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Wenn wir schon heute behaupte ich mal grundsätzlich dazu imstande sind, alles Erdenkliche poetisch zu verhandeln, was ist in Zukunft, neben allen schon im Voraus gebuchten Unsäglichkeiten, noch vom Gedicht zu erwarten? Professor Gnu gibt sich optimistisch: Fortschreitende Entkrampfung fördert das Absterben perspektivischer Verpeilung: Ticks, Tricks, Posen, nutzlose Priesterschaft, Gelehrtheit, Diskursgefuchtel, Jugend- und Altersweh, didaktischer Überbiss. Wo alles dekonstruiert ist (de-, re-, de-) und auch in Bezug auf das Dichterselbst wohltuend nichts mehr herumsteht, ist Hoffnung auf…mehr

Produktbeschreibung
Wenn wir schon heute behaupte ich mal grundsätzlich dazu imstande sind, alles Erdenkliche poetisch zu verhandeln, was ist in Zukunft, neben allen schon im Voraus gebuchten Unsäglichkeiten, noch vom Gedicht zu erwarten? Professor Gnu gibt sich optimistisch: Fortschreitende Entkrampfung fördert das Absterben perspektivischer Verpeilung: Ticks, Tricks, Posen, nutzlose Priesterschaft, Gelehrtheit, Diskursgefuchtel, Jugend- und Altersweh, didaktischer Überbiss. Wo alles dekonstruiert ist (de-, re-, de-) und auch in Bezug auf das Dichterselbst wohltuend nichts mehr herumsteht, ist Hoffnung auf nachdenkliches Starren Gnus in
den von PVC-Bodenbelag, PVC-Möbeln und einer PVC-Zimmerpalme als Anhängsel der petrochemischen
Industrie markierten Seminarraum nun, wohl auf den Exodus aus dem Text, Erweckung des poetischen
Impulses in allen Domänen. (Aus: Helm aus Phlox, S. 123, Merve Verlag 2011)
  • Produktdetails
  • Kookbooks, Reihe Lyrik Bd.29
  • Verlag: Kookbooks
  • Seitenzahl: 83
  • 2013
  • Ausstattung/Bilder: 2013. 88 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 134mm x 17mm
  • Gewicht: 145g
  • ISBN-13: 9783937445540
  • ISBN-10: 3937445544
  • Artikelnr.: 36904649
Autorenporträt
Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, lebt in Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, für die er bereits mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde. 2013 wurde Steffen Popp mit dem "Peter-Huchel-Preis" ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 27.06.2013
Die Waldeinsamkeit ist der falsche Ort

Leichtfüßige Hymnen waren einmal: Steffen Popp hat mit "Dickicht mit Reden und Augen" einen poetologisch versierten Gedichtband vorgelegt. Der Lyriker zieht Bilanz.

Die deutschsprachige Literatur ist gegenwärtig von drei ästhetischen Tendenzen bestimmt: radikaler Individualismus, Popliteratur und eine dritte, für die unterschiedliche Namen kursieren, "kookbooks-Ästhetik" oder "Neue Berliner Avantgarde". Zu den Autoren dieses Kreises, überwiegend Lyriker, gehören Monika Rinck, Uljana Wolf, Ann Cotten, Hendrik Jackson, Daniel Falb. Sie alle publizieren beim Berliner Verlag kookbooks oder sind zumindest eng mit ihm verbunden. Daniela Seel hat den Verlag vor zehn Jahren gegründet (F.A.Z. vom 18. Mai), in dessen Jubiläumsprogramm auch Steffen Popps neuer Lyrikband Platz gefunden hat.

"Dickicht mit Reden und Augen" eignet sich hervorragend, um den ästhetischen Grundlagen der "Poesie als Lebensform" nachzugehen. Erstens, weil Popp mit seinem 2004 erschienenen Debüt "Wie Alpen" zu den kookbooks-Autoren der ersten Stunde gehörte. Zweitens, weil sein Erfolg repräsentativ für den Aufstieg des Kreises steht: Popp hat es mit vier Buchpublikationen zum renommierten Autor geschafft. 2006 erschien sein Roman "Ohrenberg oder die Reise dorthin", 2008 sein Gedichtband "Kolonie zur Sonne" und zuletzt die kollaborative Poetik "Helm aus Phlox".

