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Als Inbegriff des leidenden Gerechten ist die Hiobfigur weltbekannt. Dennoch steckt das biblische Buch Hiob voller Rätsel. Warum besteht es aus einer kleinen Rahmenerzählung, die vergeblich versucht, eine wortgewaltige Dichtung einzufassen? Darauf gibt Christoph Türcke eine ganz neue Antwort. Er hat den verloren geglaubten Schlüssel entdeckt, mit dessen Hilfe sich das Zentralgeheimnis der Hiobsgeschichte erschließt.…mehr

Produktbeschreibung
Als Inbegriff des leidenden Gerechten ist die Hiobfigur weltbekannt. Dennoch steckt das biblische Buch Hiob voller Rätsel. Warum besteht es aus einer kleinen Rahmenerzählung, die vergeblich versucht, eine wortgewaltige Dichtung einzufassen?
Darauf gibt Christoph Türcke eine ganz neue Antwort. Er hat den verloren geglaubten Schlüssel entdeckt, mit dessen Hilfe sich das Zentralgeheimnis der Hiobsgeschichte erschließt.
  • Produktdetails
  • Verlag: zu Klampen Verlag
  • Seitenzahl: 120
  • Erscheinungstermin: 22. September 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 118mm x 15mm
  • Gewicht: 179g
  • ISBN-13: 9783866745629
  • ISBN-10: 3866745621
  • Artikelnr.: 48120249
Autorenporträt
Türcke, Christoph
Christoph Türcke, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und Autor zahlreicher Bücher. Er wurde ausgezeichnet mit dem Sigmund-Freud-Kulturpreis. Von ihm erschienen bei zu Klampen unter anderem »Jesu Traum. Psychoanalyse des Neuen Testaments« (2009), »Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft« (2014) und zuletzt »Luther - Steckbrief eines Überzeugungstäters« (2016).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Zunächst einmal liest Johann Hinrich Claussen dieses Buch des Philosophen Christoph Türcke als meisterhafte Studie über das Buch Hiob. Gelehrt und mit "existentiellem Furor" nehme sich der Autor das biblische Buch zur Brust, vor allem mit Blick auf die Lücken, meint der Kritiker, der staunt, wie Türcke die abgründige Ideologie dieses "Allmachtsmonotheismus" und die menschenfeindliche "Naivität des Märchens" entlarve. Wenn der Autor zudem unter den Schichten die Grundprinzipien des "Entsetzens und Staunens" freilegt, fühlt sich der Rezensent an Rudolf Ottos Klassiker "Das Heilige" von 1917 erinnert. Mit Interesse folgt Claussen zudem Türckes Überlegungen zum "Markt", der die Rolle des alten Gottes angenommen habe, auch wenn ihm der Autor hier nicht tief genug geht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.12.2017

Ein Frömmigkeitstest
Das Schicksal des Gerechten war ohne Sinn, umsonst war er
gottesfürchtig: Christoph Türcke spürt den Rätseln des Buches Hiob nach
VON JOHANN HINRICH CLAUSSEN
In seinen „Notizheften“ hat Henning Ritter einen feinen Rat gegeben, wie man lesen sollte: „Ich studiere Autoren nicht, ich versuche vielmehr, sie zu erraten. Mich interessiert nicht die Seite, die sie mir zuwenden, sondern die, die sie vor mir verbergen.“
Mit dieser Einstellung sollte man auch das Buch lesen, das Christoph Türcke über Hiob veröffentlicht hat. Auf seiner zugewandten Seite ist es eine virtuose Studie über einen biblischen Text. Doch man muss erraten, warum es geschrieben wurde. Es ist erklärungsbedürftig, wenn ein Philosoph sich heute in Schriftauslegung versucht, selbst wenn er wie Türcke eine evangelisch-theologische Vergangenheit hat. Warum also tut er es? Er verrät es nicht. Dafür zeigt er, was herauskommt, wenn man einen biblischen Text nicht auslegt, also breittritt, sondern ihn zu erraten versucht – sehr viel nämlich.
