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Ein Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak wird der Erzähler in Bagdad von einem Unbekannten kontaktiert. Der ehemalige Leutnant der US-Armee war während des zweiten Golfkriegs an der Tötung wehrloser irakischer Soldaten beteiligt. Nun möchte er dem Erzähler ein Heft übergeben, in dem die Träume und Wünsche jener Soldaten verzeichnet sind - er will Buße tun und die Namen der Opfer vor dem Vergessen retten. In seinem neuen großen Roman über Freundschaft, Verrat und Schuld zeigt Najem Wali, wie leicht und blind sich die Geschichte wiederholt - und wie man mit Literatur dagegen ankämpfen kann.…mehr

Produktbeschreibung
Ein Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak wird der Erzähler in Bagdad von einem Unbekannten kontaktiert. Der ehemalige Leutnant der US-Armee war während des zweiten Golfkriegs an der Tötung wehrloser irakischer Soldaten beteiligt. Nun möchte er dem Erzähler ein Heft übergeben, in dem die Träume und Wünsche jener Soldaten verzeichnet sind - er will Buße tun und die Namen der Opfer vor dem Vergessen retten. In seinem neuen großen Roman über Freundschaft, Verrat und Schuld zeigt Najem Wali, wie leicht und blind sich die Geschichte wiederholt - und wie man mit Literatur dagegen ankämpfen kann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/24485
  • Seitenzahl: 349
  • Erscheinungstermin: 17. März 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 149mm x 30mm
  • Gewicht: 540g
  • ISBN-13: 9783446244856
  • ISBN-10: 3446244859
  • Artikelnr.: 40120627
Autorenporträt
Wali, Najem
Najem Wali, 1956 im irakischen Basra geboren, flüchtete 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. Heute lebt er als freier Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Kulturkorrespondent der bedeutendsten arabischen Tageszeitung Al-Hayat und schreibt regelmäßig u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit. Von Sept. 2016 bis Aug. 2017 war er Grazer Stadtschreiber. Bei Hanser erschienen zuletzt sein Roman Bagdad Marlboro (2014), für den er mit dem Bruno-Kreisky-Preis 2014 ausgezeichnet wurde, sowie Bagdad (Erinnerungen an eine Weltstadt, 2015) und Saras Stunde (Roman, 2018).

Fähndrich, Hartmut
Hartmut Fähndrich, 1944 geboren, übersetzte u.a. Ghassan Kanafani, Nagib Machfus und Ibrahim al-Koni. Er erhielt u.a. den Übersetzerpreis der Stadt Bern und den Übersetzerpreis der Arabischen Liga. http://www.hartmutfaehndrich.ch/Seiten/biografisches.htm
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit großem Interesse hat Rezensent Stefan Weidner den vierten Roman des in Basra geborenen und in Berlin lebenden Schriftstellers Najem Wali gelesen. Der Kritiker betont, dass dieses Buch aus der Vielzahl von Irak-Kriegsromanen hervorsteche, da Wali seine Erzählung vom iranisch-irakischen Krieg Anfang der achtziger Jahre über die Kämpfe in Kurdistan und den Kuweit-Krieg bis zum amerikanischen Einmarsch und dem grausamen Nachkrieg ausweite: Weidner liest die Geschichte zweier Freunde, die sich über die Liebe zur Poesie kennenlernen, der eine Iraker, der andere Amerikaner, und die beide zu Mördern werden. Der Rezensent bewundert die Gabe des Autors, sich in seine zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren einzufühlen, dabei umfangreiche Nebenerzählungen nach dem Prinzip von "Tausendundeine Nacht" einzubinden und dennoch die Geschichte seines spannenden Romans nie aus den Augen zu verlieren. Darüber hinaus erhält Weidner hier tiefe Einblicke in den qualvollen Alltag der Iraker und liest neben den eingeflochtenen Gedichten von Sargon Boulus auch einiges über die Geschichte des Whistleblowers Bradley Manning.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 06.09.2017
NEUE TASCHENBÜCHER
Zweigeteiltes
Leben
Bagdad ist Najem Walis Sehnsuchtsort. Angefangen hat diese Leidenschaft mit ein paar Postkarten in Schwarzweiß, die sein Vater von den Fahrten mit seinem weißen Chevrolet aus Bagdad mitbrachte – damit weckte er die Neugier seines damals sechsjährigen Sohnes. Doch Bagdad, das war zugleich eine Stadt, wo sich Foltergefängnisse neben Moscheen oder hinter einem Theatersaal versteckten. Das sollte Wali, der der diktatorisch herrschenden Baath-Partei nicht beitreten wollte, noch erfahren. Der Exil-Iraker erzählt von seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit im Irak und zoomt dabei diese ferne Stadt ganz nah heran. Von kuriosen Begegnungen, die wie zufällig immer wieder etwas mit seinem späteren Zufluchtsort Deutschland zu tun hatten. Bis zu jenem 10. Oktober 1980, als er sein Land verließ. Heute lebt der Autor, der in Bagdad Germanistik studierte, in Berlin. Zwischen den Zeilen der Übersetzung von Hartmut Fähndrich spürt man noch die Weisen arabischer Erzählkunst. „Ich bin zweigeteilt“, schreibt der heute 60-jährige Wali, „ein Najem, der in Bagdad lebt, und ein anderer, der weit weg lebt. Und nur auf diese Art existieren wir beide.“ MICHAELA METZ
Najem Wali: Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. dtv, München 2017. 413 Seiten, 14,90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 07.06.2014
Henkersknecht, geh in dein Kaff zurück!

