Geschichten aus Tel Ilan - Oz, Amos
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Tel Ilan ist ein kleiner Ort irgendwo im nördlichen Israel. Umgeben von Weinbergen und Obsthainen, erinnert hier noch manches an die Gründergeneration, doch neben den baufälligen Unterkünften für Saisonarbeiter finden sich heute Galerien, Boutiquen und Restaurants, das unspektakuläre und provinzielle Tel Ilan lebt mittlerweile mehr von Wochenendtouristen und Schnäppchenjägern als von Landwirtschaft. Amos Oz erzählt in seinem neuen Buch von den Einwohnern dieses kleinen Kosmos, ihren unerfüllten Sehnsüchten, ihrem Scheitern, von Menschen, die zwischen dem, was hätte sein können und wohl nie…mehr

Produktbeschreibung
Tel Ilan ist ein kleiner Ort irgendwo im nördlichen Israel. Umgeben von Weinbergen und Obsthainen, erinnert hier noch manches an die Gründergeneration, doch neben den baufälligen Unterkünften für Saisonarbeiter finden sich heute Galerien, Boutiquen und Restaurants, das unspektakuläre und provinzielle Tel Ilan lebt mittlerweile mehr von Wochenendtouristen und Schnäppchenjägern als von Landwirtschaft. Amos Oz erzählt in seinem neuen Buch von den Einwohnern dieses kleinen Kosmos, ihren unerfüllten Sehnsüchten, ihrem Scheitern, von Menschen, die zwischen dem, was hätte sein können und wohl nie sein wird, ihr scheinbar durch und durch alltägliches Leben führen.

