Das lyrische Werk - Kolmar, Gertrud
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Sämtliche Gedichte von Gertrud Kolmar in einer kritisch kommentierten dreibändigen Ausgabe.
Gertrud Kolmar (1894-1943), gilt als gleichrangige Lyrikerin neben Annette von Droste-Hülshoff und Else Lasker-Schüler, doch sind ihre Arbeiten, die in der Zeit des Nationalsozialismus durch den Einsatz der nächsten Verwandten vor der Vernichtung bewahrt wurden, bis heute noch relativ unbekannt geblieben. Ihre Bedeutung wurde schon früh von Autoren wie Walter Benjamin, Max Rychner, Ina Seidel und dem Verleger V. O. Stomps erkannt; als Lyrikerin konnte sie sich ab 1936 ausschließlich in jüdischen…mehr

Produktbeschreibung
Sämtliche Gedichte von Gertrud Kolmar in einer kritisch kommentierten dreibändigen Ausgabe.

Gertrud Kolmar (1894-1943), gilt als gleichrangige Lyrikerin neben Annette von Droste-Hülshoff und Else Lasker-Schüler, doch sind ihre Arbeiten, die in der Zeit des Nationalsozialismus durch den Einsatz der nächsten Verwandten vor der Vernichtung bewahrt wurden, bis heute noch relativ unbekannt geblieben. Ihre Bedeutung wurde schon früh von Autoren wie Walter Benjamin, Max Rychner, Ina Seidel und dem Verleger V. O. Stomps erkannt; als Lyrikerin konnte sie sich ab 1936 ausschließlich in jüdischen Kulturkreisen durchsetzen (gefördert u.a. von Kurt Pinthus, Jacob Picard, Erich Lichtenstein). Zu Lebzeiten erschienen aus ihrem umfangreichen dichterischen Werk nur drei Gedichtbände ("Gedichte", 1917; "Preußische Wappen", 1934, "Die Frau und die Tiere", 1938), von denen der letzte kurz nach seinem Erscheinen im Zusammenhang mit den Novemberpogromen eingestampft wurde. Gertrud Kolmar wurde 1943 im Verlauf der "Fabrikaktion" deportiert und in Auschwitz ermordet. Nach 1945 machten sich sowohl ihr Schwager Peter Wenzel, der die verstreuten Typoskripte ihrer Gedichtzyklen sammelte und um ihre Veröffentlichung kämpfte, als auch Hermann Kasack um ihr Werk verdient ("Welten", 1947; "Das lyrische Werk", 1955). Diese Ausgaben sind längst vergriffen und genügen heutigen textkritischen Ansprüchen nicht mehr. So ist eine zuverlässige Ausgabe ihrer Gedichte mehr als überfällig.In der vorliegenden kommentierten kritischen Ausgabe werden erstmals sämtliche Gedichtzyklen in der von Gertrud Kolmar jeweils selbst bestimmten Reihenfolge ohne veränderte oder zusätzliche Überschriften und sonstige, insbesondere Orthographie und Zeichensetzung betreffende, Eingriffe gedruckt.Band 1 enthält die frühen Gedichte, Band 2 die Gedichte, die zwischen 1927 und 1937 entstanden sind. Der Kommentarband enthält Gertrud Kolmars Gelegenheitsgedichte sowie den Essay "Das Bildnis Robespierres".
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 1232
  • Erscheinungstermin: März 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 136mm x 93mm
  • Gewicht: 1440g
  • ISBN-13: 9783892444992
  • ISBN-10: 3892444994
  • Artikelnr.: 11864447
Autorenporträt
Die Herausgeberin Regina Nörtemann, geb. 1955, lebt als freiberufliche Literaturwissenschaftlerin in Berlin. Im Wallstein Verlag erschienen 1996 ihre Edition des Briefwechsels zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim 'Mein Bruder in Apoll' (ISBN 3-89244-018-2) und 1999 die Anthologie 'ein flügel sonne ein flügel mond. Der Brief im Gedicht' (ISBN 3-89244-352-1).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.03.2004

