Denne uforklarlege stille\Diese unerklärliche Stille - Fosse, Jon

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  • Verlag: Kleinheinrich Buch- Und Kunstverlag
  • Seitenzahl: 172
  • Ausstattung/Bilder: 172 S. m. zahlr. Radier. 196 x 316 mm
  • Deutsch, Norwegisch
  • Abmessung: 316mm x 196mm x 21mm
  • Gewicht: 1000g
  • ISBN-13: 9783945237045
  • ISBN-10: 3945237041
  • Best.Nr.: 44260488
Autorenporträt
Jon Fosse, geboren 1959 in der norwegischen Küstenstadt Haugesund. Lebt seit Mitte der siebziger Jahre in Bergen. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und war Dozent an der Akademie für kreatives Schreiben in Hordaland. Seit Anfang der neunziger Jahre ist er freier Schriftsteller. Er schreibt Romane, Theaterstücke, Gedichtsammlungen, Essays und Kinderbüchern. Fosse erhielt den Ibsen-Preis sowie 2000 den österreichischen Theaterpreis "Nestroy". 2000 wurde Fosse außerdem der Nordische Theaterpreis verliehen. 2003 wurde er mit dem Ehrenpreis des Norwegischen Kulturrats sowie mit dem norwegischen Amanda-Ehrenpreis ausgezeichent und in Frankreich als "Chevalier de l'Ordre National du Mérite" geehrt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Nico Bleutge hat gleich zwei Neuerscheinungen von Jon Fosse gelesen und muss feststellen: Das, was Fosses Gedichtband "Diese unerklärliche Stille" zu großer Kunst macht, funktioniert in seiner Prosa leider nicht. Geradezu meditativ erscheinen dem Kritiker die Gedichte, in denen der norwegische Autor mit Bewegung und Rhythmus spielt, Worte variiert und dabei essentielle Fragen nach dem Ich oder dem Verschwinden der Sprache stellt. Dabei bestechen Fosses Gedichte nicht durch die Originalität der Wortfindungen, sondern durch die Intensität der Sprachbewegungen, lobt der Rezensent, der auch mit Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung sehr zufrieden ist. Nicht zuletzt bewundert Bleutge die Radierungen des norwegischen Künstlers Olav Christopher Jenssen, die den Rhythmus der Verse brillant veranschaulichen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 07.06.2016
Draußen auf den Inseln
Jon Fosse ist der große Minimalist und Metaphysiker der norwegischen Literatur: Seine neuen Texte
zeigen, wie er aus dem Nichts Kunst macht – und leider auch manchmal: nichts aus der Kunst
VON NICO BLEUTGE
Einmal sagt der Vater zu Asle, er solle die Fiedel übernehmen. Dann fischt er sich eine Flasche aus dem Kasten und genehmigt sich einen ordentlichen Schluck. Und gibt dem Sohn noch einen Ratschlag: „Das Spiel war immer am besten, wenn man es so anfing, dass man sich sachte hinaufspielte, fast aus dem Nichts und dann immer mehr, aus dem Nichts und dann aufs Große zu“. Die Kunst, sich aus dem Nichts ins Große hinaufzuspielen, teilt der norwegische Autor Jon Fosse mit seiner Figur. Dabei gelingen ihm in seiner Lyrik immer wieder intensive Gedichte, voller Erinnerungsdetails und Variationen. Allerdings kennt die Prosa Fosses auch die gegenläufige Bewegung: sich aus dem vermeintlich Großen ins gepflegte Nichts hinunterzuspielen.
  „Bewegung“ lautet eines der Wörter, die Jon Fosse in seinen Gedichten beschwört. Bewegung und die Verwandlung der Dinge. Es ist ein nachgerade essenzielles Schreiben, das mit einer einfachen Sprache auskommt. Die Kunst Fosses liegt weniger in der originellen Wortfindung als in der Variation der sprachlichen Momente. Oft meint man sich beim Lesen in eine elementare Landschaft versetzt oder in ein Gefüge aus wenigen Figuren. Doch diese szenischen Mittel spielen sich nie in den Vordergrund. Die eigentliche Bewegung ist in der Sprache. „ich sehe eine welle“, heißt es einmal, „und ich denke dass alles bewegung ist“. Und so wird die „welle“ zum „meer“, und das „meer“ umkreist die „bedeutung“, die wie eine Welle die Stille in sich verwahrt.
