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"Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real. Jeder Augenblick unergründlich, die Welt Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne."
Durs Grünbeins Gedichtbände sind dafür bekannt, dass sie ihre Gegenstände in immer weiteren Kreisen erfassen, in ihrer konzentrischen Ausbreitung wie geschaffen für dieses Zeitalter der Globalisierung. Sein neuer Gedichtband folgt dem Plan einer Ausstellung. In sieben Abteilungen werden Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren präsentiert. Es sind Bilder einer Reise, Exkursionen in das unbekannte Alltägliche, Selbstporträts und Historienbilder, Studien von Liebe…mehr

Produktbeschreibung
"Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real.
Jeder Augenblick unergründlich, die Welt
Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne."

Durs Grünbeins Gedichtbände sind dafür bekannt, dass sie ihre Gegenstände in immer weiteren Kreisen erfassen, in ihrer konzentrischen Ausbreitung wie geschaffen für dieses Zeitalter der Globalisierung. Sein neuer Gedichtband folgt dem Plan einer Ausstellung. In sieben Abteilungen werden Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren präsentiert. Es sind Bilder einer Reise, Exkursionen in das unbekannte Alltägliche, Selbstporträts und Historienbilder, Studien von Liebe und Sexualleben. In dieser eigenartig schwebenden Dichtung stehen Innenleben und äußere Welt in einer unauflösbaren Spannung: Sie ist das Lebensprinzip des Grünbeinschen Verses. Dabei ist das prägnante Einzelstück, ultimatives Ziel seines Schreibens, nur denkbar als Resultat einer seriellen Praxis. Immer sind diese Gedichte Beispiele einer peinturistischen Poesie. Jedes stellt auf seine Weise die Frage: Was ist Imagination und wie verändert sie unser Bewusstsein?
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 13. August 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 227mm x 154mm x 27mm
  • Gewicht: 496g
  • ISBN-13: 9783518423165
  • ISBN-10: 3518423169
  • Artikelnr.: 35727874
Autorenporträt
Grünbein, Durs
Durs Grünbein wurde am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Er lebt und arbeitet als Dichter, Übersetzer und Essayist in Berlin und Rom. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2000, den Friedrich Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2004 und den Berliner Literaturpreis der Preußischen Seehandlung verbunden mit der Heiner-Müller-Professur 2006. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.10.2012

Wo liegt Patmos? Weiß das jemand, bitte?

Geschichte und Mythos sind für Durs Grünbein Bestandteile gegenwärtiger Orientierung. Was vom Alten geht in unsere Anschauungen ein? Dem spürt er in seinen neuen Gedichten nach.

Ich selber sehe mich gar nicht primär als Lyriker." Wir staunen. Denn nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden, die Durs Grünbein bisher veröffentlicht hat, waren wir nicht nur der Meinung, in ihm überhaupt einen Lyriker erblicken zu dürfen; vielmehr beurteilten wir ihn ziemlich einhellig als einen herausragenden Lyriker unserer Zeit. Soll das, nach der Selbsteinschätzung Grünbeins, etwa nicht mehr gelten? Haben wir uns in ihm getäuscht? "Ich bin", so erläutert er seine Distanzierung vom "Lyriker", "jemand, der in Versen Einsichten, Erkenntnisse, Wahrnehmungen mitteilt, die aus einem persönlichen Erleben kommen, aber durchaus empfänglich sind für gesellschaftliche, landschaftliche, urbane Motive. Ich bin ein bisschen so etwas wie ein umherziehender Maler, der mit der Sprache arbeitet." Es geht ihm also eher um die Inhalte und Motive seiner Gedichte, die, wie er glaubt, nicht spezifisch "lyrisch" sind, so dass er aus diesem Grund die Bezeichnung eines "Lyrikers" nicht für sich in Anspruch nehmen mag. In der Tat: Von puren Herzensausgießungen, emphatischen Bekenntnissen und artistisch-experimentellen Kunststücken hält er sich nach wie vor fern, sieht man von wenigen Ausnahmen in seinem neuen Gedichtband ab - wie dem "In malayischer Form" gehaltenen Gedicht, dessen ausgeklügelte Wiederkehr einzelner Verse schon Adelbert von Chamisso ausprobierte.

Grünbeins Spracharbeit ist von anderer Art: beschreibend, nachdenklich kombinierend, erzählend, rekapitulierend, gefasst in vollständige, verständliche Sätze und in wohlklingende, rhythmisch sorgfältig gestaltete, gelegentlich gereimte Verse. Man könnte von Gedankengedichten sprechen, die er schreibt, oder auch von essayistischen Gedichten.

