Mythen in der Politik der DDR - Zimmering, Raina
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Das Buch beschäftigt sich mit dem in der Politikwissenschaft lange vernachlässigten Thema politischer Mythen. Obwohl dieser Gegenstand mittlerweile mehr Beachtung findet, stellt die Untersuchung von Mythen in der Politik der DDR immer noch ein Novum dar. Politische Mythen als narrativ, ikonisch und rituell vermittelte und erfahrene Geschichten besitzen über die kollektive Erinnerung und symbolische Botschaften eine Begründungs- und Sinngebungsfunktion für politische Gemeinschaften, können aber auch zu deren Auflösung und Zerstörung beitragen. Die Autorin macht entscheidende Widersprüche…mehr

Produktbeschreibung
Das Buch beschäftigt sich mit dem in der Politikwissenschaft lange vernachlässigten Thema politischer Mythen. Obwohl dieser Gegenstand mittlerweile mehr Beachtung findet, stellt die Untersuchung von Mythen in der Politik der DDR immer noch ein Novum dar. Politische Mythen als narrativ, ikonisch und rituell vermittelte und erfahrene Geschichten besitzen über die kollektive Erinnerung und symbolische Botschaften eine Begründungs- und Sinngebungsfunktion für politische Gemeinschaften, können aber auch zu deren Auflösung und Zerstörung beitragen. Die Autorin macht entscheidende Widersprüche zwischen politischen Erwartungen, ideell Vorgestelltem und real erfahrener Politik mit dem Ergebnis eines schleichenden Sinnverlustes in der DDR deutlich. Schwerpunkte der Untersuchung sind: der Antifaschismus als Gründungsmythos, Bauernkrieg und Reformation als Additionsmythen und das Preußentum als mythenpolitischer Anpassungsversuch. Theoretisch innovativ gestaltet sich die Verknüpfung von Mythentheorien aus der Philosophie (Cassirer und Blumenberg), gedächtnistheoretischen (Assmann) und politikwissenschaftlichen Ansätzen.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt: Mythen in der Politik - Der Antifaschismus- Gründungsmythos der DDR - Narrative Vermittlung des antifaschistischen Mythos - Antifaschistische Erziehung in der DDR und ihre mythenstiftende Funktion - Die Ikonographie des Antifaschismus in der DDR - Die rituelle Seite des Antifaschismusmythos - Die Wirksamkeit des antifaschistischen Mythos in der DDR auf Identität und Integration - Bauernkrieg und Reformation als politische Mythen der DDR - Der Preußenmythos in der DDR
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.02.2002

Arbeit am Mythos
Der DDR-Antifaschismus ebnete der Volksgemeinschaft den Weg auf die Siegerseite

Raina Zimmering: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung politischer Mythen. Verlag Leske + Budrich, Opladen 2000. 385 Seiten, 32,90 Euro.

Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000. 646 Seiten, 50,- Euro.

Norbert Podewin: Albert Norden. Der Rabinersohn im Politbüro - Stationen eines ungewöhnlichen Lebens. edition ost, Berlin 2001. 437 Seiten, 16,- Euro (derzeit nicht lieferbar).

Simone Hannemann: Robert Havemann und die Widerstandsgruppe "Europäische Union". Eine Darstellung der Ereignisse und deren Interpretation nach 1945. Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2001. 188 Seiten, 8,- Euro.

Die landläufige Meinung ordnete lange Zeit den Mythos, dem etwas Irrationales anhafte, der Rechten und die rationale Aufklärung der Linken zu. Raina Zimmering widerspricht dieser Auffassung und untersucht die Ideologie des SED-Staates als Mythenerzählung. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die SED-Herrschaft trotz aller Suche nach dem Urgrund ihrer staatlichen Sonderexistenz am Ende kein "DDR-Volk" hervorgebracht hat. "Es existierte lediglich die Zuweisung eines Staates an ein Teilvolk durch die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg" und ein "Kunstmythos", der nie volkseigen wurde. Die Autorin analysiert das anhand von drei zentralen Selbstlegitimationen des SED-Regimes: dem antifaschistischen "Gründungsmythos der DDR", der Beanspruchung von Bauernkriegen und Reformation als Vorgeschichte der DDR sowie dem Preußenmythos, der sich vom anfänglichen Negativbild zum Element der Identitätsstiftung gewandelt hat.

