Hochhaus und Gemeinschaft - Hoffmann-Axthelm, Dieter
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Die klassische Moderne entsprang keineswegs voraussetzungsfrei den Köpfen ihrer Protagonisten beziehungsweise den sie entbindenden historischen Schocks, sondern war zutiefst in der europäischen Kulturentwicklung verwurzelt. Warum dann konnte sie sich so radikal, als definitiver Bruch mit der Geschichte, in das kollektive Bewusstsein einschreiben? Hochhaus und Gemeinschaft - als Vokabeln des großen Versuchs, mit allen historischen Maßstäben zu brechen - bilden die thematische Klammer des vorliegenden Essays, der diese Frage zu beantworten sucht.…mehr

Produktbeschreibung
Die klassische Moderne entsprang keineswegs voraussetzungsfrei den Köpfen ihrer Protagonisten beziehungsweise den sie entbindenden historischen Schocks, sondern war zutiefst in der europäischen Kulturentwicklung verwurzelt. Warum dann konnte sie sich so radikal, als definitiver Bruch mit der Geschichte, in das kollektive Bewusstsein einschreiben? Hochhaus und Gemeinschaft - als Vokabeln des großen Versuchs, mit allen historischen Maßstäben zu brechen - bilden die thematische Klammer des vorliegenden Essays, der diese Frage zu beantworten sucht.
  • Produktdetails
  • Grundlagen
  • Verlag: Dom Publishers
  • Seitenzahl: 116
  • Erscheinungstermin: 31. Januar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 215mm x 17mm
  • Gewicht: 483g
  • ISBN-13: 9783869226613
  • ISBN-10: 3869226617
  • Artikelnr.: 50287593
Autorenporträt
Hoffmann-Axthelm, Dieter
Dieter Hoffmann-Axthelm, Dr. theol., Jg._1940, Planer und Publizist, lebt in Berlin. Zahlreiche Bücher und Zeitschriftenaufsätze. Im gleichen Verlag erschienen: Das Berliner Stadthaus. Geschichte und Typologie. 1200_-_2010 (2011). Jüngste Veröffentlichung: Lokaldemokratie und Europäisches Haus (Bielefeld 2016).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.02.2018

Höher wohnen
Dieter Hoffmann-Axthelm räumt mit der Moderne auf

Als er vor gut fünfzig Jahren das legendäre Rundfunkgespräch zwischen Adorno und Bloch moderierte, sinnierte der Schriftsteller Horst Krüger über etwas sehr Grundsätzliches: Utopien mögen immer wie Lokomotiven erscheinen, die das Menschengeschlecht ein Stück weit durch die Geschichte ziehen. Freilich kommen diese Züge nie an, da jede Generation die Fahrpläne jeweils neu schreiben muss.

Dieter Hoffmann-Axthelm hat seine liebe Not mit hochfliegenden Utopien. Aber auch damit, wenn Fahrpläne gleichsam in Stein gemeißelt werden. Und beides habe sich die klassische Moderne - mit ihrem Anspruch, das radikal Neue durchzusetzen - zuschulden kommen lassen. Der Autor, gelernter Theologe und einer der profiliertesten Stadttheoretiker Deutschlands, widmet sein neues Buch den Sujets Hochhaus und Gemeinschaft - sie dienen ihm als Vokabeln "des großen Versuchs, mit allen historischen Maßstäben zu brechen und aus der Zukunft zu leben".

Beredt macht er deutlich, dass die - vermeintlich völlig neuartigen - Bauaufgaben "eine über lange Zeiten gehende historische Typenentwicklung voraussetzen: das Hochhaus aus religiösem oder herrschaftstechnischem Transzendierungswillen, die Wohnmaschine überwiegend aus sozialpolitischer Notwendigkeit". Was die Frage aufwirft, warum die Moderne sich so radikal als Bruch mit der Geschichte in das kollektive Bewusstsein einschreiben konnte. Mag "Gemeinschaft" auch eine willkürlich verkürzte, missverständliche Formel darstellen: Der Autor hält es für ein stammesgesellschaftliches Relikt, wenn die Moderne davon träumt, dass alle "im selbigen Großen Haus" wohnen.

