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Peter Wapnewski ist der bedeutendste Mittelalterforscher des deutschen Sprachraums. Mit seinen Lesungen des Nibelungenlieds, des Parzival und anderem eröffnete er dem Publikum einen einmaligen Blick in das rätselhafte Mittelalter. Nun Nausikaa: Die Heldin aus Homers Odyssee, die Retterin des gestrandeten Odysseus, tritt auch bei Goethe auf. Und stirbt dort - anders als bei Homer - einen tragischen Liebestod. Warum? Es will uns nicht einleuchten. In klugem Erzählton und in anmutiger Sprache gibt Peter Wapnewski Einblick in die Ideen Homers, Goethes und ihrer Zeit. Und ganz nebenbei wird…mehr

Produktbeschreibung
Peter Wapnewski ist der bedeutendste Mittelalterforscher des deutschen Sprachraums. Mit seinen Lesungen des Nibelungenlieds, des Parzival und anderem eröffnete er dem Publikum einen einmaligen Blick in das rätselhafte Mittelalter. Nun Nausikaa: Die Heldin aus Homers Odyssee, die Retterin des gestrandeten Odysseus, tritt auch bei Goethe auf. Und stirbt dort - anders als bei Homer - einen tragischen Liebestod. Warum? Es will uns nicht einleuchten. In klugem Erzählton und in anmutiger Sprache gibt Peter Wapnewski Einblick in die Ideen Homers, Goethes und ihrer Zeit. Und ganz nebenbei wird deutlich, dass Nausikaa, ob nun im Tod bei Goethe oder im Leben bei Homer, durch Peter Wapnewskis Lesung für uns unsterblich wird.

(1 CD, Laufzeit: 1h 14)