Türcke interessiert sich weniger für das, was im Hiob-Buch steht, als für das, was fehlt. Den Lücken und Löchern im Text geht er nach und dies mit eigentümlicher Wucht. Man muss das Hiob-Buch ja mit Wut im Bauch und Zorn im Herzen lesen. Deshalb ist es gar nicht so wichtig, ob man Türckes Thesen im Einzelnen für überzeugend hält. Entscheidend ist, dass er dieses biblische Buch mit intellektuellem und existenziellem Furor liest.
Dabei setzt er so grundsätzlich wie möglich ein: mit dem allgemeinmenschlichen „Prinzip der Äquivalenz“: Alles braucht eine Entsprechung, hat eine Gegenleistung. Im alten Orient propagierte man deshalb einen „Zusammenhang von Tun und Ergehen“. So wie man handelt, so ergeht es einem. Diese altorientalische Weisheit nahm Israel auf und band sie an den Glauben an nur einen Gott. Der Schöpfer und Richter ist die absolute Gestalt der Äquivalenz: „Gott vergilt dem Menschen, wie er verdient hat, und trifft einen jeden nach seinem Tun.“ Das Hiob-Buch führt diese Weisheit in die Krise, entlarvt sie als Ideologie, macht die Abgründigkeit des Allmachtsmonotheismus offenbar – und dies in zwei sehr unterschiedlichen Text-Teilen.
Seinen Rahmen bildet eine märchenhafte Erzählung. Gott und Satan unterhalten sich im Himmelssaal über Hiob. Vorbildlich sei er in seiner Gottesfurcht und Gerechtigkeit. Aber was wäre, wenn man ihm sein gutes Leben wegnähme? Würde er auch dann seinem Gott treu bleiben? So lässt Gott es zu, dass Satan Hiob alles nimmt, bis dieser in der Asche seines Unglücks hockt und sich dennoch nicht versündigt. Woraufhin Gott ihn für alle Verluste kompensiert. In einer scharfen Lektüre demaskiert Türcke die verlogene Naivität dieses Märchens und lotet seine ganze Menschenfeindlichkeit aus. Denn was hier erzählt wird, ist „ein Frömmigkeitstest von beispielloser Skrupellosigkeit“, den Gott und Satan als Komplizen veranstalten. Und das Happy End ist in Wahrheit keines. Hiobs Schicksal ist ohne Sinn, er ist „umsonst“ gottesfürchtig gewesen.
Anspruchsvoller als dieses Rahmen-Märchen ist der monströse Mittelteil des Hiob-Buches. Falsche Freunde kommen und versuchen, ihre Ideologie zu retten: Hiob solle seine Sünden gestehen, denn so viel Unheil könne unmöglich einen Unschuldigen treffen. Doch Hiob beharrt auf seiner Gerechtigkeit und klagt stattdessen Gott an. Ohne Recht habe sich dieser gegen ihn „in einen Grausamen verwandelt“. So geht es hin und her, viele Kapitel lang. Dann aber erscheint Gott selbst und redet zu Hiob. Auf dessen Klagen und Fragen aber geht er nicht ein, sondern er weist ihn in seine Schranken: „Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag’s mir, wenn du so klug bist!“ Der Schöpfer stellt dem Verzweifelten die Fülle und Unergründlichkeit seiner Schöpfung vor. Hiob beugt sich und verstummt.
Wie ist das zu verstehen? Eine ältere theologische Deutung meinte, Hiob habe Demut und Gehorsam lernen müssen. Aber dieser autoritäre Moralismus vermag nicht zu überzeugen. Eine andere theologische Deutung versuchte sich in Beschönigung: Gott habe in „gütiger Ironie“ den Klagenden innerlich überwinden wollen. In erfreulicher Klarheit setzt Türcke dem entgegen: „Der Weltschöpfer ist kein evangelischer Pastor.“ Das Entscheidende liegt für ihn ganz woanders: in dem „Entsetzen und Staunen“, das Hiob angesichts der Schönheit und Grausamkeit der Welt empfindet.
