Zum ewigen Frieden - Kant, Immanuel
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Produktdetails
  • Reclam Universal-Bibliothek Nr.1501
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Aktualis. Ausg.
  • Seitenzahl: 87
  • Deutsch
  • Abmessung: 150mm x 95mm x 7mm
  • Gewicht: 54g
  • ISBN-13: 9783150015018
  • ISBN-10: 3150015014
  • Artikelnr.: 00003063
Autorenporträt
Immanuel Kant (1724-1804) ist hauptsächlich durch seine erkenntnistheoretischen philosophischen Werke wie z.B. "Kritik der reinen Vernunft" (1781) bekannt geworden und gilt als Begründer der klassischen deutschen Philosophie. Die naturwissenschaftlichen Arbeiten Kants entstanden vorwiegend in seiner frühen Schaffensperiode. Seine bedeutendste Leistung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften ist die Kosmogonie, die 1755 zum ersten Mal erschien.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.01.1999

Der abgesperrten Weltluft den deutschen Raum weit öffnen
Wiedergelesen: Alle Reden der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels / Ehrliche und unehrliche Auskünfte zur inneren Verfassung der Bundesrepublik

An einem Augusttag im Sommer 1949, zwischen der Verkündung des Grundgesetzes und der Wahl von Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten, entstand die Idee zu einem Friedenspreis der deutschen Verleger und Buchhändler. Sie war ein Kind der im Juni 1948 in den drei Westzonen vollzogenen Währungsreform. Der Buchmarkt hatte eben sein erstes Jahr unter Bedingungen der Marktwirtschaft hinter sich und war aus der Nachkriegsordnung der Papierkontingentierungen, Buchzuteilungen und Lizenzierungen, aber auch der bürokratisch garantierten Absatzgewißheiten herausgetreten.

Nicht ohne Sinn für das Versponnene der Szenerie hat der Verleger Friedrich Wittig die Herkunft des Friedenspreises aus Schöppenstedt südöstlich von Braunschweig beschrieben. Dort, an einer der Wirkungsstätten Eulenspiegels, lebte der Schriftsteller Hans Schwarz in hochgespannter Erwartung einer glanzvollen Neubegründung der deutschen Verlagstraditionen. Unter Berufung auf Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) schlug Schwarz seinem Hamburger Besucher vor, die deutschen Verleger sollten einen Friedenspreis stiften und damit jährlich eine Persönlichkeit auszeichnen, "die für Frieden und Verständigung unter den Völkern gewirkt hatte". Bis zum nächsten Frühjahr wurden fünfzehn Verleger für die Stiftung des ersten Preises gewonnen. Er ging Anfang Juni 1950 an den Schriftsteller und Büchermacher Max Tau (1897 bis 1976), der vor dem Krieg Cheflektor im Verlag Bruno Cassirer in Berlin gewesen und als Jude 1938 nach Norwegen emigriert war.

Die Preisverleihung an Max Tau fand in privatem Rahmen in Alsterdorf im Haus eines Weinhändlers statt. Eine gewisse Publizität war ihr vor allem dadurch gesichert, daß Adolf Grimme, der Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks in Hamburg, die Laudatio hielt. Aber erst im Frühjahr 1951 erfolgte der entscheidende Qualitätssprung, der den Preis zu einer überregional bedeutsamen kulturellen Institution der noch jungen Bundesrepublik werden ließ. Mit der Übernahme der Trägerschaft durch den Börsenverein wurde aus einer Initiative einzelner Verleger der "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels".

Durch die Koppelung an die Frankfurter Buchmesse gewann die Preisverleihung die ideelle Gesamtheit der Leser, Autoren, Buchhändler und Verleger als Publikum. Durch die Wahl der Paulskirche als Verleihungsort schließlich erhielt sie einen Echoraum, in dem die Politik nicht nur wegen des demonstrativen Rückgriffs auf die Nationalversammlung des Jahres 1848 in der ersten Reihe saß.

