Der Briefwechsel - Johnson, Uwe; Unseld, Siegfried
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Während eines Vierteljahrhunderts, zwischen1959 und 1984, pflegten Uwe Johnson und Siegfried Unseld, zusätzlich zu den persönlichen Begegnungen, einen intensiven brieflichen Kontakt. Die annähernd 770 Briefe erlauben authentische Einblicke in Arbeit und Leben von Autor und Verleger. Sie zeigen in ungewöhnlicher Weise, wie sie sich und ihre Zeitgenossen verstehen, dokumentieren detailliert entscheidende Stationen im Werk des Autors und im Schaffen des Verlegers sowie der politischen und kulturellen Entwicklung der Bundesrepublik. Dabei wird deutlich: Die Basis dieses Briefwechsels besteht in…mehr

Produktbeschreibung
Während eines Vierteljahrhunderts, zwischen1959 und 1984, pflegten Uwe Johnson und Siegfried Unseld, zusätzlich zu den persönlichen Begegnungen, einen intensiven brieflichen Kontakt. Die annähernd 770 Briefe erlauben authentische Einblicke in Arbeit und Leben von Autor und Verleger. Sie zeigen in ungewöhnlicher Weise, wie sie sich und ihre Zeitgenossen verstehen, dokumentieren detailliert entscheidende Stationen im Werk des Autors und im Schaffen des Verlegers sowie der politischen und kulturellen Entwicklung der Bundesrepublik. Dabei wird deutlich: Die Basis dieses Briefwechsels besteht in einer Konflikten standhaltenden engen Freundschaft.
Als Uwe Johnson, mit Beginn der Drucklegung seines Romans Mutmassungen über Jakob im Jahre 1959 nach Westberlin umzog, erwartete ihn ein Begrüßungstelegramm Siegfried Unselds. Damit setzt ein reger Austausch ein, in dem alles thematisiert wird, was für beide privat wie beruflich von Belang ist. Schon nach kurzer Zeit tritt an die Stelle des distanzierten Sie das Du als Anredeform - ein Ausdruck dafür, daß sich beide einander anvertrauen. So lassen sich anhand dieser teils ironisch, teils geschäftlich, teils traurig gestimmten Mitteilungen die beiden Protagonisten ohne Indiskretion bei ihrem täglichen Tun verfolgen. Da keiner einen Brief des anderen unbeantwortet läßt, entfaltet sich eine spannende Erzählung vom Schreiben und Verlegen, von Literatur und Politik, von Büchern und Lesern. Und diese Erzählung hat, da deren Verfasser wie nur wenige heute das Briefschreiben als eigene Gattung verstehen, literarische Qualitäten.
Der Briefwechsel endet mit einem Telegramm, das dem toten Uwe Johnson nicht mehr zugestellt werden kann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 1999.
  • Seitenzahl: 1219
  • Erscheinungstermin: 21. August 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 135mm x 45mm
  • Gewicht: 923g
  • ISBN-13: 9783518410721
  • ISBN-10: 3518410725
  • Artikelnr.: 08198127
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.10.1999

Ein Brief, ein guter Brief
Das ist das Schönste, was es gibt: Uwe Johnson und Siegfried Unseld schreiben Verlagsgeschichte / Von Lothar Müller

Dieser Briefwechsel ist das Doppelporträt seiner Verfasser und ein Kapitel aus der inneren Geschichte des Suhrkamp Verlages zwischen 1959 und 1984. Wie Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" wird es vom Kalender gegliedert, und auch in diesem Buch gibt es hinter dem alltäglichen Geflecht von Ereignissen einen Ursprung, dessen Strahlkraft jedes Detail durchdringt.