Der eigentliche Ursprungsmythos des Regimes aber, der Kommunismus, bleibt ausgespart. Das ist erstaunlich, weil die unerschütterliche Überzeugung und der missionarische Eifer, mit dem die Gründerväter der DDR zu Werke gingen, doch hier ihre Wurzeln hatten. Der kommunistischen Funktionärselite war von Anfang an klar, daß die "antifaschistisch-demokratische Ordnung" in die Diktatur des Proletariats münden würde. Im nachholenden Kampf gegen den "Hitler-Faschismus" und die westlichen Monopole konnte die Mehrheitsbevölkerung auf die Siegerseite wechseln und in die spezifische Widerstandsgeschichte der kommunistischen Minderheit integriert werden, damit die Zukunft auch ihre passende Vergangenheit habe.

Auch die jüdischen Überlebenden hatten sich rasch und ohne viel Aufhebens in die neue antifaschistisch-sozialistische Volksgemeinschaft einzufügen. Karin Hartewig vollzieht in ihrer fast enzyklopädischen Untersuchung diesen Teilaspekt der DDR-Geschichte nach. Dabei geht es der Autorin sowohl um das Schicksal der religiösen Juden in der zweiten Diktatur als auch um die aus dem Exil zurückgekehrten oder aus den Konzentrationslagern befreiten Kommunisten jüdischer Herkunft. Ihre Integration in die SED vollzog sich in aller Stille. Die Kaderabteilung wußte Bescheid, gegenüber der Öffentlichkeit wurden "Andeutungen über ihre jüdische Herkunft und die Verfolgung ihrer Familien jedoch streng vermieden". Albert Norden, SED-Politbüromitglied und Rabbinersohn, schrieb 1959 an Arnold Zweig, die Hervorkehrung jüdischen Selbstbewußtseins, die Forderung nach einem offenen Bekenntnis zum Judentum sei historisch überholt und könne "uns heute in die Position desjenigen bringen, der wider Willen Wasser auf die antisemitischen Mühlen gießt".

Für die SED war der nationalsozialistische Antisemitismus ein nachrangiges Phänomen. Karin Hartewig spricht von einer "Marginalisierung der jüdischen Opfer gegenüber den antifaschistischen Widerstandskämpfern". Der Judenmord wurde "als Nebenschauplatz der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis betrachtet". Trotz vereinzelter Versuche, diese SED-Geschichtspolitik mit Gegenerzählungen zu konterkarieren, blieb der "Antifaschismus ohne Juden" bis in die achtziger Jahre das dominante und offizielle Geschichtsbild der SED.

Erst als sich die Honecker-Führung aus wirtschaftlichen Erwägungen gegenüber den Vereinigten Staaten bereit fand, "materielle Wiedergutmachung für jüdische Opfer im Tausch für politische Anerkennung und Prestige" anzubieten, kam es kurz vor dem Ende der DDR zum symbolischen Umschwung, der in der Gedenkveranstaltung zum fünfzigsten Jahrestag der "Reichskristallnacht" und dem Wiederaufbau der jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße gipfelte. Die jüdischen Gemeinden in der DDR hatten zu diesem Zeitpunkt noch gerade einmal vierhundert Mitglieder. Karin Hartewig betrachtet zu Beginn ihrer Darstellung mehrere exemplarische Biographien von SED-Funktionären aus jüdischen Elternhäusern und nähert sich mit kritischer Distanz den Brüchen und Kontinuitäten dieser ebenso komplizierten wie aufwühlenden Lebenswege durch das 20. Jahrhundert.

Auf geradezu entgegengesetzte Weise nimmt sich Norbert Podewin einer ungewöhnlichen Biographie an. Der oben zitierte SED-Funktionär Albert Norden gerät in Podewins Darstellung als "Rabbinersohn im Politbüro" zum linken Gutmenschen. "Ein politisch wie multikulturell überzeugender Sendbote seiner von gleichberechtigter Mitwirkung in der weltweiten Staatengemeinschaft lange Zeit ferngehaltenen Republik" soll er gewesen sein und schon in den zwanziger Jahren ein mäßigender Kritiker Ernst Thälmanns. Tatsächlich gehörte Norden in der Weimarer Republik zum linksradikalen Straßenkampfflügel der KPD, radikaler als Thälmann noch, stalinistisch und verblendet.