Im Rückblick auf das Auftaktjahrzehnt des Friedenspreises erweist sich Theodor Heuss als Schlüsselfigur. Er hielt im Herbst 1951 die Laudatio auf den ersten in der Paulskirche geehrten Preisträger, Albert Schweitzer. Drei Jahre später, als Carl J. Burckhardt den Preis entgegennahm, war wiederum Heuss der Laudator. Und kaum hatte er sein Amt als Bundespräsident verlassen, nahm er seinerseits den ihm schon seit Jahren in Aussicht gestellten Preis an. Die Friedenspreisrede, die er im Herbst 1959 hielt, war die erste nach seiner Amtszeit. Heuss war ein idealer Resonanzverstärker des Friedenspreises. Für große Teile der deutschen Öffentlichkeit verkörperte er die Personalunion von Geist und Politik. Ohnehin hatte der Bundespräsident die geringen verfassungspolitischen Möglichkeiten seines Amtes durch die Macht des Wortes zu kompensieren. Die Formel, die Benno Reifenberg in seiner Laudatio auf Heuss für diese "andere Art von Autorität" fand, könnte ebensogut für den Friedenspreisträger wie den Bundespräsidenten gelten: "Er handelt nicht. Aber er denkt laut."

Reifenberg hatte beobachtet, daß Heuss sich als politischer Redner gern selbst unterbrach: "Er schaltete den für ihn kennzeichnenden Satz ein: ,Und nun spricht nicht der Bundespräsident, sondern Theodor Heuss.' Er sagte auch ,der Theodor Heuss' oder schlechthin ,der Heuss'." Reifenberg sah darin vor allem die "schwäbische Objektivität gegen sich selbst". Er beschrieb aber zugleich die rhetorische Strategie, mit der Heuss zur Etablierung des Friedenspreises als einer unpolitischen Instanz mit politischer Ausstrahlung beitrug. Alle seine Festreden in der Paulskirche, nicht erst die nach dem Ende der Amtszeit, waren durch die Geste des Heraustretens aus dem Amt geprägt. In "einer Art persönlicher Unterhaltung" redete er Albert Schweitzer an, als jüngst gewonnenen Freund den "Gestalter, Dichter und Staatsmann" Carl J. Burckhardt.

Er gab damit einen Ton vor, der gerne aufgegriffen wurde. Gewiß, es ging stets um das große Ganze, um den "Geist der Humanität", um Antworten auf ein "entsetzliches Inferno". Aber beim Wiederlesen der von Anekdoten, persönlichen Reminiszenzen und Gesten der Intimität durchsetzten frühen Preisreden überlagert nicht selten der Eindruck privater Vorabvertrautheit eines privaten Honoratiorenzirkels das Historienbild einer gesetzgebenden Versammlung zur inneren Verfassung der jungen Bundesrepublik. Sachlich-politische Differenzen wie die zwischen Reinhold Schneider, dem Preisträger des Jahres 1956, der sich skeptisch zur Wiederbewaffnung Westdeutschlands geäußert hatte, und Theodor Heuss, der stets für sie eingetreten war, fanden keinen Eingang in die Reden. Eine Brise der scharfen bundesrepublikanischen Außenluft der frühen fünfziger Jahre weht allerdings durch die energische Brandrede für Berlin, mit der Ernst Reuter vor der Versammlung in der Paulskirche sein "Schaut auf diese Stadt!" bekräftigte, statt eine Laudatio auf Romano Guardini, den Preisträger des Jahres 1952, zu halten.

Theodor Heuss hat als leibhaftig-pragmatische Definitionsmacht den bis heute charakteristischen Zwitterstatus des Friedenspreises als einer zwar prosaisch verfaßten und von einem unspektakulären Verband vergebenen, aber zugleich mit der Aura eines Staatspreises umgebenen Auszeichnung geprägt. Hannah Arendt hat den Friedenspreis nie bekommen, aber sie hat in ihrer Laudatio auf Karl Jaspers im Jahre 1958 seinem Anspruch, mehr zu sein als ein Literaturpreis, die anspruchsvollste Begründung geliefert. In ihrem Beharren auf dem klassischen Raum des Politischen als der Hintergrundvoraussetzung, deren es bedarf, um "Würde zu erkennen und zu feiern", ist diese strenge Laudatio ein kleines Seitenstück zu ihrem in Amerika im selben Jahr erschienenen Buch "The human condition". Es wurde knapp zehn Jahre später unter dem Titel "Vita activa" ins Deutsche übersetzt.

