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In seinem vielbeachteten Buch "Opa war kein Nazi" hat sich Harald Welzer auf der Basis von deutschen Quellen mit Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis befasst. In der vorliegenden Studie erweitert er den Blick und fragt, welche Spuren der Zweite Weltkrieg und der Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten im europäischen Gedächtnis hinterlassen haben. In diesem Buch wird erstmals untersucht, wie dort die Erfahrung von Krieg, Kollaboration, Komplizenschaft und Verfolgung zwischen den Generationen weitergegeben wird und welche Gestalt die Kriegserinnerung heute in…mehr

Produktbeschreibung
In seinem vielbeachteten Buch "Opa war kein Nazi" hat sich Harald Welzer auf der Basis von deutschen Quellen mit Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis befasst. In der vorliegenden Studie erweitert er den Blick und fragt, welche Spuren der Zweite Weltkrieg und der Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten im europäischen Gedächtnis hinterlassen haben. In diesem Buch wird erstmals untersucht, wie dort die Erfahrung von Krieg, Kollaboration, Komplizenschaft und Verfolgung zwischen den Generationen weitergegeben wird und welche Gestalt die Kriegserinnerung heute in verschiedenen europäischen Ländern annimmt.
Dabei wird zum einen deutlich, dass das Bild von den deutschen Wehrmachtssoldaten in den untersuchten Ländern positiver ist, als es aus deutscher Sicht zu erwarten wäre. Zugleich wird aber überraschend klar, wie sehr der Antisemitismus das Geschichtsbewusstsein auch der Angehörigen der Nachkriegsgenerationen bis heute prägt.
Insgesamt zeigt das Buch am Beispiel von Dänemark, Deutschland, Holland, Kroatien, Norwegen, der Schweiz und Serbien, welche Rolle Krieg und Besatzung heute für ein europäisches Gedächtnis spielen.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17227
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 292
  • Erscheinungstermin: 1. Juli 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 123mm x 24mm
  • Gewicht: 295g
  • ISBN-13: 9783596172276
  • ISBN-10: 3596172276
  • Artikelnr.: 20851798
Autorenporträt
Welzer, Harald
Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. In den Fischer Verlagen sind von ihm erschienen: '»Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis' (zus. mit S. Moller und K. Tschuggnall, 2002), 'Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden' (2005), 'Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben' (zus. mit Sönke Neitzel, 2011), der 'FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18' (2016), 'Selbst denken' (2013), 'Autonomie. Eine Verteidigung' (zus. mit Michael Pauen, 2015), 'Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit' (2016), 'Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft' (2017) und zuletzt 'Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen'. Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.
Inhaltsangabe
Inhalt:Das Verschwinden der Helden. Die deutsche Besatzung im dänischen Familiengedächtnis (Lars Breuer & Isabella Matauschek)Die Toleranz der Generationen: Das Gute und das Böse in
der niederländischen Tradierung des Zweiten Weltkriegs (Hans Marks & Friederike Pfannkuche)Vom Widerstand zum Weltfrieden - der Wandel nationaler und familiärer
Konsenserzählungen über die Besatzungszeit in Norwegen (Claudia Lenz)Edle Schurken. Das Bild von Widerstand und Kollaboration im Gedächtnis kroatischer und serbischer Familien (Natalija Basic)"Was in Israel abläuft, find ich auch nicht ok": Der zweite Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus in der Schweiz (Nicole Burgermeister)Europäisches Generationengedächtnis (Olaf Jensen & Sabine Moller)Bibliographie
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.11.2007

Von Guten und Bösen
Kollaboration und Widerstand im Gedächtnis Europas

Nicht nur Geschichtswissenschaftler sind seit geraumer Zeit der Bedeutung von Erinnerungskulturen auf der Spur, auch Politikern ist längst bewusst, welchen Einfluss das Verständnis des Vergangenen auf die Interpretation der Gegenwart und den Entwurf von Zukunftskonzepten hat. Von überragender Relevanz für das kollektive Gedächtnis europäischer Staaten sind nach wie vor der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

Wie sehr sich die westeuropäischen Regierungschefs ihrer Verantwortung bewusst sind, die Erinnerung an den Holocaust nicht verblassen zu lassen, kam im Jahre 2000 auf einer internationalen Konferenz in Stockholm zum Ausdruck, die Harald Welzer zum "Gründungsakt einer transnationalen Erinnerungskultur" erklärt. Dabei ist dem Sozialpsychologen klar, dass die "von oben" durch Staatsakte oder Lehrpläne vorgegebenen Sachinhalte und Werturteile keineswegs mit dem übereinstimmen müssen, was der "gemeine" Mensch so denkt. Da dieser der letztgültige Adressat sämtlicher gesellschaftspädagogischen beziehungsweise erinnerungspolitischen Bemühungen bleibt, sind die Inhalte seiner geschichtlichen Vorstellungen schon deshalb interessant, weil sie Auskunft über den Erfolg politischer und wissenschaftlicher Anstrengungen geben.

