Über Grenzen - Dahrendorf, Ralf
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Manche Bilder von Ralf Dahrendorf haften im Gedächtnis, so das der Diskussion mit Rudi Dutschke auf dem Dach eines Fernsehwagens vor der Freiburger Stadthalle 1968, aber auch das des unbotmäßigen Europa-Kommissars und dann des britischen Lords. Woher kommt so ein Mann? In einem ungewöhnlichen Rückblick auf seine Anfänge erzählt Ralf Dahrendorf, warum für ihn das Jahr, in dem er 28 war, die Achsenzeit seines Lebens wurde. So hören wir von diversen Ansichten der Herkunft seiner Familie, seinem Elternhaus, seinem Vater, der sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter war, am Widerstand gegen…mehr

Produktbeschreibung
Manche Bilder von Ralf Dahrendorf haften im Gedächtnis, so das der Diskussion mit Rudi Dutschke auf dem Dach eines Fernsehwagens vor der Freiburger Stadthalle 1968, aber auch das des unbotmäßigen Europa-Kommissars und dann des britischen Lords. Woher kommt so ein Mann? In einem ungewöhnlichen Rückblick auf seine Anfänge erzählt Ralf Dahrendorf, warum für ihn das Jahr, in dem er 28 war, die Achsenzeit seines Lebens wurde. So hören wir von diversen Ansichten der Herkunft seiner Familie, seinem Elternhaus, seinem Vater, der sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter war, am Widerstand gegen Hitler teilnahm und vom Volksgerichtshof abgeurteilt wurde. Er beschreibt sein Aufwachsen in Nazi-Deutschland, und zwar als jemand, der nicht zum Auswandern gezwungen war, jedoch seinerseits in den Widerstand geriet, berichtet von der Stunde Null, dem Studium, dem Beginn seiner Karriere als Wissenschaftler, als Journalist, als Politiker. Ralf Dahrendorf mißtraut der großen Lebenserzählung, in der sich Ereignis an Ereignis knüpft und am Ende alles als konsequent und sinnvoll erscheint. Er ist ein Liebhaber der leisen Ironie und der Diskretion, und so bietet er, wie er selbst sagt, ein "Patchwork". Aber, so muß man hinzufügen, es ist ein höchst kunstvolles Gewebe, das hier aus den Einzelstücken zusammengesetzt ist. "Über Grenzen" ist nicht nur ein atmosphärisch dichter Lebensrückblick, es ist ein literarisches Buch.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 200
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 396g
  • ISBN-13: 9783406493386
  • ISBN-10: 3406493386
  • Artikelnr.: 10881672
Autorenporträt
Lord Ralf Dahrendorf, geb. am 1. Mai 1929, gest. am 17. Juni 2009, lehrte Soziologie in Hamburg, Tübingen und Konstanz. Er war von 1987-97 Rektor des St. Antony's College und von 1991-97 Prorektor der Universität Oxford. Seit 1993 ist Ralf Dahrendorf als Baron of Clare Market in the City of Westminster Mitglied des britischen Oberhauses. Er gilt durch zahlreiche Veröffentlichungen als einer der wichtigsten Vertreter liberaler Gesellschafts- und Staatstheorie und hat als kritischer Intellektueller seine beiden 'Vaterländer' Deutschland und England geprägt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.11.2002

Sechs Schreibtische
Vorzeigemeritokrat und Möglichkeitsmensch: Ralf Dahrendorfs Memoiren "Über Grenzen" / Von Jochen Hieber

Lord Ralf Gustav Dahrendorf, am 1. Mai 1929 in Hamburg geboren und seit 1993 als Baron of Clare Market in the City of Westminster Mitglied des englischen Oberhauses, gehört zur Menschengattung der Lebensglücklichen und Lebenstüchtigen - wobei sich Glück und Tüchtigkeit in seinem Fall wechselseitig zu bedingen und eine unverbrüchliche Einheit zu bilden scheinen. "Ralf ist in seinen Leistungen hervorragend", steht unter dem ersten Zeugnis. Daß er es Mal für Mal zu bestätigen wußte, führte ihn, wie er selber meint, dauerhaft auf "die Überholspur".

"Viele Geschichten gingen um", hat der Soziologe Anthony Giddens im Rückblick auf Dahrendorfs erste Londoner Jahre von 1952 an erzählt, "wie schnell er seine Dissertation fertigstellte und was für eine ungewöhnliche Fähigkeit zur Arbeit er besaß." Die Londoner Doktorarbeit, die der Dreiundzwanzigjährige damals in Angriff nahm, war bereits seine zweite, die erste hatte er, summa cum laude, in Hamburg verfaßt. Am 1. Mai 1958, seinem neunundzwanzigsten Geburtstag, hatte er auch die Habilitation hinter sich und wurde zum ordentlichen Professor ernannt.

