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Der international als "neuer Star der deutschen Philosophie" gehandelte Byung-Chul Han legt nach seinem Bestseller "Psychopolitik" sein neues Buch über Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute vor: Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. Der Andere als Freund, der Andere als Hölle, der Andere als Geheimnis, der Andere als Verführung, der Andere als Eros verschwindet. Er weicht dem Gleichen. Die Wucherung des Gleichen macht heute die pathologischen Veränderungen aus, die den Sozialkörper befallen. Sie gibt sich dabei als Wachstum. Nicht Entfremdung, Entzug, Verbot,…mehr

Produktbeschreibung
Der international als "neuer Star der deutschen Philosophie" gehandelte Byung-Chul Han legt nach seinem Bestseller "Psychopolitik" sein neues Buch über Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute vor:
Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. Der Andere als Freund, der Andere als Hölle, der Andere als Geheimnis, der Andere als Verführung, der Andere als Eros verschwindet. Er weicht dem Gleichen. Die Wucherung des Gleichen macht heute die pathologischen Veränderungen aus, die den Sozialkörper befallen. Sie gibt sich dabei als Wachstum. Nicht Entfremdung, Entzug, Verbot, Verdrängung, sondern Überkommunikation, Überinformation, Überproduktion und Überkonsumtion machen ihn krank. Nicht Repression durch den Anderen, sondern Depression durch das Gleiche ist das Zeitzeichen von heute. Byung-Chul Hans neuer Essay spürt der Gewalt des Gleichen in den Phänomenen wie Angst, Globalisierung und Terrorismus nach, die die heutige Gesellschaft kennzeichnen.
  • Produktdetails
  • S. Fischer Wissenschaft
  • Verlag: S. Fischer
  • Best.Nr. des Verlages: 22760
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 109
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 112 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 128mm x 17mm
  • Gewicht: 219g
  • ISBN-13: 9783103972122
  • ISBN-10: 3103972121
  • Best.Nr.: 44343219
Autorenporträt
Byung-Chul Han studierte in Freiburg i. Br. und München Philosophie, Deutsche Literatur und Katholische Theologie. Er wurde 1994 promoviert und habilitierte sich 2000. Seither ist er Privatdozent am Philosophischen Seminar der Universität Basel.
Rezensionen
Wir sollten dankbar für den Wagemut sein, der in diesen bewegenden Zeiten das Ganze in den Blick nimmt.
Besprechung von 24.08.2016
Den Zuhörer
im Blick
Byung-Chul Han beklagt
die „Austreibung des Anderen“
Den Tieren widmet sich in seinem neuen Buch Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Dem riesigen Rochen zum Beispiel, der am Ende von Fellinis Film „La Dolce Vita“ aus dem Meer gezogen wurde und zu dem es dann eine übernächtigte, in Auflösung begriffene Abendgesellschaft am morgendlichen leeren Strand verschlägt. Die Kamera fixiert das Auge des Rochens – ein scheußliches Objekt, in dem viele Interpreten das ominöse, schwer zu definierende „Ding“ erkannten, das Jacques Lacan ins Zentrum seiner psychoanalytischen Vorlesungen stellt.
  „E questo insiste a guardare“, sagt Marcello, der Journalist von „La Dolce Vita“, verkörpert von Marcello Mastroianni, über den Rochen und seinen toten Blick: Und es hört nicht auf, anzustarren. In seinem Seminar „Die Angst“ erzählt Lacan dann von einem anderen gefährlichen blickenden Tier, die Lehrfabel von der Gottesanbeterin, deren Blick er sich vollständig ausgeliefert sieht. Es ist eine existenzielle Erfahrung, für Lacan wie für Han.
  Lacans Ding ist wesentlich für das neue Buch von Byung-Chul Han. Es ist ein Riss innerhalb der menschlichen Handlungs- und Wahrnehmungscodes, es fällt aus der symbolischen Ordnung heraus, die unser Leben durch ihre politischen und gesellschaftlichen Regeln determiniert. Und die dem Realen gegenübersteht, das bei Lacan nicht in der Wirklichkeit draußen angesiedelt ist, sondern im Innern – die Psyche ist real, erschreckend real. „Die symbolische Ordnung ist die Narration, die ich mir erzähle. Das Ding fällt aus diesem diegetischen, narrativen Gefüge heraus. Es ist das ganz Andere, von dem man angeblickt wird. So löst es Angst aus.“ Schnell springt Byung-Chul Han von Fellinis Rochen noch zu zwei weiteren Filmen über die Dominanz des Blicks hinüber, Hitchcocks „Rear Window“ und „Melancholia“ von Lars von Trier. Die Unergründlichkeit des Blicks bestimmt das Kino ja von Anfang an, sie ist in jeder einfachsten Schuss-Gegenschuss-Szene zu spüren.