In Eine Geschichte von Liebe und Finsternis erzählt Amos Oz, wie Sherwood Anderson ihm »die schreibende Hand löste«. Auf Geschichten aus Tel Ilan trifft zu, was Amos Oz über dessen Winesburg, Ohio schrieb: ein Zyklus von Erzählungen aus dem Leben eines kleinen Ortes, »der Komödie mit Tragödie, Alltagseinerlei mit Poesie vereint«.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 187
  • Erscheinungstermin: 18. September 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 129mm x 21mm
  • Gewicht: 320g
  • ISBN-13: 9783518420676
  • ISBN-10: 3518420674
  • Artikelnr.: 25553412
Autorenporträt
Amos Oz, geboren 1939 in Jerusalem, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie an der hebräischen Universität in Jerusalem. Er gehört zu den großen israelischen Schriftstellern der Gegenwart und unterrichtet hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beesheva. Seit 1986 lebt er mit seiner Familie in Arad in der Negey-Wüste. 1992 wurde er in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 2004 mit dem "Welt"-Literaturpreis, 2005 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main und 2006 mit dem Corine Ehrenpreis. 2007 erhielt Amos Oz den Stefan-Heym-Preis und 2008 den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf.
Inhaltsangabe
Erben - Verwandte - Graben - Verloren - Warten - Fremde - Singen - An einem fernen Ort zu einer anderen Zeit
Rezensionen
Besprechung von 16.10.2009
Wünschen hilft nicht nicht mehr, Fluchen auch nicht
Das neue Buch des israelischen Erzählers Amos Oz, „Geschichten aus Tel Ilan”, lässt den Menschen ihre Merkwürdigkeiten
In der frühen Dunkelheit eines Februarabends sitzt Gili Steiner, die Ärztin der Krankenkassenambulanz von Tel Ilan, an der einzigen Bushaltestelle des Dorfes und wartet auf den Bus aus Tel Aviv. Frühzeitig ist sie aus dem Haus gegangen, denn sie will keineswegs zu spät kommen, wenn ihr Neffe ankommt. Er ist zwar längst kein Kind mehr wie bei den früheren Besuchen, nicht einmal mehr der Abiturient, der sich bei der Tante auf die Biologieprüfung vorbereiten sollte und statt dessen mit ihr fernsah und Dame spielte, er ist mittlerweile ein gestandener Mann von zwanzig Jahren. Bei einer Routineuntersuchung des Militärs hat man jüngst eine Nierenerkrankung entdeckt. Seine Mutter hat ihn zu ihrer Schwester geschickt, auch wenn das Verhältnis zu ihr seit Jahren vergiftet ist. Aber Gili Steiner, die hagere Junggesellin mit den kurz geschnittenen grauen Haaren und der eckigen randlosen Brille, gilt als glänzende Diagnostikerin. Außerdem hat sich Gideon immer gut bei ihr erholt.
Nun sitzt sie also da und wartet, diese Frau Mitte vierzig, die deutlich älter aussieht, als sie ist. Und sie wartet auch dann noch, als der Bus endlich angekommen ist, ohne dass ihm Gideon Gat entstieg. Schnell macht sie sich auf den Weg nach Hause, Bilder des einsam vor ihrer Tür sitzenden Neffen malträtieren sie und plötzlich entsteht die beinahe zur Gewissheit werdende Idee, er müsse im Bus eingeschlafen sein. Eine schreckliche Vorstellung: der immer etwas zerstreute Neffe, der schon als Kind am liebsten allein spielte, sei nun im Bus gefangen und hämmere verzweifelt gegen die verschlossene Tür. Sie ruft den Busfahrer an, Vorteil eines kleinen Dorfes, in dem jeder jeden kennt, und er ist sogar bereit, sein Gefährt, das er nachts vor dem Haus parkt, aufzuschließen. Gemeinsam suchen sie nach dem jungen Mann – doch sie finden nur einen Mantel.
Eingehüllt in diesen Mantel, stürmt Gili Steiner nach Hause, wo sie vor dem Gang zur Bushaltestelle alles präpariert hatte: den Heißwasserboiler eingeschaltet, die Räume beleuchtet, Zeitschriften und Bücher auf dem Nachttisch des Gastes bereitgelegt. Sie befühlt, befingert, beschnuppert den Mantel: ja, er könnte dem Neffen gehören. Was aber bedeutet das? Gutes, Schlimmes, eine Katastrophe gar? Soll sie die Schwester anrufen, um zu erfahren, ob Gideon tatsächlich losgefahren ist? Aber warum seine Mutter beunruhigen? Die eigene Sorge ist Schmerz genug. Denn sie liebt ihn mehr, „als sie je einen Menschen geliebt hatte und je noch lieben würde”. Unter Tränen isst sie allein zu Abend, Gideons liebstes Spielzeug, ein abgewetztes Wollkänguruh in der Hand, danach trocknet sie ihre Tränen, packt das Stofftier in die Schublade, bügelt noch ein wenig, räumt auf und geht zu Bett.
