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"'Später Spagat' versucht noch einmal jene Verbindung von Standbein und Spielbein, Ernstbein und Spaßbein, Verschlüsselbein und Entschlüsselbein, die bereits das Ziel meiner vorherigen Gedichtbände gewesen ist. Nur daß ich diesmal die Aufsatzpunkte des Spagats so reinlich als es ging geschieden habe, wohl wissend, daß auch dieser Spagat eine Mischung wird überbrücken müssen oder doch zumindest können: Jedes noch so ernst gedachte Gedicht kann beim Leser eine untergründige Freude daran erwecken, daß es dem Autor gelungen ist, Worte für das Schwersagbare zu finden. Zugleich vermag der gleiche…mehr

Produktbeschreibung
"'Später Spagat' versucht noch einmal jene Verbindung von Standbein und Spielbein, Ernstbein und Spaßbein, Verschlüsselbein und Entschlüsselbein, die bereits das Ziel meiner vorherigen Gedichtbände gewesen ist. Nur daß ich diesmal die Aufsatzpunkte des Spagats so reinlich als es ging geschieden habe, wohl wissend, daß auch dieser Spagat eine Mischung wird überbrücken müssen oder doch zumindest können: Jedes noch so ernst gedachte Gedicht kann beim Leser eine untergründige Freude daran erwecken, daß es dem Autor gelungen ist, Worte für das Schwersagbare zu finden. Zugleich vermag der gleiche Leser die Ernsthaftigkeit wahrzunehmen, mit welcher der Autor versucht hat, seinen heiteren Gebilden eine gewisse Dauer zu verleihen." Robert Gernhardt
Autorenporträt
Robert Gernhardt (1937-2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt »Toscana mia« (2011), »Hinter der Kurve« (2012) und »Der kleine Gernhardt« (2017).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.07.2006

Seine letzten Gedichte

Wie schön, daß ihm das noch geglückt ist. Wie schön, daß er diesen letzten Band seiner Gedichte noch beenden konnte. Er heißt "Später Spagat" und wird Ende dieses Monats erscheinen. Und auch einen letzten Band mit Erzählungen hat er noch fertiggestellt. In der vorigen Woche konnte er im Krankenbett noch die letzten Korrekturen vornehmen. Jetzt ist Robert Gernhardt tot. Sein letztes Ziel war die Vollendung dieser beiden Bücher. Er hat es erreicht.

Lange, lange war er krank. Oft schien sein Leben schon fast zu Ende zu sein. Aber Robert Gernhardt kam immer noch mal zurück ins Leben. Er hat viel über den Tod geschrieben, gedichtet und gelacht in seinem großen Werk. In den letzten Jahren seines Lebens war die Krankheit, war das Sterben sogar ein zentrales Thema seiner Bücher geworden. Zunächst noch heiter, leicht und zuversichtlich, wie in dem Gedicht aus dem Jahr 1997, das wir auf dieser Seite drucken. Und schon zehn Jahre zuvor hieß es in seinem genialen Gedicht über die Häßlichkeit: "Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit / und Zeit meint stets: Bald ist's soweit." Doch mit der Zeit wurden die Todestexte immer dunkler, drohender, auswegloser und knapper.

Jetzt, in seinem letzten Band, ist vieles ganz einfach nur zum Weinen. Schmucklos, wahr und ungeschönt. Auch wenn er nur von toskanischen Zypressen dichtet: "Das zieht sich ganz schön hin, dieses Sterben. / Das ist eine Sache von Jahren. / Weshalb die so langsam den Bach runtergehn?"

Gernhardt hat, als er letzte Woche die Gedichte noch einmal bearbeitete und las, einen kurzen Kommentar für den Klappentext geschrieben. Darin heißt es: "Jedes noch so ernst gedachte Gedicht kann beim Leser eine untergründige Freude daran erwecken, daß es dem Autor gelungen ist, Worte für das Schwersagbare zu finden." Und er hoffe, daß ihm der späte Spagat "zwischen Standbein und Spielbein, Ernstbein und Spaßbein, Verschlüsselbein und Entschlüsselbein", der auch das Ziel all seiner vorherigen Gedichtbände gewesen sei, gelungen sei.