  Das Andere als elementare Erfahrung beschreibt Byung-Chul Han in allen möglichen Facetten, aber die schraubstockartige, manchmal verzweifelte Radikalität der großen Denker des Anderen, die er zitiert – Heidegger, Derrida, Lévinas, Lacan, Žižek, auch Paul Celan – geht ihm ab. „Die Austreibung des Anderen“ hat den typischen Byung-Chul-Han-Sound, einen beschwörenden Ton, dem man sich ganz gern hingibt. Fast nur Hauptsätze, kurz und ohne syntaktische Finessen, keine kausal verknüpfenden, argumentativen Klammern. Keine Spur von Emotion, von Pathos, von Ironie. Mit unerschütterlichem Gleichmut reiht er kleine Szenen des Alltags und große Katastrophen aneinander. Die sanfte Monotonie hat etwas von buddhistischem Gebetsmurmeln, einer Litanei. Hat nicht bisweilen Adorno, heute gelesen, auch etwas Litaneihaftes in sich? Byung-Chul Han holt sich einen wichtigen Befund von ihm – dass es, heute zumal, ohne das Andere, ohne die „Fremdheit der Welt“ keine Kunst, keine Philosophie gäbe. Fazit: „Der digitale Bildschirm lässt kein Staunen zu.“
  Die Menge an Informationen, Daten, Kommunikationen der digitalen Welt ist trügerisch, denn ihnen geht jede wirkliche Welt-Erfahrung ab. Unter der bunten, emsigen, unaufhörlichen, erregenden, sensationalistischen Oberfläche herrscht die Diktatur des Gleichen, des Globalen. Eine Welt der Depression, der fehlenden Anreize, des Burn-out. „Die Kultur des Gefällt-mir lehnt jede Form von Verletzung und Erschütterung ab. Wer sich aber der Verletzung ganz entziehen will, erfährt nichts.“
  Es ist eine durch und durch bürgerliche Welt, die Byung-Chul Han skizziert, er verachtet sie, aber er teilt ihre Distanz zur gewöhnlichen Welt und ihren Problemen, von der Arbeit bis zum Terror. „Man beutet sich freiwillig aus in der Illusion, dass man sich verwirklicht. Nicht die Unterdrückung der Freiheit, sondern deren Ausbeutung maximiert die Produktivität und Effizienz. Das ist die perfide Grundlogik des Neoliberalismus.“ Byung-Chul Han liebt das Paradox, und auch eine Spur Nostalgie nach guter alter Repressivität klingt mit.
  Die Bilderflut heute kann nicht verdecken, dass der Blick seine politische, gesellschaftlich und psychisch wesentliche Funktion verloren hat. Jene primäre Insistenz des Schauens, die dem Geschauten vorausgeht. Der Blick des Rochen, der Gottesanbeterin. Am Ende gibt es deshalb einen schönen kleinen Exkurs zur Kunst des Zuhörens und zweien ihrer großen Meister, Hermann Broch und Elias Canetti. „Der Zuhörer macht sich leer. Er wird niemand. Diese Leere macht seine Freundlichkeit aus . . . Das Zuhören hat eine politische Dimension. Es ist eine Handlung, eine aktive Teilnahme am Dasein Anderer und auch an deren Leiden.“ Das könnte die moderne Gesellschaft retten, das würde echte Gemeinschaft schaffen, wie es der digitalisierte Raum nicht hinkriegt mit seinen „Ausstellungsräumen des Ich, in denen man vor allem für sich selber wirbt“. In Zukunft wird es womöglich einen Beruf geben, der Zuhörer heißt.
FRITZ GÖTTLER
Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 110 Seiten, 20 Euro. E-Book 18,99 Euro.
„Wer sich aber der
Verletzung ganz entziehen will,
erfährt nichts.“
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Fritz Göttler mag ihn gern, den beschwörenden Byung-Chl-Han-Sound, der ganz ohne Ironie und ohne Pathos auskommt. Wenn der mittlerweile in Berlin lehrende Philosoph über das Andere nachdenkt, dann beruft er sich zwar extensiv auf Heidegger, Derrida, Levinas und Zizek, doch Göttler versichert in der ihm eigenen Luzidität, dass Han die "Schraubstockhaftigkeit" dieser Denker völlig abgeht. Stattdessen reiht er Beobachtungen und Szenen aus dem Alltag aneinander, beklagt neoliberale Ausbeutungsmechanismen, die sich als Selbstverwirklichung tarnten, oder die digitale Informationsflut, die der Welt die Fremdheit und damit auch das Staunen genommen habe. Denn es sei die "Insistenz des Schauens", die dem Geschauten vorausgeht, schreibt Göttler, dem besonders die Passagen über den Blick des Rochen imponiert haben, in denen Han die berühmte Schlussszene aus Fellinis "La dolce vita" mit Lacan kurzschließt.

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