  • Produktdetails
  • Verlag: Dhv Der Hörverlag
  • ISBN-13: 9783867170994
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • ISBN-10: 3867170991
  • Artikelnr.: 22813022
  • Erscheinungstermin: Juni 2007
Autorenporträt
Peter Wapnewski, geboren 1922 in Kiel, ist Professor der mediävistischen Germanistik (emer.) und Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Autor von Büchern zur deutschen Dichtung des Mittelalters, wie zur Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Richard Wagner und seiner Kunst sind gewidmet die Titel "Tristan, der Held Richard Wagners" und "Die Szene und ihr Meister" sowie eine Reihe von Aufsätzen.
Rezensionen
Besprechung von 18.08.2007
Knorriger Schalk
Peter Wapnewski entdeckt eine Version der Goetheschen Nausikaa
Sowie Goethe italienischen Boden betreten hatte, begann er sich mit dem Weltenwanderer Odysseus zu identifizieren und legte sich Italien als homerische Welt zurecht: Urformen des Daseins gedachte er dort zu finden. Und je weiter nach Süden er vorstieß, umso mehr kam ihm der wirkliche Landeseindruck, nicht zuletzt durch freundlich-rustikale Sitten, entgegen. So beschäftigte ihn die Idee, ein modernes poetisches Konzentrat der Odyssee zu versuchen, und er fand den Ausgangspunkt in der Nausikaa-Episode. Die schöne, blutjunge Königstochter findet den gestrandeten Odysseus am Ufer der Phäakeninsel Scheria und sorgt dafür, dass er gastlich aufgenommen, wieder hochgepäppelt und dann endlich ins heimatliche Ithaka zurückgebracht wird – zur geduldig wartenden Gattin Penelope und dem inzwischen erwachsen gewordenen Sohn Telemach.
Hilfreich ist für Odysseus dabei, dass Athene ihn noch schöner erscheinen lässt, als der kluge Krieger es von sich aus schon ist. Und so liegt über der homerischen Episode der bezaubernde Reiz einer ersten Liebe, die ein Mädchen zu einem älteren, fremden Mann empfindet. Doch beide sind vergeben – Odysseus an seine ewig geliebte Gemahlin, Nausikaa an einen Bräutigam, der nicht weiter genannt wird. Nur in Andeutungen bekennt sie ihm eine Liebe, die nicht verwirklicht werden kann. Soweit Homer.
Goethe war erfahren in unrealisierbaren Leidenschaften. Auch auf Reisen verstand er es, gefährliche Neigungen zu erwecken. „Nausikaa” sollte ein Trauerspiel werden, mit dem Selbstmord des Mädchens enden. Nun würde jeder erwarten, der Grund des Suizids sei die hoffnungslose Leidenschaft. Doch nein, in Goethes Plan, soweit er durch Notizzettel bekannt ist, wäre die unwiderrufliche Kompromittierung durch plötzliches unbedachtes Kundgeben ihrer Neigung das Motiv für Nausikaas Ende geworden – also ein Drama aus Selbstverletzung durch verbalen Keuschheitsverlust. Peter Wapnewski, der diese in den bisherigen Kommentaren nicht recht zur Geltung kommende Absonderlichkeit an die Sonne philologischer Erkenntnis hebt, erklärt Goethes Motivierung mit dem Umstand, dass der Autor eines Selbstmordes aus unerfüllbarer Liebe, des „Werther”, diese Geschichte nicht nocheinmal entwickeln wollte. Daher das viel zartere, aber auch wenig glaubhafte Motiv.
Segen blühte duftend
Die Nausikaa-Tragödie wurde nicht ausgeführt. Sie wäre mutmaßlich ein Exzess höfischer Empfindlichkeiten und indirekter Äußerung geworden, der den „Tasso” noch hinter sich gelassen hätte – höchst unhomerisch. Auch widerstrebte Goethe vielleicht eine Tragisierung der glückseligen Phäakenwelt, die Homer mit so viel Behagen vors Auge rückt. Und wartete auf Ithaka nicht eine Lösung, ein „lieto fine”, wie Wapnewski als alter Opern-Roué das „Happy End” nennen muss? Telemach, nun zwanzig Jahre, noch unverheiratet, hätte sich für Nausikaa als jugendlicher Ersatz-Odysseus angeboten. Diese Lösung hatte ein von Wapnewski ausgegrabenes Versepos von Johann Jakob Bodmer bereits in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts vorgeschlagen.
Der Umweg über Homer und Bodmer zu Goethe führt den greisen Philologen, dessen Vortrag klingt, als würde er zwischen geschnitzten Bibliotheksregalen von Buch zu Buch schreiten, um aus nichts als Belesenheit einen weltliterarischen Knoten zu schürzen, zu seinem rauschenden Finale: Wapnewski gibt vor, in einer Handschrift des Zeichners Christoph Heinrich Kniep, der Goethes Reisegefährte in Sizilien war, diese fröhliche Lösung der Nausikaa-Geschichte gefunden zu haben. Und er trägt seine Behauptung mit so würdig-knarzendem Ernst vor, dass man sie ihm liebend gern abnehmen würde. Was in der Kniepschen Aufzeichnung, die Wapnewski während einer Versteigerung heimlich kopiert haben will – ein schwächerer Moment der Erfindung –, wie ein Prosanotat aussieht, erweist sich als regelgetreu jambisch skandierte Versdichtung, die die Telemach-Lösung als epischen Bericht vorstellt. Könnten solche Kniepschen Blätter nicht die Frucht eines Goetheschen Spontandiktats sein? Dass dieser zu derlei Improvisationen im Stande war, dass sich ihm Dichtungen fertig im Kopf ausbildeten, ist auch sonst bekannt.
Mit seinen knapp hundert neu gedichteten Goethe-Versen endet Wapnewskis Vortrag. Aber wie glaubwürdig erfindet der schalkhafte Philologe? Für uns klingt manches eher wie Wieland mit einen Hauch Friederike Kempner: „Was schwarz im Dunkelkleid der Tragik nahte, / Das löste sich in hellen Äthers Blau, / Und Segen blühte duftend: wie im Garten / Des Königs der Phäaken Duft und Blume. / Doch was auf Ithaka wie auch Scheria / Sich in der Zeiten Bildersaal entfaltet, / Spart der Erzählung Geist fürs erste auf, / Behält’s für sich – und überlässt uns uns . . .” Unnötig zu sagen, dass Wapnewski die zwischen den beiden „uns” gebotene Zäsur mit aller Wucht zur Geltung bringt. Schade nur, dass er nicht die Kühnheit hatte, als Gegenprobe aus den echten Fragmenten der Nausikaa zwei Verse einzuschmuggeln, die zu den schönsten Goethes gehören: „Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer / Und duftend schwebt der Äther ohne Wolken.” GUSTAV SEIBT
PETER WAPNEWSKI: Nausikaa soll nicht sterben! Ein Maskenspiel im Garten Goethes und Homers. Der Hörverlag, München 2007. 74 Minuten. 14,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Tatsächlich hat Goethe ein Drama um die junge, schöne Nausikaa geplant, die sich - ohne Erfolgsaussichten - in den am Ufer des Phäakenlandes gestrandeten Odysseus verliebt. Geschrieben hat er es nicht - aber genau daraus macht sich der Literaturwissenschaftler Peter Wapnewski nun einen Spaß. In diesem Hörbuch berichtet er vom staunenswerten Fund des wohl dem Reisegefährten Christoph Heinrich Kniep ins Zeichenbuch diktierten Dramas. Das ist natürlich ein, wenn auch mit "würdig-knarzendem Ernst" präsentierter Unsinn, dem freilich die von Wapnewski vorgetragenen (und in Wahrheit natürlich von ihm selbst gedichteten) Verse noch Nachdruck verleihen. Der Rezensent Gustav Seibt zitiert sie und findet, dass sie eher nach einer Mischung aus Wieland und Friederike Kempner klingen - sein Vergnügen hatte er mit Wapnewskis Fiktion offenkundig dennoch.

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