Norden rechtfertigte 1930 in seinen "militärpolitischen" Texten die Erschießung sozialdemokratischer Polizeioffiziere als notwendige Vorbereitungsübung des Jungproletariats auf den Bürgerkrieg. Zu DDR-Zeiten forderte er Berliner Grenzsoldaten zum Schußwaffengebrauch auf. "Ihr schießt also nicht auf Bruder und Schwester, wenn ihr mit der Waffe Grenzverletzer zum Halten bringt", erklärte Norden 1963 vor DDR-Grenzern. "Wie kann der euer Bruder sein, der die Republik verläßt, der die Macht des Volkes verrät, der die Macht des Volkes antastet. Auch der ist nicht unser Bruder, der zum Feind desertieren will. Verrätern gegenüber menschliche Gnade zu üben, heißt unmenschlich am ganzen Volk zu handeln." Der Biograph Podewin gehörte just in dieser Zeit zu den jungen Nachwuchsfunktionären in der von Norden geleiteten Propagandabteilung gegen die Bundesrepublik. Podewin zeichnet das Bild seines verstorbenen Lehrmeisters mit altem Eifer, ohne Selbstzweifel und ohne kritischen Blick in den seit langem im Bundesarchiv zugänglichen Nachlaß Albert Nordens.

Ein Fülle neuer Erkenntnisse fördert hingegen Simone Hannemanns Studie über Robert Havemann und die "Europäische Union" zutage. Der DDR-Staatssicherheitsdienst hielt bis zum Ende des SED-Regimes die Ermittlungsakten der Gestapo gegen die Widerstandsorganisation, der Havemann angehört hatte, unter Verschluß. Lange Zeit hofften die Staatssicherheitsoffiziere, den Regimekritiker Havemann mit Hilfe dieser Akten des Verrats an seinen Genossen überführen zu können.

"Wir stehen am Vorabend des Zusammenbruchs des europäischen Faschismus", lautete die erste These eines Manifestes, das vier junge Akademiker am 15. Juli 1943 in einer Berliner Dachgeschoßwohnung niederschrieben. Trotz härtester politischer Repression sei es dem Nationalsozialismus nicht gelungen, "die alten und ewigen freiheitlichen Ideen, die in Europa in den großen Revolutionen geboren wurden", auszulöschen. "Die Zukunft von morgen wird ein geeintes sozialistisches Europa sein."

Verfaßt haben dieses Manifest der Internist und Privatdozent Dr. Georg Groscurth, der Assistent am Pharmakologischen Institut der Berliner Universität Dr. Robert Havemann, der Dentist Paul Rentsch und der Architekt Herbert Richter. Ihre Widerstandsgruppe, die "Europäische Union", verfügte unter den in Berlin und Umgebung eingesetzten ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen über ein weitverzweigtes Kontakt- und Informationsnetz. Es sollte der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes gegen die nationalsozialistische Diktatur dienen. Außerdem half die Gruppe im Untergrund lebenden Juden, indem sie ihnen falsche Personalpapiere besorgte.

Der "Europäischen Union" gehörten neben dem oben erwähnten Kreis um Havemann zahlreiche ausländische Verbindungsleute an. Nachdem die Organisation 1943 von der Gestapo aufgerollt wurde, fällte der Volksgerichtshof vierzehn Todesurteile und zahlreiche langjährige Haftstrafen. Unter den Hingerichteten befanden sich der tschechische Jurist Paul Hatschek mit Frau Elli und Tochter Krista, der tschechische Chemiker Konstantin Zadkevicz, die französischen Elektrotechniker Wladimir Boisselier und Jean Cochon, der sowjetische Techniker Nikolai Sawitsch Romanenko sowie die sowjetische Lagerärztin Galina Fedrowna Romanowa. Robert Havemann, der in der Todeszelle mit kriegswichtigen Forschungsarbeiten befaßt war, und der Arzt Heinz Schlag - "wegen Tuberkulose nicht hinrichtungsfähig" - überlebten.

Die DDR-Geschichtsschreibung rückte diese Widerstandsorganisation nicht zuletzt deswegen aus dem Blickfeld, weil sie dem "antifaschistischen Geschichtsbild" widersprach, nach dem die KPD den Widerstand in Deutschland geleitet habe. Darüber hinaus stand die Programmatik der "Europäischen Union" im Widerspruch zur Europapolitik des Ostblocks. Und schließlich galt der politische Kopf dieser Organisation, Robert Havemann, auch in der zweiten deutschen Diktatur seit Mitte der sechziger Jahre als Staatsfeind.

Zudem enthielt das Progamm der "Europäischen Union" vieles Weitere, was mit den DDR-Dogmen unvereinbar war. Im Flugblatt Nr. 35 der Widerstandsorganisation hieß es über den künftigen europäischen Sozialismus, dieser bedeute nicht "Ausrottung der Bourgeoisie, Aufhebung des privaten Eigentums und Errichtung einer blutigen Diktatur dogmatischer Marxisten", sondern "Ausschaltung privater Interessen aus Politik und Wirtschaft" und "Befreiung des Individuums von wirtschaftlicher Bevormundung". Das Flugblatt endet mit einem Bekenntnis zu den Vereinigten Staaten von Europa und der Vorhersage, daß die von Hitler nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter aus ganz Europa zu Trägern des revolutionären Aufstandes gegen den Nationalsozialismus würden.