Bedenke auch den kleinen weißen Hund
Ein Fixstern am Himmel der deutschen Literatur: Endlich gibt es die Gedichte von Gertrud Kolmar in einer großen Werkausgabe
Das einzigartige lyrische Werk Gertrud Kolmars ist nun endlich bei Wallstein in einer zuverlässigen Ausgabe erschienen. Dies ist das Zeitalter der Werkausgaben. Eine ungeheure Arbeitsenergie ist in den letzten Jahrzehnten in diese langwierigen, dicken, teuren Projekte geflossen, und gegenwärtig erreichen sie eins nach dem andern ihren Abschluss – im letzten Jahr z.B. Ernst Jünger und Gottfried Benn.
Es hat etwas Melancholisches, dieses Gefühl: Zuverlässig zu sammeln, was sich noch auftreiben lässt, das ist, was uns heute obliegt; hierfür haben wir noch genügend gesellschaftlichen Reichtum, und den sollten wir sinnvoll nutzen, wenn auch und gerade wenn die aktuelle Produktion nicht mehr die gleiche Wuchshöhe erreicht und die lebenden Autoren im großen Ganzen so viel kleiner sind als die toten. Spät ist es geworden - so spät, dass der Name der Klassischen Moderne fast nur noch nach dem Klassischen klingt und nach dem Modernen überhaupt nicht mehr.
Aber es tröstet auch, dass alles, was dieser geistig hellen und historisch finsteren Zeit entstammt, nun endgültig dem Schicksal des Untergangs entrissen scheint, dem manches schon sehr nahe gekommen war. Und bei niemandem gibt es hier mehr Grund zu einer tiefen Erleichterung und Befriedigung als bei Gertrud Kolmar. Wenig hat sie zu Lebzeiten publizieren können, ein bereits auslieferungsfertiger Gedichtband der Berliner Jüdin wurde nach der Novemberpogromen 1938 eingestampft, sie selbst kam 1943 in Auschwitz um.
Typoskripte haben sich durch Krieg und Vernichtung gerettet wie Flaschenpost, Etliches ging verloren. Nach dem Krieg kam es zwar immer wieder zu Entdeckungen der Autorin, der Suhrkamp- und der Kösel-Verlag erwarben sich große Verdienste - alles das blieb sporadisch und gefährdet, und wer zu ihr gelangen wollte, der hatte es schwer, einen umfänglicheren Text in die Hand zu bekommen.
Nun also liegt das lyrische Werk, endlich, in einer zuverlässigen dreibändigen Edition bei Wallstein vor, dem kleinen Göttinger Verlag, der sich Rettungen solcher Art zu seiner Aufgabe gemacht und sie mit dieser Edition gekrönt hat. Es ist eine schöne Ausgabe geworden, in drei Bänden, solide auch im wissenschaftlichen Sinn, aber nicht apparat-überfrachtet, sondern auf die Leichtigkeit und Freude des Lesens bedacht; es ist auf glückliche Weise beides geworden, ein Resultat philologischen Ernsts und ein Buch. Mit 98 Euro hat es einen stattlichen, aber im Verhältnis zum Inhalt nicht zu hohen Preis.
Der Umschlag, mit fast mystischer Beleuchtung, ist in Lila und ein tiefes Gelb getaucht und zeigt – so, dass erst die Rücken der drei Bände nebeneinander sich zum Gesicht komplettieren – die, wie es scheint, einzige aussagekräftige Fotografie Gertrud Kolmars, die es aus ihren produktiven Jahren gibt. In solcher Singularität schon ist sie geheimnisvoll und wird es noch mehr durch den weit offenen, weichen und undeutbaren Blick. Dieses Foto ist das Tor, durch das der Leser eintreten soll; der Gedicht-Zyklus „Weibliches Bildnis” beginnt:
Du hältst mich in den Händen ganz und gar.
Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,
Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.
Das Einzigartige dieser Gedichte ist damit ausgesprochen: Sie setzen die sonst immer sorgsam kultivierte Scheidung der drei Instanzen Autor, Leser, Werk außer Kraft; das Gedicht ist nicht das „Gemachte” (dies die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Worts „Poema”), sondern das Band zwischen Gebendem und Nehmendem, mehr noch, Geberin und Gabe werden, in festlich und verletzlich überhöhtem Zustand, eins: So werben sie um den - stets männlich gedachten - Leser. Das Gedicht fährt fort: Und ward verschleiert doch gleich einer Braut, / Und ward geschmückt, dass du es lieben magst.
