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Der Lebensweg Walter Kempowskis ist exemplarisch für die wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert. Mit diesem Buch werden Leben und Werk des großen deutschen Chronisten erstmals im Zusammenhang dargestellt. Chronologisch werden dabei die vier existentiellen Komplexe Kindheit und Jugend in Rostock, Inhaftierung in Bautzen, Tätigkeit als Pädagoge und schriftstellerische Arbeit behandelt. Dirk Hempel ist langjähriger Mitarbeiter Walter Kempowskis u.a. beim Echolot-Projekt und kennt den Autor seit vielen Jahren. Seine Biographie bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben eines herausragenden Schriftstellers und Zeitzeugen.…mehr

Produktbeschreibung
Der Lebensweg Walter Kempowskis ist exemplarisch für die wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert. Mit diesem Buch werden Leben und Werk des großen deutschen Chronisten erstmals im Zusammenhang dargestellt. Chronologisch werden dabei die vier existentiellen Komplexe Kindheit und Jugend in Rostock, Inhaftierung in Bautzen, Tätigkeit als Pädagoge und schriftstellerische Arbeit behandelt. Dirk Hempel ist langjähriger Mitarbeiter Walter Kempowskis u.a. beim Echolot-Projekt und kennt den Autor seit vielen Jahren. Seine Biographie bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben eines herausragenden Schriftstellers und Zeitzeugen.
  • Produktdetails
  • btb Bd.73208
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 1. April 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 118mm x 27mm
  • Gewicht: 290g
  • ISBN-13: 9783442732081
  • ISBN-10: 3442732085
  • Artikelnr.: 12426916
Autorenporträt
Hempel, Dirk
Dirk Hempel, geboren 1965, ist Germanist und lehrt an der Universität Hamburg. Bis 2005 war er Mitarbeiter Walter Kempowskis am "Echolot"-Projekt. Er ist Autor von "Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biographie" (2004).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.04.2004

Der Triumph des Schulmeisters
Walter Kempowski in der Biographie von Dirk Hempel

Auch die Respektspersonen des deutschen Literaturbetriebs wurden genötigt, sich in Walter Kempowskis Poesiealbum einzutragen. Mancher hätte das wohl gelassen, wenn er gewußt hätte, was der respektlose Schulmeister vom Kreienhoop als Note daruntersetzen würde. So schrieb 1984 Erich Fried brav seine politischen Sorgen in Gedichtform auf und setzte den "Herrn Walter" höflich mit dem von der Vogelweide gleich. Jener aber kommentierte ungerührt, man dürfe ja nicht aussprechen, daß Frieds "Gedichte unerträglich sind. Wenn man es doch tut, kriegt man einen Punkt in Flensburg." Daß solche Ordnungswidrigkeiten nun, prächtig gedruckt, ausgerechnet im Stroemfeld Verlag unter dem Roten Stern erscheinen, hätte Kempowskis Alter ego aus "Hundstage" (1988) und "Letzte Grüße" (2003), Alexander Sowtschick, vermutlich mit seinem sprichwörtlichen "Soweit kommt das noch" bedacht.

Denn für seine Darstellung des Nebeneinanders von Harmlosigkeit und Greuel in der Nazizeit war Kempowski nach dem großen Erfolg seiner Familienromane in der Verdachtskultur der siebziger Jahre als Reaktionär und Beschöniger des "Dritten Reichs" verfemt worden. Kritik wie Literaturwissenschaft ergingen sich noch bis Anfang der neunziger Jahre in Diffamierungen, nun aber wird allseits eifrig wiedergutgemacht. So richtet die Universität Bielefeld ihm ein großes Kolloquium aus, nimmt aber vorsichtshalber seinen mutmaßlichen Kommentar voraus: "Was das nun wieder soll?"

Was das soll und wie alles gekommen ist, läßt sich in der zugewandten, manchmal apologetischen, aber nie devoten Biographie nachlesen, die Kempowskis langjähriger Mitarbeiter Dirk Hempel geschrieben hat. Der Hamburger Germanist begründet Kempowskis Sonderstellung aus der Widerstandskraft eines selbstkonstruierten Bürgertums. Spezifische Gestalt bekam das Bürgerliche für den Jugendlichen vor allem als Verlust. Die "exaltierten und verschwenderischen Kempowskis", die aus kleinen westpreußischen Verhältnissen als Schiffseigner "zu den Höhen der Rostocker Bürgerlichkeit" aufgestiegen waren, ermöglichten dem 1929 geborenen Walter eine sorglose, "von einer heiteren Grundstimmung getragene" Kindheit. Die Neigung zum Unangepaßten wurde aber schon in der Schulzeit deutlich, nur den Bestrebungen der Reformpädagogik im Umkreis der Jugendbewegung zeigte er sich zugänglich.