Von der deutschen Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit den Nationalsozialismus unterstützte oder sich mit dem Regime arrangiert hatte, erwarteten sich Havemann und seine Freunde nicht viel. Auch in dieser Hinsicht war die Geschichte der "Europäischen Union" mit den Legenden des SED-Antifaschismus unvereinbar. Simone Hannemann legt nach einigen Vorarbeiten des Robert-Havemann-Archivs nun die erste umfassende historische Darstellung über die weitgehend unbekannte Widerstandsorganisation vor, der neben Robert Havemann zeitweise auch der spätere Verleger Helmut Kindler angehörte. Es hat über ein halbes Jahrhundert gedauert, bis schließlich alle Namen und Schicksale der ausländischen und deutschen Widerstandskämpfer aus der "Europäischen Union" bekannt wurden. Ihr Einsatz für Freiheit und Menschenrechte hat in den Gedenkstätten der Bundesrepublik bislang noch keine angemessene Würdigung erfahren.

JOCHEN STAADT

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2000

Es war einmal
Das Märchen von der pazifistischen, internationalistischen, fortschrittlichen DDR endet traurig
RAINA ZIMMERLING: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung politischer Mythen, Leske Budrich, Opladen 2000. 385 Seiten, 64 Mark.
Vielen ist die DDR immer wie ein Märchen vorgekommen – ein bisschen unerklärlich und irgendwie unwirklich. Doch alle Märchen sind irgendwann zu Ende. Für den Zusammenbruch der DDR gab und gibt es viele Erklärungsversuche: die marode Wirtschaftslage des sozialistischen deutschen Staates, die internationale Mächtekonstellation und der Protest im Inneren gelten als Gründe für ihren Untergang. Doch was hatte das ideologische Fundament des Staates so brüchig werden lassen? Raina Zimmerling, Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität Berlin, bringt als Antwort auf diese Frage eine ebenso einfache wie verblüffende These ins Spiel. Es sei auch die inkonsistente Mythenpolitik des Staatsapparates gewesen, die zur Auflösung und Zerstörung des Zusammengehörigkeitsgefühls der politischen Gemeinschaft geführt habe.
Mit dieser These betritt Zimmerling das oft vernachlässigte Feld der politischen Mythen. Wohl wissend, dass der Begriff des Mythos durch die Ereignisse des Nationalsozialismus diskreditiert wurde und vielen noch immer als „Pforte zur politischen Hölle Hitlers” galt, „der die Massen verführte und zu passiven oder aktiven Teilhabern seiner Verbrechen machte”, vertritt sie den Standpunkt, dass Politik zu allen Zeiten zu einem beträchtlichen Teil aus mythischem Bewusstsein bestanden habe und ohne dieses gar nicht existieren könne. Mythen sind demnach „Geschichten, die von den Ursprüngen, dem Sinn und der geschichtlichen Mission politischer Gemeinschaften handeln, um Orientierungen und Handlungsoptionen zu ermöglichen”. Sie gehören zum kulturellen Gedächtnis einer Gemeinschaft und werden medial und institutionell vermittelt.
Krieg dem Faschismus
Die DDR begründete ihre ideologische Legitimation wie kaum ein anderes Land aus solchen Mythen. Nach dem fremdbestimmten Akt der Staatsgründung war es nötig, ein staatsbürgerliches Bewusstsein zu schaffen, das sich nicht nur aus rationalem Kalkül speiste, sondern auch aus Emotionen. Eine solche Rechtfertigung war schnell gefunden: Der Antifaschismus avancierte zum Gründungsmythos der DDR. Die Geschichte weniger Regimegegner wurde zu der aller Bürger: Der aktive Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime wurde auf die gesamte DDR-Bevölkerung übertragen. Der in kollektiv Besitz genommene Antifaschismus wurde allgegenwärtig. Schulbücher und Nachkriegsliteratur waren voll von Geschichten tapferer Widerstandskämpfer; Mahnmale und Bilder sollten die offizielle Geschichtsschreibung festigen und in der Bevölkerung „Gefühle der Achtung der Volksmassen und deren historischer Leistung”, „Liebe zu den Kräften des Fortschritts, insbesondere zu der von den marxistisch-leninistischen Parteien geführten Arbeiterklasse” und „Gefühle der Entrüstung und des Hasses gegenüber den Feinden des Volkes und des Fortschritts” erwecken. Die Antifaschisten wurden zu Menschen ohne Vergangenheit gemacht, ihre Mitgliedschaften in NSDAP, Wehrmacht und BDM gleichsam gelöscht.