Ralf Dahrendorf ist eines der bemerkenswertesten intellektuellen Erfolgsmodelle der alten Bundesrepublik. Die Chancen, die sie ihm im westlichen Nachkrieg bot, nahm er wahr - und zahlte sie seit den sechziger Jahren dann mit geistigem und politisch-praktischem Engagement für das Gemeinwohl mehr als zurück. Bildung als Bürgerrecht hat er damals gefordert und seine Forderung als Berater Baden-Württembergs in den Hochschulgesamtplan der Landesregierung einfließen lassen. Der Mann sollte, ob als Mitbegründer der Universität Konstanz, als Mitglied der Regierung Brandt/Scheel oder als Europakommissar in Brüssel, auch fürderhin so lustvoll wie ehrgeizig den selbstgewählten publiken Pflichten obliegen.

England ist seine zweite Heimat geworden. Die dortigen Aufgaben und Freundschaften vernachlässigte er so wenig wie das Schreiben immer neuer Artikel und Bücher. Jenseits des Kanals betraute man ihn deshalb mit so ehrenvollen Ämtern wie dem Rektorat der London School of Economics oder dem des Warden am Oxforder St. Anthony's College. Die Erhebung in den Verdienstadel und der Einzug ins Oberhaus markieren die äußeren Erfolgsgipfel dieses Wegs: Lord Dahrendorf ist in jeder Beziehung Europas Vorzeigemeritokrat.

In manch früherer Arbeit hat er Autobiographisches schon anklingen lassen. Jetzt legt er, im vierundsiebzigsten Jahr, seine "Lebenserinnerungen" vor: ein schmales Buch, mit understatement geschrieben, unprätentiös im Ton und stilistisch bis auf Unsicherheiten im Gebrauch des Konjunktivs und des Kommas nach Appositionen durchaus prägnant. Eine Geschichte der Kindheits-, Jugend- und frühen Erwachsenenjahre ist so entstanden, die späteren Karrieren werden nur beiläufig gestreift. Das hängt mit einem Privatmythos des Autors zusammen. Ihm kommt es so vor, als trage jeder von uns zeitlebens ein ganz bestimmtes Alter mit sich herum, als wäre der eine mithin schon als Kind ein Greis, der andere als Greis aber immer noch vierzig. Für sich selber hat Ralf Dahrendorf die Achtundzwanzig als Dauerlebensalter gewählt - alles ist da noch voller Anfang, noch sind "von tausendundeiner Möglichkeit" nicht schon "tausend Möglichkeiten vertan und versäumt".

Letzteres hat Ingeborg Bachmann - "meine Lieblingsdichterin", wie Dahrendorf gesteht - in der Erzählung "Das dreißigste Jahr" für ihren namenlosen Helden gefürchtet, also hat ihr begeisterter Leser beschlossen, es erst gar nicht dahin kommen zu lassen. Chronologisch handelt er deshalb von seinem Werdegang bis zum achtundzwanzigsten Geburtstag und blendet von der Zeit danach nur jene Momente ein, die ihm wie Verewigungen, mindestens aber wie Metamorphosen des goldenen Jahres 1957 erscheinen, das ihm sein erstes Amt, eine Assistenz in Saarbrücken, und eine lange Studienreise ins kalifornische Palo Alto gewährte. Erzähltechnisch ist dieses Verfahren für den Leser der "Lebenserinnerungen" nicht ohne Reiz, autorpsychologisch signalisiert diese Perspektive aufs eigene Leben: Hier schreibt ein Glücklicher, hier schreibt ein Sieger.

Nun aber gehören zu den Vorzügen des Buchs gerade das Unauftrumpfende des Verfassers und dessen Dauerfähigkeit zur Selbstironie. Der größte Vorzug der Memoiren ist indes, daß sie ungewollt und wohl auch unbewußt das Lebensglück des Ralf Dahrendorf erklären, indem sie es keineswegs bei Tüchtigkeit, Fleiß und Ehrgeiz belassen, sondern im Grunde stets von der Gnade des Schicksals handeln. Das ließ ihn, den Kleinbürgerssohn, an einen Vater geraten, der just in den prägenden Jahren ein Vorbild sein konnte - und es auch war. In den Jahren, die Ralf Dahrendorf prägten, übernahmen die Nationalsozialisten die Macht und bauten sie brutal und total aus. Aber der Vater, 1932 noch zum Reichstagsabgeordneten der SPD gewählt, machte nicht mit, blieb zwar im Land, schloß sich indes dem Widerstand des 20. Juli an und wurde von Freislers Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt - "bis heute", resümiert der Sohn, "ist für mich die Welt meines Vaters der Inbegriff des Guten in der deutschen Tradition."

