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"Eine Erzählung, die wohl nicht mehr übertroffen wird." Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein historisches Werk, das seinesgleichen sucht: Nikolaus Wachsmanns monumentale Geschichte der Konzentrationslager von den improvisierten Anfängen 1933 bis zu ihrer Auflösung 1945. Diese erste umfassende Darstellung vereint auf eindrückliche Weise sowohl die Perspektive der Täter als auch jene der Opfer, sie zeigt die monströse Dynamik der Vernichtungspolitik und verleiht zugleich den Gefangenen und Gequälten eine Stimme. Ein gewaltiges Buch - erschütternd und erhellend zugleich.…mehr

Produktbeschreibung
"Eine Erzählung, die wohl nicht mehr übertroffen wird." Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ein historisches Werk, das seinesgleichen sucht: Nikolaus Wachsmanns monumentale Geschichte der Konzentrationslager von den improvisierten Anfängen 1933 bis zu ihrer Auflösung 1945. Diese erste umfassende Darstellung vereint auf eindrückliche Weise sowohl die Perspektive der Täter als auch jene der Opfer, sie zeigt die monströse Dynamik der Vernichtungspolitik und verleiht zugleich den Gefangenen und Gequälten eine Stimme. Ein gewaltiges Buch - erschütternd und erhellend zugleich.
  • Produktdetails
  • Verlag: Pantheon
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 984
  • Erscheinungstermin: 15. Januar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 137mm x 53mm
  • Gewicht: 938g
  • ISBN-13: 9783570553596
  • ISBN-10: 3570553590
  • Artikelnr.: 48070159
Autorenporträt
Wachsmann, Nikolaus
Nikolaus Wachsmann, 1971 in München geboren, absolvierte seine akademische Ausbildung in England, zunächst an der London School of Economics, dann in Cambridge. Neben anderen Auszeichnungen erhielt er 2015 den Wolfsohn-History-Preis, einen der bedeutendsten Preise für populäre Geschichtsschreibung. Wachsmann lehrt Neuere europäische Geschichte am Birkbeck College der University of London.
Rezensionen
»Eine Erzählung, die wohl nicht mehr übertroffen wird.«

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Cord Aschenbrenner ist voll des Lobes für die zehn Jahre lange archivalische Fleißarbeit des Historikers Nikolaus Wachsmann und das Resultat - laut Rezensent die erste Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Das Buch besticht für Aschenbrenner durch die Schilderung der Verknüpfung der NS-Gewaltherrrschaft in den Lagern mit dem Leben der deutschen Gesellschaft sowie der Analyse der Funktion der Lager innerhalb des Machtapparats der SS, ihrer Entwicklung und der Beziehungen der Häftlinge untereinander und zur SS. Wie der Autor seine Darstellung von Strukturen mit Einzelschicksalen verwebt, lässt vor den Augen des Rezensenten ein differenziertes Bild des Lebens und Sterbens in den Lagern entstehen. Ein gut strukturierter Anmerkungsteil, sprachliche und intellektuelle Güte auf Höhe der Forschung sowie die spürbare Empathie des Autors für das Leid der Opfer machen das Buch für Aschenbrenner zu einem der eindrucksvollsten Werke zum Thema.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.05.2016
Die Worte der Zeugen
Nikolaus Wachsmann präsentiert sein Buch "KL"

"Möge die Welt wenigstens einen Tropfen, ein Minimum dieser tragischen Welt, in der wir lebten, erblicken." Das aus dem Jiddischen übersetzte Motto der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager von Nikolaus Wachsmann, die soeben im Siedler Verlag erschienen ist (F.A.Z. vom 21. April), stammt von Salmen Gradowski, einem Häftling des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau. Dessen Mitglieder wurden dafür eingesetzt, die für die Vergasung ausgewählten Neuankömmlinge zu entkleiden und die Leichen zu verbrennen. Gradowski wurde als Anführer des Aufstands des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944 getötet, einen Monat nach der Niederschrift seines Briefes an die Welt. Seine Aufzeichnungen wurden in einer auf dem Gelände des Krematoriums vergrabenen Feldflasche gefunden. "KL" (so die Abkürzung für die Lager in den von den Nationalsozialisten selbst angelegten Akten), Wachsmanns fast tausend Seiten dickes Buch, ist ein Nachtrag zu dieser Flaschenpost aus der Hölle.

Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte, der im Münchner NS-Dokumentationszentrum mit dem aus München gebürtigen Autor sprach, deutete das Motto als Signal der Loyalität: Die ersten Historiker des KZ-Systems waren Insassen. Für Wachsmann, den 1971 geborenen Fachhistoriker und Professor am Londoner Birkbeck College, der seine von Richard Evans betreute, ebenfalls bei Siedler erschienene Dissertation über den Strafvollzug im Hitler-Staat schrieb, hielt die Arbeit an der großen Synthese durchaus noch Überraschungen parat: Verblüfft war er über die Zahl der geborgenen Kassiber. In der Chronik des tschechischen Journalisten Karel Kasák aus Dachau sind auch beiläufige Äußerungen aus der örtlichen Bevölkerung verzeichnet. Zur Umstellung auf den Massenmord, die aus dem Dauerbetrieb des Krematoriums erschlossen werden konnte, überlieferte Kasák die Prophezeiung, all das werde sich noch einmal rächen.

Erst vierzig bis fünfzig Jahre nach Kriegsende wandte sich die professionelle Geschichtswissenschaft den Lagern zu. Laut Zarusky musste sie zunächst das Vorurteil überwinden, dass die Geschichtsschreibung der Opfer einen mythischen Charakter habe. Mit dieser kritischen Bemerkung spielte Zarusky auf einen seiner akademischen Lehrer an, den bedeutendsten Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, in dem Zarusky, Fachmann für Widerstand und Diktaturenvergleich, einer der dienstältesten Mitarbeiter ist. Martin Broszat wies 1988 in einem Briefwechsel mit Saul Friedländer der "deutschen" Forschung die Sache der streng wissenschaftlichen Aufklärung und den jüdischen Opfern die Pflege eines von Verifikationspflichten entlasteten Kollektivgedächtnisses zu.

Nach dem Vorbild von Friedländers Werk über "Das Dritte Reich und die Juden" hat Wachsmann, wo immer es möglich war, Zeugenberichte eingearbeitet. Die Einzelschicksale illustrieren das von Wachsmann mit systematischem Ehrgeiz erschlossene Gesamtgeschehen nicht nur, es setzt sich aus ihnen zusammen. Viele Rezensenten rühmen dieses Kompositionsprinzip. Thomas Laqueur bildet es in seiner weit ausgreifenden Besprechung in der "London Review of Books" sogar nach, indem er die in der Kriegszeit durch wirtschaftliche Zwänge wie utopische Planungen forcierten Funktionsveränderungen der Lager anhand von Nachrichten über seine Verwandten erläutert.

Wachsmann und Zarusky würdigten den 1989 verstorbenen Broszat auch als Pionier. Broszat hatte schon in den siebziger Jahren eine Gesamtgeschichte der SS-Lager entworfen. Wachsmann lobte ihn für die Einsicht, dass damals die Forschungsgrundlage für ein solches Unternehmen noch gefehlt habe und er das Projekt unausgeführt ließ. Mit eigener Forschung erhellte Broszat einen Wendepunkt, der für Wachsmann auch nach jahrelanger Beschäftigung mit der Thematik immer noch einen "irrsinnigen Moment" darstellt. 1934 standen die Lager auf der Kippe, weil Hermann Göring die Ansicht vertrat, in einem autoritären Staat seien Anstalten des außerrechtlichen Gewahrsams entbehrlich. Gegen Göring setzte sich Heinrich Himmler durch, der die Diktatur mit allen Mitteln aufrüsten wollte. Keine Zwangsläufigkeit führte zum Holocaust: Diese Ausgangshypothese von Broszats strukturanalytischer Methode bewährt sich bei Wachsmann im diabolischen Detail einer Organisationsgeschichte des permanenten Funktionswandels. Ein entlastender Effekt tritt nicht ein, weil für alle Varianten der mörderischen Sklavenhaltung eigene Motive und Gründe jenseits des antisemitischen Programms anzusetzen sind.

