Stellt euch ein Autokino vor, das groß genug ist, viertausend Autos zu fassen. Dann habt ihr eine Idee vom Orbit, dem größten Drive-in von Texas. Jeden Freitag gibt es dort die All-Night-Horror- Show. Genau hier sind wir jetzt, alles ist perfekt. Aber plötzlich taucht aus dem Nichts dieser blutrote Komet auf. Schlagartig ist das Orbit von der Außenwelt isoliert, eingeschlossen von einer tödlichen Leere. Es gibt kein Entrinnen. Die Nahrungsmittel werden knapp. Erste Fälle von Totschlag und Kannibalismus treten auf. Doch das Schlimmste steht uns erst bevor ...
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Abwegig real: Lesevergnügen durch und durch
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 22.07.2024
Bewertungsnummer: 2250468
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Drive-In I – Ein B-Movie aus Blut und Popcorn, made in Texas
Jack (Protagonist und Erzähler) und seine Freunde besuchen freitagnachts das „Orbit“ – Texas‘ größtes Autokino – zur wöchentlichen All-Night-Horror-Show. Die Stimmung ist ausgelassen, doch plötzlich isoliert ein roter Komet das Kino von der Außenwelt. Jeder Fluchtversuch endet im ätzenden Nichts der Barriere. Anfangs bleiben die Eingeschlossenen zivilisiert, doch als Vorräte knapp werden, schlägt die Beklommenheit in kollektive Hysterie um. Eine Endzeitstimmung breitet sich aus: bizarre Sekten, Morde, Kannibalismus. In diesem Irrsinn einen Funken Menschlichkeit zu bewahren, erfordert Überwindung.
Ebenso plötzlich zerreißt der Komet die Barriere – wie ein Levelwechsel im Videospiel.
Erinnert an eine makabre Truman Show.
Drive-In II – Kein gewöhnliches Sequel
Die zweite Kometenerscheinung eröffnet das nächste Level: Ein von Wäldern gesäumter Highway, auf dem Überlebende ihr Dasein fristen. Doch unter ständigen Bedrohungen gedeiht keine Zivilisation – selbstzerstörerische Anarchie folgt. Jacks Gruppe sucht nach Antworten oder einem Siedlungsplatz, doch die Straße führt als Schleife zurück zum „Orbit“, nun von einem blutrünstigen Fanatiker besetzt.
Erinnert an einen Western, in dem Siedler im Planwagen gen Westen ziehen – heimgesucht von Gesetzlosen und um Land kämpfenden Indigenen.
Drive-In III – Die Bus-Tour
Das „gelobte Land“ erweist sich als Gefängnis der Stagnation: Nur Nahrungssuche, Körperfunktionen und Sex füllen die Tage. Bei einer Erkundung entdecken sie einen Pfad. Im Schulbus verlassen sie das „Orbit“, werden jedoch von einer Flut in einen Süßwasserozean gespült. Auf dem Weg zu einer himmelhohen Brücke am Horizont verschlingt sie ein androidenhafter Riesenwels. In seinem Innern haust eine kannibalische Kolonie ehemaliger Kinobesucher. Der Kampf um Freiheit führt durch Kloaken des Monsters – nur um im „Himmel“ zu erkennen: Nichts ist, wie es scheint.
Erinnert an eine groteske Urfassung von Matrix und The LEGO Movie. Doch die Realität ist ungleich erschreckender.
Fazit: Diese wahnsinnige Geschichte verdichtet das Leben auf seine pure Essenz.
Im Supermarkt des Wahnsinns
NiWa am 02.03.2021
Bewertungsnummer: 1240174
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Das größte Drive-In-Kino von Texas ist durch einen Kometen von der Außenwelt isoliert. Viertausend Autos sind eingeschlossen, während der leere Wahnsinn die Kinobesucher umzingelt.
"Drive-In" beinhaltet Lansdales gesamte Drive-In-Trilogie. Es beginnt mit dem Kometen, der Jack und seine Freunde im Autokino einschließt, geht über einen Mittelteil, der das Geschehen und den Leser an die Grenzen bringt, und endet mit einem außergewöhnlichen Abschluss, der einen regelrecht aus dem Drive-In-Orbit schießt.