Ihre einfache und doch hoch anspruchsvolle Bitte um Liebe tragen Dichterin und Gedicht in der einzigen Sprache vor, die ihnen zu Gebote steht: der der Schönheit. Wenn ich sage, dass Gertrud Kolmar die schönsten Gedichte des 20. Jahrhunderts schreibt (und des 19. und 18. gleich dazu), so sollte ich dieses Urteil, das einiges Misstrauen wecken muss, näher erläutern.
Denn Schönheit scheint auf Glätte hinauszulaufen, auf ein allzu leichtes Gelingen, wie es sich im Anschluss an die Kunst der Goethezeit einbürgerte; kaum ein Lyriker der Gegenwart würde sich noch geschmeichelt fühlen, bescheinigte man seinen Produkten Schönheit, sondern darin den Spott wittern. Schönheit als Qualität von Literatur taucht allenfalls noch in Anthologietiteln wie „Die schönsten deutschen Kinderlieder”auf.
Mit der Schönheit von Gertrud Kolmars Gedichten meine ich nicht nur, dass sie in einer Epoche, wo das altüberkommene Handwerkszeug von Metrum, Reim und Strophe veraltet wirkt oder wenigstens mit vorsätzlicher Herbheit gehandhabt wird, eben dieses Handwerkszeug mit besonderem Nachdruck pflegt (und einige der ihm anverwandten Themen, vom Reh bis zum Mond, obendrein). Sondern ich meine damit, dass es sich um Schönheit in dem Sinn handelt, wie sie sich bis heute und ohne alle Ironie als etwas außerordentlich Erwünschtes darbietet, wo sie nämlich das Persönliche, die Erscheinung eines Menschen betrifft: um die Schönheit als erotische. Ganz unverwandelt leiht sie sich der Gestalt der Gedichte.
Niemand sonst als Gertrud Kolmar hätte es wagen können, das Symbol der Symbole, die Rose, noch einmal auf diese Weise hervorzuholen, und mehr als das, sie als „ein Beet Sonette” zu ziehen, zwanzig an der Zahl. Ihnen voraus schickt sie ein Proömium. Ich zitiere es ganz, wie die schöne Gestalt ja nur als ganze ihren Sinn hat (und es kennt diese Gedichte ja doch kein Mensch):
Die schönen Wunder aus den sieben Reichen,
Die bald Zitronenfalter, groß an Stielen,
Bald Zwergflamingos, die in Büsche fielen,
Bald Muscheln sind aus zauberstillen Teichen,
O meine Rosen. Herzen. Mögt ihr bleichen,
Erschlafft, erschöpft von weißen Sonnenspielen,
Verzehrt vom Überschwang, dem Allzuvielen;
Tragt singend euch zu Grabe, süße Leichen!
Ich will euch doch vom lieben Zweig nicht trennen,
Euch nicht im engen, lauen Glase wissen,
Die kurze Spanne Blühn euch kunstreich dehnen.
O gut: an unermessnem Glanz verbrennen,
Statt, von der heißen Erde fortgerissen,
Ein langes schales Leben hinzusehnen.
Und nun steigen sie auf, zwanzig verschiedene Rassen: die Mulattenrose, die ihr braunes Antlitz nicht vor der Hitze schützt, sondern unbewegt dem „Sonnentrank” entgegenhält, „die schöne Mulde, drin er schwebend ruht”; die Kirschrose, die Marzipanrose, Rosen, die Kolmar „Uneingestandene Liebe”, „Traumsee” und „Schauspielerin” tauft oder „Rose in Trauer”:
Dann wächst ein Flüsterwort aus ihrem Schweigen,
Doch eh’ es Lauscher pflückten von den Zweigen,
Ist schon der Mund verschollen, der es sprach.
Weniges genügt, um den entzündeten Zustand dieser Gedichte zur Ernüchterung zu bringen, so dass sie sozusagen auf das Allgemeine ihrer anatomischen Figur zurückfallen. Wer ihnen begegnen will, muss ein gewisses Maß an eigenem Schwung mitbringen; er muss den Argwohn, der sofort gegen diese Süße wach wird, überwinden, und darf vor dem Klassischen der Form nicht zurückweichen: Denn anders kann ein solches Gebilde, das die Rose als in der Liebe erhöhte Frau anschaut, die Blätter als ihre grünen Hände, die Blüte als ihr Gesicht und immer das Rot, in allen seinen Schattierungen, als die Wangen- und Herzensglut, gar nicht sein.
„Weibliches Bildnis”, „Tierträume” und „Mein Kind” heißen drei der umfangreichsten Zyklen. Das Kind, wie man seit einiger Zeit weiß, ist das gewaltsam unterbliebene: Gertrud Kolmar hat mit etwa zwanzig Jahren eine Abtreibung gehabt; sie blieb unverheiratet und kinderlos. Liest man die Gedichte in „Mein Kind”, so kann man sich kaum gegen den Eindruck wehren: Wäre sie tatsächlich Mutter geworden, so hätte es dieses lyrische Werk wohl nicht gegeben, so sehr sind sie mit Sehnsucht getränkt; am meisten das unvergleichliche „Komm”, von dem ich, da es zu lang ist, wenigstens einen Teil anführen möchte:
O komm.
Du amethystenes Gewölbe großer Nacht.
O komm.
Du goldgestickte Decke über süßen Broten.
O komm.
Sternsamen, aus dem himmlischen Getreide rieselnd sacht.
O komm.
Du kupferdunkle Schlange, die mit Lebensgeifer spritzt die Toten.
O komm.
Du überm Alltag schwebende, verzückte Melodie.
O komm.
Ich möchte einmal dich mit Lippen fassen, eh’ ich sterbe.
O komm.
Du meine braune Rose. Solche gab es nie.
O komm.
Du samtner Taumund voll unsäglich süßer Herbe.
(...)
O komm.
Du Zauberspange, die der unverstandne Spruch durchflicht.
O komm.
Mein Haupt in Ruhe, meine Stirn in Schlaf zu schließen.
O komm.
Du blauer Brunnen, der aus jeder Blume eine schöne Iris bricht.
O komm.
Du Regenbogenweinen, grasgesäumtes Fließen.
(...)
Dieser Paukenton des Verlangens, stark wie der Herzschlag eines Wals, hat so viel Kraft, dass er – was in der deutschen Metrik fast ausgeschlossen scheint – die Herrschaft des Versakzents bricht, der nur betonte oder aber unbetonte Silben kennt und gnadenlos jede Zeile danach einrichtet. Ohne dass es ins „füllungsfreie” Knitteln regrediert, begründet das Gedicht einen anderen, einen freien Rhythmus.
In jeder Strophe scheint die Pauke auf eine andere Tonart gestimmt, höher oder tiefer, und es entsteht eine Art von sprachlicher Musik - viel zu sehr jedoch ins Sprachliche eingesenkt, um die eigentlich musikalische Umsetzung zu ermutigen oder auch nur zu dulden (so wenig, wie ein Gebäude, das selber Kunst ist, noch „Kunst am Bau” zulässt). Dennoch wird gerade so die alte gemeinsame Urheimat erahnbar, aus der irgendwann einmal Musik und Sprache fortgezogen sind, um, geschieden und je für sich, in ihren jetzigen Bereichen zu hausen wie im Exil. Manchmal trifft man das in einem Lied; in einem Werk der Sprache ganz selten.
Ach, man weiß überhaupt nicht, wo man anfangen soll. Immer sind die Verse lang, damit sie die Fülle der angeschauten und ausgedachten Welt aufnehmen können, immer dient diese Länge einem lebhaften und feinen Gefühl für den Rhythmus als sein Sprungbrett und Resonanzboden, und immer organisieren sich diese Gebilde strophisch. Alles an ihnen verlangt danach und ermuntert dazu, sie auswendig zu wissen – was zuletzt die einzig angemessene Weise darstellt, sich zu ihnen zu verhalten; denn die Schönheit will, dass sie auf dem Samtkissen des Gedächtnisses ruht. Weil sich aber jeder, spätestens wenn er sich entschließt, etwas auswendig zu lernen, für seine Lieblingsstücke erklären muss, so halte ich mich an „Das Preußische Wappenbuch”.
Der Titel klingt wenig verheißungsvoll. Seine Quelle ist unscheinbar, ganz dem zurückgezogenen Leben der Gertrud Kolmar in einem halb ländlichen Berliner Villen-Vorort bei ihren Eltern und als Sekretärin ihres Vaters, eines Rechtsanwalts, angemessen: Es handelt sich um Sammelbildchen, die den Kaffee-Hag-Packungen beigegeben waren. So etwas sammelte man in den Zwanziger und Dreißiger Jahren gern und klebte es in Alben ein.
Die vorliegende Werkausgabe stellt, was zuvor offenbar nicht opportun war, den alten Titel des Buchs wieder her, der vorher etwas verlegen in „Alte Stadtwappen” verallgemeinert worden war, ebenso das Arrangement der Gedichte nach preußischen Provinzen, einschließlich der schon, als die Gedichte entstanden, an Polen verlorenen Gebiete Posen und Westpreußen.
Mehr als diese Hag-Bildchen brauchte Gertrud Kolmar nicht, um - so sehe ich es - den Höhepunkt deutscher Lyrik überhaupt zu schaffen. Eines wenigstens von diesen Gedichten (es sind 53) soll vollständig hier erscheinen.
Wappen von Hundsfeld
In blauem Grunde, auf grünem Rasen sitzend,ein silbriger Hund mit goldenem Halsband.
Ein Irrer treibt in öden Tälern
Den hagren Stock durch Gras und Moos;
Er rastet gern bei Totenmälern