  Ein ums andere Mal baut Fosse seine Gedichte entlang solcher Verwandlungen. Mitunter verliert er einen Vers an die direkte Aussage, vielleicht flattert auch der eine oder andere Engel zu viel durch die Zeilen. In den besten Stücken aber wird nicht nur über die Bewegung gesprochen – Fosse senkt sie auch in die Form der Gedichte ein. Es mag eine Meditation über das Schreiben sein, in der die Wörter immer neu verschoben und in Paradoxien überführt werden: „wenn ich es bin, der schreibt / dann bin ich all diese verschiednen ichs / die dennoch, in jedem schreiben, ein so deutliches ich sind “. Oder eine Reflexion über die Dunkelheit und das Wasser, ein Ensemble von wellenartigen Versbewegungen und hingetupften Farbmomenten, in dem die Dinge ineinandergleiten: „schau das boot ist im rhythmus“. Auch als Leser ist man bald im Rhythmus dieser Verse, spürt die Bewegung des Schreibens und die Verwandlung in Stille.
  Durch die Schichten der Verse schimmert die Vorstellung hindurch, ein Wort bedeute nie dasselbe. Eine Vorstellung, die sich bei Fosse mit Motiven aus Religion und Philosophie verbindet. Hier verschwinden die Zuschreibungen, verwandeln sich und kehren in anderer Form zurück. Die Bedeutung bewegt sich, das Gedicht wird zu einem Gebilde aus Verschiebungen und Klängen und nimmt elementare Fragen in sich auf, die Frage nach dem Ich etwa oder nach dem Verschwinden der Sprache. Das kleine Wörtchen „und“ verwendet Fosse am liebsten. Auf diese Weise fügt er die Momente weniger in logische oder kausale Zusammenhänge ein, sondern stellt sie gleichbedeutend nebeneinander. Meditation und Reflexion durchdringen sich in diesen flutenden Versen, die an manchen Stellen an frühe Gedichte von Inger Christensen erinnern oder an Wallace Stevens’ großen Zyklus „The Man with the Blue Guitar“.
  In einer schön gemachten Ausgabe kann man Jon Fosses Gedichten jetzt auf Deutsch nachlauschen. Hinrich Schmidt-Henkel hat ein feines Gehör für die lautlichen Nuancen von Fosses Versen, auch den Rhythmus hat er in seinen Übersetzungen sehr gut eingeholt. Der norwegische Künstler Olav Christopher Jenssen hat das Buch mit Radierungen versehen. Doch seine Bilder sind nicht einfach Illustrationen. Vielmehr geht er in die Verse hinein, nimmt Motive und Rhythmen auf und überträgt sie in die Möglichkeiten seiner Kunst. So, wie sich die Gedichte bisweilen aus kleinsten Erinnerungsresten zusammensetzen, bestehen die Radierungen aus lauter winzigen Punkten, die sich mal zu Kreisen formieren, mal zu Tieren oder Figuren. Und so, wie Fosse seine Motive variiert, führt Jenssen seine Vögel, Hunde und Menschen von einer Verwandlung in die nächste.
  Allerdings sind die Gedichte nur die eine Seite von Jon Fosses Schreiben. Nebenbei ist er ein immens erfolgreicher Theaterautor, dessen jüngste Stücke Titel wie „Schatten“ oder „Ich bin der Wind“ tragen. Begonnen aber hat er als Verfasser von Prosa. Auch in seinen neuen Erzählungen setzt er auf Wiederholung und Variation. Doch was in den Gedichten oft ganz eigene rhythmische Gestalten hervorbringt, wird in den erzählenden Texten zum Problem. Es sind gleichsam biblische Geschichten, die Fosse nun zu einer „Trilogie“ vereint hat. Eine Art verlängerte Version der Erzählung von Maria und Josef, die den großen Fragen nach Liebe und Fremdsein, Erinnerung und Schuld nachtastet.
