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In ihrem neuen Gedichtband Geistersehen nähert sich Marion Poschmann dem Sichtbaren über das Unsichtbare: der Leere, der Zeit, den Gründen und Abgründen des Ich. Dabei nutzt sie die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung aus und geht bis zu den Grenzen, zu denen der einzelne mittels der Macht der Einbildungskraft vordringen kann. Ihr lyrisches Ich begibt sich an den Punkt der Unschärfe und beobachtet von dort, wie Wirklichkeit entsteht und sich wieder auflöst. In spielerischer Anlehnung an die Tradition des poeta vates widmet sie sich der Betrachtung von Kräuterbüchern, Renaissance-Portraits oder…mehr

Produktbeschreibung
In ihrem neuen Gedichtband Geistersehen nähert sich Marion Poschmann dem Sichtbaren über das Unsichtbare: der Leere, der Zeit, den Gründen und Abgründen des Ich. Dabei nutzt sie die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung aus und geht bis zu den Grenzen, zu denen der einzelne mittels der Macht der Einbildungskraft vordringen kann. Ihr lyrisches Ich begibt sich an den Punkt der Unschärfe und beobachtet von dort, wie Wirklichkeit entsteht und sich wieder auflöst.
In spielerischer Anlehnung an die Tradition des poeta vates widmet sie sich der Betrachtung von Kräuterbüchern, Renaissance-Portraits oder dem "Wiedehopf auf Truppenübungsplätzen"; sie entwirft flirrende Verse für bislang Ungesehenes, etwa "das Nivea-Gefühl" oder "Minusmengen", und sie findet strenge Formen für Flüchtigstes wie Dampf, Glanz, "Schall und Rauch". Ihre Gedichte handeln vom Überschwang der Bilder und von dem, was diese Bilder verdecken.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 42129
  • Seitenzahl: 120
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 120 S. 204 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 126mm x 18mm
  • Gewicht: 236g
  • ISBN-13: 9783518421291
  • ISBN-10: 3518421298
  • Artikelnr.: 27934569
Autorenporträt
Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn und Berlin. 2005 erhielt sie den Literaturpreis Ruhrgebiet für ihr Gesamtwerk. Marion Poschmann lebt in Berlin. 2011 wurde sie mit dem "Peter-Huchel-Preis" ausgezeichnet, 2013 mit dem "Wilhelm Raabe Preis" und 2017 mit dem "Düsseldorfer Literaturpreis".
Rezensionen
Besprechung von 17.04.2010
Auf den Lehrpfaden der Abwesenheit

Als käme Klarheit auf, als öffneten sich Fenster: Neue Gedichte Marion Poschmanns erzählen vom Scheitern der Blicke.

Von Wulf Segebrecht

Was sieht eigentlich wirklich, wer Geister sieht? Sieht er Produkte seiner Einbildungskraft oder real existierende Phänomene? Schon diese alternative Frage hat viel mit Kunst zu tun: Denn sie stellt das Visionäre dem Realistischen gegenüber, die Geisterbeschwörung dem konkreten Befund, und beiden Wahrnehmungsformen lassen sich spezifische Künstlertypen zuordnen: Man kennt in allen mimetischen Künsten den trunkenen, von göttlicher Eingebung begeisterten Seher und den nüchtern Beobachtenden, der notiert und mehr oder weniger geistvoll deutet, was vor aller Augen liegt.

In Marion Poschmanns neuem Gedichtband trifft man beides an: Da ist von Thomas Manns Teilnahme an okkulten Geisterbeschwörungsséancen beim Freiherrn von Schrenck-Notzing ebenso die Rede wie von umspringenden Ampeln während einer Autofahrt oder von den buntesten Badebekleidungen in einem Schwimmbad. Aber die Bilder, die sich hier wie dort bei der Betrachtung der Geister und der Dinge einstellen, sind uneindeutig, unscharf, vage, trügerisch. Dementsprechend heißen die Überschriften der Zyklen des Gedichtbandes "Testbilder", "Störbilder", "Spiegelungen", "unscharfe Jahreszeiten", "Trugbilder: Herbarium", "die Geisterseher", "Nachbilder: Kanäle", "Bildnisse", "Lehrpfad der Abwesenheit" - stets geht es um die Unverlässlichkeit des Sichtbaren. "Was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare", heißt es in einem "Imponderabilien" überschriebenen Gedicht, das den Dialog zwischen Vater und Sohn aus Goethes "Erlkönig" in den Dialog einer schwangeren Mutter mit der Tochter in ihrem Leib transponiert. Nebel, Dampf, Dunst und Dämmerung befördern hier und in manchen anderen Gedichten die Undurchschaubarkeit und Unfassbarkeit der Erscheinungen: "es ist / nichts zu erkennen".