Hier wie dort ist das öffentliche geistige Leben als eine dem Bereich des Politischen analoge Sphäre gedacht, "wo das Persönliche ganz und gar keine Privatsache ist". So konsequent Hannah Arendt die Auszeichnung der Person, nicht lediglich des Werks, ins Zentrum der Preisvergabe rückt, so strikt scheidet sie die allein in der Öffentlichkeit entstehende und an sie gebundene "Person" vom rein Subjektiven, das die Öffentlichkeit nichts angeht. Statt persönliche Reminiszenzen in ihre Laudatio einzuflechten oder Karl Jaspers direkt anzusprechen, spricht sie ausschließlich über ihn. Im Rückblick auf seine isolierte Position im nationalsozialistischen Deutschland entwirft sie die Figur des reinen Repräsentanten zwar nicht der "Humanitas der Deutschen", wohl aber der "Humanitas in Deutschland". Seine Position ist allein vom Gewicht der Person getragen, "ohne irgend etwas anderes zu repräsentieren als die eigene Existenz". Auch in der Verborgenheit ist diese Figur freilich vom Bezug auf die Öffentlichkeit des vernichteten Politischen nicht ablösbar.

Der Hartnäckigkeit, mit der Hannah Arendt den Raum der klassischen politischen Öffentlichkeit auch innerhalb der modernen repräsentativen Demokratie verteidigt, entspricht die Bedeutung, die sie dem "Gesehen- und Gehörtwerden", dem "vor anderen In-Erscheinung-Treten" zumißt. Die Würdigung der "Person", die sie dem Friedenspreis als Aufgabe ins Stammbuch schrieb, verlangt das Heraustreten der Redner aus dem Subjektiven und aus den Unverbindlichkeiten des familiären Umgangstons.

Es war aber damit ein Problem eher auf die Spitze getrieben als gelöst: zur Person die ihr angemessene Sprache und darin zugleich die Rückbindung an den Raum des Politischen zu finden. In der Logik Hannah Arendts konnte es dabei keine Ex-kathedra-Autorität geben: sie ermunterte weder die Berufung auf das Gute in der deutschen Kultur noch die auf ein Amt oder gar die Illusion, Schriftsteller seien gewissermaßen konstitutionell zu höherer Einsicht in Politik und Moral befähigt.

Von Beginn an war der Akt der öffentlichen Friedenspreisverleihung in der Paulskirche nicht nur eine symbolische Parallelaktion zur politischen Konsolidierung der Bundesrepublik im Inneren. Er war zugleich ein Akt der Rehabilitierung der Deutschen nach außen. Schon beim Festakt für Albert Schweitzer lobte Theodor Heuss die deutschen Verleger für ihr Bemühen, "der abgesperrten Weltluft den deutschen Raum wieder weit zu öffnen". Und er dankte ihnen "für die noch nicht ganz so erfolgreiche Mühe, dem deutschen Geist draußen wieder Achtung und Geltung zu erkämpfen". Die Mühe wäre ohne die Repräsentanten der Versöhnung aus dem Ausland noch weniger erfolgreich gewesen, die schon sehr früh an die Seite der Repräsentanten des deutschen Geistes traten.

Alle nichtdeutschen Preisträger des ersten Jahrzehnts waren prominente Kritiker der These von der Kollektivschuld des deutschen Volkes. Martin Bubers Dankesrede war im Jahre 1953 die erste, in der die Namen von Auschwitz und Treblinka fielen. Seine Anfangssätze hat dreißig Jahre später Manès Sperber als Zitat in die eigene Rede übernommen: "Vor einem Jahrzehnt etwa hat eine erhebliche Anzahl deutscher Menschen - es müssen mehrere Tausende gewesen sein - auf den indirekten Befehl der deutschen Reichsregierung, auf den direkten Befehl von deren Beauftragten Millionen meiner Volks- und Glaubensgenossen umgebracht, in einer systematisch vorbereiteten und durchgeführten Prozedur, der an organisierter Grausamkeit kein früherer geschichtlicher Vorgang zu vergleichen ist. Ich, einer der am Leben Gebliebenen, habe mit denen, die an jener Handlung in irgendeiner Funktion teilgenommen haben, die Dimensionen des menschlichen Daseins nur zum Schein gemein; sie haben sich dem menschlichen Bereich so dimensional entrückt, so in eine meinem Vorstellungsvermögen unzugängliche Sphäre der monströsen Unmenschlichkeit versetzt, daß nicht einmal ein Haß, geschweige denn eine Haßüberwindung in mir hat aufkommen können."