Und lässt die Beter niemals los.
Von Gram und Wahnsinn wallt sein Mund;
Er stammelt zart und fürchterlich:
„Beschenke mich. Beschenke dich.
Bedenke auch den kleinen weißen Hund.”
Dich fleht an schwerer Deichselstange
Der kranke, altgepeitschte Gaul,
Dich grüßt am Rain die arme Schlange,
Der blauen Rade Kelch im Maul,
Und klingend ihrer Sterne Grund
Enthebt ein helles Zittern sich:
„Beklage mich. Beklage dich.
Beklage auch den kleinen weißen Hund.”
Dem Menschen nahten fromme Leute,
In nackter Hand den Labequell;
Sie heilten grindzerrissne Häute
Und mieden wundgelittnes Fell,
Und selten trat in ihren Bund
Ein Bitten, das an Stricken schlich:
„Erlöse mich. Erlöse dich.
Erlöse auch den kleinen weißen Hund.”
Was ist ein Wappen? Es ist ein Zeichen des Siegs über die Natur; ein altes Zeichen. Sie bettet sich als Emblem in seine Fläche wie ein Insekt in die Tiefe des Bernsteins. Dort bleiben sie aufbewahrt, alle die Leuen, Greife, Ure und Aare, die es frei und lebendig schon lang nicht mehr gibt, erstarrt und doch unversehrt bis ins Kleinste. Von dort ruft sie Gertrud Kolmar hervor, um ungeschehen zu machen, was ihnen angetan wurde. Es genügt schon, wenn das gefangene Wesen „bedacht” wird, und es beginnt sich zu regen: Ein Wunder, wie das Gedicht selbst sagt, „zart und fürchterlich”, wie wenn man durch den Rahmen eines kleinen gemalten Bildes in es selbst einträte, eine unbestimmt alte Welt, in der es keine Abgrenzungen gibt und der Begriff des Horizonts keinen Sinn hat.
Kinder gehen so in die Welt des Märchens ein, ins Reich der redenden Tiere. Aus ihrer Rede empfängt die Sprache des Märchens ihren besonderen Ton, in ihrer Lieblichkeit und ihrem Schauerlichen. Märchen, man mag sagen was man will, sind das deutsche Geschenk an die Welt gewesen; Märchen sind es, die Gertrud Kolmar dem strengen Schild entbindet.
Aber als ihr Ebenbild in der Natur lieben die Wappengedichte den Spiegel der Gewässer. Wie dieser sind auch sei plan und nehmen doch alle Elemente in sich auf, das Licht des Himmels so gut wie den Reflex des Ufers samt Häusern und Pflanzen, und die Bewohner des Grundes tauchen an seine Oberfläche empor; diese Wappenwesen gehen, schwimmen und fliegen zugleich. Der blaue Schild vereint alles in sich.
„Komm, guter Fisch”, bitten die Kinder der Stadt im Gedicht „Wappen von Nauen” - eine höchst doppelsinnige Anrede, denn heißt gut nicht auch schmackhaft? Aber sie füttern ihn mit Weiß- und Schwarzbrot und Maiskörnern, das sie vom Boot aus in die Spiegelung der Schule und des Amtshauses einschließlich seines Uhr-Zifferblatts werfen, sie widerrufen alle Angelschnüre, und das Gedicht schließt: „Grab’ dich in Sonnenhaare, stahlblauer Flossenkamm - / Komm, lieber Fisch, wir bitten, Kinder der Stadt.” So wird der kleine Schild des Wappens zu etwas, als das er sich in seiner zeichenhaften Spröde zuvor nie erkennen ließ: einem Bild der Versöhnung.
Fast gewaltsam muss ich der Fülle dieser Gedichte, die sich zudrängen, ein Ende setzen. Von der schönen neuen Ausgabe des Wallstein-Verlags erhoffe ich dies: dass sie den Weg dafür freimacht, die völlig einzigartige Stellung dieses lyrischen Werks zu erkennen; dass sie hilft, die elende Vergleicherei zu beenden, die bislang selbst die Wohlmeinenden nicht lassen können, wenn sie die Dichterin sei es neben Rilke, sei es in die Reihe der jüdischen oder weiblichen oder sonstigen Autoren stellen, als müsste sie froh sein, als auch so eine wahrgenommen zu werden; und dass die konjunkturellen Schwankungen, denen sie bislang unterworfen war, aufhören mögen, damit Gertrud Kolmar endlich als der Fixstern am Himmel der deutschen Literatur hervortritt, der sie in Wahrheit ist.
BURKHARD MÜLLER
GERTRUD KOLMAR: Das lyrische Werk. Herausgegeben von Regina Nörtemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2003. Drei Bände, zus. 1224 Seiten, 98 Euro.
Gertrud Kolmar
Foto: Wallstein Vlg.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.01.2006

