. Sie entvölkert den poetischen Götterhimmel, indem sie ihn prosaisch verwirklicht. Mag sein. Aber bleibt vom flügelfüßigen Merkur und von der schwebenden Göttin Nike wirklich nur der Name, genauer der Markenname zurück? Warum heißen Fahrräder noch heute Pegasus? Weil die Technik nicht nur mit der Prosa der Gebrauchsanweisungen im Bunde ist. Ihren Siegeszug mochte sie im 19. Jahrhundert nicht nackt antreten. Zur Ästhetik der Weltausstellungen gehörten Maskerade und Zitat. Modernisierte Allegorien alter Götter, Engel und Putten zierten Bahnhöfe und Telegraphenämter. Wer will entscheiden, was daran Usurpation, was Tribut an die alten Götter war?
Im Zusammenspiel von Kunstbetrieb und Kunstreligion hat das 19. Jahrhundert als modernen Halbgott den Virtuosen geschaffen. In diese Hohlform der Verschmelzung von Enthusiasmus und technischer Brillanz ergoss sich im frühen 20. Jahrhundert die Begeisterung für die „Eroberung der Luft”, für die Aeroplane und ihre Piloten. Zu den „Flugmeetings” reisten die Blériot, Rougier und Curtiss an wie Pianisten, Geiger oder Tenöre zu ihren großen Auftritten. Und das Publikum strömte zu den Aerodromen. Fast 40 000 Menschen machten sich Anfang September 1909 auf den Weg zum Flugfeld zwischen Brescia und Ghedi. Unter den Zuschauern des „Circuito Aereo di Brescia” befand sich Franz Kafka, begleitet von Max Brod und dessen Bruder Otto Brod.
Peter Demetz, 1922 in Prag geboren, hat als junger Mann in der deutschsprachigen Tageszeitung „Bohemia”, in der Ausgabe vom 29. September 1909, Franz Kafkas Artikel „Die Aeroplane in Brescia” aufgespürt. 1947 hat Demetz seinen Fund veröffentlicht, ein Jahr später ist er in den Westen emigriert, schrieb Bücher über den Realismus und die Literaturauffassungen von Marx und Engels, wurde Literaturprofessor in Yale, gab eine kommentierte Anthologie zu den Beziehungen zwischen italienischem Futurismus und deutschem Expressionismus heraus und hat im Alter ein großes historisches Porträt seiner Heimatstadt geschrieben: „Prag in Schwarz und Gold” (1998). Jetzt ist er noch einmal zu den Aeroplanen von Brescia zurückgekehrt: nicht, um ein Sachbuch zur Kafka-Philologie beizusteuern, sondern um eine kulturhistorische Novelle zu schreiben. Ihr Held ist die Flugschau selbst.
Mit Chaos und Speisekarte
Demetz hat einen Narren an der frühen Fliegerei gefressen. Es scheint ihn zu wurmen, dass er in Brescia nicht dabei war. So ist er nach Italien gereist, hat in den Archiven die Lokalpresse und in den Bibliotheken die einschlägigen Spezialuntersuchungen studiert, hat inspiziert, was aus dem Terrain der Flugschau geworden ist und das kleine Denkmal für die Piloten fotografiert. Alle Daten, alle Flüge und alle Preise des mehrtägigen Meetings einschließlich detaillierter Informationen über die Veranstalter listet Demetz auf. Über das Wetter, das Verkehrschaos, die Gastronomie findet man mehr Details, als man unbedingt braucht. Dazu die Vorgeschichte: die Flugwoche von Reims, die kurz zuvor stattfand, die bereits erfolgreich entwickelte Infrastruktur für Automobilrennen in Oberitalien.
In diesen minutiös ausgemessenen Schauplatz setzt Demetz mit all der Gelehrsamkeit und all der Zeit, die einem emeritierten Professor zu Gebote steht, seine Figuren und folgt dabei einem bewährten literarischen Prinzip: Biographien aus dem Blickwinkel des Ortes zu erzählen, an dem sie sich zufällig schneiden. Er folgt dem Ingenieur, Konstrukteur und Flugunternehmer Louis Blériot nach Frankreich, dem vom Motorradtechniker zum Flugzeugbauer gewordenen Flieger Glenn Curtiss nach Amerika, dem aus einer Offiziersfamilie stammenden Mario Calderara in den Weltkrieg und in den frühen italienischen Faschismus. Die Lebenslinien Gabriele d‘Annunzios und des automobil- und flugbegeisterten Komponisten Giacomo Puccini, die in Kafkas und Max Brods Feuilletons nur kurz auftauchen, zieht Demetz aus bis zu d‘Annunzios Propaganda-Flug nach Wien im August 1918 und bis zu den erotischen Turbulenzen, die das Leben Puccinis noch in den zwanziger Jahre erschütterten. Otto Brod, den Bruder von Max, stellt Demetz nicht nur als eigenständigen Romanautor vor, er folgt ihm bis zur Deportation von Theresienstadt nach Auschwitz im Oktober 1944.