Wenn man ihn jetzt liest, den Band, so kurz nach der Nachricht von Gernhardts Tod, erscheint es, als sei dieser Spagat, den er sein Leben lang so spielerisch meisterte, ihm hier, am Ende, nicht mehr gelungen. Das Ernstbein regiert. Überall schimmert Angst durch. Überall Dunkelheit, der Tod. Es gibt wenig zu lachen in diesem, seinem letzten Buch. Von einem Gedicht wie diesem erholt man sich einfach nicht so schnell: "Ich bin viel krank. / Ich lieg viel wach. / Ich hab viel Furcht. / Ich denk viel nach: / Tu nur viel klug! / Bringt nicht viel ein. / Warst einst viel groß. / Bist jetzt viel klein. / War einst viel Glück. / Ist jetzt viel Not. / Bist jetzt viel schwach. / Wirst einst viel tot."

Wie soll man danach zum Lachen zurückfinden? Wie soll man danach wieder vergessen, daß es ihn jetzt nicht mehr gibt, den Dichter Robert Gernhardt? "Bist jetzt viel klein". So klein bis zum Verschwinden.

Wie schön, daß am Ende wieder Unsinn kommt. Toller, toller Gernhardt-Unsinn: "Der Vornami ward rasch gefunden: / Als Tsunami wurd sie entbunden, / die Woge, die im Dunkeln ließ, / wie sie wohl mit Nachnami hieß."

Jaaaa! will man da rufen. Mehr Unsinn, Gernhardt! Und Wut! Und am Ende wütet er auch wirklich, wie in schönen, alten Wuttagen. "Finger weg!" heißt eins der schönsten und beginnt so: "Poeten, die nicht zeichnen können, / sollten's besser lassen. / Das gilt für Günter Kunerten, / das gilt für Günter Grassen. / Das gilt für all die Kritzelnden, / die zagen wie die forschen, / für Friedriken Mayröckern als auch für Gerald Zschorschen."

So wollen wir, so werden wir ihn in Erinnerung behalten, den großartigen, großen Gernhardt. Als Kämpfer mit Faust, Feder und Stilett. Als immer Spaßbereiten. Als Künstler des hohen Tons und leichten Witzes. Als einen der besten Dichter, die wir je hatten.

Volker Weidermann

Robert Gernhardt: "Später Spagat". Gedichte. S.-Fischer-Verlag 2006. 128 Seiten, 14,90 Euro. Erscheint Ende Juli.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der Rezensent Patrick Bahners nimmt den Titel vom "Späten Spagat" in seiner Kritik wörtlich. Er sieht darum den Dichter Robert Gernhardt als "Vorturner" am Werk, als Meister des eher prosaischen als pathetisch-poetischen Worts. Und die komische Kunst des Autors, der die Form bricht, weil er sie liebt, nehme sich aus als das, was sie in Wahrheit nicht sein kann, als "Volkssport", der aussieht wie etwas, das jeder kann. Dabei, beeilt sich Bahners hinzuzufügen, ist kaum etwas schwerer als die fast schwerelose Form, die die Wörter nimmt, die jeder kennt, und Dinge mit ihnen tut, die jeder versteht. Was herauskomme, seien, wie eh und je bei Gernhardt, "lichte Gedichte" noch in schockschwerer Not. Dem Tode sehr nah und weiter sich nähernd, gelingen, so Bahners, dem Dichter eleganteste "Gleichgewichtsübungen", balanciere er Krankenbulletin und Tumorberichterstattung einerseits und die gewagtesten Übungen komischer Form, in geschüttelten Reimen und anderen Arten von Jux und Dollerei mit Sprache und Vers. Hier ist ein Dichter gestorben, findet Bahners, der nicht nur klüger war, wie er selbst einst schrieb, als sein Schöpfer. Viel komischer war er auch, um keine Pointe verlegen in Leben und Tod.

© Perlentaucher Medien GmbH