Mit Popps drittem Gedichtband formieren sich die Publikationen nun zum Werkkomplex. Da die anderen Autoren des Kreises in vergleichbarer Kontinuität und in ähnlichem Umfang publiziert haben, lässt sich voraussagen: Diese Dichtkunst wird uns über Jahre begleiten, sie wird unsere literarische Landschaft nachhaltig prägen. Auch ist Popp derjenige unter den Poeten, der sich am intensivsten mit der "Poesie als Lebensform" auseinandergesetzt hat. Zunächst in einem Essay, dann in der Poetik "Helm aus Phlox", in der er für das Kapitel "Lebensform" verantwortlich zeichnet. Am stärksten jedoch fällt ins Gewicht: Popp verständigt sich in seinem jüngsten Gedichtband selbst über die eigenen ästhetischen Maßgaben. Er zieht poetische Bilanz.

Was hat es mit der Formel "Poesie als Lebensform" auf sich? In ihr überlagern sich zwei Bedeutungen. Zum einen die existentialistische Lesart, das Leben vollständig in Poesie aufgehen zu lassen. Die Poesie ist das Leben, das Leben Poesie. Zum anderen verweist das Wort "Lebensform" auf Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen". Dort bezeichnet der Begriff die grundlegenden Bedingungen des Lebens, die der Einzelne hinzunehmen hat: "Das Hinzunehmende und Gegebene - könnte man sagen - seien Tatsachen des Lebens, seien Lebensformen." Für Wittgenstein ist beispielsweise die (Mutter-)Sprache eine solche Lebensform; man hat sie und muss damit klarkommen. Deshalb kann Wittgenstein behaupten: "Und sich eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen."

Wenn Steffen Popp "Poesie als Lebensform" versteht, ernennt er sie zu einer solchen unhintergehbaren Tatsache der Wirklichkeit. Wie ein Integral ist das Poetische allen Lebensbereichen von der Natur über die Ökonomie bis zur Religion eingeschrieben und reicht somit weit über die Literatur hinaus. Diese Auffassung berührt sich mit dem romantischen Vers: "Schläft ein Lied in allen Dingen". Allerdings hat die Neue Berliner Avantgarde mit Wittgensteins "Lebensform" auch seine Sprachskepsis übernommen. Popp bezeichnete die Sprache einmal als das "lebensfernste Medium". In der Folge verbietet es sich, wie bei Eichendorff mit "Wünschelrute" und "Zauberwort" durch die Lande zu ziehen, um sie zu poetisieren.

"Poesie als Lebensform" bedeutet vielmmehr, die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache abzutasten und präzise zu erfassen, "inwieweit die für poetisches Sprechen konstitutiven Verfahrensweisen etwas mit denen anderer Lebensbereiche gemein haben, und vor allem ..., ob sie nur neben anderen relevant sind oder essenzielle Funktionen bezeichnen". Popp wendet Eichendorffs Vers formalistisch. Er sucht nicht mehr nach dem schönen Lied, sondern nach den poetischen Verfahren in der "lebendigen Wirklichkeit". Für dieses Vorhaben wäre die Waldeinsamkeit der falsche Ort. Die heutigen Poeten experimentieren, diskussions- und theorieaffin, kollaborativ und doch jeder für sich auf seine Art. Erst der gemeinsame ästhetische Bezugspunkt ermöglicht die individuellen poetischen Praktiken.

Wie hat man sich Popps Schreiben im Labor gegenüber der "lebendigen Wirklichkeit" vorzustellen? Darüber gibt der neue Band mit seinen sechs Kapiteln und seinen zweimal dreizehn, elf und sieben Gedichten Auskunft. Die ersten drei Primzahlschritte führen "Vom Meer" in die "Wälder" zu den "Zinnen", die mit den Sinnen, dem Sinn und metonymisch mit dem Turm verbunden sind. Meer, Wald und Turm stellen wesentliche Marksteine in Popps poetischem Universum dar. Sein Roman beispielsweise erzählt, wie eine Figur über das Meer reist, um die andere auf ihrem "Fernsehturm" zu erreichen. Doch die Annäherung verliert sich im Dickicht des Waldes. In "Kolonie zur Sonne" rufen die Zwischentitel "Meeresstudio" und "Magische Jagdpost aus Rehheim" dieselben Topoi auf. Die sind nicht allein wörtlich zu nehmen, sondern stehen für das grundlegende Verhältnis zwischen Mensch und Wirklichkeit. Autorschaft heißt, die Lebensformen anhand der Beziehung zu Wald und Meer auszuloten.

Hier extrahiert Popp sein lyrisches Material. Die Beschaffenheit der dort gefundenen Utensilien und Verfahren bestimmt die Struktur seiner Gedichte, wie die Eigenschaften von Steinen die Architektur eines Bauwerks oder die Charakteristika von Farbpigmenten die Bildform formieren. Wer so arbeitet, inszeniert sich als Morphologe der Poesie.