Kein Ikarus, kein Merkur
Es gibt viele Abschweifungen, Anekdoten in diesem Buch, manchmal malt sich der Autor ins Bild hinein, und manchmal verplaudert er sich ein wenig. Aber dem Charme des Kulturhistorikers Demetz tut das keinen Abbruch, und der Literaturwissenschaftler begnügt sich nicht damit, Kafkas Schilderung der Aeroplane in Brescia zu den Bildern des Fliegens in den frühen Prosastücken „Beschreibung eines Kampfes” oder den Lufthunden in den späten „Forschungen eines Hundes” in Beziehung zu setzen. Er legt zugleich auf die ästhetische Polarität, die im Zusammentreffen der Autoren Kafka und d‘Annunzio in Brescia Gestalt gewinnt, das ihr gebührende Gewicht. Kafka, seit einem Jahr Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt in Prag, hatte als Autor noch so gut wie nichts veröffentlicht. Sein Feuilleton, in freundschaftlicher Rivalität mit Max Brods „Flugwoche in Brescia” entstanden, zollt dem Plauderton des Genres und der kokett ausgestellten Reporterperspektive den unvermeidlichen Tribut. Wollte man die ästhetische Strategie, die unter dieser Oberfläche rumort, in eine Formel fassen, so müsste sie lauten: Abbrucharbeit am Mythos.
Kein Ikarus, kein Merkur findet Eingang in Kafkas Schilderung der Flieger. Großen Raum nimmt bei ihm das Misslingen ein, das erfolglose, immer neue Anziehen verborgener Schrauben, der Motor, der im Hangar bockt wie ein Schüler, der stecken bleibt, obwohl ihm die ganze Klasse einsagt. Über den Siegesflug, mit dem Glenn Curtiss den großen Preis von Brescia gewinnt, schreibt Kafka Sätze, die ins Zentrum seines künftigen Werks führen: „Es ist eine vollkommene Leistung, aber vollkommene Leistungen können nicht gewürdigt werden, vollkommener Leistungen hält sich am Ende jeder für fähig, zu vollkommenen Leistungen scheint kein Mut nötig.”
Gabriele d‘Annunzio, militanter Dandy, verschuldeter Lebemann, Autor und Impresario seiner selbst, war kein einfacher Besucher der Flugschau. Er trat auf ihr auf wie auf einer Bühne, stets auf der Suche nach der großen Geste, so lange becircte er die Piloten, bis ihn schließlich einer, Glenn Curtiss, eher missmutig mitnahm, zu so etwas wie der Andeutung eines Aufstiegs. Den Flieger-Roman „Forse che sí forse che no” (1910), mit dessen Niederschrift d‘Annunzio im Sommer 1909 begonnen hatte, würdigt Demetz in dankenswerter Ausführlichkeit. So tritt die Gegenfigur zu Kafka in ihrer grandiosen, historisch wirkungsvollen Missgestalt und ihrer Pathos-Uniform vor Augen: der technoromantische Abenteurer, der die neuesten Errungenschaften und die ältesten Phrasen verschmilzt und die Banalität des Unfalls – wie später die des Krieges – in der Mythologisierung der Maschine verschwinden lässt.
Ein Versehen ist anzumerken: Milena Jesenska ist nicht in Bergen- Belsen gestorben, sondern in Ravensbrück.
LOTHAR MÜLLER
PETER DEMETZ: Die Flugschau von Brescia. Kafka, d‘Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen. Aus dem Englischen von Andrea Marenzeller. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002. 256 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 05.10.2002
So nah war der Himmel über Brescia
Loopings mit Franz Kafka: Peter Demetz besichtigt ein Zeitalter und gibt der Kulturgeschichte Flugunterricht