  Alida und Asle heißen die beiden Liebenden, die ihr Heimatdorf verlassen müssen, weil man sie dort nicht haben will – und weil Asle seine Gewalt nicht kontrollieren kann. Ihre beiden Väter wurden vom Meer verschluckt, doch Asles Vater, der eigentlich ein Spielmann war, konnte ihm noch die Fiedel übergeben. Nun sind Alida und Asle unterwegs nach Bergen, ihre Habe passt in zwei Beutel, und der Fiedelkasten ruht in Asles Hand. So weit der Anfang der Geschichte. Doch wie erzählt Jon Fosse sie? Die Stadt Bergen trägt in dieser Erzählung den alten Namen Bjørgvin. Frauen und Männer folgen Rollenbildern, die „traditionell“ zu nennen noch äußerst höflich formuliert ist. Und der Ton der Geschichte klingt so, als seien Alida und Asle geradewegs der Schöpfungsgeschichte entsprungen: „Und Silja wurde schwanger. Und sie gebar Asle. Und um sich und die Seinen zu ernähren, verdingte der Vater sich bei einem Fischer draußen auf den Inseln im Meer“.
  Als ein Journalist vor einiger Zeit ein Interview mit Jon Fosse führen wollte und nach einem Treffpunkt in Wien fragte, schlug Fosse das „Café Bräunerhof“ vor – „weil dort Thomas Bernhard am liebsten saß“. Und tatsächlich scheint es der Bernhardsche Prosaton der Wiederholung und syntaktischen Verschachtelung zu sein, den Fosse in seiner „Trilogie“ nachbilden will. Doch Thomas Bernhard variierte seine Sätze nach Art von musikalischen Etüden bis in feinste Verästelungen hinein und holte sie damit auf eine andere Ebene. Auch sind Bernhards Prosastücke immer zeitlich verankert, und aus der Spannung zwischen Zeitbezug und konzentrierter Form gewinnen sie ihre ästhetische Kraft.
  Jon Fosse indes bleibt bei sehr einfachen Wiederholungen stehen. Zugleich entkleidet er seine Szenerien der historischen Umstände, versucht sie gleichsam „zeitlos“ zu halten. Und wie in seiner Lyrik setzt er auf das so unscheinbare Wort „und“. Der Unterschied ist nur, dass die Verse von nichts berichten wollen, im eigentlichen Sinn kein „Thema“ haben. In den Gedichten gelingt es Fosse, die Zeit für Momente aufzuheben. Die Prosa jedoch leidet an dem unguten Gegensatz, in gleichem Maße den Gang der Zeit stauen und eine Geschichte erzählen zu wollen, die auf ein Ziel zuläuft. Diese Ebenen sind nicht ausreichend miteinander vermittelt. Und die einzelnen Stränge werden auch dadurch nicht besser, dass Fosse sie mit Wörtern wie „schwer“, „tief“ oder „dunkel“ metaphysisch aufzuladen versucht.
  Es gibt in diesen drei Prosastücken Szenen, die sehr klug die in den Gedichten durchgespielte Frage nach dem Ich aufnehmen. Auch haben manche Sätze etwas Liedhaftes, das sehr nah an eine Form von Schweben heranreicht, von dem die Figuren immer wieder träumen. Im Ganzen aber bleibt nach der Lektüre eher jene „Abendmattigkeit“ zurück, die eine der Erzählungen im Titel trägt. Da möchte man doch lieber noch einmal in den Gedichten blättern und staunen, wie Sehen und Denken im Rhythmus zusammenkommen: „Und es lässt sich nicht erzählen / und es lässt sich nicht begreifen“.
Jon Fosse: Diese unerklärliche Stille. Mit Radierungen von Olav Christopher Jenssen. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Zweisprachige Ausgabe. Kleinheinrich Verlag, Münster 2016. o.P, 40 Euro.
Jon Fosse: Trilogie. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 208 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.
Meditation und Reflexion
durchdringen sich in diesen
flutenden Versen
Das Prinzip der Wiederholung
wird, anders als in den Gedichten,
in der Prosa zum Problem
Jon Fosse, geboren 1959, debütierte 1983 mit dem Roman „Rot, schwarz“. International bekannt wurde er vor allem durch seine Theaterstücke. Foto: David Levene / interTOPICS
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