Diese Tradition hat er als Gegenwart erfahren und deshalb schon als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger seinen eigenen Widerstand leisten können. Er wurde Mitglied im Freiheitsverband Höherer Schüler Deutschlands und streifte mit dem Braunhemd auch die Verlockungen des Nationalsozialismus ab - zehn Tage Einzelhaft in Frankfurt an der Oder und mehrere Wochen in einem Konzentrationslager waren die Folge. Daß aufrechte Gradlinigkeit und selbstverständlicher Anstand auch in Zeiten totalitärer Macht möglich sind: Es war die Lehre des Vaters, die Ralf Dahrendorf zum Möglichkeitsmenschen gemacht hat. Im sozialdemokratischen Milieu hat er sich nach dem Krieg noch eine Weile bewegt, als "Berufsjugendlicher" im Hörfunk der endvierziger Jahre etwa, aber er ist ihm selbst dann noch treu geblieben, als er es in Richtung eines politischen Liberalismus verließ. Seine Hamburger Doktorarbeit befaßte sich mit dem signifikanten Umstand, daß in den Schriften von Karl Marx der Begriff der Gerechtigkeit kaum eine Rolle spielt, seine Londoner Promotion beschäftigte sich mit der Lage der ungelernten Arbeiter in der englischen Industrie.

Ralf Dahrendorfs wissenschaftliche Laufbahn begann mit einer Desertion. Sein Hamburger Lehrer Ernst Zinn sah in ihm den kommenden Philologen. Auf dem Umweg über die Philosophie aber machte er sich von der Germanistik zur Soziologie davon und kam dabei zuvorderst in ein chancenreicheres, weil noch wenig bevölkertes akademisches Terrain - soziologische Lehrstühle mußten im Nachkriegsdeutschland aufs neue erfunden werden, selbst im kontinuitätsgesättigten Cambridge dauerte es bis 1969, ehe man das Fach eigenständig werden ließ. Karl Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" erschien erstmals 1945. Daß er dem Sozialphilosophen nicht nur lesend, sondern in England auch persönlich begegnete, hält der Autobiograph Dahrendorf für ein Schlüsselereignis seiner Vita: In seiner Prägekraft dürfte es wohl nur mit der früheren Rolle des Vaters vergleichbar sein. Was Wunder, wenn die London School of Economics, wo er auf Popper traf, auch ganz privat zu seiner "Lebenswelt" wurde, die beiden Ehen und manche Lebensfreundschaft dort ihren Anfang nahmen.

Und doch, es gab in dieser so zielgerichteten Biographie immer wieder die Verlockung zum einst verlassenen Hain der Literatur und der Poesie. Bezeichnend dafür, daß Dahrendorf die eigenen lyrischen Versuche, nicht unrealistisch, für durchaus begrenzt hält, uns in seinen Erinnerungen aber mit ihnen bekanntmacht. Noch bezeichnender, daß er einen Besuch im Benediktinerkloster Beuron nie vergessen wird. Dort arbeitete zu Beginn der fünfziger Jahre Pater Bonifatius Fischer an einer Edition der Vulgata, der frühesten lateinischen Bibelübersetzung. "Er hatte", so Dahrendorf, "zu diesem Zweck einen Raum, einen Saal eher, mit sechs Schreibtischen." Dieses Bild wurde zum Inbegriff eines kontemplierenden Lebens, das auch er sich erträumte. Lord Dahrendorf hat sich dann für die aktive Wirklichkeit entschieden. Sechs Schreibtische schließt das nicht aus.

Ralf Dahrendorf: "Über Grenzen". Lebenserinnerungen. Verlag C. H. Beck, München 2002. 190 S., 25 Abb., geb., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Ralf Dahrendorf, das sagt er selbst, war stets ein Glückskind des Lebens. An der Wiege gesungen war es ihm nicht: der Vater war 1932 noch Reichstagsabgeordneter der SPD geworden, hasste Hitler und wurde 1942 als Mitglied des Widerstands zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch Dahrendorf selbst verbrachte nach einem Akt der Insubordination Wochen in einem Konzentrationslager. Mit 23 aber war er bereits doppelt promoviert, mit 29 habilitiert, kurz darauf "ordentlicher Professor". Damit allerdings endet die Autobiografie fast schon, denn Dahrendorfs seltsamer Privatmythologie zufolge ist "28" sein "Dauerlebensalter". Spätere Stationen, die Übersiedlung nach England, das Rektorat an der London School of Economics, sein politischer Einsatz für die Liberalen, der Sitz im Oberhaus werden nur zwischen die ausführlicher geschilderten Jahre geblendet. Der Rezensent Jochen Hieber findet das Verfahren jedoch, literarisch jedenfalls, durchaus reizvoll. Gefallen hat ihm auch das stete "understatement" des Tons, die Fähigkeit des Autors zur "Selbstironie".

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