Kaum mehr als zwanzig Seiten benötigt Amos Oz, um die Verlorenheit und Einsamkeit einer scheinbar herben Frau bis in den hintersten Winkel auszuloten. Eine Aura der Verlorenheit, die sich in den kleinen Dingen und Gesten des Alltags materialisiert, umgibt nahezu alle Figuren dieses Buches, das acht lose verknüpfte Geschichten aus einem fiktiven Dorf im Norden Israels zu einem Kosmos menschlicher Verfehlungen zusammenfügt. Wie in seinem großen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis”, seit dessen Erscheinen der 1939 in Jerusalem geborene israelische Autor alljährlich zu den heißesten Kandidaten des Literatur-Nobelpreises gehört, stehen auch hier familiäre Beziehungen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch die „Geschichten aus Tel Ilan” schlagen nicht den großen Bogen quer durch die eigene Familiengeschichte und die Geschichte des aus Europa vertriebenen Judentums, sie bleiben im Kleinen.
In gewisser Weise kann man diesen Geschichtenband als das kongeniale Pendant zu Amos Oz’ größtem Roman bezeichnen. Und zwar nicht nur, weil der Ort der Handlung ein Dorf ist, sondern auch der familiären Beziehungen wegen, die er beschreibt. Es gibt auf den fast zweihundert Seiten des Buches keine einzige vollständige Familie im traditionellen Sinn: mit Eltern, Großeltern, Kindern und Enkeln. Es gibt nur Schrumpffamilien, übriggebliebene, notdürftig zu Zweckgemeinschaften zusammengeschweißte Einzelne, die sich irgendwie über Wasser halten und gelegentlich von einem besseren Leben träumen.
Ihre Einsamkeit hat nichts mit der speziellen Situation Israels zu tun und auch nicht im engeren Sinn mit der Schoah. Es sind ganz normale, modernetypische Gründe, die den familiären Zusammenhalt zerstören: Mal haut die Frau ab, mal stirbt der Mann am Schlaganfall, mal ziehen die Kinder in die Stadt, mal hat eine Witwe genug vom Dorfleben und überlegt, ob sie die Mutter nicht ins Altersheim verfrachten soll, um ein neues Leben zu beginnen.
Jerusalem, Tel Aviv und Haifa sind die Sehnsuchtsfäden, die das seit über hundert Jahren existierende jüdische Dorf mit dem Rest des Landes verbinden. Nur die Häuser und die Alten sind wirklich noch an den Ort gebunden, der sich, während die Einheimischen immer weniger werden, langsam in eine Sommerfrische für Städter verwandelt. Insofern ist Tel Ilan ein exemplarisches Dorf, wie es rund um den Globus in unterschiedlichen nationalen Ausprägungen vom Modernisierungsprozess ergriffen wird.
Und doch sind die Geschichten, die Amos Oz erzählt, nicht austauschbar. Wer hautnah miterleben will, wie ein großer Autor aus dem allgemein Üblichen das Besondere macht, sollte dieses Buch mit einem kleinen Seitenblick aufs Handwerk lesen. Da verschränken sich Rückschau und Vorausblick fast in jedem Satz mit der Gegenwart zu einem höchst anschaulichen Erzählen, das sich des Präteritums bedient, um die Figuren direkt vor das Auge und Ohr des Lesers zu stellen: „Das ehemalige Knessetmitglied Pessach Kedem lebte am Ende seiner Tage im Haus seiner Tochter Rachel am Rand des Dorfes Tel Ilan in den Menaschebergen. Er war alt, groß, bucklig, jähzornig und rachsüchtig. Infolge einer Rückgratverkrümmung war sein Kopf fast rechtwinklig nach vorn geschoben, so dass seine Gestalt einem auf dem Kopf stehenden L ähnelte. . . . Von morgens bis abends schlurfte er im Haus herum, in Hausschuhen, Unterhemd und einer Khakihose, die ihm viel zu weit war und von auf dem Rücken gekreuzten Hosenträgern gehalten wurde. . . . Und er murrte unaufhörlich vor sich hin: Er verwünschte eine Schublade, die nicht aufgehen wollte, beschimpfte die Nachrichtensprecherin, die die Slowakei und Slowenien miteinander verwechselte, regte sich über den Westwind auf, der plötzlich vom Meer her wehte und ihm die Papiere auf dem Verandatisch durcheinanderwirbelte, wütete auch gegen sich selbst, weil er sich, als er sich bückte, um die Papiere wieder aufzuheben, an der verfluchten Tischkante gestoßen hatte.”
