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In BERLIN - Steinerne Stadt erzählt Jason Lutes die Geschichte der jungen Studentin Marthe Müller und den Journalisten Kurt Severing in den Wirren der Weimarere Republik. Eindringlich, detailliert und historisch fundiert erzählt Lutes von den Ereignissen am Vorabend des "Dritten Reichs".

Produktbeschreibung
In BERLIN - Steinerne Stadt erzählt Jason Lutes die Geschichte der jungen Studentin Marthe Müller und den Journalisten Kurt Severing in den Wirren der Weimarere Republik. Eindringlich, detailliert und historisch fundiert erzählt Lutes von den Ereignissen am Vorabend des "Dritten Reichs".
  • Produktdetails
  • Carlsen graphic novel
  • Verlag: Carlsen
  • Seitenzahl: 213
  • Altersempfehlung: ab 14 Jahren
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 216 S. SW-Comics.
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 144mm x 22mm
  • Gewicht: 289g
  • ISBN-13: 9783551766748
  • ISBN-10: 3551766746
  • Best.Nr.: 11228756
Autorenporträt
Jason Lutes wurde 1967 in New Jersey, USA, geboren. Nach einem Designstudium debütierte er 1993 auf den Seiten eines Seattler Stadtmagazins mit seiner melancholischen Graphic Novel »Narren«. Dem preisgekrönten Erstlingswerk ließ Lutes Mitte der Neunzigerjahre gemeinsam mit dem Autor Ed Brubaker den Vorstadt-thriller »Herbstfall« folgen. Seit 1996 arbeitet Jason Lutes an seinem auf drei umfangreiche Bände angelegten historischen Comic-Roman »Berlin«. Für den Zeichner Nick Bertozzi schrieb Lutes zudem den 2007 veröffentlichten biografischen Comic »Houdini - Der König der Handschellen«.
Rezensionen
Besprechung von 30.05.2001
Zilles Miljöh hat Seattle erreicht
Jason Lutes schafft mit seinem Comicroman "Berlin" ein Musterbeispiel der Gattung

Oft sind es die erstaunlichsten Umwege, die die Augen dafür öffnen, wieviel Können und Recherche und überwundene Fremdheit - praktizierte Hermeneutik, wenn man will - zwischen der Wirklichkeit und ihrer realistischen Darstellung in der Kunst liegen. Für die Kunst des Comics demonstriert dies Jason Lutes' großes Projekt eines historischen Comicromans mit dem schlichten Titel "Berlin". Auf den ersten Blick freilich ist das, was man da sieht und sogleich auch wiedererkennt, unauffällig genug.

Erzählt wird, eingebettet in ein episches Zeitpanorama, die Geschichte einer jungen Malerin und eines "Weltbühne"-Journalisten im Berlin der Jahre 1928 bis 1932. Die private Romanze tritt fast vom ersten Panel an in vielfältige Beziehung zu politischen Auseinandersetzungen und ästhetischen Strömungen der Zeit. Mühelos wechselt Lutes zwischen Journaleinträgen und politischen Versammlungen, zwischen ingeniös ins Bild gesetzten Reflexionen über Kunst und Journalismus und Einzelporträts von Vertretern der Arbeiterklasse, die jedoch gerade im individuierenden Porträt sogleich mehr sind als bloße Vertreter ihres Leids oder politischer Ideen. Der Zeichenstil ist erfolgreich darum bemüht, zugunsten der Inhalte in den Hintergrund zu treten, die abgebildeten und erzählten historischen Ereignisse erscheinen uns ohne weitere Vermittlung wiedererkennbar. Künstlerische Mittel wie genaue historische Zusammenhänge bleiben für den Leser beinahe unsichtbar. Die Szene ist ganz der Narration und den Figuren überlassen. Im Gespräch mit dem Autor wird dagegen schnell klar und dann auch im Comic lesbar, wie wenig sich hier von selbst versteht. Es sind Welten, die den Autor Jason Lutes, gerade mal Anfang Dreißig, vom uns Vertrauten der deutschen Geschichte trennen.

Lutes ist aufgewachsen in der amerikanischen Provinz, hat eine mustergültige amerikanische Sozialisation hinter sich und entdeckt früh sein Zeichentalent. Es ist von Anfang an der Comic, für den er es nutzen will, und nach Umwegen über die Pornoabteilung des alternativen amerikanischen Comicverlags Fantagraphics, die Kunsthochschule und eine Stadtzeitschrift in Seattle veröffentlicht er, zunächst im Eigenverlag, seinen Band "Jar of Fools", der rasch Anerkennung erntet und bald auch als "Narren" ins Deutsche übersetzt wird. Auf dieses Buch hat der in den Vereinigten Staaten hoch geschätzte Comic-Theoretiker Scott McCloud in seinem in Comicform verfaßten Band "Reinventing Comics" nicht nur hingewiesen, er demonstriert und analysiert darin auch in ausführlichen Beispielen Lutes' zeichnerische Virtuosität und Intelligenz.