Der Krieg zerstörte das Familienleben, das einschneidende Erlebnis der Jugend aber war 1942 die Zerstörung Rostocks durch britische Bomben. Auf Zerfall und Zwang reagierte der Hitler-Junge mit Verweigerung. Er schwänzt den Dienst und besucht statt dessen als "Swingboy" mit langem Haar und weißem Schal Kino und Cafés. Er trinkt und raucht, hört Jazzmusik auf verbotenen Sendern und liest Gedichte von Morgenstern und die "Buddenbrooks". 1944 die erste politische Brandmarke: Er wird von den Kameraden überfallen, und man schneidet ihm die langen Haare ab, anschließend wird er der Strafeinheit der "Pflichtgefolgschaft" zugewiesen.

Nach dem Krieg schließt er sich der Liberaldemokratischen Partei an. Kurz vor einer drohenden Verhaftung flieht er 1947 in den Westen. Bei sich trägt er Frachtpapiere, welche die Ausplünderung der sowjetisch besetzten Zone dokumentieren. Als er 1948 nach Rostock zurückkehrt, um die Flucht der Mutter und des Bruders vorzubereiten, wird er vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und "wegen Spionage, antisowjetischer Hetze, illegalen Grenzübertritts und Gruppenbildung" zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt. Unter Folter bestätigt er die Mitwisserschaft seiner Mutter, die daraufhin zu zehn Jahren Haft verurteilt wird. Ein Selbstmordversuch scheitert an untauglichen Mitteln.

In Bautzen wird Kempowski zum einfallsreichen Überlebenskünstler. Sein Remedium ist die bürgerliche Tradition, die er im Zuchthaus für sich und andere rekonstruiert. Er schreibt, führt Stücke auf und übt mit den Gefangenen Bach-Choräle ein. Unter menschenunwürdigen Umständen wird er zum Chronisten, der menschliche Schicksale einsammelt. Die acht Jahre in Bautzen sind, so sieht es Dirk Hempel, eine Geschichte von Disziplinierung und Traumatisierung zugleich. Die Keimzelle der Kreativität Kempowskis lokalisiert er in der Einzelhaft, in der reflektierten Spannung zwischen Überlebensleistung und Schuldgefühlen, in der jedes erinnerte Detail bedeutsam wird.

Ein Bürgerlicher aus eigener Kraft ohne emotionalen Rückhalt in Staat und Gesellschaft bleibt Kempowski auch nach seiner Entlassung in den Westen. Er sieht sich im Wirtschaftswunderland als "Wohlfahrtsempfänger, auf den keiner gewartet hat", und erlebt die "Unkenntnis und Lieblosigkeit satter Bürger". Seine Anträge auf Anerkennung als politischer Häftling werden zurückgewiesen: "Sie haben Ihr Schicksal selbst zu verantworten." Obwohl Kempowski 1959 von einem russischen Militärgericht rehabilitiert wird, wiederholt sich die Sanktionierung des totalitären Unrechts 1960 und noch einmal 2002 im demokratischen Staat, für Kempowski "die größte Enttäuschung meines Lebens".

So verantwortet er sein Schicksal in Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik wie der DDR. An der Hochschule in Göttingen begegnet er der regionalgeschichtlich begründeten Reformpädagogik wieder und wird engagierter Dorfschullehrer. Der verwalteten deutschen Schule steht er zeitlebens ablehnend gegenüber. Ebenso hält er sich auf Distanz zum Literaturbetrieb, sein monastischer Tradition nachempfundenes Haus in Nartum mit seinen Literaturseminaren erscheint schließlich als Gestalt einer selbstgeschaffenen Öffentlichkeit.

In seinen Werken verwandelt sich Überlebenstechnik zur literarischen Methode. Der soeben neu aufgelegte Bericht aus Bautzen "Im Block" (1969) schließt die Erinnerungsbilder in Textzellen, Textblöcke und Gitterwerke ein. In dem ersten Buch zeigt sich bereits die ironische Distanz, der Verzicht auf den moralischen Kommentar, das Zeigen auf die Sachen. Das Buch war ein Mißerfolg, so detailliert wollte man es seinerzeit nicht wissen. Mit dem ersten Band seines "Wahnsinnsunternehmens" der "Deutschen Chronik", der minutiösen Geschichte einer gutbürgerlichen Familie 1939 bis 1945 in "Tadellöser & Wolff" aber erreichte er den Erfolg, den er in unaufhörlichem Fleiß immer angestrebt hatte.