Natürlich missgönnt er seiner Tochter, auch sie ist Mitte vierzig und hat vor ein paar Jahren ihren Mann verloren, den kleinen Flirt mit dem Tierarzt ebenso wie die Zuneigung zu einem jungen Araber, der, noch auf Einladung des verstorbenen Mannes, in einer Scheune auf dem Grundstück lebt und die Unterschiede zwischen einem jüdischen und einem arabischen Dorf erkunden will. Ob daraus ein Roman oder eine wissenschaftliche Abhandlung werden soll, weiß er noch nicht. Einen wesentlichen Unterschied hat er jedoch schon ausgemacht: Das jüdische Dorf sei aus einem Traum heraus erschaffen worden, seines jedoch ganz ohne Plan, es sei einfach schon immer da. Der Konflikt zwischen Juden und Arabern kommt in diesem Geschichtenband nur in menschlichen Binnenkonflikten vor, nicht als großes politisches Thema.
Amos Oz wird seit Jahren nicht müde, darauf hinzuweisen, dass sich das Leben in Israel ganz anders abspielt, als es sich in den Medien darstellt. Israel ist ein säkulares, „pragmatisches” Land, sagte er einmal in einem Gespräch. Achtzig Prozent der Bevölkerung leben nicht im Westjordanland oder im Gaza-Streifen, sondern in den Küstengebieten und „gehören einer mediterranen Gesellschaft an, wie Griechen, Italiener oder die Franzosen im Süden ihres Landes.” Die beste Brücke zwischen den Nationen sei deshalb die Literatur. Sie lade die Menschen in die Wohnzimmer, in die Kinder- und Schlafzimmer ein und stelle so „eine Intimität zwischen verschiedenen Kulturen” her.
Die intimen Einblicke, die Amos Oz gewährt, sind alles andere als banal. Die „Geschichten aus Tel Ilan” lassen den Menschen ihre Geheimnisse und Merkwürdigkeiten. So wird in der ersten Geschichte ein von seiner Frau verlassener Mann, der zurück ins Haus seiner steinalten Mutter gezogen ist, von einem Rechtsanwalt besucht, der behauptet, mit ihm verwandt zu sein und ihm die Verwirklichung seiner geheimsten Träume in Aussicht stellt: Man könne die Mutter doch in ein Altersheim bringen, das Haus lukrativ umbauen. Am Ende landen die beiden gemeinsam mit der Mutter im Bett, der Anwalt küsst und tätschelt sie, eine kafkaeske Szene, abgründig und unheimlich. In einer anderen Geschichte hat sich ein Jugendlicher vor Jahren unter dem Bett der Eltern erschossen und wurde erst Tage später dort gefunden. Der Bürgermeister Tel Ilans – ihn hat ebenfalls seine Frau verlassen – wird während eines Singabends, den die Eltern des Jungen regelmäßig veranstalten, magisch in das Zimmer gezogen, in dem sich der Junge umgebracht hat.
Am Ende des Buches steht die postapokalyptische Phantasmagorie eines an seiner eigenen Umtriebigkeit erstickenden Dorfs. „An einem fernen Ort zu einer fernen Zeit” endet mit einer Bankrotterklärung des Sozialen: „Wer arbeiten kann, soll arbeiten, er soll arbeiten und leiden und schweigen. Und wer nicht mehr kann, bitte, der soll sterben. Und Schluss.” Es ist ein Schluss, mit dem der Leser nicht so leicht fertig wird. Das Unheimliche, das diese Geschichten von Anfang an begleitet, hat offenbar System. Es verwandelt Tel Ilan in das Zukunftsbild einer Hölle.
Während wir uns blendend unterhalten, träufelt Amos Oz die Botschaft in unser Hirn, dass sich die Humanität einer Gesellschaft daran bemisst, wie sie mit ihren Kindern, Kranken und Alten umgeht, also mit jenen, die nicht arbeitsfähig sind. Er selbst muss diese Botschaft gar nicht aussprechen und doch nehmen wir sie mit jeder Geschichte auf, als subkutane Unheimlichkeit, die sich zum Guten wie zum Schlechten wenden kann. MEIKE FESSMANN
AMOS OZ: Geschichten aus Tel Ilan. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 188 Seiten, 16,80 Euro.
Er war alt, groß, bucklig, jähzornig und rachsüchtig. Von morgens bis abends schlurfte er im Haus herum
Wer arbeiten kann, soll arbeiten. Er soll arbeiten und leiden und schweigen
Das Land ist ganz anders als in den Medien dargestellt: Blick auf den Kibbuz Ramot Menashe im Norden. Foto: akg-images
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensentin Stefana Sabin bewundert Amos Oz auch in diesem Buch für sein Talent, Alltagsunglück und -leben literarischen Glanz und der Banalität eine allgemeinmenschliche Gültigkeit zu verleihen. Auch kehrt der israelische Autor ihrem Eindruck zufolge mit dieser Erzählsequenz über einfache Leute und ihr einfaches Leben zu seinen literarischen Anfängen zurück. Wie bereits in seinem 1966 erschienenen Buch "Ein anderer Ort" verzichte Oz auf eine zusammenhängende Handlung, schreibt die Kritikerin, und stelle "allein aus der Beschreibung von Beziehungen und Befindlichkeiten" die Spannung her, die durch die Erzählungen führen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.01.2010
Konzentrat eines Lebensgesprächs