Dann aber setzt sich Lutes "Berlin" in den Kopf, ein auf gut zehn Jahre und 24 Einzelhefte angelegtes Projekt. Ein Comic, der für die unterschiedlichsten Leser zugänglich sein will, der sich um keines der gängigen Genres und keine der üblichen Rubrizierungen kümmert: gleich weit entfernt vom Comic-Underground wie von den derzeit wieder einmal krisengeschüttelten Superhelden. Ein Comic für Erwachsene, für Leser von Romanen und für historisch Interessierte. Diese Allgemeinverständlichkeit aber geht den Umweg durch die Archive und über viele Regalmeter mit Fotobänden, Geschichtsbüchern, Romanen. Lutes muß sich das ihm gänzlich Fremde, das Berlin der späten Weimarer Republik selbst aneignen und erfinden. Aus eigener Anschauung kennt er den Schauplatz seiner Geschichte zunächst nicht. Erst im letzten Jahr hat der Autor schließlich Berlin besucht, die Stadt, der er in Hunderten von Panels zuvor ein Gesicht gegeben hatte.

Mit Begeisterung berichtet er im Gespräch von einer wichtigen Entdeckung im Verlauf seiner Recherche. Er sei auf einen deutschen Cartoonisten gestoßen, erzählt er, bei dem er all die Bilder findet, die es in den offiziellen Dokumenten, in den ästhetischen Darstellungen der Zeit sonst kaum gibt. Es dauert eine Weile, bis ihm der Name einfällt, im Klang seltsam amerikanisch verfremdet: Heinrich Zille. Der vielleicht berlinerischste aller Berliner als Reimport aus Seattle. Manchmal haben auch Bilder ihre Schicksale, und im internationalen Grenzverkehr haben sie es allemal leichter als Worte. Eigentlich wollte Jason Lutes Joachim Ringelnatz zu einer der wichtigeren Figuren seines Comicromans machen. Das scheiterte daran, daß dessen Werk nicht ins Englische übersetzt ist, jetzt ist er nur kurz einmal in den Redaktionsstuben der "Weltbühne" im Bild. Emblematisch scheint die Entstehungsgeschichte des männlichen Protagonisten Kurt Severing. Am Anfang stand eine äußerliche Ähnlichkeit zu Siegfried Jacobsohn, dem Begründer der "Weltbühne", von der sich Lutes in einem Prozeß der zeichnerischen Verfremdung und Abstraktion dann nach und nach entfernte.

Der Realismus von Berlin verdankt sich so einer doppelten Bewegung, einem Verfahren der Annäherung ans Detail ebenso wie der Abstraktion, als die einem die zeichnerische Ligne claire nach dem Vorbild des frankobelgischen Comics, vor allem natürlich Hergés, auf den ersten Blick entgegentritt. Neben der Genauigkeit und Vorlagentreue, mit der Lutes etwa Bilder vom historischen Potsdamer Platz entwirft, steht immer wieder der Verzicht auf Hintergründe, ein Ausstanzen der Figuren aus jeglicher Fülle des Realen, ein sehr bewußter Rückzug auf den vielleicht charakteristischsten Zug des Mediums Comic: die Fähigkeit zur Abstraktion und Schematisierung, die sich aber, statt verfremdend zu wirken, zur Steigerung von Abbildungseffekten einsetzen läßt.

Jason Lutes ist ein Virtuose des Comic-Handwerks, das erfährt man nicht nur in seinen klugen Kommentaren zu vielen Überlegungen, die den einzelnen Panels in Berlin vorausgegangen sind. Der Verzicht auf stilistische Extravaganzen bleibt dabei Programm, Experimente stehen immer im Dienst der Geschichte und der Figuren. Es gibt keine Botschaft, aber es gibt den entschiedenen Willen, dem Leser und Betrachter eine fremde Welt vorzustellen, als wäre sie wirklich gewesen. Vor Kurzschlüssen auf unvermittelte Wirklichkeitsdarstellungen, zu denen das realistische Erzählen erst recht im Text-und-Bild-Medium Comic verführt, weiß sich Jason Lutes zu hüten: durch die ihm so scheinbar leicht zu Gebote stehende Klarheit, Abstraktion und Nüchternheit.

EKKEHARD KNÖRER

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Dass die Kunstwerdung des Comics nicht nur eine Behauptung ist, beweist für Rezensent Ekkehard Knörer Jason Lutes graphic novel "Berlin - steinerne Stadt". Nicht weniger als eine "Sinfonie der Großstadt in Comicform" habe Lutes hier gezeichnet, schwärmt Knörer, "ein Ineinander und Durcheinander der Träume, Hoffnungen und Ängste". Es gibt eigentlich nichts, was der Rezensent an Lutes Arbeit auszusetzen hätte: Die Schwarzweiß-Bilder sind virtuos gezeichnet, abstrakt und doch akribisch; die Verkehrsampel vom Potsdamer Platz und Zilles Hinterhöfe finden ebenso ihren Platz wie die Vossische Zeitung, kommunistische Aufmärsche und nazistische Schlägertrupps; genau ausgewählt ist der Punkt, an dem sich Berlin "vom Laboratorium der Moderne ins Laboratorium des katastrophalen Scheitern" verwandelt. Nur eines bemängelt der Rezensent: Lutes schleppendes Arbeitstempo, das den Abschluss der Trilogie für das Jahr 2017 befürchten lasse.

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