Mit dem Abschluß der Chronik hatte er, so Hempel, "die Geschichte seiner Familie rekonstruiert - ,auf dem Papier wiederaufgebaut' -, das eigene Versagen erklärt und auch das des Bürgertums geschildert". Sein 1980 begründetes Archiv für autobiographische Texte war von vornherein als Erweiterung des Projekts ins Gesamtgesellschaftliche konzipiert: Zur Gesellschaft aber stand Kempowski weiterhin in ironischer Distanz; was er darin sah, war "viel Blödsinn".

Mit dem überraschenden Erfolg des "Echolots", mit dem Kempowski in der Tradition Walter Benjamins seine Technik in reiner Collage radikalisierte, gelangte er zu erneuter und nun auch internationaler Wertschätzung. Das war für ihn nebenbei ein Triumph über ein deutsches literarisches Milieu, das ihn als schreibenden Dorfschullehrer abtun wollte, "der die deutsche Geschichte deutungsabstinent und vergnüglich aufarbeite, also verharmlose". Erst jetzt wurde Kempowskis radikaler Antiidealismus umfassend sinnfällig: Das Ganze ist nicht nur nicht das Wahre, es ist eine Wahnvorstellung.

Nun erreichten Kempowski die Ehrungen, die er sich mehr oder minder ironisch gewünscht hatte. Deren Höhepunkt war die Verleihung der Ehrendoktorwürde und der Honorarprofessur durch die Universität Rostock 2002 beziehungsweise 2003. Kempowski hatte damit jene Höhe der Bürgerlichkeit eingeholt, auf der sich die Familie einst befunden hatte. Ob er nun seinem Vater unter die Augen treten könnte, seine eigene Schuld abgetragen sieht und ob er sich nun versöhnt hat, läßt sein Biograph dahingestellt. Jedenfalls reflektiert sich Sowtschick noch in "Letzte Grüße" als einer, dem die Erfüllung versagt geblieben ist.

Den Sowtschick hat der Romancier freilich mit Bedacht sterben lassen, denn so weit ist es tatsächlich gekommen: Im Gegensatz zu jenen Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur, zu "Böll und anderen Graumännern", spielt Kempowski für die junge deutsche Literatur längst eine Rolle als "Vorbild, Ratgeber, Muntermacher und hochverehrter Vorkämpfer" (so Benjamin von Stuckrad-Barre). Für viele Jüngere ist er der einzige große deutsche Schriftsteller der "Flakhelfer-Generation", der Humor hat und von dem man etwas lernen kann. Seine scheinbar einfache Art der Mündlichkeit des Erzählens, der Faktenreichtum und die Technik des kommentarlosen Collagierens hat ihnen eine Perspektive auf die Koexistenzen der deutschen Geschichte eröffnet, die der ideologische Diskurs der Achtundsechziger verstellte. Bei unserem Herrn Kempowski, der heute seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert, ist aber Ruhestand nicht zu befürchten: "Genug zu tun für die nächsten Jahre".

FRIEDMAR APEL

Walter Kempowski: "Das 1. Album". Faksimile-Ausgabe zum 75. Geburtstag. Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt am Main 2004. 180 S., lim. u. sign., geb., 38,- [Euro].

Walter Kempowski: "Im Block". Ein Haftbericht. Albrecht Knaus Verlag, München 2004. 320 S., Abb., geb., 22,- [Euro].

Dirk Hempel: "Walter Kempowski". Eine bürgerliche Biographie. btb-Verlag, München 2004. 302 S., br., 9,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Walter Kempowski zugewandt, manchmal apologetisch, aber nie devot findet Rezensent Dietmar Apel diese Biografie des Hamburger Germanisten Dirk Hempel, der dem Rezensenten zufolge auch ein langjähriger Mitarbeiter Kempowskis ist. Die Sonderstellung dieses Autor sieht Apel vom Biografen "aus der Widerstandskraft eines selbstkonstruierten Bürgertums" begründet. Apel skizziert biografische Linien in dieser Lebensdarstellung, die durchaus als exemplarisch für die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gelten können. Als Keimzelle von Kempowskis Kreativität wird Apel zufolge eine achtjährige Haft im DDR-Gefängnis Bautzen beschrieben: die reflektierte Spannung "zwischen Überlebensleistung und Schuldgefühl", von Traumatisierung und Disziplinierung. Als "Bürger aus eigener Kraft" habe Kempowski auch nach seiner Entlassung in den Westen keinen emotionalen Rückhalt in Staat oder Gesellschaft gebraucht, greift der Rezensent noch einmal die zentrale These des Buches auf, und habe so in seiner Literatur die Überlebenstechnik zur literarischen Methode gemacht.

© Perlentaucher Medien GmbH"