Beim Essen erzählte Wachsmann später, er habe von einem Geistlichen aus New Jersey einen Brief erhalten, in dem er um die Auskunft gebeten werde, ob er Jude sei. "Dabei soll es darauf doch nicht ankommen!" Im Geist einer Sachlichkeit, die sich nicht mehr einbildet, dass sie sich gegen Empathie wappnen muss, ist in der Zeitgeschichte die Zeit nach Broszat angebrochen.

PATRICK BAHNERS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 06.06.2016
Das System der Mordmaschine
Wo Menschen zu Nummern wurden, wo Abgründe von Fanatismus und Brutalität herrschten, wo fabrikmäßig getötet wurde:
Nikolaus Wachsmann hat eine beeindruckende Gesamtgeschichte der SS-Konzentrationslager vorgelegt
VON JÜRGEN ZARUSKY
Die Konzentrationslager sind nur eines der grausigen Fakten, um die das deutsche Gewissen kreisen müsste. „Gerade von ihnen will das Volk nichts mehr hören“, schrieb der Buchenwald-Überlebende und Soziologe Eugen Kogon 1946 im Nachwort seines Werks „Der SS-Staat“. Noch die zehnte Auflage dieses Buchs von 1979 galt als aktuelles Standardwerk über das KZ-System, denn nicht nur das Volk, auch die Wissenschaft war lange nicht allzu erpicht darauf gewesen, sich der Problematik zu stellen. Die erste Generation der Lager-Historiker rekrutierte sich aus Überlebenden, die ihre Erfahrungen analytisch aufarbeiten und vermitteln wollten. Der letzte Vertreter dieser Kohorte war der Tscheche Stanislav Zámecník, der 2002 als fast 80-Jähriger die Monografie „Das war Dachau“ vorlegte. Als sein Buch erschien, waren die Lager seit etwa zwei Jahrzehnten zum anerkannten akademischen Forschungsgegenstand geworden. In dem von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen neunbändigen enzyklopädischen Werk „Der Ort des Terrors“ (2005 – 2009) wurde unter Mitwirkung zahlreicher Autoren das inzwischen stark angewachsene Wissen zusammengeführt. Auch das Washingtoner Holocaust-Museum legte 2009 ein zweibändiges Lagerlexikon vor. Aber eine Gesamtgeschichte der SS-Konzentrationslager aus einem Guss gab es bisher nicht.
  Der 1971 in München geborene, in Großbritannien ausgebildete und heute an der University of London lehrende Nikolaus Wachsmann hat diese Leerstelle erkannt und sich an die Arbeit gemacht. Das Resultat ist ein Buch, das das bedrückende und schwierige Thema in einer bisher nicht dagewesenen Perspektivenvielfalt erschließt. Der Autor verliert dabei – auch angesichts des uferlosen Meers von Leid und Elend der Opfer, der Abgründe von Fanatismus, Brutalität und Selbstsucht der Täter sowie der schwer zu begreifenden Schattenzonen dazwischen – nie seine von analytischer Präzision und menschlicher Empathie geprägte Haltung, und der Historiker versteht es, über 700 Textseiten hinweg einen intellektuellen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten.
  Die Entwicklung des Lagersystems und seine wechselnden Funktionen, die Struktur und Mentalität der Lager-SS, die Haltung der Umgebung zu den KL (Wachsmann verwendet die historische Abkürzung, nicht die härtere Nachkriegsvariante „KZ“) sowie die Richtungsentscheidungen Hitlers und Himmlers werden konsequent über alle Stadien hinweg verfolgt. Entscheidend geprägt aber wird die Darstellung durch die zahlreichen, oft leitmotivisch eingewobenen Zeugnisse von Verfolgten.