Fassbar wird dieser Ursprung an den Stellen des Eingedenkens. So in einem Brief Unselds vom April 1979: "Ich erinnere mich ja allzu genau, daß ich an jenem Morgen des 31. März ein Manuskript aus dem Sterbezimmer nahm und daß meine Verantwortung an der Lektüre gerade dieses Manuskriptes gewachsen ist." Peter Suhrkamp hatte Uwe Johnsons Manuskript "Mutmaßungen über Jakob" vor seinem Tod am 31. März 1959 nicht mehr gelesen. Als Unseld am 1. April 1959 die Verlagsleitung übernahm, gehörte die Entscheidung für die Drucklegung des Romans zu seinen ersten Amtshandlungen. Man muss nur ein wenig in den folgenden Seiten blättern, um zu erkennen, dass Uwe Johnson für den neuen Verlagschef von Beginn an strategische Bedeutung besaß. Alles wollte er tun, um diesem reich begabten Debütanten zu herausragender, womöglich gesamtdeutscher Bedeutung zu verhelfen. Es sollte die Gegengeschichte zur Vorgeschichte werden, bei der Siegfried Unseld im Jahre 1957 entscheidend dazu beigetragen hatte, dass Johnsons eigentlicher Erstling "Ingrid Babendererde" vom Suhrkamp Verlag nicht angenommen wurde.

In die Gleichursprünglichkeit von Verlagsübernahme und Entscheidung für die "Mutmaßungen über Jakob" ist eine doppelte Genealogie eingelassen. Unseld trat das Erbe Peter Suhrkamps an, Johnson rückte in die Schlüsselposition, die für Suhrkamp selbst Hermann Hesse eingenommen hatte. Als Autor und Herausgeber widmete Unseld Hesse zahlreiche Schriften und Editionen. Uwe Johnson aber sollte sein erstes Meisterstück als Verleger werden, in dem die Traditionen sowohl Hesses wie Brechts eigenwillig aufgenommen wurden. Voller Stolz konnte Unseld im Frühjahr 1960 nach einem Besuch bei Hesse in Montagnola den Ausspruch des alten Meisters vermelden: "Dieser Johnson ist ein wirklicher Dichter." Und seinen Wunsch, diesen Dichter kennen zu lernen. Johnson folgte der Einladung, als er sich im März 1962 auf den Weg nach Rom, in die Villa Massimo machte. Er fachsimpelte mit Hesse über Genealogien bei William Faulkner.

Zum zehnten Todestag Peter Suhrkamps ließ Unseld ein Exemplar des Briefwechsels zwischen Hesse und Suhrkamp, den er selbst herausgegeben hatte, an Johnson gehen. Der revanchierte sich mit einer kleinen persönlichen Würdigung zum zehnjährigen Verlagsjubiläum Unselds. Den Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Gottfried Bermann Fischer erhielt Johnson von Unseld als Geburtstagsgeschenk des Jahres 1973. Die beiden frönten damit nicht lediglich ihrem Interesse an Druck- und Verlagsgeschichte. Sie vergewisserten sich der literarischen Tradition, auf die hin sie schrieben.

Wie der im Frühjahr erschienene Briefwechsel zwischen Johnson und Max Frisch (F.A.Z. vom 12. Juni 1999) ist auch dieser Band, der lückenlos etwa 770 Briefe, Karten und Telegramme versammelt, ein Zeichen für die beginnende Selbsthistorisierung des Suhrkamp Verlages. Die großzügige Ausstattung, minutiöse Kommentierung und philologische Sorgfalt sind kein Selbstzweck. Die Verlagsgeschichte des Hauses Suhrkamp und die Literaturgeschichte der Bundesrepublik sind in diesem Buch unauflöslich miteinander verschränkt. Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: die Schlüsselstellung Uwe Johnsons innerhalb des Verlages und die Schlüsselstellung des Hauses Suhrkamp im literarischen Leben der Bundesrepublik zwischen 1959 und 1984.

Die Schlüsselstellung Johnsons ergibt sich nicht schon aus den äußeren Daten seiner Laufbahn: vom Fontane-Preis für die "Mutmaßungen" über den Erfolg des Romans "Das dritte Buch über Achim" (1961) bis zum Büchner-Preis des Jahres 1971. All das, dazu die Tagungen der "Gruppe 47", die "Poetik-Dozentur" an der Frankfurter Universität, spielt seine Rolle. Ins Zentrum dieser Korrespondenz führt aber erst das Hereinwachsen Johnsons ins Innere der Suhrkamp-Welt. Als Lektor, als "Scout", der selbst Bücher und Autoren zur Vertragnahme vorschlägt, als Übersetzer, Herausgeber und Verfasser von Nachworten ist Johnson in diesem Briefwechsel ebenso präsent wie als Anwalt in eigener Sache. Für 1968 fasst er gar eine Gesamtübersetzung William Faulkners ins Auge.