In Brescia fallen im September 1909 die Männer vom Himmel. Meistens bleiben sie dabei unverletzt, nur ihre Flugapparate sind leider unbrauchbar geworden. Wie schon die erste europäische Luftschau kurz zuvor in Reims, so ist auch diese große Reprise ein Spektakel zwischen Sportwettkampf, Zirkus und gesellschaftlichem Event. Unter den Zuschauern befinden sich drei Freunde aus Prag, die Brüder Otto und Max Brod und ein Jurist, der über dies alles seinen ersten Zeitungsbericht schreiben wird.

Franz Kafkas "Die Aeroplane in Brescia" ist ein Pioniertext auch für die Berichterstattung über die weltverändernden neuen Maschinen. Am 29. September 1909 war er in der Prager Tageszeitung "Bohemia" zu lesen, wo Peter Demetz ihn, als der Ruhm des Verfassers längst den aller in Brescia anwesenden Zelebritäten überstrahlte, Jahrzehnte später wiedergefunden hat. In seinem neuen Buch erzählt Demetz nun die Geschichte jener aufregenden Tage; sie reicht noch in seine eigene Familiengeschichte hinein. Sein Vater, erinnert er sich, habe den "Kafka Franzl" oft im Café getroffen und ihn immerhin für einen ganz "talentierten" Schriftsteller gehalten. So beginnt ein erzählerischer Rundflug durch die Zeit, in der das Jahrhundert noch jung, Kafka noch unbekannt und die Technik voller Wunder war.

Für die Prager Freunde ist es das erste Mal, daß sie Flugzeuge am Himmel erblicken - ein Schauspiel, das nur wenig von seinem Reiz verliert, wenn man berücksichtigt, daß die Flughöhe selten über hundert Meter hinausgeht, die Flugzeiten oft nur wenige Minuten betragen und nicht alle Maschinen sich überhaupt am Himmel halten können. Noch ist - mit einem Wort des ebenfalls anwesenden Giacomo Puccini - Fliegen ein Sport, der vor allem "viel Geduld erfordert". Es ist die Zeit, in der noch mit vogelähnlich flatternden Flugmaschinen experimentiert wird, die "Ornithopter" heißen, in der die Brüder Wright und ihre Nachfolger sich in ihren Flugzeugen mit Katapulten in die Luft befördern lassen und ein Doppeldecker noch ein "Biplan" ist.

Zu den Auszeichnungen, die in Brescia für fliegerische Höchstleistungen vergeben werden, gehört der "Fliegende-Start-Preis für den Piloten, der nach einem Anlauf von hundert Metern einen Kilometer in der kürzesten Zeitspanne zurücklegt" - was Leutnant Calderara alsbald "in der phantastischen Zeit von einer Minute und 15 Sekunden" vollbringt. Noch sind die Ansprüche an technisch induzierte Rauschzustände bescheiden, aber die Gier nach Beschleunigung und Expansion ist schon grenzenlos. In den Augen des Beobachters Franz Kafka wagt sich der französische Flieger Rougier so hoch hinauf ins abendliche Blau, "daß man glaubt, seine Lage könne bald nur noch nach den Sternen bestimmt werden". Tatsächlich hat Rougier die beachtliche Höhe von 177 Metern erreicht. So nah ist der Himmel über Brescia im September 1909.

Unter diesem Himmel gibt sich ein Zeitalter die Ehre - oder vielmehr: Es ehrt die Götter und Helden der technischen Moderne, Heroen wie Louis Blériot, der kurz zuvor als erster Flieger den Ärmelkanal überquert hat, den wortkargen amerikanischen Piloten Glenn H. Curtiss und Leutnant Calderara, den Liebling des Publikums (und des Autors). Mechaniker in ölverschmierten Overalls eilen über die Szene und vornehm verschleierte Damen - unter ihnen Prinzessin Laetitia, die Gattin des Herzogs von Aosta, und die Gräfin Giuseppa Mancini -, Reporter aus drei Kontinenten, politische Machthaber und Repräsentanten des europäischen Geistes. Aus den Vereinigten Staaten ist Mrs. Theodore Roosevelt angereist, mit ihren Kindern (der Gatte befindet sich in Afrika auf der Jagd); für die französische "Locomotion Automobilistique" berichtet der russische Fürst Trubetzkoj. Vor den Szenen einer katastrophalen Ehe ist Puccini nach Brescia entflohen, wo er freilich, umringt von Bewunderern, von den aeronautischen Eskapaden nur wenig zu sehen bekommt. Die meiste Zeit verbringt er im Restaurant und monologisiert über seine neue Oper, während Max Brod ihn aus der Ferne bewundert und der lakonischere Kafka ihm eine "Trinkernase" attestiert. Auch König Vittorio Emanuele III. ist anwesend. Als wahren "König der Flugschau" aber feiert das Publikum den flamboyanten Gabriele D'Annunzio, der in seinem Gedicht "Ikarus" den Luftschiffer als Übermenschen des neuen Zeitalters proklamiert hat und mit der Gräfin Mancini ein "priapisches" Leben zu führen behauptet.