Die Ergebnisse der Arbeiten von Harald Welzer sind ernüchternd. Der deutschen Gesellschaft fühlte Welzer schon 2002 in der gemeinsam mit Sabine Moller und Karoline Tschuggnall herausgegebenen Studie "Opa war kein Nazi" auf den Zahn. Hier beobachteten die Forscher die allgemeine Tendenz, die Rolle der eigenen Vorfahren mehr und mehr zu heroisieren. Damit folgt die private Erinnerungspraxis weder der wissenschaftlich belegten Empirie noch der offiziellen Erinnerungskultur, sondern vielmehr dem psychologischen Bedürfnis nach stabiler Identität und Familienloyalität. In dem jetzt vorgelegten Band ging es um die Frage, ob in anderen europäischen Ländern die gleichen Mechanismen greifen.

Die Mitarbeiter des Projekts zur "vergleichenden Tradierungsforschung" wählten in Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Serbien, Kroatien jeweils zirka zwanzig Familien aus, die in Einzel- und Gruppeninterviews befragt wurden, wobei die Gruppen einerseits generationenübergreifend und andererseits nach Alterskohorten zusammengestellt wurden. Auf diese Weise sollten die Sichtweisen der Zeitzeugen sowie die Perspektiven der nachgeborenen Kinder und Enkelkinder erfasst werden.

Dabei kam dem Interviewer die Rolle des Impulsgebers zu, der Gespräche in Gang setzen sollte, deren Eigendynamik es zu beobachten galt. Das Verfahren entsprach der Überzeugung, dass Erinnerungen nichts Statisches sind, sondern in kommunikativen Prozessen im Zuge von Deutungskämpfen immer wieder neu ausgehandelt werden. Dass derartige Austauschprozesse in den aufgezeichneten Gesprächen dann tatsächlich nachgewiesen wurden, überrascht nicht sonderlich. Gleichwohl bleibt beträchtliches Unbehagen, ob auf einer statistisch letztlich schmalen Basis so weit reichende Aussagen zum nationalen und sogar europäischen Gedächtnis gerechtfertigt sind.

Ob eine Studie zum europäischen Gedächtnis über Holocaust und Kollaboration ohne Berücksichtigung von Frankreich oder Polen wirklich hinreichend Substanz hat, darf in Frage gestellt werden. Doch selbst bei der begrenzten Reichweite des bisherigen Vergleichs sind die Ergebnisse der Studie allemal interessant. So konstatierten die Wissenschaftler zunächst die Überdauer nationaler "Basiserzählungen", in welche die individuellen Familienschicksale eingebettet werden. Eine positive Deutung eigener Vorfahren ist umso weniger problematisch, je mehr die Basiserzählung zu nationalem Stolz zu berechtigen scheint. So dominiert in Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz die Vorstellung, historisch zu "den Guten" zu zählen. Nur in Serbien und Kroatien haben die "Basiserzählungen" der Nachkriegszeit ausgedient. Länderübergreifend ließ sich ein Opfernarrativ nachweisen. Diese Selbstviktimisierung scheint ebenso verbreitet wie die anthropologische Deutung von Krieg und Holocaust: Die Menschen seien eben so, weshalb die Geschichte sich immer wiederhole.

Gegenwärtige Erfahrungen wie der Irak-Krieg oder die Verhältnisse im Nahen Osten werden bereitwillig mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gleichgesetzt. Damit geht eine neue Sicht auf damalige Opfer und Täter einher. Das Urteil über "die Deutschen" fällt erstaunlich milde aus, während es am Mitgefühl mit den Opfern mangelt. Die aggressive Palästina-Politik Israels wird herangezogen, um sich von kollektiven Schuldgefühlen zu entlasten, und bei der Suche nach Erklärungen für den Holocaust bedienten sich die Interviewten in erschreckender Regelmäßigkeit in der Mottenkiste antisemitischer Stereotype. Welzers früheren Publikationen zufolge lag die Ursache für den Holocaust in der allgemein als gegeben betrachteten Andersartigkeit der Juden, was ihre wachsende Ausgrenzung als legitim erscheinen ließ. Wenn jetzige Studien das transnationale Überdauern solcher Stigmatisierung belegen, ist das ein wirklich alarmierender Befund.

BIRGIT ASCHMANN

Harald Welzer (Herausgeber): Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007. 293 S., 10,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Erschreckend findet Rezensentin Birgit Aschmann die Ergebnisse dieser von Harald Welzer herausgegebenen Untersuchung über die Erinnerungspraxis in diversen europäischen Ländern im Blick auf den zweiten Weltkrieg, den Holocaust, Kollaboration und Widerstand. Wie sie berichtet, wählten die Mitarbeiter des Projekts in Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, Serbien, Kroatien jeweils zwanzig Familien für Interviews über die Thematik aus, um die Sichtweisen von Zeitzeugen sowie der nachgeborenen Kinder und Enkelkinder zu erforschen. Zwar kritisiert Aschmann das Fehlen von Frankreich und Polen sowie die statistisch doch sehr schmale Basis der Untersuchung. Aber die Ergebnisse scheinen ihr dennoch sehr instruktiv, auch wenn sie recht düster ausfallen. Neben der Bereitwilligkeit, gegenwärtige Ereignisse wie den Irak-Krieg oder die Verhältnisse im Nahen Osten mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gleichzusetzten, hebt Aschmann die vielfach auftauchenden antisemitischen Stereotype hervor sowie die milde Sicht auf "die Deutschen" und einen Mangel an Mitgefühl mit den Opfern.

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