Der Verlag als Kollektivwesen tritt in diesem Buch als dritte Figur neben die beiden Briefschreiber. Er spielt eine ähnlich tragende Rolle wie die "New York Times" in den "Jahrestagen". Nicht nur der Verleger Siegfried Unseld und seine Lektoren, etwa Günter Busch oder Walter Boehlich, geben diesem Kollektivwesen sein Gesicht, sondern zugleich und vor allem die Autoren. Allen voran Max Frisch, Martin Walser und Uwe Johnson, auch Hans Magnus Enzensberger oder Peter Weiss. Dieser Briefwechsel wäre nicht so umfangreich, müsste er nicht die Regungen dieses Kollektivwesens in sich aufnehmen: die wechselseitige Lektüre von Manuskripten, die Sorgen Unselds mit den ungeschriebenen Romanen Wolfgang Koeppens, das scheiternde Projekt der internationalen Zeitschrift "Gulliver", für deren deutsche Herausgebergruppe Johnson im Jahre 1963 federführend hätte tätig werden sollen.

Als Herausgeber stellte Johnson für das Kollektivwesen aus Frischs Werk die "Stich-Worte" (1975) zusammen. Über Martin Walsers Manuskript "Der Grund zur Freude. 99 Sprüche zur Erbauung des Bewußtseins", das er als eine heillose Mischung aus Salonmarxismus und Sonntagspredigt empfand, verfasste er im Sommer 1972 ein vernichtendes Gutachten. Noch sechs Jahre später kommt es darüber zu einem Ausbruch Walsers. Hier sind die Grenzen dieser Edition erreicht: Johnsons scharfe Anmerkungen zu Walsers Büchlein wie zum Eklat mag sie nicht drucken. Leider ist in den umfangreichen Anhang mit Dokumenten zum "Gulliver"-Projekt und zur Debatte um die Lektoratsverfassung das Konvolut mit Johnsons Notizen zu seiner Edition von Brechts "Me-Ti" nicht aufgenommen.

Von den literarischen Gutachten führen Verbindungen ins Innere der Romane Johnsons. Man lese nur die empörte Warnung vor einem Manuskript von George Steiner aus dem Jahre 1979. Darin wird die Fiktion aufgebaut, Hitler habe ein Double umbringen lassen, lebe im brasilianischen Urwald und solle nach Israel entführt werden. Es kommt zu einem Tribunal, bei dem Hitler als Apologet seiner selbst auftritt. Johnson begnügt sich nicht mit der politischen Kritik dieser Apologie. Er fügt eine medizinische Expertise zum Gesundheitszustand Hitlers Ende April 1945 bei, die Steiners Fiktion an ihrem Ausgangspunkt zerstört. Das Verfahren der "Jahrestage" trägt hier kritische Früchte.

Unüberhörbar durchzieht das Echo des Kalten Krieges, später der Studentenbewegung und des Prager Frühlings diese Briefe. Darüber aber liegt das Grundrauschen des Literaturbetriebs. Eher vorsichtig kommt Privates zur Sprache. Johnsons Ehekrise bleibt als Thema weitgehend den Gesprächen vorbehalten. In den Briefen dominiert die Abwehr von Indiskretionen Dritter. Gleichwohl ist dies ein eminent persönlicher Briefwechsel. Seit 1961 duzten sich der damals siebenunddreißigjährige Unseld und der zehn Jahre jüngere Johnson. Im Zentrum der Korrespondenz steht die Entbindung eines literarischen Werkes durch eine periodisch gefährdete Freundschaft. Sie entwickelte sich nicht von ungefähr, sondern als Verwirklichung einer im Verlagsprogramm vorgesehenen Möglichkeit. Als Siegfried Unseld in seinem Buch "Der Autor und sein Verleger" (1978) den Letzteren als "literarische Hebamme, Analytiker, Geschäftsmann und Mäzen" definierte, war das vor allem ein Selbstporträt. Ende 1982 befristete der Verleger seinem Freund die Vorauszahlungen. Wenige Monate später vollendete Johnson die "Jahrestage".