Die Eule ist ihr Wappentier. Als Talisman begleitet sie den Autor im ersten Gedicht des neuen Bandes in Form einer altgriechischen Tetradrachme, die er in der Hand hält und die er - eine Art Musenanruf - um Orientierung und Erleuchtung bittet: Wer wäre nicht gern auch weise im "Labyrinth der Sinne"! Und im letzten Gedicht kehrt die Eule zurück als ständiges Spiegelbild und unerbittliche Kontrollinstanz: "Sie prüft dich und liest die Gedanken, / Bevor sie gedacht sind - und keine / Dummheit, mein Lieber, entgeht ihr."

Wenn Dummheit der Feind guter Gedanken ist, so ist doch gebildete Klugheit allein noch lange nicht der Garant guter Gedichte. Aber dass Bildung ihnen geradezu schadet, wie neuerdings Grünbein-Kritiker glauben machen wollen, wird ein unverzagter Leser anspruchsvoller deutscher Gedichte von beispielsweise Hölderlin, Goethe, Heine, Rilke und Brecht kaum nachvollziehen können. Wie diese Dichter, so argumentiert und formuliert auch Grünbein auf der Basis der Kenntnisse und Erkenntnisse seines Zeitalters. Die Geschichte, der Mythos, das ganze Hintergrundwissen eines gebildeten Menschen des wissenschaftlichen Zeitalters sind für ihn keine nostalgischen Sehnsuchtsorte, sondern oft ins Unterbewusstsein abgerutschte, aber gerade deshalb unverzichtbare Bestandteile einer sich selbst problematisch gewordenen Gegenwartsorientierung. Was sehen wir wirklich, wenn wir etwas betrachten, welche Prägungen und Vorstellungen gehen in unsere Anschauungen ein, welche Irrtümer beherrschen unsere Wahrnehmungen?

Das ist das Thema des fünfteiligen langzeiligen Gedichts "Koloss im Nebel", das dem Band den Titel gegeben hat. Es spricht über eine Fährfahrt von Piräus durch die Inselwelt der Ägäis nach Rhodos. Bei trübem Wetter ereignet sich eine zunehmende Trübung des Bewusstseins, eine Vermischung der alten mit der neuen Welt; in einem der Mitfahrer sieht man trotz seines modernen Outfits sogar Hermes, den lächelnden Götterboten und Schutzgott der Reisenden. "Er war es, und er war es nicht", heißt es. Eine allgemeine Desorientiertheit greift Platz auf der Fähre: "Da vorn ist Delos", sagte einer. "Holy shit", rief jemand in das Grau. "Ich sehe nichts. Und wo liegt Patmos? Weiß das jemand, bitte?" Dann, kurz vor dem Reiseziel Rhodos, kommt es zu einem "Zwischenfall": Alle Reisenden sehen unzweifelhaft den Koloss von Rhodos vor sich: "Etwas Gewaltiges, gemessen an den Säulenschäften, schräg verankert, / Zog alle Blicke aufwärts, dorthin, wo in großer Höhe, wie es schien, / Die Konstruktion zusammenstrebte als ein kolossales Schenkelpaar. / (...) Was war das? - Alle fragten sich, an Deck gedrängt, / Was sie gesehen hatten, rannten aufgeregt nach hinten, wo in Reihen / Die Autos standen. Doch das Ding war weg, vom Dunst verschluckt." Und auch der stets Lächelnde ist nicht mehr zu sehen. War alles nur Einbildung? Oder war es die flüchtige Erfahrung einer Begegnung mit dem Geist der Antike? An Land klart es auf: "Man sah die Ginsterbüsche auf den Hügeln, weiße Häuserwürfel, Esel. / Erinnern kann ich mich an Tintenfische auf der Leine, die Tentakeln / Entlang der Uferpromenade schaukelnd. An die kleine Pyramide / Am Kai, ein Häuflein Steine, wohl ein Werk von Kinderhand", an Beiläufiges also, wie es scheint. Doch das unauffällige "Häuflein Steine" verweist am Ende des Gedichts bedeutungsvoll zurück auf den Gott Hermes, dessen Name sich vom "Hermaion" (Steinhaufen) herleitet und auf den sich die Hermeneutik als Kunst der Deutung beruft. Keine Beschreibung kann ohne diesen Gott auskommen. Er steht, verschmitzt lächelnd, hinter vielen Gedichten Grünbeins, auch dort, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet.

