Grübelei im Rinnstein - Simic, Charles

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Charles Simic, in Belgrad geboren und in USA aufgewachsen, ist mit seinen Gedichten auch in Deutschland berühmt geworden. Dieser Gedichtband vereint eine Auswahl aus dem Gesamtwerk dieses melancholischen Eulenspiegels. Seine schöpferische Neugier auf Bilder, auf Momentaufnahmen, in denen das Unerwartete erscheint, hat Simic zu dem bekanntesten Dichter des bodenlosen Alltags gemacht.…mehr

Produktbeschreibung
Charles Simic, in Belgrad geboren und in USA aufgewachsen, ist mit seinen Gedichten auch in Deutschland berühmt geworden. Dieser Gedichtband vereint eine Auswahl aus dem Gesamtwerk dieses melancholischen Eulenspiegels. Seine schöpferische Neugier auf Bilder, auf Momentaufnahmen, in denen das Unerwartete erscheint, hat Simic zu dem bekanntesten Dichter des bodenlosen Alltags gemacht.
  • Produktdetails
  • Edition Akzente
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/19928
  • Seitenzahl: 132
  • Erscheinungstermin: 19. September 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 199mm x 121mm x 17mm
  • Gewicht: 171g
  • ISBN-13: 9783446199286
  • ISBN-10: 3446199284
  • Artikelnr.: 22215727
Autorenporträt
Charles Simic, 1938 in Belgrad geboren, kam 1954 in die USA und lehrt heute an der Universität von New Hampshire. Er hat 16 Bände mit Gedichten veröffentlicht, die unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden. Zuletzt erschien im Hanser Verlag der Gedichtband Picknick in der Nacht (2016), der die besten, hierzulande unveröffentlichten Gedichte aus fünfzig Jahren versammelt.
Rezensionen
Besprechung von 25.11.2000
Wettessen der Löwenbändiger
Charles Simic grübelt bei grellem Neonlicht im dunklen Rinnstein · Von Harald Hartung

Lyriker müssen schon ziemlich populär sein, um von berühmten Karikaturisten beehrt zu werden. Bei Charles Simic ist das der Fall. Saul Steinberg hat ihn porträtiert, und so blickt uns ein ziemlich verfremdeter Simic vom Titel seiner "Grübelei im Rinnstein" an. In den Vereinigten Staaten ist der Dichter schon lange populär, spätestens seit seinen "Selected Early Poems". Für sie erhielt Simic 1992 den Pulitzer-Preis. Hans Magnus Enzensberger hat ihn daraufhin mit einer ersten deutschen Auswahl vorgestellt: "Ein Buch von Göttern und Teufeln" (1993). "Seine Poesie", so schrieb er, "ist durch und durch vom amerikanischen Alltag getränkt, von der Tristesse und der Glorie der Straße."

Ein Satz, dessen Wahrheit durch das Faktum nicht widerlegt wird, daß Simic erst 1954, sechzehnjährig, in die Vereinigten Staaten gelangte - eine Belgrader Kriegskindheit im Rücken und die Neue Welt vor sich: "Nichts war wie in Europa. Es war schrecklich häßlich und schön auf einmal! Ich mochte Amerika sofort." Dieser Eindruck muß überaus mächtig gewesen sein, eine Initiation. Er wurde zum Impuls eines Schreibens, der für sechzehn Lyrikbände gut war. Dazu für einige weitere Bücher. Zwei dieser anderen Bücher sind auch in Deutsch erschienen. Zunächst die sardonisch-humoristische Autobiographie "Die Fliege in der Suppe" (1997). Dann, für Simic fast noch bezeichnender, ein Buch über den amerikanischen Künstler Joseph Cornell. Sein Titel "Medici Groschengrab" bezieht sich auf Cornells Schaukästen und Installationen, die die Fundstücke des Alltags mit den Symbolen der Hochkultur zusammenbringen.