Es ist im Rückblick auf Hannah Arendt, Martin Buber und Karl Jaspers frappierend zu sehen, wie früh die Koordinaten, denen Martin Walser in seiner Rede nicht entkam, in der Geschichte des Friedenspreises festgelegt waren. Buber sprach als Anwalt der Erinnerung ohne Haß, Jaspers sprach als Aufklärer, der die überfällige Aufnahme von Nationalsozialismus und Judenvernichtung in die Unterrichtung der Jugend anmahnte. Hannah Arendt formulierte für Laudatoren wie Preisträger einen kategorischen Imperativ der öffentlichen Rede: Sprich stets so, daß deine Rede als Äußerung deiner Person, nicht lediglich deiner subjektiven Existenz verstanden werden kann.

Martin Buber war unter den Preisträgern der Adenauer-Ära die Komplementärfigur zu Karl Jaspers und Paul Tillich. In seinem emphatischen Vertrauen auf das dialogische Prinzip war er zugleich die Stimme der Opfer des Holocaust und der erste in der langen Reihe der Repräsentanten der Versöhnung. Er begründete eine Tradition jüdischer Preisträger, die über Manès Sperber und Teddy Kollek bis zu György Konrád und Amos Oz reicht. Zu dieser Reihe gehörte der englische Verleger und Gründer des "Left Book Club" Victor Gollancz (1893 bis 1967), dessen Laudator im Jahre 1960 der neue Bundespräsident, Heinrich Lübke, war. Über das von Gollancz in zwei abgründigen Sätzen seiner Ansprache erreichte Extrem hinaus hat kein Friedenspreisträger das Pathos der Versöhnung getrieben: "Ich konnte Hitler nicht hassen. Und aus der Tiefe meines Herzens sage ich nun in dieser Halle, die einst ein Gotteshaus war: Möge seine gequälte Seele in Frieden ruhen." Man liest das, die jüngste Debatte um das Gedenken an den Holocaust noch im Ohr, mit Verblüffung und malt sich die Reaktionen aus, die ein solcher Satz fände, würde er in diesem Jahr in der Paulskirche gesprochen.

Victor Gollancz war eine Ausnahme unter den frühen Preisträgern. Noch 1974 merkte Ernst Klett im Rückblick auf die ersten fünfundzwanzig Jahre des Friedenspreises an: "Die Linke ist sicher manchem zu schwach repräsentiert." Da aber war, mit der Preisvergabe an Ernst Bloch im Jahre 1967, die Zäsur bereits markiert. Sie ließ die Figur des legitimen Kritikers an die Seite der Repräsentanten der Versöhnung und der Rehabilitierung der Deutschen treten. Alfred Grosser und Max Frisch kritisierten in ihren Dankesreden den Radikalenerlaß. Dem Rückblick auf den vergangenen wurde die Vermeidung künftiger Kriege gegenübergestellt.

Mit Gunnar und Alva Myrdal wurde nicht nur die Friedensforschung, sondern programmatisch auch eine "emanzipierte Forscherehe" gewürdigt. Nach der Erweiterung des Vorschlagsrechtes und des Kandidatenkreises wurde der Preis 1972 postum an Janusz Korczak und 1973 an eine Institution, den "Club of Rome", vergeben. In der Laudatio auf Leopold Seda Senghor historisierte François Bondy den ersten Preisträger, Albert Schweitzer. Für die resolute Internationalisierung des Preises seit den späten siebziger Jahren standen Yehudi Menuhin, Ernesto Cardenal, George F. Kennan und Octavio Paz. Unter den zehn Preisträgern zwischen 1976 und 1985 war kein Deutscher. In Abkehr von der Dominanz des südwestdeutschen Raums im ersten Jahrzehnt wurden seit den späten achtziger Jahren mit Wladyslaw Bartyschewski, Václav Havel, Karl Dedecius, György Konrád zunehmend Repräsentanten und Vermittler des europäischen Ostens gekürt.

Doch behielt der Friedenspreis in allen seinen Metamorphosen die in der Frühzeit gewonnene Funktion einer alljährlichen öffentlichen Repräsentation der inneren Verfassung der Bundesrepublik. Dazu gehört, daß in den achtziger Jahren die von Gustav Heinemann, Walter Scheel und Karl Carstens unterbrochene Tradition der Bundespräsidenten als Laudatoren wiederaufgenommen wurde. Richard von Weizsäcker hielt zu Beginn seiner Amtszeit die Rede auf Octavio Paz und gegen ihr Ende die auf Friedrich Schorlemmer. Roman Herzog sprach für Annemarie Schimmel. Doch wurde zugleich absehbar, daß Hannah Arendts Versuch einer Bindung des Preises an den Raum der klassischen Öffentlichkeit auf Dauer mißlingen mußte.