Ein Dorf als Laboratorium des neuen und alten Israel: Amos Oz erzählt in seinen "Geschichten aus Tel Ilan" von den unheimlichen Veränderungen einer vertrauten Welt.

Von Anja Hirsch

Tel Ilan ist ein Dorf in der israelischen Provinz. Genauer: es ist ein von Amos Oz ausgedachtes Dorf, eher also ein Laboratorium. Tel Ilan hat einen Bürgermeister, Gemäuer aus der Gründerzeit, kleinere Häuser, die an Zypressen grenzen. Es ist umgeben von Obstgärten und Plantagen, Weinbergen und langen Reihen von Mandelbäumen. Im Zentrum gibt es seit einiger Zeit neue Boutiquen, die am Schabbat Fremde anziehen und das abgelegene Nest für ein paar Stunden beleben. Nachts heulen die Schakale. Tagsüber trifft man sich zufällig im Gedenkpark oder in der kleinen Bibliothek und plaudert. Zum Beispiel über den neuen israelischen Roman, der gerade in aller Munde ist. "Meiner Meinung nach wiederholt er sich", sagt eine Leserin; und die geduldige Bibliothekarin hält etwas pathetisch dagegen: "Es gibt Themen und Motive, zu denen ein Autor immer wieder zurückkehrt, weil sie der Wurzel seiner Seele entstammen."

Amos Oz ist im vergangenen Mai siebzig geworden. Und wenn es etwas gibt, zu dem er in seinen Werken immer wieder zurückkehrt, ist es - neben Israel - die Familie. Man liebt, streitet, überzeugt. Oz hat großartige Rhetoriker geschaffen. Die Menschen in den Geschichten aus Tel Ilan haben eine andere Energie. Sie sprechen leiser, haben sich im Dorf eingerichtet, fast wie in einer Großfamilie, bei der man oft auch nur die Rahmendaten vom anderen weiß, ohne dass die Zugehörigkeit deswegen schwächer wäre.

Nur manchmal, wenn der Tag zu heiß ist, wenn die moderne Zeit ihre Krakenarme nach ihnen ausstreckt, lässt es sich nicht mehr verhehlen: Jemand wühlt in der Erde unter diesen Menschen. Vornehmlich nach Mitternacht - wie in der Erzählung "Graben". Rachel, eine alleinstehende Lehrerin, die mit ihrem griesgrämigen Vater am Dorfrand wohnt, hält das Geräusch zunächst für Hirngespinste des Alten. Irgendwann jedoch hört sie es selbst und begibt sich auf die Suche. Unmerklich überschreiten diese mit ruhiger Hand komponierten Erzählungen das, was noch eben vorstellbar erscheint. Dann hört die Geschichte aber auch schon auf. Und das ist viel beklemmender, als wenn Amos Oz das phantastische Element überstrapazieren würde.

Die schwebende Stimmung dieser Prosastücke beruht auf einer ganz bestimmten Reihung von Wahrnehmungseindrücken. So auch in der zentralen Geschichte des Bandes: Jossi ist Immobilienmakler im Dorf. Schon lange will er das alte Haus einer Witwe erwerben, das dann einem schicken Neubau Platz machen soll. Eines Nachmittags macht sich Jossi auf den Weg. Unterwegs taucht eine fremde Frau wie aus dem Nichts auf und mustert ihn "mit einem scharfen, durchdringenden, fast feindseligen Blick". Dann ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, und Jossi beschleicht das Gefühl, "daß etwas nicht in Ordnung war". Auf einer Bank sieht er verlassen ein schweres Paket liegen; vor dem Park den Bürgermeister scheinbar "in eine geheim anmutende Besprechung" vertieft. Die Dunkelheit bricht herein, und auch als die Straßenlaternen angehen, weichen die Schatten nicht zurück, "sondern drehten sich in dem leichten Wind, der die Baumwipfel erzittern ließ, als würden sie von einer unsichtbaren Hand durcheinandergewirbelt". Am Haus angekommen, quietscht das Tor "bösartig", und nach zweimaligem Klopfen öffnet ihm Jardena, die Tochter, die aus der Stadt angereist ist, um hier in Ruhe an ihrer Seminararbeit zu schreiben. Sie bittet Jossi, den sie aus Kindertagen kennt, hinein. Und es beginnt ein zeitloser Abend, mit Gesprächen, einem Rundgang durchs Haus, Wiegenliedern und Barfußtanz, der in den Kellern endet: Jossi sitzt selig im Rollstuhl des verstorbenen Hausherrn. Jardena tanzt davon - und schließt die Tür.

