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Bisher Unbekanntes über den Papst Vorwort von Nobelpreisträger A. P. Esquivel
Als am 24. März 1976 das Militär die Macht übernimmt, beginnen für Argentinien sieben Jahre staatlichen Terrors. Die Armee entführt, foltert und ermordet Zehntausende Menschen. Das Drama trägt den Namen der "Desaparecidos", der Verschwundenen. Zu dieser Zeit, von 1973 bis 1979, ist Pater Jorge Bergoglio Oberer der Jesuiten des Landes. 2010 wird er von einem Tribunal wegen des Verdachts, Mitbrüder nicht ausreichend geschützt zu haben, und wegen seiner Kontakte zu den Generalen verhört. Das Tribunal erkennt seine…mehr

Produktbeschreibung
Bisher Unbekanntes über den Papst
Vorwort von Nobelpreisträger A. P. Esquivel

Als am 24. März 1976 das Militär die Macht übernimmt, beginnen für Argentinien sieben Jahre staatlichen Terrors. Die Armee entführt, foltert und ermordet Zehntausende Menschen. Das Drama trägt den Namen der "Desaparecidos", der Verschwundenen. Zu dieser Zeit, von 1973 bis 1979, ist Pater Jorge Bergoglio Oberer der Jesuiten des Landes. 2010 wird er von einem Tribunal wegen des Verdachts, Mitbrüder nicht ausreichend geschützt zu haben, und wegen seiner Kontakte zu den Generalen verhört. Das Tribunal erkennt seine Unschuld an. Erst Jahre später - aus dem Pater ist inzwischen der Papst geworden - stößt ein Journalist auf eine weitere, bislang unbekannte Seite der Geschichte. Nach umfangreichen Recherchen kann er belegen: Jorge Bergoglio hatte im Untergrund ein Netzwerk zur Fluchthilfe aufgebaut, das viele Menschen rettete. Bergoglio selbst hat nie darüber gesprochen. Nun erzählt Nello Scavo diese Geschichte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Herder, Freiburg
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 8. August 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 133mm x 20mm
  • Gewicht: 364g
  • ISBN-13: 9783451340468
  • ISBN-10: 3451340461
  • Artikelnr.: 40869039
Autorenporträt
Nello Scavo, geb. 1972, ist Reporter der italienischen Zeitung Avvenire. Er hat von den Krisenherden der Erde berichtet und mehrere Auszeichnungen erhalten.
Rezensionen
Besprechung von 09.08.2014
Mutmaßungen über Pater Bergoglio

Wie hat sich der heutige Papst als Provinzial der Jesuiten während der argentinischen Militärdiktatur verhalten? Zwei Bücher suchen mit unterschiedlichem Ergebnis Antworten auf eine brisante Frage.

Als der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Kardinal Bergoglio, im März 2013 in Rom zum Papst gewählt wurde, zeigten sich die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und etliche ihrer Regierungsmitglieder und Gefolgsleute konsterniert oder gar entsetzt. Kirchner schrieb Franziskus einen eiskalt bürokratisch formulierten Glückwunschbrief. Ausgerechnet Bergoglio, der geistliche Oberhirte Argentiniens, den sie und ihr inzwischen verstorbener Ehemann und Vorgänger im Präsidentenamt zu ihrem Erzfeind erkoren hatten, vor allem weil er ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor aller Öffentlichkeit ins Gewissen zu reden pflegte, war Papst geworden!

Die Verärgerung von Bergoglios damaligen Gegnern in Argentinien über die Papstwahl war allzu deutlich spürbar. Umso verwunderlicher wirkte die radikale Kehrtwendung wenige Tage später hin zu nahezu uneingeschränkter Bewunderung für das neue Oberhaupt der katholischen Kirche. Die Präsidentin nahm an der Amtseinführung in Rom teil und ließ sich von Franziskus in Privataudienz empfangen. Wie das? Cristina Kirchner hatte erkannt, dass es kontraproduktiv war, weiter auf Konfliktkurs mit dem nun an die Spitze der weltumspannenden Religionsgemeinschaft gewählten argentinischen Kirchenmann zu bleiben. Außerdem begann der Charme der völlig ungewohnten, Bescheidenheit und Volksnähe demonstrierenden Gesten des neuen Papstes seine Wirkung zu entfalten.