Unterstützt wurde der Gründungsmythos durch mehrere Additionsmythen. Thomas Müntzer und der Bauernkrieg „stellten dabei den Kern mythischer Zugehörigkeitsbezüge dar, da diese den Versprechungen und Erwartungen auf eine auf Gleichheit und Volksherrschaft beruhende Gesellschaft in der DDR entsprachen und einem sich als revolutionär definierenden Staates wie kein anderes geschichtliches Ereignis gerecht wurden”. Problematisch wurde es jedoch, als sich die Mythenpolitik in ihrem Kurs gravierend änderte. Galt Luther noch in den Gründungsjahren der Republik als verachtungswürdiger Gegenspieler Müntzers und Verräter der Bauern, wurde er unter Honecker zur anbetungswürdigen Kultfigur, der die Revolution, deren Erbe die DDR angetreten hatte, ausgelöst hatte. Dieser Zickzack-Kurs und die Widersprüche verwirrten die Bevölkerung.
Hoch lebe Preußen
Die Erkenntnis über das nachlassende politische Bewusstsein und die abnehmende Bindekraft des Ursprungsmythos rief die Staatsführung auf den Plan, die einen neuen Preußenmythos etablieren und damit an die nationalen Gefühle der Menschen appellieren wollte. Doch damit konterkarierte man sich selbst. Wem noch in den fünfziger Jahren eingetrichtert worden war, der preußische Imperialismus habe zum Faschismus geführt, der glaubte später nicht an die Mär, Preußen habe den Fortschritt gebracht.
Die Proklamierung neuer Werte, „die vorher aus dem Mythos als verhängnisvoll und verräterisch, wie dies bei den Narrationen über Preußen oder Luther als Identitätsgeschichte geschah, ausgeschlossen wurden”, konnte auf Dauer nicht funktionieren. Zimmerling weist zu Recht darauf hin, dass diese offensichtliche Inkonsistenz nur deshalb so lange aufrecht erhalten werden konnte, weil das „kulturelle Gedächtnis der DDR nicht Gegenstand öffentlich ausgetragener Kontroversen war”. Aufgrund der Dominanz von Partei- und Staatsführung entfiel „auch die Kontrolle durch das kommunikative Gedächtnis, das normalerweise ein unabdingbares Korrektiv zum Funktionieren politischer Mythen darstellt”. Doch auch die wirren Märchen der DDR-Führung fanden irgendwann ihren Meister: Das Gedächtnis der Bevölkerung nämlich war besser als das der senilen Greise aus dem Politbüro.
SUSANNE KATZORKE
Die Rezensentin ist Politikwissenschaftlerin an der TU Chemnitz.
Selbst beim Einkauf im Konsum waren die Symbole der DDR allgegenwärtig.
Foto: SZ-Archiv
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass die DDR mit ihren eigenen Mythen nicht sorgfältig genug umgegangen ist, so Susanna Katzorke, ist These und Ergebnis dieser Studie. Dabei beklagt die Autorin und Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität Berlin nicht etwa das Vorhandensein überhaupt von politischen Mythen, sondern sieht sie vielmehr als zur Politik sui generis gehörig, schreibt Katzorke. So gilt ihre Aufmerksaamkeit vor allem der inneren Konsistenz bzw. Inkonsistenz, die sie am Beispiel des antifaschistischen, anti-preußischen Gründungssmythos der DDR exemplifiziert. Als dessen Bindungskraft nachließ, wurde zur nationalen Identifikation plötzlich preußisch-aufklärerische Größe als positive Erbmasse angeboten. Einen ähnlichen Kurswechsel hatte man auch in Bezug auf Luther schon einmal vorgenommen: erst "verachtungswürdiger Gegenspieler Thomas Müntzers", dann "anbetungswürdige Kultfigur". Und weil die öffentliche Diskussion hierzu nicht Stellung beziehen durfte, was aber "unabdingbares Korrektiv zum Funktionieren politischer Mythen" sei, referiert Katzorke, haben solche Identitätsbehauptungen schließlich gänzlich an Wirkung verloren. Die Besprechung von Susanne Katzorke ist leider nur eine Art zustimmendes Referat und enthält keinerlei Hinweise auf besondere Qualitäten oder Mängel des Buches.

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