Das Unheimliche, das alle Geschichten dieses Bandes grundiert, tritt nicht so sehr als das schlechthin Fremde ein. Es ist, ganz im Sinne Freuds, vielmehr das Vertraute, das die Magie dieser Erzählungen hervorbringt. Die Unheilsboten kommen und gehen wie in den Nachtstücken E.T.A. Hoffmanns. Auch hier wenden sich die Figuren dem Abgründigen zu, werden davon förmlich angezogen oder gar überrollt. Wir sehen sie unter dem Einfluss einer unsichtbaren Kraft Dinge tun, die wir ihnen nicht zugetraut hätten - und sie sich selbst auch nicht. Am Ende verschwinden die Figuren meist irgendwo allein: unter einem Bett, in dem vor Jahren der kleine Sohn der Gastgeber starb; auf einer Parkbank, ratlos den Schal in den Händen haltend als letztes Zeichen der Ehefrau, die nur einen flüchtigen Zettel hinterließ. "Verwandte", "Warten", "Verloren" heißen drei dieser acht meisterhaft gebauten Erzählungen. Und genau darum kreisen sie, diese Episoden aus dem verwirrenden Alltag einer Zeit im Umbruch. Denn: "Bald wird das Dorf aufhören, ein Dorf zu sein, und sich in eine Art Sommerfrische verwandeln."

Amos Oz erzählt von dieser Wandlung klar und mit oft hintergründigem Witz. Mit dynamischen Strichen erweckt er seine Figuren auf kürzester Strecke zum Leben. Ein Fremder, wiederum scharf auf ein Grundstück, "hopste eilig den Weg entlang"; er "hatte etwas Schlaffes, er sah aus, als sei ihm seine Haut zu weit". Oft schwingt die Absurdität der Vorgänge schon in diesen Beobachtungen mit. Nicht, dass Amos Oz dem leidenschaftlichen Reden plötzlich misstrauen würde. Seine neuen Erzählungen scheinen vielmehr das Konzentrat eines Lebensgesprächs. Mirjam Presslers Übersetzung spiegelt diese Reife; ihre Sätze sind bruchlos und in sich stimmig. Sie transportieren die eigentümliche Atmosphäre allein im Klang - etwa, wenn von einem "verrosteten Pumpenschwengel" oder einem "krautüberwucherten Hof" die Rede ist. Amos Oz benutzt überdies durchweg die zeitliche Vergangenheit, was einen zusätzlichen Effekt hat: Das Erzählte wirkt zugleich nah und weit entfernt. Es zeigt diese Menschen flüchtig von außen, aus den Augenwinkeln der Nachbarn, und noch ein zweites Mal von innen, in jenen Momenten, wo sie vergebens auf jemanden warten. Dann nehmen sie ihre Brille ab und weinen, "aber nach zwei, drei Minuten" hören sie auf, machen die Wäsche und gehen ins Bett.

Manchmal durchqueren sie kurz die Geschichten der anderen, in denen sie wiederum fast Fremde sind. Und so bilden sich Netzwerke und Linien zwischen den einzelnen Episoden, die zu einem Zyklus zusammenrücken, während es über ihnen Winter wird. Erst nach Lektüre aller Erzählungen erweist sich also die ganze Kunst dieses Bandes. Und die magischen Rufe, die nur Einzelne vernehmen, nie die Gruppe, wirken wie das jahrhundertealte Ächzen und Stöhnen, das Veränderungen begleitet. Bei Amos Oz klingt es ganz neu: "Plötzlich hatte ich das Gefühl, sofort in das Nebenzimmer, in dem ich meinen Mantel abgelegt hatte, gehen und etwas aus der Manteltasche holen zu müssen." Mehr ist nicht. Nur sanfte, bisweilen auch feindliche Übernahmen und die Erfahrung, sich selbst fremd zu werden. Wie Amos Oz von diesen merkwürdigen Vorgängen erzählt, ist anziehend, sogar spannend.

Amos Oz: "Geschichten aus Tel Ilan". Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 188 S., geb., 16,80 [Euro].

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"Amos Oz' wunderbare Geschichten aus Tel Ilan erzählen, über die Grenzen seines Landes hinaus, von einer existentiellen Erfahrung: Einsamkeit."
Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 29.11.2009