Und er verlockt auch den Leser zur deutenden Dechiffrierung. Welchen Wandteppich hat Grünbein vor Augen in seinem Gedicht "Tapisserie mit dem Tapir"? Das wüsste man schon gern, umso mehr, als die präzise Beschreibung der dargestellten Szenen auf dem Gobelin nach Rätselart mit der Frage schließt "Mon dieu, was ist das?" Eine Anmerkung oder gar eine Abbildung würde den Leser an dieser Frage beteiligen. Doch von solchen Hilfestellungen, die er seinen Lesern noch in dem Band "Nach den Satiren" zugestanden hatte, hält Grünbein offensichtlich nichts mehr. "Tut mir leid, wenn du glaubst, ich sei von Natur aus so: / Einer, der auf Happy-Ends baut, in die Lexika schaut." Nein, so ist er nicht. Nur keine Zugeständnisse! Mag der Leser doch selbst in die Lexika und ins Internet schauen.

Unter seinen bisherigen Gedichtbänden ist der vorliegende thematisch und formal der variationsreichste, allerdings mit vielen Themen, die man von Grünbein schon kannte: eine Art Potpourri mit einigen besonderen Höhepunkten, locker gefügt in sieben Abschnitte. Es gibt Kindheitserfahrungen, darunter eine reizende "Auflösung des Murmelspiels" zur guten Nacht, gesprochen von mehreren Sprechern (sogar mit Regiebemerkungen), aber auch Erinnerungen an verbotene früherotische "Verschwitzte Nachmittage" und an die ersten gerauchten Papyrossi aus den Beständen der Roten Armee. Dann führen die Gedichte durch eine ganze Gemälde-Galerie hochberühmter Meisterwerke: Da findet man etwa Rubens' Verlobungsbild, das ihn und Isabella Brant in der Geißblattlaube zeigt, Vermeers "Junge Dame mit Perlenhalsband", Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer", gleich mehrere Gemälde von Pierre Bonnard und Paul Klee und andere. Wohin er auch schaut, was immer er sieht - stets geht es ihm auch um die Erkenntnis und Vermittlung von Geschichte. Inbegriff für das Nachdenken über Zeitgebundenheit und Zeitlosigkeit ist hier wie sonst das Meer, dessen Deutungspotential Grünbein in vielen Gedichten wortreich ausschöpft. "Das ist die See, wie sie lebt. Sie feiert / Ende und Anfang einer jeden Geschichte, macht / Aus jeder Moderne eine Antike der Zukunft, / Aus jeder Antike die versunkenste aller Modernen."

WULF SEGEBRECHT

Durs Grünbein: "Koloss im Nebel". Gedichte.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 230 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Begeistert zeigt sich Joseph Hanimann angesichts der Gedankenschärfe in den Gedichten von Durs Grünbein. Keine Stimmungslyrik nirgends, notiert er, sichtlich erleichtert. Dabei gäben die vielen Gottheiten, die der Dichter zwischen Rom und Athen trifft, Anlass genug. Dass Grünbein lieber von flüchtigen Begegnungen schreibt, ohne Einfühlungschance gleichsam, und lieber mit Brecht und Müller im Gepäck, passt Hanimann gut. Ebenso gefallen dem Rezensenten die vom Autor in diesem Band ausgebreitete Formen- und Gattungsvielfalt, der spielerische gleichwohl virtuose Umgang, wie Hanimann feststellt, mit Reim und Metrik. Elegante Gedichte, findet er, gelungene Symbiose von sinnlicher Erfahrung und Gedankenschärfe.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.01.2013