Diese Verschränkung von Alltag und Symbol, die Kunst, das Gewöhnliche als geheimnisvoll erscheinen zu lassen, ist auch das Gesetz von Simic' Poesie. Die neue Auswahl "Grübelei im Rinnstein" macht das besonders deutlich. Von den frühen Stücken bis zu den neuesten "Unpublished Poems" gibt es immer wieder diese Epiphanien, in denen - mit einer Formulierung von James Joyce - die Seele des gewöhnlichsten Objekts zu strahlen scheint.

Dieser epiphanische Glanz kommt in einem der frühen Gedichte aus einer nächtens geschlossenen Metzgerei: "Da ist ein einziges Licht im Laden, / Wie das Licht, in dem der Sträfling seinen Tunnel gräbt." In den Gedichten aus jüngster Zeit gibt es solch profane Orte, etwa eine Küche oder eine Bäckerei, Simic schafft in seinen Szenen gerade so viel Dunkelheit, daß auch eine kleine Plötzlichkeit dem gewöhnlichen Moment einen geheimnisvollen Sinn gibt. "Eine Unbekannte löste sich aus dem Hintergrund", heißt es in dem Bäckerei-Gedicht: "Ihr Gesicht wirkte ernst, die Augen verschleiert, / Als sie mir eine Semmel in die Hand drückte, / So als hätte sie immer gewußt, an was ich dachte."

Die Bilder, die Simic für das Geheimnis findet, sind keine Allegorien, die in gängige Symbolik zu übersetzen wären. Dem Skeptiker ist es verwehrt, seine profanen Erleuchtungen als Brot und Wein auszugeben. Sie erscheinen ungerufen; und sie erscheinen nur, wenn sie nicht herbeigezwungen werden. Simic ist viel zu sehr vom dunklen Gewimmel der Alltagswelt fasziniert, um ihr nicht den größten Anteil an seinen Gedichten einzuräumen. Alltag ist ihm eine Welt latenter Gewalt, in der man auf der Hut sein muß: "An den Straßenecken standen junge Schläger herum / mit Kreuzen und Nieten an ihren Lederjacken", heißt es in einem Gedicht; und es endet: "Gleich würden sie uns um Feuer bitten."

Auch das Böse hat seine Epiphanien, und Simic weicht ihnen nicht aus. Der Schurz des Metzgers ist eine Karte der großen Kontinente des Blutes. Der Junge, dem die Blätter eines zerlesenen Geschichtsbuchs in den Fluß fallen, sieht von der Eisenbahnbrücke auf einen Schleppkahn, von dem ein Krüppel winkt. Und von der Geschichte heißt es, daß sie ihre Schere im Dunklen ausprobiert, "so daß am Ende allem und jedem / ein Arm fehlt oder ein Bein". Ecce historia! hätte Benn gesagt; doch für Simic ist die Zeit der pathetischen Seufzer längst vorbei. Er rechnet mit seinen Beständen und weiß zugleich, daß dieses Rechnen nie aufgeht und das Rätsel bleibt. So maßt der Lyriker sich keine Rolle an; am wenigsten die eines Sinngebers oder Heilbringers. Er sieht sich als Mann auf der Straße, der in den Taschen nach Kleingeld wühlt und feststellt, daß jede ein Loch hat. Trotzdem wird er verfolgt; und die ihm folgen sind "blind, taub, wahnsinnig, obdachlos". Immerhin halten sie respektvoll Abstand: "Du bist unser König! schrieen sie. / Unser Häuptling! / Der Welt größter Löwenbändiger!" So sieht sich Simic als Ritter von der Traurigen Gestalt. Eben nur Narr, nur Dichter.

Am liebsten würde er sich ganz in die Schrift zurückziehen, als ein bißchen Gekritzel an der Wand eines x-beliebigen Schuppens. Er weiß solche Demutsbekundungen auch sprachphilosophisch, linguistisch zu wenden. Übrigens das einzige Mal, daß das lyrische Ich seinen Klarnamen nennt: "Charles Simic ist ein Satz", lautet der Eingang dieser eigentümlichen Beweisführung, die sich - wie könnt es anders sein - selber ad absurdum führt. Auf die Frage, was das Subjekt dieses Satzes sei, kommt die munter-ironische Antwort: "Das Subjekt ist unser heißtgeliebter Charles Simic." Auf die Frage nach dem Objekt heißt es ironisch: "Das Objekt, meine Kleinen, / Ist noch nicht in Sicht."

