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Ein eher bei sich selbst verweilendes Sprechen, das sich mitunter erinnert, vernetzt, verwirft, abkoppelt, entbindet, doch nicht negiert, mit wiederholtem Re-entry in der Landschaft. Ein Sprechen zwischen dem Denken des Blicks und dem aktiven Schauen. Niemand befiehlt und niemand gehorcht. Omnipräsenz der Sehnsucht gibt's weiterhin schon bei leichtestem Tun. Zwiesprache zwischen Hiesigem und Dortigem. Bis hin nach Persien. Mir ging es auch um Wege der Wahrnehmung: Wie komme ich noch ganz unwissend um den Körper herum? Wie beschäftige ich mein Sehen weiter? Und wie die nächstbeste Geste in der…mehr

Produktbeschreibung
Ein eher bei sich selbst verweilendes Sprechen, das sich mitunter erinnert, vernetzt, verwirft, abkoppelt, entbindet, doch nicht negiert, mit wiederholtem Re-entry in der Landschaft. Ein Sprechen zwischen dem Denken des Blicks und dem aktiven Schauen. Niemand befiehlt und niemand gehorcht. Omnipräsenz der Sehnsucht gibt's weiterhin schon bei leichtestem Tun. Zwiesprache zwischen Hiesigem und Dortigem. Bis hin nach Persien. Mir ging es auch um Wege der Wahrnehmung: Wie komme ich noch ganz unwissend um den Körper herum? Wie beschäftige ich mein Sehen weiter? Und wie die nächstbeste Geste in der Luft? Es gibt Dinge hinter mir, ein Erinnern, das sich an den Rändern kräuselt und dann selbst überlappt. Weil vieles ab sofort auch vor mir liegen will. Ich werde ja gerne nicht nur auf einen Entwurf von mir selbst zurückgeworfen.
Vielerorts bin ich über kurz oder lang ganz Zeit geworden. Die Hände waren schon viele Tage. Mindestens zum eigenen Körper hin. Wie das Atemholen. Ticktack, hier ist meine Nase, gleich folgt der Hals. Aber dort, wo das Alphabet die
Sprache wechselt, wo die Dinge kurz aufhören zu heißen, bevor sie sich neue Buchstaben, Klänge suchen, herrscht nicht nur Stille, die Bedeutung ist fort, Namenlosigkeit lässt sich erinnern, das Reale erahnen. Und eine Weile später kann ich
vielleicht noch einmal von vorn den Faden verlieren und auch ein Wort wie Garten mitten oder hinten im Garten, sicherheitshalber unter jedem Himmel, stehen und sich weiten lassen. Und schließlich wollte auch das Sentiment gleich in
der Nähe des Körpers neue Wege finden.
- Farhad Showghi
  • Produktdetails
  • Reihe Lyrik .55
  • Verlag: Kookbooks
  • Seitenzahl: 93
  • Erscheinungstermin: Oktober 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 134mm x 12mm
  • Gewicht: 154g
  • ISBN-13: 9783937445878
  • ISBN-10: 3937445870
  • Artikelnr.: 48356900
Autorenporträt
Farhad Showghi, geb. 1961, lebt seit 1989 in Hamburg, wo er als Arzt arbeitet. Daneben ist er als Autor und Übersetzer tätig. Er erhielt u.a. den Kulturförderpreis für Literatur der Stadt Hamburg (1995). Veröffentlichung u.a.: "Die Walnußmaske, durch die ich mich träumend aß" (1998).
Rezensionen
Besprechung von 22.02.2018
Persien über der Elbe
Farhad Showghis Gedichtband "Wolkenflug spielt Zerreißprobe"

Wer bin ich? Wenn die Stimme eines Gedichts sich das fragt, ist keine simple Antwort zu erwarten. Die postmoderne Ironie, "ich" einfach mit Schrift und Text gleichzusetzen, macht es sich leicht. Die Form des Gedichts, seine Anspielungen und Bilder sind nicht willkürlich, sondern zeichnen immer ein bestimmtes Ich, das sich zugleich wieder in seinen Figuren verbirgt. Das gilt zumindest für jene Gedichte, die nicht als Beichte daherkommen und sich weigern, direkt auf die Person des Autors übertragen zu werden. Das hat mit Bescheidenheit und Zurückhaltung zu tun wie dem grundsätzlichen Zweifel, sein Ich dies- oder jenseits des Texts überhaupt zu fassen zu bekommen. Denn: Wer überhaupt ist "ich"?

Farhad Showghis Gedichte stellen sich permanent diese Frage, ohne kaum je "ich" zu sagen. Und wenn sie es sagen, ist es als Frage zu verstehen: "Es ist hier. Das Aussehen der Hand. Es braucht eine kurze Geschichte, um ans Gesicht zu kommen. Ich werde für eine Minute die Augen schließen, mit dem Geschauten, wie es sich festbiss im Gesehensein, die Lider reiben." Showghis Gedichte trägt ein mit Motti von Maurice Merleau-Ponty grundierter phänomenologischer Anspruch. Sein "ich" ist zunächst die Summe der sinnlichen Wahrnehmungen und einer körperlichen Anwesenheit, von welcher der Text einen Abdruck zu geben sucht. Bevor die Konturen irgendeiner Biographie hervortreten können, ist dieses Ich ganz Auge, Ohr, Hand, Nase, Mund - eine Welt scheint sich tastend, sehend, hörend, riechend, schmeckend herauszubilden, ein fragiles Universum, das zwischen der Sinnlichkeit des Aufgehens im Moment und der Abstraktion seiner Verschriftlichung oszilliert. In einer Meditation unter dem Titel "Heute lege ich Wäsche zusammen" heißt es: "Es gibt mir eine Ahnung von einem Körper, in dem sich dieser Tag entfaltet." Und schließlich: "Dieses Herauswachsen, dieses schemenhafte, manchmal geräuschvolle Drehen und Dehnen, irgendwo vorn, nah an einem Gegenüber, das teils mir selber entspringt, und bald sich wieder von hinten meinen Schultern nähert, als größtmögliche Alternative zu meiner Person, beschäftigt mich heute . . ."