Die "Einsichten" und die "Aussichten", die bei solcher Betrachtung gewonnen werden, sind gleichermaßen vage, wie beispielhaft zwei aufeinander folgende kunstgerecht gereimte Sonette in passablen Alexandrinern zeigen; das zweite von ihnen ("vage Aussichten") beschreibt am selbst schon bezeichnenden Beispiel von Quallen, in welche Widersprüche die Bemühungen führen, sie zu begreifen: "ich sah die Quallen schweben, / sah ihren Körper kaum, ein blasser Sack, nicht mehr / erkennbar als ein Ding des Wassers. gläsern, leer / der blanke Hintergrund, an dem Gedanken kleben, / als käme Klarheit auf. als öffneten sich Fenster / auf das, was war, auf nichts. Erinnerungsgespenster, / zu ungreifbar, zu zart. die Blicke scheitern hier." Das Scheitern der Blicke, die Aussichtslosigkeit, eine bequeme Eindeutigkeit bei der Entzifferung der sichtbaren Welt zu erreichen, ist das Leitthema.

Dabei benötigt Marion Poschmann nur selten die festgefügte Form des Sonetts, die bündige, sentenzhafte Aussagen begünstigt. Die meisten Gedichte sind reimlos und frei von metrischen Schemata, sie bedienen sich allerdings durchaus einer stark rhythmisch und rhetorisch bestimmten Sprache und einer ins Auge springenden kleinteiligen strophischen Gliederung, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Verlauf und auf das oft pointierte Ende der Gedichte lenkt. Nicht selten gehen sie von einer Situation, einer Begebenheit, einem Natur- oder Kunstphänomen aus, führen dann in eine Reflexions-, Abstraktions- oder Metaphorisierungsphase und münden ein in einen resümierenden Rückbezug auf das betrachtende Subjekt oder das betrachtete Objekt.

"Zählbares lag. lag da und wartete / auf unsern Blick" - so beginnt das Gedicht "Tilia cordata (Winterlinde)"; es geht aus von der zählbaren Umgebung (Plattenbau und Imbissbude) dieses Baums mit seinem unzählbaren Lindenduft und der Heilkraft des Lindenblütentees, sieht ihn dann abstrahierend "eingefaßt von meinem / Denken in blumigen Mustern", um mit der generellen ironischen Pointe zu schließen: "erst jetzt wussten / wir, was Blümchentapete bedeutet. / und die Beweislast liegt immer bei uns." Mit der Rationalität der Zahlen und mit Nützlichkeitserwägungen ist dem Lindenbaum offensichtlich nicht beizukommen.

Selten begegnet man einem Gedichtband, der eine so sorgfältig gestaltete thematische Gesamtkonzeption mit weitreichender Gedanklichkeit und sinnlich wahrnehmbarer, konkreter Bilderwelt verbindet, ohne das denkende, fühlende und redende Ich auszuschließen. Es ist allerdings kein von den Befunden überwältigtes Ich, das bekennt, wie es leidet oder was es beglückt. Ein Rest von Distanz gegenüber den Phänomenen bleibt immer präsent. Das äußert sich schon darin, dass die meisten Gedichte die Vergangenheitsform bevorzugen: Das Imperfekt regiert, das Referat; nicht gegenwärtiges Empfinden, sondern das Nachdenken über Vergangenes. Ein epischer Grundzug, der Hauch der Historizität haftet den Gedichten an. Man könnte fast von Berichtgedichten sprechen. Distanzierend wirken auch die Kunstmittel der Mehrdeutigkeit, der Anspielungen und Zitate (sogar Rilkes "verneinende Gebärde" kommt einmal vor) und besonders die auf neue Art verbundenen Hauptwörter, in denen man jeweils ebenso poetische wie reflexive Konzentrate der Betrachtungen erkennen kann: "Zerpflückungswünsche", "Verwirrungsmuster", "Auflösungsängste" - seit Gottfried Benn hat niemand solche Kombinationen so souverän produktiv gemacht.

Marion Poschmanns Gedichte wenden sich geist- und kunstvoll dem Heikelsten zu, was der Lyrik nachgesagt werden kann: dem Unklaren, dem Unfassbaren, dem "holden Ungefähr". Aber sie zählen dabei nicht auf das gefühlige Mitschwingen, sondern auf das um Aufklärung bemühte Nachdenken des Lesers. Das macht sie zu einem beglückenden Leseerlebnis.