Mit Türmen gegürtet
Späte Ankunft: Gertrud Kolmars Werk in kritischen Ausgaben

Groß war das Erstaunen, als die Mauer des Verschweigens zerbröckelte, hinter die das Hitler-Regime die Dichtung der 1894 in Berlin geborenen und 1943 im Vernichtungslager Auschwitz verschollenen Jüdin Gertrud Kolmar (Chodziesner) verbannt hatte. Ihr "phänomenales lyrisches Talent" rühmte Annemarie Suhrkamp, die einen Gedichtband lektorierte, in einem Brief an ihre Schwester Ina Seidel aus dem Dezember 1946. Allerdings hatte Ina Seidel, wie Gertrud Kolmars Cousin Walter Benjamin und wie Elisabeth Langgässer, schon im Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg die enorme dichterische Kraft der Lyrikerin erkannt.

Es fehlte im Anschluß an die Suhrkamp-Sammlung "Welten" von 1947 nicht an Auswahlbänden (von Hermann Kasack, Friedhelm Kemp, Hilde Wenzel, der Schwester, Uwe Berger und anderen). Aber es mußten noch sechs Jahrzehnte vergehen, bis das Werk Gertrud Kolmars in zuverlässigen, kritischen Ausgaben greifbar war. Die verlegerische Ernte fährt vor allem der Göttinger Wallstein Verlag ein. Außer der Erzählung "Susanna" (Jüdischer Verlag 1993) liegen nun bei Wallstein vor: Briefe (1997 herausgegeben von Johanna Woltmann), der Roman "Die jüdische Mutter" (1999, vorher unter dem Titel "Eine Mutter" erschienen) sowie, herausgegeben von Regina Nörtemann, das lyrische Werk in zwei Bänden und ein Kommentarband, nun auch ein Band mit Dramen Gertrud Kolmars. Die Deportierte und Verschollene ist endlich in der deutschen Literatur ganz angekommen.

An dem landläufigen Urteil, daß der Hauptpfeiler der Dichtung Gertrud Kolmars die Lyrik sei, wird auch in Zukunft kaum zu rütteln sein. Aber einige Stützen der Argumentation sind doch weggebrochen. Die nun veröffentlichten dramatischen Texte verraten ein Talent, das sich hätte entwickeln lassen, hätte die Autorin Bühnenerfahrungen sammeln können. Mit der Düsseldorfer Uraufführung ihrer "Legende" um den römischen Kaiser Tiberius, den Nachfolger von Kaiser Augustus, debütierte im Jahr 2000 endlich auf der deutschen Bühne ein Drama, das mit vorzüglichen Kommentaren bereits 1994 in einer italienischen Übersetzung erschienen war.