Die ersten drei Kapitel des Gedichtbandes nehmen diese Vorstellung auf und inszenieren verschiedene Figuren poetischer Praxis. Zunächst am Meer: "Brandungsnah leben. Meeresgelassenheit, -gestrüpp. / Nah an Ideen, Ideenlosigkeit. Andererseits. Gefühlte / Stille, die im Kopf ausflockt, kippt. Wirkliches Salz." Das poetische Material wird als Treibgut an Land gespült. Lebensform heißt das Gegebene hinnehmen, befühlen, sammeln, auflesen, selektieren: "Treibgut durchwühlen, mechanisch, mit dem Zeh. / Gefühlter Sinn. Tang. Tüll." Eine weitere ist, die Meeresfauna durch eine künstliche Vielfalt zu verfeinern: "Unter den Aufblasbaren / im Inselshop gefährdeten Arten: Erdspinne / Wiedehopf. / Ein Euro fünfzig Lidl-Elefant trug mich durchs Meer / Stoßzähne aufgemalt, den Rüssel ans Bein geschweißt."

Bleibt der Poetomorphologe dem Meer gegenüber Sammler, durchstreift er die "Wälder" als Jäger: "Beute machen, Wörter wie Tiere erlegen." Auf die Jagd gehen sowohl Autor als auch Leser. Denn Popp bietet zwar den distanzierten Blick vom Turm herab als dritte Form von Autorschaft an. Aber er führt den Leser "Von den Zinnen" herab ins Unterholz: "Das Gedicht liebt uns mit Dickicht, Krisen und Luftwurzeln / Was treibt uns in unser Gestrüpp." Wer liest, verliert den Überblick, verfängt sich, riskiert Kratzer.

Popp experimentiert mit Klängen, Rhythmen, Metrik und Syntax. Als versierter Morphologe legt er ein besonderes Augenmerk auf die Form des Gedichts. Zu Beginn erprobt er eine Konstruktion aus sechs plus vier respektive vier plus sechs Versen, die er in der zweiten Hälfte des Buches zur Sonettform überführt. Seit zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der sogenannte "Sonettenkrieg" durch die deutschen Schreibstuben tobte, gilt das Sonett als programmatisches Gedicht. Wer es verwendet, will sich grundsätzlich über Dichtkunst verständigen. Popps Arbeit am Sonett schließt selbst das anfängliche Vier-plus-sechs-Format ein. Quartett und Sextett entsprechen der geometrischen Grundform des Sonetts. Kompositionsmuster dieser Art durchziehen die Textur des Bandes. Über Jagd, Dickicht, Beute ("Kaninchenfell") mündet die Bewegung des Textes auf Rilkes Spuren im "Jardin des Plantes, Paris". Der Streifzug durch Natur- und Lebensformen schließt dort, wo die Wildnis gebändigt wird. Popp löscht bei seinem Besuch den schweifenden, unscharfen Blick von Rilkes Panther im gefiederten Gesicht einer Eule aus. Nach dem nervösen Zeitalter bleiben heute "null Augen / die das blicken". Während eine Eule den Umschlag des Buches ziert, galoppiert zuletzt das alte Wappentier der Dichter aus dem Band. Popp versteht, "wie ein totes Pferd dennoch zu reiten sei - / das lebend nicht mal Pferd war".

Steffen Popp hat einen poetologisch versierten Gedichtband vorgelegt. Seine Poesie hat ihre redegewandte, ebenso anmutige wie raffinierte Lebensform gefunden.

CHRISTIAN METZ

Steffen Popp:

"Dickicht mit

Reden und

Augen". Gedichte.

kookbooks, Berlin 2013. 87 S., br., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Angekommen bei Redegewandtheit, Anmut, Raffinesse scheint Steffen Popp dem Rezensenten Christian Matz mit seinem dritten Gedichtband, den Matz der Neuen Berliner Avantgarde zurechnet. Das Label soll abgrenzen von den anderen zwei gegenwärtigen Tendenzen in der Lyrik: radikaler Individualismus und Popliteratur. Dass Dichten hier als "Lebensform" verstanden wird, weiß der Rezensent ebenfalls und dass uns diese Dichtung weiter begleiten wird. Geprägt ist der Band, so Metz in seiner sehr ausführlichen Besprechung, von einer Poetisierung sämtlicher Lebensbereiche - romantisch, aber auch sprachskeptisch, formal experimentierend und das vorgefundene Material künstlich verfeinernd: "Erdspinne / Wiedehopf / Ein Euro fünfzig Lidl-Elefant ..."

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