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Was wir von den Schweden lernen können.
Der Schwede möchte seine Ruhe haben. Umgekehrt lässt er auch andere in Ruhe. Oft wird dieser tiefe Wunsch nach Unabhängigkeit als Gefühlskälte missverstanden. Doch der Schwede lebt das Ideal der Gleichheit. Was allerdings bedeutet das für die Gesellschaft? Was für die Politik? Und was können wir in Deutschland daraus lernen? Die beiden renommierten Historiker Henrik Berggren und Lars Trägårdh setzen sich mit der Geschichte des Wohlfahrtsstaates auseinander und mit der Befreiung des Individuums aus sämtlichen zwischenmenschlichen Abhängigkeiten. Sie…mehr

Produktbeschreibung
Was wir von den Schweden lernen können.

Der Schwede möchte seine Ruhe haben. Umgekehrt lässt er auch andere in Ruhe. Oft wird dieser tiefe Wunsch nach Unabhängigkeit als Gefühlskälte missverstanden. Doch der Schwede lebt das Ideal der Gleichheit. Was allerdings bedeutet das für die Gesellschaft? Was für die Politik? Und was können wir in Deutschland daraus lernen? Die beiden renommierten Historiker Henrik Berggren und Lars Trägårdh setzen sich mit der Geschichte des Wohlfahrtsstaates auseinander und mit der Befreiung des Individuums aus sämtlichen zwischenmenschlichen Abhängigkeiten. Sie zeigen, worin sich der Erfolg des "schwedischen Modells" begründet - indem sie fragen, was den Schweden als Menschen auszeichnet. Und das stimmt nicht immer mit dem Bild überein, das wir von unseren nordischen Nachbarn haben. Und vor allem zeigen Berggren und Trägårdh im Vergleich mit Deutschland: Während hierzulande die kleinste Einheit der Gesellschaft die Familie ist, ist es in Schweden das Individuum. Und die Auswirkungen sind immens.
  • Produktdetails
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 553
  • Erscheinungstermin: 8. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 149mm x 45mm
  • Gewicht: 764g
  • ISBN-13: 9783442754700
  • ISBN-10: 3442754704
  • Artikelnr.: 44125011
Autorenporträt
Berggren, Henrik
Henrik Berggren ist Autor und Historiker. Sein gefeierte Biografie Olof Palme - Vor uns liegen wunderbare Tage, wurde in sechs Sprachen übersetzt. Lars Trägardh lehrt als Geschichtsprofessor an der Ersta Sköndal Universität.
Rezensionen
Besprechung von 12.03.2016
Fast perfekte Menschen und ihre Theorie von der Liebe

Schwedenversteher: Henrik Berggren und Lars Trägårdh wissen, warum sich in ihrer Heimat Individuum und Staat gegen die Familie stellen.

Von Matthias Hannemann

Wie sehr die Wahrnehmung des Fremden von den eigenen Scheuklappen geprägt wird, lässt sich nirgends besser als beim Thema Schweden beobachten. Immer wieder muss das Land sogar als Projektionsfläche unserer Sehnsüchte und Ängste herhalten. Und so wie sich Linke dabei an die Vorstellung klammern, im progressiven Schweden würde der Kollektivismus gelebt, sind Libertäre bis heute davon überzeugt, dass die Freiheit des Einzelnen dort ausgehebelt wurde wie sonst nur in totalitären Regimen - wie es Roland Huntford 1971 in "Wohlfahrtsdiktatur" beschrieb.

Beide Vorstellungen unterschätzen die zentrale Rolle, die der Individualismus in Schweden einnimmt, erklären nun die Historiker Henrik Berggren und Lars Trägårdh in einem anregenden, zuweilen vielleicht etwas flink im Kaninchenbau der Kulturgeschichte herumkletternden Buch. Ihre Grundthese fasst der Stockholmer Verleger Svante Weyler im Vorwort zusammen: "Das schwedische Volk, das wir selbst und die Welt oft gern als das kollektivistischste der Erde betrachtet haben, ist in Wirklichkeit das Gegenteil: das allerindividualistischste." Im Norden, wo die Wurzeln der modernen Gesellschaft offenbar in Vergessenheit zu geraten drohten, hat das für Furore gesorgt.

Allerdings ist das lange her. "Ist der Schwede ein Mensch?" basiert auf Gedanken, die von den Autoren erstmals 1997 in der Zeitung "Dagens Nyheter" skizziert worden waren. Selbst das fertige Buch, das im Original 2006 erschien, ist schon zehn Jahre alt. Trotzdem lohnt die Lektüre, weil die Autoren in einer Zeit über das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft nachdachten, in der Schweden verunsichert war und Lehren aus der heftigen Krise der frühen Neunziger zu ziehen versuchte.

Jahrelang diskutierte man harte Einschnitte in den Wohlfahrtsstaat, erlebte Sozialdemokraten, die Reformen umsetzen mussten, später Konservative, die sich zum Sozialstaat bekannten, und zu allem Überfluss war das Land auch noch 1995 Mitglied der Europäischen Union geworden. Anlässe für eine Auseinandersetzung mit dem spezifisch Schwedischen gab es damit genug. Und es wird sie auch in Deutschland wieder geben, das in sozialpolitischen Angelegenheiten so gerne nach Norden blickt.