Wäre es anders, hätten wir einen Poeten vor uns, der, im Besitz glänzender, doch falscher Münzen, uns das Heil verspräche. Wir lieben die leeren Taschen, aus denen Charles Simic uns eine Semmel hervorzaubert. Wir lieben den "Vertreter für Feuerwerksknaller", der im Motelbett rauchend sich das Zeitungsbild eines Typen anschaut, "der wie Jesus aussah / Und ein Pastetenwettessen in Texas gewonnen hatte". Und wenn Simic sich schon einmal zur Rolle des Predigers aufrafft, dann ist auch das eine Maske für den frommen Skeptiker, der er ist. Dann läßt er den Prediger sagen: "Ich wäre gern das Videospiel Gottes / In einer geschlossenen Automatenhalle / In einer dunklen Straße. / Die orangenen Lichter blinken ganz von selbst / Die ganze Nacht." Mehr Licht ist nicht. Aber auch künstliches Licht ist irgendwie echt. Jedenfalls hier, bei Charles Simic.

Charles Simic: "Grübelei im Rinnstein". Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Hans Magnus Enzensberger, Michael Krüger, Rainer G. Schmidt und Jan Wagner. Carl Hanser Verlag, München Wien 2000. 133 S., geb., 28 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Charles Simics Gedichte gefallen dem Rezensenten Hans-Peter Kunisch vor allem deshalb, weil sie subtile Zwischentöne finden, Gelassenheit ausstrahlen und die Frage nach dem "Gut und Böse" elegant auflösen: "Bei Simic gibt es wirklich `alles`; meist in einer einzigen Strophe." Seiner Begeisterung verleiht Kunisch am Beispiel von vielen Zitaten aus den Gedichten Ausdruck. Die Mischung, die Simic einzigartig macht, ist nach Kunisch die "ganz persönliche Verbindung von Schüssen, Küssen und Wundern, von Politik, Metaphysik und selbstverständlicher Körperlichkeit". An der Präsentation der Gedichte von Seiten des Verlages hat Kunisch aber einiges auszusetzen. Zwar hält er die getroffene Auswahl für einigermaßen repräsentativ (wenn auch unvollständig) und findet sie gut übersetzt - ihn stört aber, dass der Band einsprachig ist und dass eine frühere deutsche Veröffentlichung von Charles Simic teilweise wiederholt wird.

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"Charles Simic' Gedichte trauen dem unsichtbaren Leben viel, manchmal alles zu, besonders dann, wenn sie die Gleichzeitigkeit der großen und der kleinen Dinge auf poetische Schnappschüsse herunterkürzen und sie damit zu unvergesslichen Bildern machen." Marica Bodrozic, Stuttgarter Zeitung, 17.10.00 "Er ist einer der besten aus der wohlsortierten kleinen Herde von Enzensbergers Entdeckungen." Ralf Dutli, Literaturen, 03.04.2001 "Es gibt nur wenige Poeten, denen die Mischung von hirnrissig banalem Alltagskrempel und verwegener Anarcho-Mystik mit so viel Charme und Witz gelingt, nur wenige, die dem Zusammenprall von erlesenem Kulturgut und Rinnstein so viele magische Funken abtrotzen können. Das Bändchen dürfte selbst für den angeblich eingefleischten Nicht-Lyrikleser eine schere Prüfung sein, womöglich der entscheidende metaphysische Schubs, der ihn umkippen lässt. Wer aber in Simic nur einen Sprachclown und Eulenspiegel sehen will, verkennt das untergründige Rumoren von schwarzen Ängsten und den tiefen Widerwillen gegen arrogante Götter und andere Diktatoren." Ralph Dutli, Literaturen, 3/4 2001