Der Band "Frühe Gedichte" dokumentiert den Aufbruch der Dichterin seit dem Jahr 1917. Sie geht bei der lyrischen Tradition in die Schule, mit Reimgedichten im Ton des Volkslieds und seiner Erben, mit einer bunten Palette von Themen und Formen, die vom Wiegenlied, Trinklied, Soldatenlied und von Umkreisungen des Tanzmotivs bis zu jugendlichen Stemmübungen an dem noch zu schweren Thema "Zeit und Ewigkeit" reicht. Dann plötzlich, wohl zu Anfang der zwanziger Jahre, endet das Spiel der Fingerübungen; die Lyrikerin durchstößt die Eierschalen der Tradition, ein neuer Ton und ein neuer Rhythmus brechen sich Bahn in reimlosen Gedichten des Zyklus "Napoleon und Marie". Gertrud Kolmar hat eines ihrer großen Themen gefunden.

Von 1927 an datiert Regina Nörtemann ihre reife Lyrik. Formkraft erprobt sich im "Preußischen Wappenbuch", das noch in Teilen 1934 in V. O. Stomps "Rabenpresse" erscheinen konnte: dichterische Improvisationen über eine Sammlung von Wappenbildern aus preußischen Provinzen. Der Zyklus wirkt wie eine Auftragsarbeit. Auf dem Hintergrund der wesentlichen Gedichte Gertrud Kolmars aber zeichnen sich - mehr oder weniger verschlüsselt - existentielle Erfahrungen ab. Wenigstens drei Hauptkomplexe seien umrissen: das Mutter-Kind-Verhältnis, das Stigma des Jüdischseins und die Geschichtsepoche der Französischen Revolution.

Von den frühen bis zu den späten Gedichten zieht sich durch das Werk wie ein Basso ostinato ein Ton der Sehnsucht nach dem Kind, die Klage einer Kinderlosen. Eines der Gedichte ("Die Gesegnete") wird genauer: "Ich darf dich nicht gebären." Man weiß von einem wahrscheinlich 1915 vom Elternhaus erzwungenen Schwangerschaftsabbruch bei der ledigen (auch unverheiratet gebliebenen) Gertrud Kolmar. Natürlich machen wir uns keinen einfachen Reim mehr auf Gedichte nach Art der biographischen Deutung des neunzehnten Jahrhunderts. Aber ohne die traumatischen Erlebnisse, ohne die tief im Unterbewußtsein fortschwärenden Wunden der um ihr Kind Gebrachten sind die dauernde Wiederholung des Entbehrungsmotivs und die ungeheure Intensität des dichterischen Ausdrucks nicht zu verstehen. Nur führt der Weg von der Erfahrung zur dichterischen Fiktion eben über viele Vermittlungsstufen. Das gilt auch für die Gedichte, in denen Gertrud Kolmar die zunehmend brutale Ausgrenzung und die Verfolgung der Juden, deren Opfer sie selbst in Berlin wird, ihr vielfach gebrochenes Echo finden läßt.

Das Gedicht "Wir Juden" im Zyklus "Das Wort der Stummen" wählt die Sprache des Bekennens: ". . . Ich liebe dich, ich liebe dich, mein Volk / . . . So wie ein Weib den Gatten, der am Pranger steht, am Kolk, / Die Mutter den geschmähten Sohn nicht einsam sinken läßt . . ." Oft aber verbirgt sich das Gewappnetsein für die tägliche Demütigung hinter dem Schleier des dichterischen Bildes: "Ich bin fremd. / Weil sich die Menschen nicht mehr zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein" ("Die Jüdin"). Aus dem Jahr 1937 stammt eine Gruppe von Texten, die Gertrud Kolmar selbst "religiöse Gedichte" genannt hat (zum Beispiel "Mose im Kästchen" oder "Esther"). Scharf zeichnet sich der Bruch zwischen den frühen und den späten in reimlosen Langversen geschriebenen oder an Hölderlinsche freie Rhythmen erinnernden Gedichten ab. Das elegische Sprechen braucht Weite, um sich auszuströmen.