Dolf Sternberger hat über Hannah Arendts Auffassung dieses Raumes einmal gesagt, es gebe darin keinen Platz für Psychologie. Sie hat sich inzwischen sowohl in der Radikalisierung des "Beiseitesprechens", des Unterlaufens der Forderung, als öffentliche Person aufzutreten, wie in der Logik des Verdachts, mit der man gelegentlich zwischen den Zeilen nach dem "Unbewußten" der Redner suchte, Platz geschaffen. Noch gilt für den Friedenspreis Hannah Arendts Formel, daß im öffentlichen Raum Gegenstand einer Würdigung nur sein kann, wer seinerseits "sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt". Er wäre auf eine Verfassungswirklichkeit hin zu überprüfen, in der Hannah Arendts Begriff der Öffentlichkeit nur noch eine ferne Reminiszenz ist. LOTHAR MÜLLER

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.05.2010

Sichtbarliche Nöthigung
Endlich: Jost-Dietrich Busch hat Immanuel Kant redigiert
Wann die Rettung der deutschen Sprache zum Volkssport wurde, ist nicht ganz klar. Jedenfalls gibt es inzwischen Facebook-Gruppen, die mit dem Satz werben: „Wenn wir die Sprache Kants und Hegels nicht retten, dann werden wir den Niedergang der deutschen Sprache erleben.“ Man liest das, ist schlagartig überzeugt, dass es so weit auf keinen Fall kommen darf, und geht pflichtschuldig los, um endlich einmal wieder einen kulturerbewürdigen deutschen Satz zu lesen. Sagen wir von Immanuel Kant:
„Das, was diese Gewähr (Garantie) leistet, ist nichts Geringeres, als die große Künstlerin Natur (n atura daedala rerum ), aus deren mechanischem Laufe sichtbarlich Zweckmäßigkeit hervorleuchtet, durch die Zwietracht der Menschen Eintracht selbst wider ihren Willen emporkommen zu lassen, und darum, gleich als Nöthigung einer ihren Wirkungsgesetzen nach uns unbekannten Ursache, Schicksal, bei Erwägung aber ihrer Zweckmäßigkeit im Laufe der Welt, als tiefliegende Weisheit einer höheren, auf den objectiven Endzweck des menschlichen Geschlechts gerichteten und diesen Weltlauf prädeterminirenden Ursache, Vorsehung genannt wird, die wir zwar eigentlich nicht an diesen Kunstanstalten der Natur erkennen, oder auch nur daraus auf sie schließen, sondern (wie in aller Beziehung der Form der Dinge auf Zwecke überhaupt) nur hinzudenken können und müssen, um uns von ihrer Möglichkeit nach der Analogie menschlicher Kunsthandlungen einen Begriff zu machen, deren Verhältniß und Zusammenstimmung aber zu dem Zwecke, den uns die Vernunft unmittelbar vorschreibt, (dem moralischen) sich vorzustellen, eine Idee ist, die zwar in theoretischer Absicht überschwenglich, in praktischer aber (z. B. in Ansehung des Pflichtbegriffs vom ewigen Frieden, um jenen Mechanism der Natur dazu zu benutzen) dogmatisch und ihrer Realität nach wohl gegründet ist.“
Sind Sie noch da? Gut. Der große Satz stammt aus Kants einflussreicher kleiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ aus dem Jahr 1795, in dem Kant in sechs Verboten und drei Geboten die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden unter den Völkern entwirft. Der Abschnitt ist der Beginn des „Ersten Zusatzes“ der Schrift, die formal wie ein damals üblicher Friedensvertrag abgefasst ist. Und wir kämen nicht darauf, den berühmten Theoretiker als, nun ja, etwas eigenwilligen Stilisten zu kompromittieren. Aber gerade ist ein Buch erschienen, für das getan wurde, was sich jeder Kantleser schon wenigstens einmal insgeheim gewünscht haben dürfte: Kant wurde redigiert. Gewagt hat es für eine Quellenreihe des Instituts für Verwaltungswissenschaften der Universität Kiel Jost-Dietrich Busch, ein pensionierter Jurist und Ministerialrat a. D. Dass gerade ein Verwaltungsbeamter, der sein Leben lang nur mit sperrigsten Schriftsätzen zu tun gehabt haben dürfte, auf die Idee kommen würde, die diffizile und mehr als zwei Jahrhunderte alte kantische Editionsphilologie links liegen zu lassen und eine zugänglichere deutsche Version eines Kant-Textes zu erstellen, ist natürlich etwas seltsam.