  Nach der Frühphase 1933/34, in der die vielen oft improvisierten Lager der totalen Unterwerfung und Einschüchterung Zehntausender ohnehin besiegter politischer Gegner dienten, blieben zunächst nur einige KL mit wenigen Häftlingen bestehen: Im Oktober 1934 gab es gerade einmal 2400 KL-Gefangene, im August 1944 waren es fast 300-mal so viele, nämlich 714 211. Das Wachstum verlief exponentiell, mit einem Ausreißer nach oben im Jahr 1938, als infolge des „Kristallnacht“-Pogroms 27 000 jüdische Männer in die Lager gepfercht wurden. Zum 1. April 1945 war der Häftlingsbestand nahezu schlagartig auf 550 000 gesunken, eine Folge des Massensterbens in der Endphase mit den Todesmärschen, Morden an Transportunfähigen und dem Zusammenbruch der ohnehin dürftigen Versorgungsstrukturen. Etwa 2,3 Millionen Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 in die Lager verschleppt, rund 1,7 Millionen starben dort. Ohne die 870 000 Juden, die in Auschwitz direkt bei der Ankunft ermordet wurden, sind es 1,43 Millionen und 830 000 Todesopfer. Dabei sind die Unterschiede im Einzelnen riesig: In den Vorkriegslagern Esterwegen und Lichtenburg gab es jeweils weniger als 30 Tote, in Auschwitz waren es ohne die unmittelbar bei der Ankunft Ermordeten 230 000, in Mauthausen 90 000, in anderen großen Lagern ebenfalls jeweils mehrere Zehntausend. Wachsmann illustriert die Differenzen mit Schlaglichtern auf die Zustände im KL Dachau an drei Stichtagen 1933, 1939 und 1945 und resümiert: „Drei Tage in Dachau, drei unterschiedliche Welten“.
  Dass dieses Lager zur Keimzelle des ganzen Systems wurde, lag an Heinrich Himmler und Theodor Eicke. Himmler eroberte von München aus den Polizeiapparat und erwirkte 1935 bei Hitler die Entscheidung, die Institution der Lager auf Dauer zu stellen. Längst waren nicht nur politische Opponenten, sondern auch soziale Außenseiter eingewiesen worden. Theodor Eicke, der zweite Kommandant des KL Dachau, hatte dort Strukturen entwickelt, die zur Blaupause wurden, und war zum Inspekteur der KL aufgestiegen, nicht zuletzt wegen seiner Beteiligung an der Ermordung des SA-Führers Ernst Röhm im Sommer 1934. Wie die meisten Führungsfiguren der Lager-SS war Eicke längst vor 1933 ein aktiver, gewalttätiger Rechtsextremist gewesen. Auch der Nachwuchs wurde in der NS-Ideologie geschult und auf „Härte“ getrimmt.
  Zwischen 1936 und 1939 wurden mehrere „moderne“ Lager eingerichtet, die bereits auf bauliche Erweiterung angelegt waren. In den Steinbrüchen von Flossenbürg und Mauthausen mussten Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Material für NS-Bauten erzeugen. 1940 wurde das KL Auschwitz als Repressionsinstrument gegen den Widerstand im besiegten Polen eingerichtet. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 wollte Himmler es mittels einer großen Zahl sowjetischer Kriegsgefangener, die ihm die Wehrmacht bereitwillig überließ, zu einer Zwangsarbeits-Drehscheibe für die Kolonisierung des Ostens machen. Die Geschichte der Gaskammern in Auschwitz beginnt mit der Ermordung „sowjetischer Kommissare“. Als der Blitzkrieg gegen die UdSSR Ende 1941 scheiterte, kamen keine Kriegsgefangenen mehr, sondern Juden nach Auschwitz. Rund eine Million wurden dort ermordet, die meisten sofort nach der Ankunft. Abgesehen von Majdanek, wo mehrere Zehntausend Juden getötet wurden, war Auschwitz das einzige KL, das als Vernichtungszentrum der Schoah fungierte; es war zugleich das größte. Wahrscheinlich ist rund ein Viertel der Opfer des Holocaust dem KL-System – den Gaskammern von Auschwitz, anderen zahlenmäßig kleineren Mordaktionen und den für Juden stets besonders unmenschlich gestalteten Haftbedingungen – zuzurechnen. Die anderen entfallen auf Mordfabriken wie Treblinka und Sobibor sowie Massenerschießungen. Die Konzentrationslager bildeten nur einen Teil des Megakomplexes nationalsozialistischer Verbrechen, allerdings einen bedeutenden, in dem die Stränge aller Unterdrückungs- und Verfolgungsaktionen zusammenliefen. „Keine Institution verkörperte den NS-Terror umfassender als das KL“, schreibt Wachsmann.
