Das Nordlicht, 3 Tle. / Kritische Ausgabe Bd.6/1-3 - Däubler, Theodor
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Theodor Däublers Hauptwerk ist der riesige, episch-lyrische Zyklus "Das Nordlicht", über 30 000 Verse, die die Formelemente und Themen seiner Poesie enthalten: Verdichtung verschiedener Mythen, Liebe zu Rhythmus und Versform, Symbolik, Bilderreichtum, hymnische Sprache. Diese kosmische Phantasie entfaltet Däublers Privatmythos des zur Lebensquelle verklärten Sonnenlichts, ist Dichtung über das künstlerische Schaffen, Menschheitsgeschichte als Läuterung hin zum Geist.…mehr

Produktbeschreibung
Theodor Däublers Hauptwerk ist der riesige, episch-lyrische Zyklus "Das Nordlicht", über 30 000 Verse, die die Formelemente und Themen seiner Poesie enthalten: Verdichtung verschiedener Mythen, Liebe zu Rhythmus und Versform, Symbolik, Bilderreichtum, hymnische Sprache. Diese kosmische Phantasie entfaltet Däublers Privatmythos des zur Lebensquelle verklärten Sonnenlichts, ist Dichtung über das künstlerische Schaffen, Menschheitsgeschichte als Läuterung hin zum Geist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Thelem Universitätsverlag
  • Seitenzahl: 1431
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 143mm x 108mm
  • Gewicht: 1955g
  • ISBN-13: 9783933592521
  • ISBN-10: 3933592526
  • Artikelnr.: 12899916
Autorenporträt
Paolo Chiarini, geboren 1931, ist Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität in Rom.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.12.2004