Postwendend machten es die anfänglichen Franziskus-Kritiker in Argentinien der Präsidentin nach, wurden zu Sympathisanten des Papstes und machten ihm reihenweise ihre Aufwartung. Zugleich mit dieser wundersamen Wandlung wurden aber auch immer deutlicher Vorbehalte gegen den Papst vom Río de la Plata laut, vor allem als schon früher geäußerte Mutmaßungen über sein mögliches Fehlverhalten während der Militärdiktatur (1976 bis 1983) hochkamen und neue akribische Nachforschungen die Bedenken zu bekräftigen schienen. Es ging dabei vor allem um den Fall der beiden Jesuitenpatres Orlando Yorio und Franz Jalics, die im Mai 1976 vom Militär verschleppt und fünf Monate lang widerrechtlich in Folterhaft festgehalten worden waren.

Die beiden Patres, die mit der Befreiungstheologie sympathisierten, arbeiteten als Seelsorger in einem Elendsviertel in Buenos Aires. Davon hatte Bergoglio sie abbringen wollen. Er hatte von ihnen verlangt, sich zwischen Jesuitenzugehörigkeit und ihrer Armengemeinde zu entscheiden. Sie behaupteten, ausgeschlossen worden zu sein, er hingegen, sie seien ausgetreten. Er habe ihnen schlechte Zeugnisse ausgestellt, hieß es, und kundgetan, sie eigneten sich nicht für das Priesteramt. Deshalb seien sie schutzlos dem Zugriff der Schergen der Diktatur ausgeliefert worden. Andererseits sind Hinweise darauf bekanntgeworden, dass Bergoglio sich für ihre Freilassung eingesetzt und zahlreiche seiner Landsleute mit stiller Diplomatie aus den Klauen des Vernichtungsapparates befreit oder ihre Ausreise ins Exil organisiert habe.

Der britische Autor Paul Vallely hat sich in seinem im englischsprachigen Raum fast schon zum Klassiker gewordenen, jetzt auf Deutsch erschienenen Franziskus-Buch bemüht, die offensichtlichen und scheinbaren Widersprüche in der Vita des Papstes aufzuklären und aufzulösen. Das ist ihm auch weitgehend gelungen, weil er die Entwicklung der Persönlichkeit des Gottesmannes als einen von Brüchen und Kehrtwendungen durchzogenen komplexen Prozess begreift.

Bergoglio hat sich nach Vallelys Darstellung von einem autoritären, konservativen katholischen Priester, der die Befreiungstheologie entschieden ablehnte, gleichwohl die Fürsorge für Arme grundsätzlich nicht in Frage stellte, erst recht spät zu jener weltoffenen, fast jovialen, Randgruppen der Gesellschaft wie auch anderen Religionen zugewandten Figur entwickelt. Selbst als er 1992 Weihbischof von Buenos Aires wurde, hatte er noch an seinem herrschsüchtigen Gebaren festgehalten. Die entscheidende Wandlung zum milden und seinen Landsleuten Barmherzigkeit vorlebenden Kirchenmann hat der Darstellung Vallelys zufolge erst seine Berufung 1998 zum Erzbischof und späteren Kardinal der argentinischen Hauptstadt gebracht.

Franziskus selbst schrieb kürzlich mögliches Fehlverhalten in seinen frühen Priesterjahren seinem damals übertrieben autoritären Habitus und der Tatsache zu, dass er bereits im Alter von sechsunddreißig zum Provinzial, also dem Obersten der Jesuiten in Argentinien, ernannt worden war. Ihm wurde vorgeworfen, die Jesuitengemeinschaft in Argentinien in eine konservative und eine mit der Befreiungstheologie sympathisierende Fraktion gespalten zu haben, in ähnlicher Weise, wie auch die katholische Kirche während der Diktatur in zwei Gruppierungen zerfallen war. In eine, deren Vertreter widerspruchslos die Willkürherrschaft der Militärs hinnahmen, sich sogar aktiv für deren Sache engagierten und etwa Gefolterten, die bei den "Todesflügen" betäubt über dem Río de la Plata abgeworfen wurden, den Segen erteilten. Sowie in jene andere Gruppe Geistlicher, die aktiven Widerstand gegen das Regime leistete. Dazu zählte etwa der Bischof Enrique Angelelli aus der Provinz La Rioja, der am 4. August 1976 vom Repressionsapparat bei einem fingierten Autounfall getötet wurde.