Vom Genre her ist diese Trilogie schwierig einzuordnen. Der Roman zeigt deutliche Horror-Elemente, die - wenn man sie mit Ernst betrachtet - blutig, grausam und ekelerregend sind. Hinzu kommt ein kräftiger Fantasy-Einschlag, der dennoch einen philosophischen und gesellschaftskritischen Blick auf die Gegenwart und die Realität wirft.
Die Handlung beginnt am Freitagabend, wenn die Horror-Filme ins Autokino locken. Das Orbit ist das größte Drive-In-Kino von Texas und bietet ungefähr viertausend Wagen Platz. Besonders zum Wochenende hin, wenn das Kettensägen-Massaker und ähnliche Streifen mit ihren abscheulichen Gräueltaten rufen - ist es überaus gut gefüllt.
Während sich Jack und seine Freunde auf einen feinen Filmabend des Grauens freuen, und es sich schon einmal gemütlich machen, segelt ein Komet auf die Erde herab, der den wahren Schrecken über die Filmbegeisterten bringt.
Das Autokino ist ab sofort von der Außenwelt abgeschnitten, und niemand weiß, was geschehen ist.
Ab hier nimmt die Handlung schon bizarre Muster an, und fantastische Aspekte werden eingesetzt. Zwar spitzt sich die Lage auf natürlichem Weg zu - man denke an Nahrungsmittel und Wasserversorgung für tausende Menschen - doch auch Übernatürliches spielt mit rein.
Mitten im übernatürlichen Gebaren sind durchaus natürliche Aspekte zentral. Die Menschen verlieren bald ihre Geduld. Sie sind eingepfercht, werden ununterbrochen vom Horror beschallt und mit Popcorn abgefüttert, was rüde Brutalität zum Vorschein bringt.
Schon allein an dieser kurzen Beschreibung kann man ablesen, dass Lansdale trotz des pulpmäßigen Stils gesellschaftskritische Töne anschlägt. Inwiefern er dieses Konzept bewusst anstrebt, ist mir allerdings schleierhaft.
Ich habe noch nie, wirklich noch nie, eine so irre Story gelesen. Es ist dreckig, es ist blutig, es ist abgefahren, und meistens faszinierend merkwürdig.
„Denn es war die Gesamtsituation, die richtig durchgeknallt war, richtig?“ (S. 282)
Die Handlung plätschert relativ gleichförmig dahin. Dabei hatte ich das Gefühl, dass Lansdale einfach drauf los geschrieben hat. Nach genauerer Betrachtung denke ich schon, dass er ein Gesamtkonzept vor Augen hatte, das einem nach Abschluss der Geschichte nachdenklich stimmt.
Lansdale zieht unter anderem mit scharfer Zunge über die Medien her. Er macht aus Film die Realität, während die Menschen begreifen, dass die Realität durchaus filmreif ist:
"Schließlich hatten sie gelernt, dass Filme die Wirklichkeit waren und alles andere Illusion, die man mühsam erzeugen musste." (S. 346)
Dabei darf man Joe R. Lansdale nicht als feinfühligen Philosophen sehen, weil dieses Werk in Ausdrucksweise, Sprache, Szenen und Passagen im derben Stil des Autors widerlich ist. Es geht um Sex, Gewalt, Blut und Fäkalien, die sich seitenweise durch die Trilogie ziehen.
Letztendlich fällt es mir schwer, Lansdales „Drive-In“ zu bewerten, aber ich kann definitiv sagen, dass ich es gerne gelesen habe. Ich habe mir angewidert das Blut aus dem Gesicht gewischt, habe den Gestank menschlicher Ausdünstungen ertragen, und bin auf Fäkalien durch das Gedärm in Richtung Orbit geritten - wenn das mal kein Erlebnis ist!
Zum Abschluss kann ich nur raten, sich bei Interesse selbst ein Bild von diesem bizarren Stück Fantasy zu machen. Hier muss jeder für sich entscheiden, ob es große Philosophie oder eher Alice-im-Wunderland-für-Fortgeschrittene ist.
„Ich sage ja nicht, dass das hier nicht ein echter Supermarkt des Wahnsinns ist.“ (S. 472)
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