Marion Poschmann: "Geistersehen". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 126 S., geb., 17,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.08.2010
Viel Dampf
Marion Poschmann entwirft
eine Welt des Ungefähren
Dies ist kein Gedichtband der Gewissheit. Alliterationen aber, mitunter Reime täuschen so etwas wie Sicherheit, Zusammenhalt vor: „sanft wie Salpeter“, „Realpräsenz dem Regionalexpreß“, „Fenster/ Erinnerungsgespenster“. „Trugbilder“ heißt entsprechend ein Kapitel in Marion Poschmanns neuem Gedichtband „Geistersehen“. Um „vage Aussichten“ und „vage Einsichten“ geht es in dem erstaunlich umfangreichen Werk, ums Trübe, Neblige, um „Testbilder“, „Störbilder“, „unscharfe Jahreszeiten“. Alles ist hier „Schall und Rauch“ und mehlweißes Ungefähr. Besonders deutlich, so das Wort „deutlich“ überhaupt angebracht sein kann bei einem derart ins Irgendwo zielenden Gedichtband, besonders deutlich wird dieses Thema in dem Zyklus „Dampf“ ausgearbeitet.
In „Dampf“ berichtet das lyrische Ich von einer Kur in Raffelbergpark, einem Kinder-Solebad in Mühlheim an der Ruhr und also nicht weit entfernt von Essen, dem Geburtsort der 1969 geborenen Autorin: „einmal pro Woche fuhr/ meine Mutter mich hin. immer noch fährt sie mich,/ scheint mir, nächtlich ins Leere,/ ein Kondensstreifen, Menschenwerk.“
Hier, in Raffelbergpark, gibt es einen „Inhalationsraum“, „dumpfe Wärmeflaschenluft“ und eine „Dampfgestalt,/ die mich atmete, die näher kam und näher kam,/ dichter wurde – und ich: eine Vergangenheit,/ alt gewordenes Licht nur,/ ohne Position: Negation.“ Nicht nur die Umwelt ist in diesen Gedichten, wie auch in vielen anderen Gedichten des Bandes, schwer zu fassen, das Ich selbst ist sich seiner ebenfalls nicht gewiss, ist mithin eins dieser „Dinge aus Dunst“.
Dieser Zustand der Instabilität wird in „Geistersehen“ ausführlich kontempliert, um ein Wort zu benutzen, das wie manch anderes Wort in diesen Gedichten („Gemütsdesign“, „Seelen-See“) einigermaßen manieriert oder doch bemüht wirkt: Poschmann gebraucht diese Wörter dabei keineswegs unbedacht, sondern setzt sie ihres Klanges oder zuweilen auch ihrer Silbenzahl wegen ein. Durchaus virtuos arbeitet die Dichterin mit der Form, aber die Form funktioniert bei ihr eben auch als ein weiterer Nebelwerfer. Das Klare, Lichte interessiert sie nicht. Selbst wo sie von Helligkeit schreibt, wird diese Helligkeit von komplexer, ja zuweilen unlogischer Bildkonstruktion überfrachtet und verdunkelt: „transparentpapierdünne Helligkeit, dicht/ mit Bäumen gefüllt und brüchiger Stille“. Hier, zugegeben ein Extrembeispiel, werden haptische, optische und akustische Eindrücke in bloß neun Worten geradezu brutal zusammengezwungen.
Selbstverständlich kann man sich daran erfreuen, dass hier die „sinnliche Erfahrung auf den Prüfstand“ kommt, wie es in einer Rezension hieß, dass hier die Modi der Wahrnehmung hinterfragt werden, wie es über zahlreiche andere Gedichtbände der letzten Jahre schon so bedeutungsschwer wie inhaltsleer gesagt wurde. Es ändert nichts an dem Eindruck, dass Poschmanns Art zu schreiben auch etwas Selbstgenügsames an sich hat; als Leser wenigstens wird man nur schwerlich Teil dieser sehr privaten Welt der Auflösung und Ungewissheit. Treffend sind die Verse vor allem auf sich selbst bezogen: „Nebel, der sich bei Berührung bildet.“ TOBIAS LEHMKUHL
MARION POSCHMANN: Geistersehen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 126 Seiten, 17,80 Euro.
Auch das „Ich“ gehört
lediglich zu den
„Dingen aus Dunst“
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ganz scheint Rezensent Tobias Lehmkuhl von diesem Gedichtband nicht. Marion Poschmann weiß, was sie tut, so viel ist ihm klar, unbedacht geht sie nie vor. Es ist eine Welt der Auflösung, die Poschmann hier zeigt, alles verschwindet in Nebel, Dunst und Ungewissen, worüber auch die Alliterationen den Rezensenten nicht hinwegtäuschen können. Womit er aber nicht ganz klar kommt, ist eine gewisse Art der Selbstgenügsamkeit dieser Gedichte. Beteiligt oder in die Welt hineingezogen fühlte er sich als Leser nur selten.

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