  Ende 1943 begann das System zu wuchern, die KL verschmolzen mit der Kriegswirtschaft. Schon 1942 war im Zuge der Ökonomisierung die Inspektion der Konzentrationslager dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt eingegliedert worden. Riesige Untertagebauten sollten die Rüstungsproduktion vor Bomberangriffen schützen, und bei vielen Produktionsstätten entstanden Außenlager. Die Gefangenen wurden dadurch auch immer sichtbarer für die Umgebung, deren vorherrschende Reaktion, insbesondere bei Deutschen, eine habituell verinnerlichte Gleichgültigkeit war. Solidarität blieb die Ausnahme, eher riefen „KZler“ Ablehnung und Hass hervor. Für die Lager-SS war Hass ein Lebenselixier. Bei aller zur Schau getragenen Schneidigkeit war sie letztlich aber nicht nur ein brutalisierter, sondern auch ein ziemlich korrupter Haufen. Beute war im KL leicht zu machen, und entgegen dem SS-Mythos wurde Korruption meist nicht streng bestraft. Himmler gab vielen auffällig gewordenen „Kameraden“ eine zweite Chance. Es „menschelte“ sehr unter den Profis der Unmenschlichkeit.
  Die äußerst vielfältige, multinationale Häftlingsgesellschaft wurde durch die rassistischen Hierarchie-Kriterien der SS strukturiert. Die günstigsten Bedingungen hatte dabei die kleine Schicht der Funktionshäftlinge, die sogenannten Kapos, meist Deutsche oder Österreicher. Wachsmann untersucht ihre zwiespältige Rolle eingehend. Hervorzuheben, dass auch sie Häftlinge waren, die ihre „Privilegien“ jederzeit verlieren konnten, ist ihm wichtig. Eine umfassende Solidarität unter den Häftlingen gab es kaum. Die Struktur der KL machte sie zu Rivalen. Gruppensolidarität hingegen spielte eine zentrale Rolle im Kampf um das Überleben. Der Einzelne sah sich dabei immer wieder vor „unmögliche Alternativen“ gestellt. Im Inferno der Endphase lautete die Alternative „Tod oder Freiheit“. Wer überlebte, den ließ die Erfahrung des Lagers meist nicht mehr los. Die Bilanz der Aufarbeitung durch Justiz und Entschädigungspolitik ist unbefriedigend, die historische Verantwortung bleibt. Wir sind noch längst nicht fertig mit der Geschichte des NS-Terrors. Diese Erbschaft ist größer und schwerer, als viele meinen. Auf dem Weg, sie zu begreifen, ist Nikolaus Wachsmanns Buch „KL“ ein eminenter Schritt nach vorn.
Jürgen Zarusky ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München – Berlin und Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte.
Das schwierige Thema wird
in bisher nicht dagewesener
Perspektivenvielfalt erschlossen
Es „menschelte“ sehr
unter den Profis
der Unmenschlichkeit
Jedes Gesicht ein Opfer: deportierte Juden aus Frankreich in einer Ausstellung in Paris.
Foto: CHARLES PLATIAU/Reuters
  
  
Nikolaus Wachsmann:
KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Siedler Verlag München 2016. 992 Seiten.
39,99 Euro.
E-Book: 32,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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