Bilder einer Ausstellung
Von der Sardinenbüchse bis zur Eule Minervas: Durs Grünbein durchschreitet
in seinem Gedichtband „Koloss im Nebel“ sein inneres Pantheon
VON JOSEPH HANIMANN
Wenn Durs Grünbein bisher mehr durch scharfe Gedanken- als durch Stimmungslyrik auffiel, dann wird auch der Nebel im Titelgedicht dieses Bandes daran nichts ändern. Der Koloss, der da irgendwo im „trüben Sud“ der Ägäis – „von Mythen keine Spur“, übertreibt ein anderes Gedicht – bei der Hafeneinfahrt als gigantisches Schenkelpaar aus dem Nebel taucht, lässt nicht das geringste Weihegefühl aufkommen. Er ist auch gleich wieder weg, „vom Dunst verschluckt“: eher Vorausahnung von Weltwunder als dessen Reminiszenz.
  Die alten und neuen Gottheiten der ägäischen wie der anderen hier aufgebotenen Welten von Rom, Paris, Berlin, Istanbul, Melbourne, bis New York winken jeden Anflug zur Einfühlung gleichgültig durch. Der Dichter Durs Grünbein nimmt sie alle aus dem Augenwinkel wahr, grüßt sie mit Namen, geht weiter und stellt sich unter den Erben des Geistersehers Hölderlin näher zu Brecht oder Heiner Müller als zur mimesis-frommen Christa Wolf. Kein Kassandra-Klang, nirgends. Vielleicht hängt damit zusammen, dass das poetische Ich bei Grünbein nie lang mit sich selber allein bleibt, sondern Zwiesprache hält.
  Im Eingangs- und im Schlussgedicht dieses Bandes geschieht das mit dem Lieblingstier Minervas. „Interieur mit Eule“ I und II heißen die beiden Gedichte. Der Vogel fixiert dort mit Feldstecheraugen den Dichter, bis dieser mit Sprache reagiert und seine Innerlichkeit sprengt. Im Schleudereffekt der Worte kommt er im Interieur so ungeheuer innen zu liegen, wie bei Brecht einst im Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ beim Pflaumenbaum die weiße Wolke „ungeheuer oben“ war.
  Die auf sieben Abteilungen wie in sieben Themensätze aufgeteilten Gedichte offenbaren eine große Vielfalt der Formen und Gattungen. In den Ansätzen zur intellektuellen Positionsbestimmung – „Es gilt zu wählen zwischen Terrorist und Egoist“ – hängt die alte offizielle Ideologie der Jugendzeit wie Kletten am Gedächtnis. Der Rückblick auf künstlerische Prägungen – mehr Bilder und Farben als Klänge – streift Apollinaire, Braque, Trakl und andere Kopfverletzte aus der Avantgarde, erweist aber auch Bonnard und seinen behauchten Spiegeln, einer „Intimität als Abgrund“, die Ehre.
  Intimität kommt hier indessen auch ohne Spiegel aus, als Erwachen des Begehrens unter Jungs und Mädchen, „nackt, endlich nackt“ auf den Dachböden, oder in den von Selbststilisierung überschatteten Liebesgedichten des letzten Teils.
  Im Großen wie im Beiläufigen weht aber stets das Bewusstsein von Geschichte durch diese Texte, sei es als flüchtige Assoziation oder in der direkten Konfrontation. So, wenn im Kolonnadenhof vor Stülers Museumsbau in Berlin die Bogenschützin mit ihrem Bronzeleib immerfort zielt und doch nie einen Pfeil abschoss, weder gegen die Russen, noch gegen sonst einen Eindringling. Geschichte meldet sich dem ruhlos mit Analogien beschäftigten Auge selbst in „Die Sardinenbüchse“, einem gedichteten Stillleben nach einem spanischen Meister, oder im Assoziationsschnappschuss „De Sade in Rom“, wo unter den alten Folterfresken einer Kirche munter geheiratet wird.
  Wie die komplexe Themenverflechtung beherrscht Grünbein den Ton- und den metrischen Schrittwechsel, ohne nach Effekten zu schielen. Da wird in der vertändelten „Auflösung des Murmelspiels“ mit Flüsterstimme „Schlaf jetzt, mein Kind“ getuschelt, bevor in Zimmerlautstärke das „Poor child“ an den beginnenden Zeitenlauf ermahnt wird und zuletzt in einer „Fantaisie lyrique“ all die im Wutanfall des kleinen Tyrannen zerbrochenen Dinge durchgezählt werden.
  Grünbein bedient sich nicht als technischer Meister aus dem Katalog der klassischen Versmetrik, er arbeitet, wenn überhaupt, lieber mit Binnen- als mit Endreimen und spielt selten mit den gestanzten Formen von Rondeau oder Sonett. Es ist, als wäre bei ihm der gesamte poetische Kanon eingeschmolzen und in endlosen Variationen abrufbar je nach gedankenstenographischem Bedarf.
  Vom trägen sechs- oder achthebigen Jambus-Vers kann in der Sommerhitze, die über dem Gedicht „Römisches Aquarium“ liegt, der Rhythmus jäh umspringen zum flüchtigen Daktylus in der Stunde von Morgenmesse oder Abendandacht und wieder zurücksinken ins jambische Gähnen vor den leergeräumten Altären. Grünbein zeigt mit diesen teilweise in Zeitungen und Zeitschriften schon veröffentlichten Stücken, wie elegant selbst der gestochen scharfe Gedanke vom „wenn“ zum „dann“ springt und in der kurzen „Parenthese für Optimisten“ mit den Sinnen spielt.   
Im Schnappschuss „De Sade in
Rom“ wird unter Folterfresken
in einer Kirche munter geheiratet
In der Moderne verlässt Minervas Vogel die Dämmerung: Für die olympischen Spiele 2004 brachte ein Künstler über 10 000 Eulen nach Athen.
FOTO: SPORTIMAGE / EQ IMAGES
       
  
  
  
  
      
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 227 Seiten, 25 Euro.
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