Vallely lässt keinen Zweifel daran, dass Bergoglio auch als Franziskus trotz seiner altersmilden Attitüde und seines volkszugewandten, unkonventionellen Verhaltens ein machtbewusster Kirchenmann geblieben ist. Widersprüchlich sind nach wie vor die Aussagen des Papstes darüber, inwieweit er über die von den Militärs begangenen Verbrechen informiert war. Als Jesuitenprovinzial habe er nur "partiell" mitbekommen, was damals geschehen sei, behauptete er. Die Ermordung Angelellis und anderer Priester müsste ihm allerdings die Augen geöffnet haben.

Als wenig glaubwürdig stellt Vallely auch die von Bergoglio vor Gericht vorgebrachte Äußerung dar, er habe erst "vor zehn, vielleicht auch vor 25 Jahren", also erst nach der Diktatur, vom systematischen Kindesraub erfahren, bei dem die Militärs schwangeren Gefangenen nach der Geburt die Kinder wegnahmen und sie regierungstreuen Familien zur Adoption übergaben. Merkwürdig mutet jedenfalls Bergoglios hartnäckige Weigerung an, die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo, die ihre in der Diktatur verschwundenen Kinder und Enkel suchen, zu empfangen. Erst als Papst Franziskus gewährte er der Präsidentin der "Großmütter", Estela Carlotto - die bis zuletzt zu seinen schärfsten Kritikern gehört hatte -, eine Audienz.

In der Begeisterung darüber, dass ein Landsmann und zum ersten Mal ein Lateinamerikaner Papst geworden ist, werden in Argentinien Franziskus seine möglichen Fehltritte in der Vergangenheit inzwischen weitgehend nachgesehen. Er habe nicht zu den Mutigsten gehört, habe mit seiner Ablehnung der Befreiungstheologie dem Terrorregime gar möglicherweise in die Hände gespielt und dennoch vielen Personen in der höchsten Not tatkräftig und ohne großes Aufsehen geholfen. So lautet die gängigste Formel, mit der die Widersprüche im Verhalten Bergoglios während der Diktatur eine Erklärung finden sollen. Sie schließt die Frage ein, was geschehen wäre, wenn er selbst Opfer des Repressionsapparates geworden wäre und einer ganzen Reihe von Landsleuten nicht das Leben hätte retten können.

In dem nächste Woche auf Deutsch erscheinenden Buch "Bergoglios Liste" des italienischen Reporters Nello Scavo werden einzelne Schicksale der vorgeblich von dem früheren Kardinal-Erzbischof während der Diktatur geretteten Personen geschildert. Scavo verweist darauf, dass es außerordentlich schwierig gewesen sei, die Betreffenden ausfindig zu machen und sie zu handfesten Aussagen zu bewegen. Hinweise auf Kollaboration Bergoglios mit der Diktatur habe er indes nicht finden können, beteuert er mehrfach. Ergänzt werden die Schilderungen und Bekenntnisse der Zeugen und die Erkenntnisse über das Engagement Bergoglios zugunsten der Verfolgten durch eine allerdings recht pauschale Darstellung der Vorgänge während der Militärherrschaft, insbesondere der Spaltung der katholischen Kirche. Außerdem enthält der Band eine Stellungnahme von Amnesty International über das Verhalten Bergoglios während der Diktatur sowie eine Niederschrift des Protokolls der Vernehmung des damaligen Erzbischofs am 8. November 2010 vor einem Gericht in Buenos Aires, das die in der Technikschule der Marine (Esma), dem größten geheimen Folterzentrum, begangenen Verbrechen juristisch aufarbeitet.

Das Buch ist eine Ergänzung zu Vallelys viel umfassenderer Franziskus-Darstellung. Entscheidend andere Erkenntnisse enthält es nicht. Übertrieben wirkt der Eifer, mit dem Scavo Bedenken zerstreuen will, Franziskus habe während der Diktatur durch sein Verhalten Schuld auf sich geladen.

JOSEF OEHRLEIN.

Paul Vallely: "Papst Franziskus". Vom Reaktionär zum Revolutionär. Aus dem Englischen von Axel Walter. Theiss Verlag, Stuttgart 2014. 239 S., geb., 24,95 [Euro].

Nello Scavo: "Bergoglios Liste". Papst Franziskus und die argentinische Militärdiktatur. Eine Geschichte von verschwundenen Menschen und geretteten Leben. Aus dem Italienischen von Gabriele Stein. Herder Verlag, Freiburg 2014. 222 S., geb., 16,99 [Euro].

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