D'Annunzio, dieser sonderbar exaltierten Mischung aus Zarathustra und Möllemann, gelingt auch der größte Show-Effekt der Schau. Er klettert in Calderaras Aeroplan und steigt unter dem tosenden Jubel des Publikums für wenige Minuten zu einer Höhe von zehn Metern auf, woraufhin er sich mit den Worten "Fliegen ist göttlich" entschlossen zeigt, selbst ein Flieger zu werden. Er habe Augenblicke ekstatischer Wonne erlebt unter den "leuchtenden Stößen des Lebens", schwärmt er vor den staunenden Reportern.

Anders als seinem Vorgänger Felix Philipp Ingold geht es Demetz weniger um "Literatur und Aviatik" als um die Besichtigung eines ganzen Zeitalters auf kleinstem Raum. Der wahre Protagonist dieser Geschichte ist keine ihrer vielen Figuren, sondern das Aerodrom von Brescia selbst. Dieser Schauplatz erweist sich als Schnittpunkt von Linien, die epochale Ereignisse und Gestalten miteinander verbinden - ein raumgewordener historischer Moment. Demetz' Buch besteht aus lauter Exkursen, die alle vom Flugfeld ausgehen und wieder zu ihm zurückkehren. Wenn er auf die Liebesgeschichte des Restaurantbesuchers Puccini zu sprechen kommt, erklärt der Erzähler: "Ich will diese traurige Geschichte Schritt für Schritt und in ihrem ganzen Kontext erzählen." So verfährt das ganze Buch. Demetz ist unternehmungslustig und neugierig, und er bringt die erstaunlichsten Zusammenhänge in Erfahrung. Wenn es so etwas wie eine mäandrierende Zielstrebigkeit geben kann, dann ist sie hier zum Prinzip erhoben. Von D'Annunzios Fliegerroman aus kommt Demetz der Reihe nach auf einen "kalifornischen Pornoproduzenten", einen fliegenden Reporter und D'Annunzios französische Übersetzerin, die Gräfin Gobuleff, die ihn wiederum auf den deutschen Übersetzer bringt, der nicht nur ein expressionistischer Schriftsteller, sondern auch selbst ein Flieger war und später, so hängt alles mit allem zusammen, das Drehbuch zu "Der blaue Engel" mitverfaßt hat.

Souverän fliegt Kapitän Demetz so in Kreisen, Loopings und Zeitschleifen durch die versinkende Welt des alten Europa. Leitmotivisch angedeutete Wiederholungen von Vorgängen und Details erzeugen den Eindruck einer zugleich vergehenden und stehenden Zeit - als spule jemand das Band immer wieder ein Stück zurück, zoome dann auf immer neue Ausschnitte, springe zwischen Vorder- und Hintergrund hin und her, bis schließlich das Bild des Schauplatzes vom Großen bis ins Kleinste dreidimensional erfaßt ist. Dann ist die abenteuerliche Flugstunde, die wilde und schöne Geschichte zu Ende. Und immer deutlicher treten Kafka und seine beiden Freunde als die heimlichen Mittelpunktfiguren hervor, nebenbei oder in Großaufnahme, als Beobachter inmitten des Panoramagemäldes.

Demetz erzählt von ihrer Anreise und vom Verkehrszusammenbruch am Eröffnungstag; er porträtiert die umschwärmten Helden der Lüfte und die nicht weniger abenteuerlichen Mitglieder des Organisationskomitees, verfolgt die Wetterberichte und überprüft Eintrittspreise (die teuersten Billetts kosten zweihundert Lire, Kafka und die Brüder Brod bezahlten für ihre Tageskarten nur ein Hundertstel davon); er stellt technische Recherchen und Stilbeobachtungen an, erzählt von Biographien und von Sportwettkämpfen, kommentiert Opern und Romane; er rekonstruiert das komplizierte System der Flaggensignale, wirft einen Blick ins emsige Treiben des Telegraphenbüros und liest mit philologischer Akribie die Kunstwerke, die aus alldem hervorgegangen sind.