Ich bin der Herr des Gedichts
Dieser Mann ist nicht zu übersehen, seine Klangorgie nicht zu überhören: Theodor Däublers „Nordlicht” in neuer Edition
Keiner der großen deutschen Dichter aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist so gründlich vergessen worden wie Theodor Däubler. In den sechziger Jahren versuchte der Journalist und Schriftsteller Werner Helwig eine Wiederbelebung nicht nur des Œuvres, sondern auch der Erinnerung an ein heroisches Dichterleben. Doch nicht einmal Carl Schmitts zuerst im Jahr 1916 veröffentlichte kleine Schrift über das „Nordlicht”, das monumentale Hauptwerk des Dichters, ein Versepos in dreißigtausend Zeilen, konnte das Interesse noch wach halten. Alles, was blieb, sind ein paar skurrile Anekdoten aus dem großen Kreis der Anhänger und Bekannten, Geschichten, in denen es darum geht, wie viele Schinkenbrote der riesige Kerl vertilgen konnte.
Drei Bände umfasst die Ausgabe des „Nordlichts”, das jetzt zum ersten Mal in einer historisch-kritischen Edition vorliegt. Darin werden zwölfhundert Seiten vom Gedicht allein gefüllt - und was es dabei alles zu lesen gibt: „Es schwellt der Orange benebelnder Duft”, heißt es darin über Neapel, „Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn, / Es kühlt stiller Lorbeer die windstille Luft / Und Myrthen enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!” Wie kühn hier mit dem „o”, dem „e”, dem „i” und dem „ei” umgegangen wird! Kein Wort, keinen Einfall, keinen Reim gibt es, der diesem Dichter auch nur den geringsten Widerstand entgegensetzen könnte. Er ist ein gewaltiger Meister des Klangs, des Versmaßes und des Reims, so virtuos wie Rainer Maria Rilke, aber ohne dessen späte Gebrochenheit, ohne dessen Charme, ohne dessen philosophische Feinheit.
Theodor Däublers „Nordlicht” - das ist eine Generalmobilmachung der Motive romantischer Lyrik, unter Einschluss eines „Miauen”, das sich auf „Grauen” reimt, einer Generalmobilmachung, der ein heutiger Leser sich, geprägt durch die ästhetische Moderne und deren Ansprüche auf Kargheit, Lakonie und Einfachheit, nur mit Vorbehalten nähert.
Entstanden ist dieses Langgedicht mit den Teilen „Das Mittelmeer”, „Pan. Orphisches Intermezzo” und „Zweiter Theil. Sahara” in den Jahren zwischen 1898 und 1910 - zum ersten Mal. Denn von 1921 wurde umgearbeitet, aus der „Florentiner Fassung” wurde eine Genfer Fassung, und nebenbei entstand die „Treppe zum Nordlicht”, das Ganze noch einmal in verkleinertem Maßstab. Und schließlich gibt es noch eine dritte, die „Athener Fassung”, die aber nie gedruckt wurde und heute im Weimarer Goethe-und-Schiller-Archiv liegt. Eine unglaubliche, maßlose Energie muss in der Verfertigung dieses Gedichts am Werk gewesen sein, vergleichbar mit der Kraft, die Oswald Spengler aufwenden musste, um den „Untergang des Abendlandes” (1918 bis 1922) zu schreiben. Dass solche Projekte so aufwendig sind, dass sie eine heftige Neigung zum Gigantischen und also ewig Unvollendeten haben, liegt in ihrer Natur: Sie sind auf die Totale hin angelegt, sie wollen den christlichen Gott beerben und dürfen keine Ausnahme kennen, mit einer unendlichen Menge von Material soll Einfachheit erzeugt werden.
Mit einem, nur einem Prinzip soll eine alles umgreifende Ordnung geschaffen werden. Um dieses Prinzips willen muss das Werk zu einer unausweichlichen Welttatsache werden. Und um dieses Prinzips willen entwickelte Däubler die riesenhafte Maschine seiner Lyrik. Vormodern wirkt das „Nordlicht”, mitsamt seiner poetischen Theorie der Schöpfung, in der sich die Erde von der Sonne losreißt und äußerlich erstarrt, während in ihrem Innern die Lava kocht, die sich zur Sonne, zur Mutter, zurücksehnt. Vormodern wirkt das poetische Ich, das seine Geschichte erzählt, die geographisch vom Orient zum Okzident und quer durch die mediterrane Welt führt, mythologisch von der griechischen Mythologie über Christus bis zu Roland und zum neuen Menschen und historisch durch alle Weltzeitalter gleichzeitig. Aber nicht die alte Welt spricht hier, sondern der Wunsch nach einer säkularen Totalität - mithin etwas sehr Modernes: „Wenn es einen Gott gibt, wie hielte ich es aus, nicht Gott zu sein”, sagte Theodor Däubler. So spricht von Gott nur ein Künstler der Avantgarde.
Im Apparat der lyrischen Formen, ja noch in großen Teilen seiner Bildwelt mag Däubler noch dem neunzehnten Jahrhundert zugehören. In seinem ästhetischen Gestus aber gehört er ganz in die Zeit kurz vor und kurz nach dem ersten Weltkrieg. „Du furchtbar großes Blutgespenst”, dichtet er, adressiert an das Nordlicht, „erwidre ich im Geiste: Die Erde wurde mir im Traum zur Araratkristalle; / Als Pyramide sah ich schon den Ball, den ich bereiste! / Zur Spitze ward der Pol: zum Zweck, zu dem ich walle”.
Was ist das, wenn nicht Expressionismus - denn zu Unrecht heißt es vom Expressionismus, er habe sich von Versmaß und Reim verabschiedet. Expressionistisch ist die Inszenierung einer dramatischen Erdgeschichte, das lyrische Schauspiel einer sich sprunghaft, konvulsivisch, in Katastrophen entwickelnden Natur, die nichts Idyllisches, nichts Friedliches an sich hat. Das Porträt, das Otto Dix 1927 von Däubler malte - ein fetter, bäurisch groben Kerl vor antikisierendem Hintergrund - muss diesem Mann sehr angemessen gewesen sein.
Die Zeitgenossen, vor allem die Kollegen aus der frühen ästhetischen Moderne, haben Theodor Däubler mehr respektiert als geschätzt. Die Erstauflage des „Nordlicht” betrug 750 Exemplare, von den 3000 Stück der Neufassung von 1921 wurden kaum noch welche verkauft, danach verschwand das Werk im modernen Antiquariat. Für einen Mythenstifter wie Theodor Däubler ist ein solcher Erfolg eine Katastrophe. Nur eine Gemeinde hätte ihn vom Bewusstsein der Unvollkommenheit, ja des Scheiterns erlösen können - und das haben auch die Menschen, die ihm nahe standen, gespürt, weshalb sie ihn mit Vorsicht behandelten. Als einzelner aber vermochte er sich nicht durchsetzen. Und die einzelnen, die im folgten, Werner Helwig zum Beispiel, vollstreckten nur seine Partikularisierung, und das längst unter den Bedingungen einer modernen Ironie, die mit einem der letzten großen Pathetiker nichts mehr anzufangen wusste.
Um so erstaunlicher, wenn das „Nordlicht”, nachdem die bislang jüngste, von Friedhelm Kemp besorgte Ausgabe fast fünfzig Jahre zurückliegt, nun neu erscheint mitsamt einer Dokumentation zu den verschiedenen Fassungen, Kommentar zu Entstehung und Wirkung und gelehrtem Apparat. Man bewundert den Mut des kleinen Verlags - und wünscht ihm die Neugier, die Theodor Däubler verdient.
THOMAS STEINFELD
THEODOR DÄUBLER: Kritische Ausgabe. Band 6.1., 6.2. und 6.3. Das Nordlicht. W.e.b. Universitätsverlag Thelem, Dresden 2004. 583, 610, 238 Seiten, 204 Euro.
Großpathetiker im dreiteiligen Anzug vor antiker Landschaft: Otto Dix’ Porträt Theodor Däublers (1927).
Foto: Museum Ludwig Köln/Rheinisches Bildarchiv
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Eine "Generalmobilmachung der Motive romantischer Lyrik" sieht Rezensent Thomas Steinfeld in Theodor Däublers monumentalem Versepos "Nordlicht", das nun in einer dreibändigen, historisch-kritischen Edition vorliegt, die die verschiedenen Fassungen des Gedichts dokumentiert und einen Kommentar zu Entstehung und Wirkung sowie einen gelehrten Apparat bietet. Steinfeld würdigt den heute weitgehend vergessenen Dichter als "gewaltigen Meister des Klangs, des Versmaßes und des Reims". Er sei so virtuos wie Rainer Maria Rilke, "aber ohne dessen späte Gebrochenheit, ohne dessen Charme, ohne dessen philosophische Feinheit." Im Blick auf Intention und die gigantischen Ausmaße des dreißigtausend Zeilen umfassenden Langgedichts vergleicht Steinfeld das "Nordlicht" mit Spenglers "Untergang des Abendlandes". Beide seien auf die Totale hin angelegt, sie wollten den christlichen Gott beerben und dürften keine Ausnahme kennen, mit einer unendlichen Menge von Material solle Einfachheit erzeugt werden. Während Steinfeld die lyrischen Formen und die Bildwelt Däublers noch dem neunzehnten Jahrhundert zurechnet, zählt er dessen ästhetischen Gestus zum Expressionismus. Er berichtet, dass dem Werk seinerzeit kein großer Erfolg beschieden war. Umso mehr sei der Mut des kleinen Verlags zu bewundern und ihm die Neugier zu wünschen, die Theodor Däubler verdiene.

© Perlentaucher Medien GmbH
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