Darin nähert sich Türcke unbewusst Rudolf Otto an. In seinem Klassiker „Das Heilige“ (1917) entwarf Otto eine Deutung, die dem Irrsinn des Hiob-Buches gerecht wurde. Was Hiob am Ende erkennt, ist „die über allem Begriff liegende Wunderbarkeit selbst und schlechthin, das Mysterium in reiner irrationaler Gestalt“. Die Schöpfung ist voller Leben und Gewalt. Segen und Fluch lassen sich nicht säuberlich trennen und überzeugend herleiten. Alle Versuche, der Welt einen Sinn abzugewinnen, müssen scheitern. Indem Hiob dies einsieht, erfährt er die Faszination und Majestät des Ganzen. Dies ist ein Grenzerlebnis, das seine Klagen und Fragen zum Verstummen bringt.
Am Ende also stehen „Entsetzen und Staunen“, Grundprinzipien einer radikalen Theologie, die wenig synagogen- oder kirchenfähig war und deshalb unter anderen Textschichten vergraben wurde. Doch Ottos und Türckes „Erraten“ hat sie zum Vorschein gebracht.
Doch zurück zum Türcke-Erraten: Warum hat er sich derart am Hiob-Buch abgearbeitet? Muss man heute noch beweisen, dass der Allmachtsmonotheismus sich nicht widerspruchsfrei denken lässt? Vielleicht besteht Türckes eigentliches Problem ja gar nicht in einem doktrinären Gottesgedanken, sondern eher in dem allgemeinmenschlichen Prinzip, das viel älter ist als der Gottesglaube des Alten Testaments und das anscheinend auch den „Tod Gottes“ überlebt hat. Denn die „Äquivalenz“ bleibt wirksam, nach der alles in einem Verhältnis zueinander stehen, sich aufwiegen und bezahlen lassen muss. Am Schluss skizziert Türcke, wie der „Markt“ die Rolle des alten Gottes übernommen hat – besser sei es dadurch aber nicht geworden: „In einer Welt, in der nichts mehr umsonst sein darf und für alles ein Preis, ein Äquivalent, eine Funktion, ein Sinn vorgesehen ist, hat der biblische Hiob nicht leben wollen. Zu Recht.“
Das ist nicht uninteressant, aber noch zu kurz und vordergründig. Vielleicht wollte Türcke nur einen Fingerzeig auf eine verborgene Seite seines Buches geben. Wenn der allmächtige Gott von damals einer zunehmend omnipotenten Menschheit Platz gemacht hat, das Prinzip der Äquivalenz dies aber nicht nur überlebt, sondern eine ganze neue Wirksamkeit gewinnt, wenn also heute der Mensch als Schöpfer und Zerstörer für alles einen Preis einsetzt und einfordert – ist dann die Theodizee des Hiob-Buches nicht eine Vorstufe zu einer allererst noch zu entwerfenden Anthropodizee, der sehr dringlichen Frage nach der Gerechtigkeit des Menschen?
Christoph Türcke: Umsonst leiden. Der Schlüssel zu Hiob. Zu Klampen Verlag, Springe 2017, 120 Seiten, 14,80 Euro. E-Book 10,99 Euro.
„Gott vergilt dem Menschen,
wie er verdient hat, und trifft
einen jeden nach seinem Tun.“
In einer Welt, in der nichts mehr
umsonst sein darf, hat der
biblische Hiob nicht leben wollen
Bleibt er treu, wenn man ihm das gute Leben nimmt? Hiob von Francesco Polazzo (1683 – 1753).
Foto: Getty images
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