Vor allem aber folgt er den Lebensläufen seiner Helden über die Tage von Brescia hinaus, sieht sie sich miteinander verstricken oder in der Ferne verlieren, in manchmal tragischen, oft komischen Verwirrungen und immer wieder doch vor jenem Horizont, an dem längst die nachtschwarze Gewitterfront des Ersten Weltkriegs heraufzuziehen beginnt und hinter dem, in noch weiterer Ferne, schon die Feuer von Stalingrad und Auschwitz aufflackern. In einem eigenen Kapitel stimmt er mit Max Brod ein "Klagelied für Otto Brod" an, den jüngsten der drei reisenden Freunde, der 1944 in den Lagern ermordet wurde. Und D'Annunzios ungewollt komische Selbststilisierungen zum Fliegergenie kontrastiert Demetz mit dem nur acht Jahre später verfaßten Memorandum "Über den Einsatz von Bombengeschwadern in zukünftigen Operationen"; mit einem Schlag wandelt sich vor unseren Augen der vitalistische Ikarus zum Ideologen des Luftkriegs.

Bekanntlich ist D'Annunzio dann ja wirklich unter die Flieger gegangen; im Weltkrieg greift er aus der Luft die dalmatinischen Häfen an - was Demetz den schönen Stoßseufzer abnötigt, es sei doch schade, daß Hofmannsthal damals, statt im Kriegsarchiv Dienst zu tun, nicht bei der Marine gedient und Österreich "gegen seinen ästhetischen Verbündeten verteidigt" habe. "Wie interessant wäre es gewesen", allerdings! "Interessant", das ist das Schlüsselwort. Demetz ist ein Enthusiast der Neugierde. Daß nicht jeder Ausflug "genauso interessant, ja interessanter" als der andere ausfällt und auch ausdauernde Leser vor soviel Interessantheit manchmal ermatten, ist unvermeidlich und bleibt die Ausnahme. "Zugegeben, dieses Buch ist als Entertainment gedacht", bemerkt das Vorwort fast entschuldigend. Diese Erwartung wird nicht enttäuscht. Und doch stapelt Demetz hier zu tief. Denn unterhaltsam, "Schritt für Schritt und in ihrem ganzen Kontext", wird hier die schöne und traurige Geschichte von der Jugend der technischen Moderne erzählt, von ihrer Fortschrittshoffnung und ihrem unbegrenzten Glauben an die technische Beherrschbarkeit der Natur, vom "letzten leuchtenden Moment einer sonderbaren Unschuld" im Augenblick ihres Verschwindens.

Peter Demetz: "Die Flugschau von Brescia". Kafka, D'Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Marenzeller. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002. 256 S., zahlr. Abb., geb., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Auch wer sich wenig für das Fliegen interessiert, wird mit diesem Buch des Prager Literaturwissenschaftlers Peter Demetz über die erste Flugschau in Brescia im September 1909 voll auf seine Kosten kommen, verspricht Maike Albath. In zwölf "kurzweiligen" Kapiteln lasse der Autor das Geschehen jener Tage, zu dem Künstler wie Franz Kafka, Giacomo Puccini, die Gebrüder Brod oder Gabriele d'Annunzio, einfache Bürger und der italienische König gekommen waren, Revue passieren, berichtet die Rezensentin. Der Leser könne in einer Art "Drehbühnen-Prinzip" aus den verschiedensten Perspektiven die Flugschau verfolgen: aus der Perspektive der Zuschauer, der Mechaniker und der Piloten, schwärmt Albath. Fern jeglichen "Pathos", mit einen gelungenen Gespür für "komische Details", rückt Demetz das Ereignis in ein sehr "menschliches Licht", so die Rezensentin, die außerdem die "aufschlussreichen" und "unterhaltsamen" Porträts über Kafka, die Brod-Brüder und den "Salonlöwen" und "Literaturstar" d'Annunzio besonders gern gelesen hat.

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"Souverän fliegt Kapitän Demetz in Kreisen, Loopings und Zeitschleifen durch die versinkende Welt des alten Europa... Dann ist die abenteuerliche Flugstunde, die wilde und schöne Geschichte zu Ende... Demetz ist ein Enthusiast der Neugierde." Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.02 "Die Lektüre ist ein Genuss. Die Künste der Aviatik werden einem näher gebracht, und die Faszination, die jene vogelartigen Flugmaschinen auf die Zuschauermenge ausübten, ist auf jeder Seite zu spüren." Maike Albath, Frankfurter Rundschau, 09.10.02 "Demetz ist ein Meister atmosphärischer Verdichtung... Er beschreibt die Ereignisse von Brescia in einem präzisen Arrangement der Fakten, das dennoch die Atmosphäre einer Landschaft, einer Zeit und eines bejubelten Aufbruchs jederzeit deutlich macht." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 07.11.02 "Eine unterhaltsame, informative Mischung aus Reisereportage, Geschichtsstunde, Kafka-Reminiszenz und soziologischer Studie. Ein Abenteuer im Miniformat, das eine vergangene Welt erschließt, die der heutigen gar nicht so fern ist." Brigitte, 10/02