An vielen Stellen des Buches kann man die Risiken dieser persönlichen Fundierung der Geschäftsbeziehung studieren. Auch und gerade dort, wo es um Vorabdrucke oder Buchumschläge geht. Johnson an Unseld im Sommer 1970: "Insgesamt werde ich durch solche Vorgänge nicht an den Verlag erinnert, in den ich einmal als einzigen wollte, sondern an die, von denen du nichts hältst." Dieser scharfe, bisweilen bittere Ton stellt sich überall dort ein, wo Unseld sich zum Drucker reduziert oder der stets misstrauische Johnson seine Autorenrechte berührt sieht. Dessen gelegentliche rhetorischen Entflechtungsversuche - "freundschaftlich in der Freundschaft, sachlich im Verlag" - blieben hilflos. Das konnte nichts fruchten. Denn der Verlag und er selbst als Person waren für Unseld so sehr eins, "daß ich mit Haut und Haar, mit meinem gesamten Blutkreislauf, mit all meinen Nerven, oder was du sonst noch willst, mit dieser Aufgabe verbunden bin".

Der Abgrund, an dem solche Passagen vorbeiführen, ist das Trauma des Verrats. Als virtuelle Katastrophe ist er das negative Gegenüber zum Ursprung des Jahres 1959. Denn in dem idealen Verlag, dessen Norm sich beide Briefpartner unterstellen, regelt letztinstanzlich nicht eine ökonomische Kategorie die Beziehungen zwischen Autor und Verleger, sondern eine persönlich-moralische: die Treue. In diesem Buch, in dem das letzte Telegramm Unselds vom 12. März den toten Uwe Johnson in seinem Haus in Sheerness nicht mehr erreichen kann, hat sie sich durchgesetzt.

Uwe Johnson - Siegfried Unseld: "Der Briefwechsel". Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 1219 S., geb., 68, - DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 01.02.2010