Seit dem Zyklus "Napoleon und Marie" hat die Epoche der Französischen Revolution und der Nachrevolutionszeit ihre Bannkraft für die Dichterin nicht mehr verloren. Wählte sich Georg Büchner zum dramatischen Helden Danton, so spitzt sich das Interesse Gertrud Kolmars ganz auf Robespierre zu. Einzelgedichte und ein ganzer Zyklus tragen den Titel "Robespierre". Auch ihr Versuch, das Negativbild der meisten Historiker zu widerlegen, im umfangreichen Essay "Das Bildnis Robespierres", deutet auf eine sich steigernde Befrachtung dieser Gestalt mit Sinn. In ihrem Schauspiel "Cécile Renault" tritt dann auch in die sinnliche Erscheinung, was Gertrud Kolmar im "Unbestechlichen", im großen "Gerechten" sieht: den messianischen Erlöser. Sucht jüdische Sehnsucht nach der Ankunft des Messias hier vielleicht eine Modellfigur in der europäischen Geschichte, die schon Umrisse des Messias vorwegnimmt?

Es fällt uns heute nicht leicht, zu begreifen, wie in dieses Bild Robespierres die Guillotine passen soll, seine Verantwortung nicht nur für die Hinrichtung des französischen Königs, sondern auch so vieler Revolutionsgefährten von einst. Noch unheimlicher geworden sind uns die Fanatiker der Tugend, die Fundamentalisten messianischen Glaubens, die ihr Idealreich über Berge von Leichen errichten wollen. Gertrud Kolmar selbst wurde zum Opfer nationalen und rassischen Erlösungswahns. Blieb ihr dennoch inmitten des Schreckens der Denker Robespierre eine Symbolgestalt des Gerechtigkeitsdenkens?

Fragen, mit denen uns das Werk Gertrud Kolmars unerbittlich konfrontiert und beunruhigt. Denn wer sich in dieses dichterische Werk einläßt, in den schlägt es seine Widerhaken. Große Poesie ist dieses Werk in seinen besten Teilen. Endlich liegt es uns vor, in Bänden, durch die uns die Kommentare und Nachworte Regina Nörtemanns sicher geleiten. Nun liegt die Initiative beim Lesepublikum.

WALTER HINCK

Gertrud Kolmar: "Das lyrische Werk". Herausgegeben von Regina Nörtemann. 3 Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2003. 1232 S., geb., 98,- [Euro].

Gertrud Kolmar: "Die Dramen". Herausgegeben von Regina Nörtemann. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 296 S., geb., 38,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Auswahlbände mit Texten von Gertrude Kolmar gab es zwar etliche, aber erst jetzt liegt ihr Werk in "zuverlässigen, kritischen Ausgaben" vor, freut sich Walter Hinck. In seiner Kritik der von Regina Nörtemann herausgegebenen dreibändigen Lyrikedition konzentriert sich der Rezensent vornehmlich auf die Gedichte, die als "Hauptpfeiler" ihrer literarischen Arbeit gelten. Die 1894 in Berlin geborene Autorin, die vermutlich 1943 in Auschwitz ermordet wurde, galt schon ihren früheren Herausgebern als "phänomenales lyrisches Talent", teilt Hinck mit. Über die frühen Gedichte, die seit 1917 entstanden, bis zum lyrischen Spätwerk lässt sich eine Entwicklung vom der Tradition verpflichteten gereimten Gedicht bis zu reimlosen, in freien Rhythmen schwingenden Versen beobachten, so der Rezensent, der als Hauptthemen dieser Lyrik das "Mutter-Kind-Verhältnis", die jüdische Identität und schließlich die Französische Revolution ausmacht. Besonders eindrücklich ist Hinck der "Ton der Sehnsucht nach einem Kind", der sich wie ein "Basso ostinato" durch die Gedichte zieht, wie er feststellt. Etwas seltsam mutet ihm dagegen die Verherrlichung der Figur des Robespierre als "messianische" Erlöser-Figur an, die dem heutigen Leser, nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit Hitler, "noch unheimlicher geworden" sind, wie der Rezensent meint. Dennoch, alles in allem ist das literarische Werk Kolmars "große Poesie", preist Hinck, der auch die Kommentare und das Nachwort der Herausgeberin als erhellend würdigt.

© Perlentaucher Medien GmbH
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