Zudem sieht er darin rechte wie linke Sehnsüchte aufscheinen: die "Rechtsvorstellung des ,Ganzen Hauses', Bild vormoderner Herrschaftsordnung, und die sozialutopische Fantasie von der Stadt als Haus, Bild der von Not und Ausbeutung befreiten kommunistischen Gesellschaft". Freilich wendet er sich nicht grundsätzlich gegen architektonisch unterstützte Formen der Gemeinschaftsbildung, sondern vor allem gegen die Großwohnanlage, inkarniert zunächst in Corbusiers Unité D'Habitation, später in den monströsen Stadtrandgebilden des Bauwirtschaftsfunktionalismus.

Offen bleibt die Frage, ob die Gemeinschaftsidee auf der Basis einer Gleichheit in Armut fußt oder eher einer Freizeit-Gemeinschaft im Luxushotel entspricht. Klar hingegen scheint der zweite Topos, zumal das Hochhaus gemeinhin als konträr stehend zu einem menschenwürdigen Leben und als Zeichen von Profitopolis wahrgenommen wird. Gewiss kann Architektur - bezogen auf gesellschaftliche Konstitutionsprozesse - lediglich eine Variable in einem von ihr selbst nicht bestimmbaren Kontext sein. Dennoch sei die Moderne, davon ist der Autor überzeugt, von einer fast wahnhaften Überschätzung ihrer Wirkungskraft geprägt. Damit steht sie in einer langen Tradition der Überzeugung, dass die Gesellschaft "an der Kunst des Städtebaus genesen" werde (Camillo Sitte ).

Zwar hebt sich die Moderne aus dem Ablaufschema von Innovation und Repetition heraus, ritualisiert sich aber auch, ganz im Sinne einer erfundenen Tradition. Dass Hoffmann-Axthelm die Provokation nicht ausschließt, sie mitunter sucht, ist kalkuliert. Natürlich ist er sich bewusst, dass es "die Moderne" so gar nicht mehr gibt, dass der Westen zudem die kulturelle Deutungshoheit verloren hat. Was sich etwa an Bildern afrikanischer Megastädte auf emblematische Art zeige: "Hochhauscluster, die von einem unabsehbaren Feld prekärer Hütten landflüchtiger Zuwanderer umgeben sind. Angekommen ist eine rudimentäre Moderne, der alle indigenen Voraussetzungen fehlen."

Je mehr die Moderne hierzulande "kulturell idyllisiert" werde, desto mehr entfalte sie, "gleichsam ausgewildert, ihren immanenten Sprengstoff wieder neu und wird für uns sichtbarer, als uns lieb ist". Etwa Nine-Eleven, das Fanal der Zwillingstürme in New York: Für den Autor mehr als nur ein Hinweis auf die enge Verklammerung von Gewalt und Ästhetik, welche in "den Tiefen der klassischen Moderne" wurzle. "Wie zahnlos ist demgegenüber der Versuch in den ehrgeizigeren Winkeln des Kulturbetriebs, den in Pop und Beliebigkeit untergegangenen Deutungsanspruch der Moderne aufrechtzuerhalten."

Hoffmann-Axthelm versucht zu erklären, warum die Welt so aussieht, wie sie aussieht und warum sie sich wie verändert. Man kann in seinem Essay eine eigenwillige Fortschreibung des Klassikers "Kapitalismus und Architektur" von Manfredo Tafuri aus dem Jahr 1977 sehen. Er ist schon deshalb zu empfehlen, weil er sich dem herrschenden Trend, die Architekturtheorie gleichsam im Elfenbeinturm geisteswissenschaftlicher Textexegese einzumauern, widersetzt. Und weil er ein anregendes Streiflicht bietet auf das, was Stadt im Kern ausmacht.

ROBERT KALTENBRUNNER

Dieter Hoffmann-Axthelm: "Hochhaus und Gemeinschaft". Zur Erbschaft der Moderne.

DOM publishers, Berlin 2018. 116 S., Abb., br., 28,- [Euro].

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