Die größtmögliche Unzucht: das Schreiben
Ein geschäftstüchtiger Quälgeist und ein geschäftstüchtiger Dulder treffen sich. Zum Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld
Es war nicht nur im September 1971 so, sondern fast immer. Thomas Bernhard besucht Siegfried Unseld im Frankfurter Suhrkamp-Verlag, und kaum zurückgekehrt in seinen Vierkanthof, setzt er einen Brief an Unseld auf: er sei wieder mal in eine „brutale Maschine hineingegangen”, so ein Verlag kenne „Individualität” nicht und keinen „Menschen” wie ihn, Verlag und Verleger seien „Sensibilitätszermalmer und Ignorierer”. Und mehr als zehn Jahre später, im Januar 1982, verfügt Bernhard aus Portugal auf einmal handstreichartig, dass der Verlag keine Nachauflagen seiner Bücher mehr machen und überhaupt alles auslaufen lassen soll. Als Unseld um einen Gesprächstermin bittet, schickt Bernhard ein Telegramm: „kommen sie am 9. februar verfluchter”.
Bernhards genussvoller Qual-und- Lust-Slalom, sein Überbietungs-, Übertreibungs- und Übersteigerungs-Stil ist im Briefwechsel mit seinem Verleger genauso präsent wie in seiner sonstigen Prosa. Es gibt auf den mehr als 800 Seiten des Bandes kaum eine Atempause. Das teilt sich selbst in den internen Reiseberichten und in der „Chronik” Unselds mit, die in den Anmerkungen ausführlich zitiert werden und zum ersten Mal in größerem Umfang den Blick auf diesen großen literaturgeschichtlichen Schatz freigeben. Der Verleger muss in jedem Moment auf eine unerwartete Wendung gefasst sein: vor allem finanzieller, aber auch drucktechnischer oder manuskriptverändernder Art. Selbst wenn es anfangs ganz glimpflich zu laufen scheint, notiert Unseld: „Ich war den ganzen Tag über skeptisch, was sich Bernhard noch ausgedacht haben könnte.”
Das erste Treffen zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld findet am 28. Januar 1965 statt, in der Wohnung des Verlegers. „Frost” ist 1963 erschienen, man unterhält sich über dies und jenes, und kurz, bevor der Autor und seine Lektorin zum Zug müssen, fordert Bernhard von Unseld 40000 DM – gleichsam aus dem Nichts heraus. Er brauche das Geld, um seinen Ohlsdorfer Hof abzahlen zu können. Mehr als zwei Jahrzehnte später, diverse Darlehen und finanzielle Balanceakte sind überwunden, notiert Unseld: „Guthaben von Thomas Bernhard: DM 319 000.” Dafür hat er alles ausgehalten.
Bernhard, der Wut-Techniker, treibt den erfolgsverwöhnten Verleger an seine Grenzen. Der Briefwechsel bietet nicht nur einen ungewohnten Einblick in den Literaturbetrieb jener Jahre, der mittlerweile unendlich weit ferngerückt scheint, er hilft auch, das Geheimnis dieses Verlegers besser zu verstehen. Unseld sieht sich in ein Theaterstück versetzt, wie es Bernhard immer wieder geschrieben hat, scheinbar bloß für die Bühne. Der Verleger weiß gelegentlich nicht, welche Rolle für ihn vorgesehen ist und ob er überhaupt eine Rolle spielt, er weiß nur, es geht jeden Moment ums Ganze.
Am 24. Juli 1980 gibt es zwischen „drohenden Felsen” und einem „lieblichen Abendrot über dem See” einen Showdown in Bernhards Revier. Es geht wieder einmal um Geld, um Verträge, um Drohungen. Unseld schreibt in seiner „Chronik”: „Was wir machten, war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard. Die Alternativen des Spiels waren samt und sonders komisch.” Unseld weiß, es geht nicht nur um einen finanziell mittlerweile lukrativen Autor, es geht auch ums Prestige des Verlags: „Er wäre zu allem bereit gewesen, ich nicht; damit riskierte er den höheren Einsatz. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Nerven habe, ein solches Gespräch durchzustehen.” Bernhard überrascht trotz seiner fulminanten Brief-Prosa, die unter der Hand zu einem doppelt raffinierten Kunstprodukt wird, hier im Grunde weniger als Unseld – seine Suaden liegen ja bereits längst als Gesamtwerk vor. Wie aber der Verleger es schafft, die jäh wechselnden Launen, die cholerischen Ausbrüche, die Unberechenbarkeiten seines Gegenübers nicht nur zu ertragen, sondern ihm auch noch das Gefühl zu geben, ihn für den größten lebenden Autor überhaupt zu halten – das erklärt, psychologisch sehr differenziert, die Hintergründe seines Erfolgs. Bernhard lockt ihn immer wieder in böse Hinterhalte. Er fügt ihm schmerzliche Wunden zu. Aber Unseld hält stand. Und steigert die Auflage.
Unseld bereitet Bernhard den Weg als Theaterautor und vermittelt den folgenschweren Kontakt zu Claus Peymann. Auch für den Büchner-Preis, den Bernhard schon 1970 erhält, gratuliert Unseld vielsagend „Ihnen und mir”. Vom „lieben Herrn Bernhard” steigert sich die Anrede aber nur zum „lieben Thomas Bernhard”, vereinzelte Versuche mit einem „lieben Thomas” bleiben einsam in der Luft hängen. Bernhard wiederum zieht den Verleger mit „Lieber Doktor Unseld” in seinen österreichischen Kosmos hinein, man muss sich diese „Doktor”-Anrede am ehesten höhnisch-näselnd vorstellen. Gelegentliche Stimmungsschwankungen und Geldbedürfnisse lassen aber auch manchmal ein „Lieber Siegfried Unseld” zu.