Die Autoren, die sich einst als Forschungsstipendiaten an der Universität Berkeley kennenlernten (Berggren wurde Journalist, Trägårdh Professor), erinnern dabei mit Nachdruck an die unterschiedlichen Vorstellungen, die in Deutschland, Amerika und Schweden von der Beziehung zwischen Individuum, Familie und Staat herrschen. In Schweden sei das Individuum der kleinste Bestandteil der Gesellschaft - nicht die Familie, wie man meint. Die Folge lasse sich in einem "eisernen Dreieck der Abhängigkeit" darstellen. In Deutschland vereinigten sich Staat und Familie gegen das Individuum, in den Vereinigten Staaten Individuum und Familie gegen den Staat.

In Schweden hingegen, einem weitläufigen Land, das von der Gewalt des zwanzigsten Jahrhunderts verschont blieb und auf ein vergleichsweise vertrauensvolles Verhältnis zwischen Staat und Bürgern bauen kann, vereinigten sich Staat und Individuum gegen die Familie. Was zu einer Politik führte, die den Einzelnen vor der Abhängigkeit von Eltern und Ehepartnern zu schützen versuchte, während sie den Menschen auch von anderen Abhängigkeiten wie jener von den Dorfgemeinschaften oder Kirchen befreite.

Mit Blick auf den "Volksheim"-Begriff, den die Sozialdemokraten einst erfolgreich den Bürgerlichen entwandten, schreiben Berggren und Trägårdh: "Hinter der durch die Volksheim-Parole angedeuteten solidarischen Gemeinschaft verbirgt sich eine von hypermodernen und historisch betrachtet ungewöhnlich autonomen Individuuen bewohnte Gesellschaft. Diese Allianz zwischen Staat und einzelnen Mitbürgern nennen wir den schwedischen Staatsindividualismus."

Dass dies eine "schwedische Theorie von der Liebe" voraussetzt, die wahre Liebe an Autonomie koppelt und die Freiwilligkeit von Zusammenschlüssen unterstreicht, liegt auf der Hand. Ohne sie träfe die Beschreibung Schwedens als gefühlskaltes Land der Kinderhasser zu, die der einst vom Faschismus angezogene Journalist Sanfrid Neander-Nilsson 1946 unter der Überschrift "Ist der Schwede ein Mensch?" vornahm. Und was gab es nicht seit den Siebzigern für Kopfschütteln im westlichen Ausland, wenn von den Kindertagesstätten schwedischer Prägung die Rede war. Andererseits stimmt es: Schwedens Geschichte hat emotionslose, furchtbar rationale Kapitel - man denke nur an die Zwangssterilisierten zwischen 1934 und 1975.

Auch die Maßnahmen, die Frauen den Weg in die Arbeitstätigkeit ebnen sollten, wurden keineswegs nur von der Sehnsucht des Individuums nach Unabhängigkeit und Entfaltung ausgelöst. In einem gewerkschaftlichen Buch zur "Tagesstättenfrage" hieß es 1962: "Die Frauen sind in hohem Maß eine nicht ausgeschöpfte Ressource an Arbeitskräften, die zu verwalten angeraten ist." Der Preis für die Befreiung aus den "engen sozialen Zusammenhängen" war die zuweilen problematische Unterordnung des Individuums unter die Gesellschaft.

Berggrens und Trägårdhs Werk, das für die Neuausgabe überarbeitet und um ein Luther-Kapitel ergänzt wurde, ist leider nicht ganz so leicht zu lesen wie Michael Booths Skandinavien-Skizze "The Almost Nearly Perfect People" (2014), um die man bei der Entschlüsselung des Nordens derzeit ebenfalls nicht herumkommt. Das Gelungene an "Ist der Schwede ein Mensch?" besteht darin, dass die Autoren das Dilemma der "ungeselligen Geselligkeit" nicht aus den Augen verlieren.

Wie sie ihre Sujets überhaupt gerne wenden und drehen: Sie sympathisieren mit der Grundidee, die zum modernen Sozialstaat führte, hoffen die Missverständnisse zu korrigieren, die es gerade im Schwedenbild der Vereinigten Staaten gibt. Und trotzdem nehmen sie das Wort von der "schwedischen Ideologie" in den Mund.

Henrik Berggren und Lars Trägårdh: "Ist der Schwede ein Mensch?" Was wir von unseren nordischen Nachbarn lernen können und wo wir uns in ihnen täuschen.

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. btb Verlag, München 2016. 560 S., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Aldo Keel honoriert Seriosität und Informationsgehalt von Henrik Berggrens und Lars Trägardhs Buch über den schwedischen Wohlfahrtsstaat, bedauert die "holprige Übersetzung", lässt sich darüber hinaus jedoch zu keiner direkten Bewertung hinreißen. In seiner umfangreichen Zusammenfassung vollzieht er These und Argumentation der beiden Historiker nach und liefert einen aufschlussreichen Überblick über die Geschichte des "schwedischen Staatsindividualismus" von seinen Wurzeln im Mittelalter über den Bau des "Volksheims" in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bis zu den heutigen "Parallel-Kulturen" der "Einwanderer-Ghettos". Den beiden Autoren, so macht er deutlich, gehe es dabei darum, die Ursprünge des schwedischen Wohlfahrtsstaates weniger in einer kollektivistischen Idee als in der Verbindung des Ideals der Gleichheit mit dem des Individualismus.

© Perlentaucher Medien GmbH