Aber deshalb vielleicht auch umso schöner. Nach Quentin Skinners, Peter Lasletts oder auch Reinhart Kosellecks sprachanalytisch sensiblen Rekonstruktionen und Kontextualisierungen ideengeschichtlich bedeutsamer Texte dürfte es jedem gewissenhaften Philosophiehistoriker bei dem Gedanken an einen solchen Eingriff ins Original natürlich die Haare aufstellen. Und Kantphilologen, die hinter jeder Modernisierung Sinnveränderungen und Missverständnisse wittern müssen, werden erschaudern. Buschs Absicht, dafür zu sorgen, dass die berühmte Schrift wieder gelesen wird und nicht nur geschätzt, verdient dennoch Anerkennung. Das Kantische bleibt allerdings auch in seiner Textfassung eine gewöhnungsbedürftige Fremdsprache – die übrigens schon Zeitgenossen mitunter befremdete, wie Jens Timmermann im editionsphilologisch instruktiven Vorwort der von ihm 1998 bei Meiner herausgegebenen, in Forschung und Lehre maßgeblichen Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ bemerkte.
Neben der bei Kant längst üblichen modernisierten Orthographie (Nötigung statt Nöthigung, objektiv statt objectiv, Mechanismus statt Mechanism etc.) und Groß- und Kleinschreibung geht es Busch – in der Tradition mancher Übersetzungen klassischer deutscher Philosophie ins Englische – vor allem um eine souveräne Interpunktion und die Auflösung von langen Perioden. Aus dem obigen Syntax-Monster etwa werden in der Buschschen Neufassung acht, vergleichsweise durchsichtige Sätze. Die ersten drei lauten: „Diese Gewähr (Garantie) für den ewigen Frieden wird durch keine Geringere als die große Künstlerin Natur (natura daedala rerum) geleistet, aus deren mechanischem Lauf sichtbar Zweckmäßigkeit hervorleuchtet. Aus der Zwietracht der Menschen und durch diese Zwietracht selbst lässt die Natur Eintracht selbst wider den Willen der Menschen emporkommen. Dieses Walten wird (. . .) Schicksal genannt.“
Noch etwas unverstellter vielleicht als ohnehin schon zeigt sich so in Buschs Überarbeitung Kants Geschichtsphilosophie. Am Ende garantiert die zweckmäßig ausgerichtete Natur den ewigen Frieden. Geschichte wird so automatisch zu Fortschrittsgeschichte. Selbst die widrigsten Gegebenheiten forcieren das Gute. Mit der Freiheit des bei Kant für den Fortschritt eigentlich so bedeutsamen vernünftigen Menschen ist es da nicht mehr weit her. In dieses systematische Problem des Textes bringt freilich auch eine Version mit mehr Hauptsätzen keine Klarheit.
Nicht zuletzt deshalb hätte man sich das provokante Experiment am Ende vielleicht noch radikaler, spielerischer, weniger brav gewünscht. Mit Mut zum Weglassen möglicherweise. Nur so jedenfalls wäre Kants enervierendem Hang zur Umständlichkeit wirklich beizukommen gewesen und ein tatsächlich lesbarerer Text entstanden. Auch in Buschs Version ist „Zum ewigen Frieden“ nämlich wie so viele Texte des Philosophen stilistisch glanzlos dicht. Die gedankliche Exaktheit steht über allem, und die vielzitierten Bonmots ragen weiter nur inselhaft heraus. Das sprachliche Gewand, das Kant seinen Gedanken verpasste, ist und bleibt, wie Busch im Vorwort die Einführung einer britischen Kant-Ausgabe zitiert, „far from elegant“.
JENS-CHRISTIAN RABE
IMMANUEL KANT: Zum ewigen Frieden. Sprachlich überarbeitet und neugefasst von JOST-DIETRICH BUSCH. Lorenz-von-Stein-Institut, Kiel 2009. 135 Seiten, 8,90 Euro.
Ein Verwaltungsbeamter hat es
gewagt, Kants Syntax-Monster
in Einzelsätze aufzulösen
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