Der einzigartige Sensations-, Skandal- und Erfolgsweg Bernhards ist hier noch einmal en detail zu verfolgen – bis hin zur legendären „Heldenplatz”-Premiere 1988 im Burgtheater. Doch parallel dazu findet das Psychodrama zwischen Bernhard und Unseld statt, es gibt keinen Unterschied zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Früh schon bekennt Bernhard, die „Arbeit” sei „meine einzige Freude, meine größtmögliche Unzucht”. Er beklagt immer wieder die „agronomische Schläue” des Unternehmers Unseld, der wiederum aufstöhnt: „Das ist der geschickteste und raffinierteste Brief, den mir je ein Autor zugesandt hat.”
Meist vergeblich sind verlegerische Beschwörungen wie „Ich bitte Sie, meiner Erfahrung wenigstens einmal in diesem Punkt zu vertrauen.” Vor der Wahl des Titels „Verstörung” warnt Unseld mehrfach, ein Buch mit diesem Titel würde keiner kaufen. Bernhard ficht das nicht an, und als der Verkauf bei 1800 Exemplaren angekommen ist, zetert er: „Selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr.”
Natürlich hätte es Bernhard am liebsten, wenn es gar keinen anderen Suhrkamp-Autor außer ihm gäbe; die „Bibliothek Suhrkamp” immerhin blockiert er fast mit seiner unbändigen Produktion. Als Unseld es wagt, angesichts von Martin Walsers „Brandung” 1985 ein großangelegtes Bestseller-Marketing zu starten, fordert Bernhard für sich mindestens so starke Kampagnen: „Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel-Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen.” Auch die Konkurrenz zwischen den beiden österreichischen Hegemonialautoren Bernhard und Handke nimmt gelegentlich köstliche Ausmaße an.
Dieser Briefwechsel hat eine ganz besondere Dramaturgie, wie von höherer Hand, sie scheint eher von Shakespeare entworfen zu sein als vom deutschsprachigen Literaturbetrieb. Der große Vertrauensbruch Bernhards, seine autobiographischen Werke (angefangen mit der „Ursache”) im Salzburger Residenz-Verlag zu veröffentlichen, zieht sich wie ein schicksalsträchtiges Leitmotiv durch die Zeitläufte. Es kulminiert folgerichtig im Finale, ästhetisch so brillant, dass man fast vergisst, es mit harten biographischen Fakten zu tun zu haben. Den ersten „Residenz”-Band 1975 widmet Bernhard Unseld noch mit dem Satz: „Ich gehe nie mehr fremd!” Er findet jedoch mit der Zeit öfter Gefallen daran, er weiß, wo es weh tut. Immer wieder dringt Unseld darauf, dass Bernhard die Rechte der Residenz-Veröffentlichungen Suhrkamp zuspreche, immer wieder geht Bernhard scheinbar darauf ein – bis, wie aus heiterem Himmel, Bernhard in seinem vorletzten Brief am 20. November 1988 nebenbei mitteilt, er habe Residenz schon wieder ein neues Manuskript übergeben.
Das ist für Unseld zu viel. Nach fast 30 Jahren zähen Kampfes scheint er, in seinem letzten Telegramm an den Autor, die Waffen zu strecken: „Ich kann nicht mehr.” Bernhards Antwort, der letzte Brief des Bandes, wartet mit einer teuflischen Schlusspointe auf: „Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.” Doch am 28. Januar 1989, kurz vor Bernhards Tod am 12. Februar, treffen sich die beiden noch einmal in Salzburg. Unselds Sekretärin Burgel Zeeh, die all die Jahre hindurch eine wichtige Rolle als Ansprechpartnerin spielt, hat Unseld mitgeteilt, Bernhard gehe es sehr schlecht, er möchte ihn noch einmal sehen. In seiner „Chronik” hält Unseld fest: „Er spielte den reizenden und witzigen Charmeur.”
HELMUT BÖTTIGER
THOMAS BERNHARD/SIEGFRIED UNSELD: Der Briefwechsel. Hg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 869 Seiten, 39,80 Euro.
Was wir machten, war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard
Männer von agronomischer Schläue: Thomas Bernhard und Siegfried Unseld in der Nähe von Gmunden, wo Bernhard ein Haus besaß. Foto: Suhrkamp Verlag
Verbunden durch fast dreißig Jahre eines zähen Kampfes: Thomas Bernhard (li.) und sein Verleger Siegfried Unseld. Fotos (2): Brigitte Friedrich/Teutopress
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass Unseld und Johnson in den letzten Jahren ihrer Freundschaft mehr und mehr zum Telefonieren übergegangen sind, findet Roland H. Wiegenstein bedauerlich. Denn trotz der 1220 Seiten dieses Bandes hätte er "gern noch mehr gelesen". In seiner sehr ausführlichen Rezension zeigt sich Wiegenstein äusserst fasziniert davon, Zeuge dieser Männerfreundschaft zu sein, die er für einen "Glücksfall" hält. Ihn erstaunt die Fähigkeit, besonders Unselds, Querelen immer wieder ad acta legen zu können und die Gratwanderung zwischen Autoren- und Verlagsinteressen zu meistern. Johnson selbst zeige sich in diesen Briefen facettenreich: mal buchhalterisch, mal ironisch, schmeichelnd oder böse, bisweilen auch für Johnson-Leser überraschend. Den Anmerkungsapparat findet Wiegenstein ausführlicher als nötig. Der Nutzen dieses Buchs erschliesse sich dem Leser "von selbst, buchstäblich".

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