Mit seinem phänomenologischen Anspruch steht Showghi einmalig innerhalb der deutschen Lyriklandschaft. Es sind meist - wie in seinen Vorgängerbänden - en bloc gesetzte Prosameditationen, und selbst wenn sie sich auf bis zu drei Seiten in Versen entrollen, behalten sie diesen zögernden, zeitrafferartigen Gestus bei, der sich einer nicht schon bereitstehenden, sondern im Akt des mit allen Sinnen Vergegenwärtigens erst herausschälenden Sprache verdankt. Gleichzeitig leuchten im Fluss der Meditation Momente einer Biographie, eines unwillkürlichen Erinnerns auf, hinter dem sich unvorhergesehene Räume auftun: "Und Ost und West gleich an den Fingerkuppen . . . Auch der Süden fleckt nach jeder Wischbewegung . . . Jetzt kümmern sich Wolken um unsere Köpfe . . . Ich sage: Arme des Bruders, Hals des Onkels, Wange der Schwester. Schultern, andere Köpfe. Und Mund des Vaters mit beiden Lippen in Tschalus oder Birmingham." (aus "Der Sekundentakt im Traum") Stellen wie diese machen deutlich, dass es dem als Arzt in Hamburg praktizierenden, 1961 in Prag geborenen, in Westdeutschland und Iran aufgewachsenen Showghi mit väterlichen Wurzeln in Teheran und mütterlichen Wurzeln in Böhmen nicht um statische Wahrnehmungsexerzitien geht, sondern um ein Unterwegssein in Stationen der eigenen Biographie - nicht um über sich zu schreiben, sondern um diesem Ich und seinen Schau- und Suchbewegungen auf die Spuren zu kommen, um zu erfahren, von wo es sich herschreibt.

Je mehr sich der Band Kapitel für Kapitel öffnet, umso weiter sein Horizont. Markiert das dritte, mittlere Kapitel, welches im Titel des Bandes wiederkehrt, Momente des Aufbruchs, die mit Dino Campanas Motto "Jede Erscheinung ist in sich sonnig" der Fährte des Lichts folgen, so ist das vierte Kapitel ("Das Fernste bleibt leichter Umgang mit Draußensein") mit dem Karl May entlehnten Motto "Wohnst du oder wanderst du?" bereits andernorts: "Es gibt noch Gerüttel, Rutschendes und schwarze Ziegen. Und Stimmen von Kindern kommen gelaufen. Und laufen um die Löschtrommel herum." Die evozierten Momente bleiben im Präsens, sind Teil der unmittelbaren Gegenwart des Ichs. Es steht "auf der Straße nach Karadj, Straße nach Ghom . . . an einer Baustellenzufahrt" und sieht "Waagrechtgewehtes mit Hügelkette. Eine Ladung Matratzen - bleibt festgezurrt. Tut gut der Ferne: wird gleich wippen." Es sind Bilder aus dem iranischen Straßenverkehr, die ähnlich wie in den Filmen Abbas Kiarostamis sich zu hochpoetischen Landschaften verdichten und rauschhaft am staunenden Betrachter vorüberziehen. Sie sind weder "exotisch" noch "orientalisch" im landläufigen Sinn: eine Facette der Landschaften, aus denen dieses Ich sich speist. Und plötzlich legt sich "Ein Nachmittag in Teheran" wie natürlich über Szenen in (vielleicht) Hamburger Parks und Gärten und Zimmern.

Solche Kippbilder gehören zur "Zerreißprobe", die Showghis "Wolkenflug" durchspielt. Die Vorliebe für Bäume, Sträucher und bestimmte Blumen - kaum eine Baumart, die diesen Gedichten fremd ist, Birke, Buche, Maulbeere, Hartriegel, Kastanie, Platane sind nur die wichtigsten - erscheint dadurch in neuem Licht: als verbärgen sich dahinter die nach Europa eingewanderte Idee des persischen Gartens und die unendlich reichen Gärten der persischen Poesie, über die Showghi, der auch als Übersetzer klassischer und zeitgenössischer persischer Gedichte unterwegs ist, mühelos verfügt. Das verleiht seiner Lyrik einen doppelten Boden, das kunstvolle artikellose, von Infinitiven angeregte Sprechen wirkt selbst wie die Übersetzung eines sprachlosen Zustandes, in dem Gegensätze und Fremdheiten miteinander verschmelzen. Sie bieten "Stoff genug für diese Tage mit schöner Lichtflecktasche. Mit dem, was anliegt, sich aufwiegt, über Brustbein und Rippen . . . Und die Geduld? Ich trage ein Hemd und suche den Blick."

JAN VOLKER RÖHNERT

Farhad Showghi: "Wolkenflug spielt Zerreißprobe". Gedichte.

Kookbooks, Berlin 2017. 96 S., br., 19,90 [Euro].

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