Ein Roman, der uns die Augen über unsere Gegenwart öffnen will: Najem Wali fragt in "Bagdad Marlboro" nach Schuld und Sühne in seiner von Diktatur und Krieg zerrissenen Heimat Irak.

Ein Zyniker könnte behaupten, dass die brutale Geschichte des Iraks ein Segen für die Literatur der Gegenwart ist; und zugleich fragt man sich, ob die Kritiker, die die Irak-Kriegsliteratur gut finden, Zyniker sind. Das Spektrum derartiger Romane ist breit, selbst wenn man nur das nimmt, was mittlerweile auf Deutsch vorliegt. Es reicht von den irakischstämmigen Autoren, die auf Deutsch schreiben, wie Abbas Khider ("Die Orangen des Präsidenten") und Hussain al-Mozany ("Der Marschländer"), über den Syrer Fawwaz Haddad ("Gottes blutiger Himmel"), einen deutschen Autor wie Thomas Lehr ("September") oder den Amerikaner und Irak-Veteranen Kevin Powers ("Die Sonne ist der ganze Himmel") bis zu denjenigen Irakern natürlich, die auf Arabisch schreiben.

Einer der hierzulande bekanntesten Autoren, die in diese Reihe gehören, ist Najem Wali, 1956 in Basra geboren, Anfang der achtziger Jahre zum Studium nach Deutschland gekommen und in Berlin lebend. Mit "Bagdad Marlboro" ist jetzt sein vierter Roman bei Hanser erschienen, diesmal in der flott lesbaren Übersetzung von Hartmut Fähndrich, dem Altmeister der arabisch-deutschen Prosaübersetzung.

Anders als die meisten Irak-Romane, die sich in der Regel auf nur einen der vielen Kriege Saddam Husseins konzentrieren, schlägt Najem Wali einen weiten Bogen: vom iranisch-irakischen Krieg Anfang der achtziger Jahre und den Kämpfen in Kurdistan, wo sich die beiden Hauptfiguren des Romans kennenlernen, der namenlose Ich-Erzähler und der poète maudit Salman Madi; bis zum amerikanischen Einmarsch in Bagdad und dem viel schlimmeren Nachkrieg. Auch der Prozess gegen den amerikanischen Armeeangehörigen und "Whistleblower" Bradley Manning spielt im Roman eine Rolle.

Der Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist aber der Kuweit-Krieg von 1991. Wali verknüpft hier die Geschichte der beiden Iraker mit denen zweier Amerikaner: Daniel Brooks, der von seinem Vorgesetzten zum kaltblütigen Mord an irakischen Kriegsgefangenen gezwungen wird, und dem von Salmans Einheit gefangen genommenen David Barbiero, der bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt. Salman und David waren sich über die Liebe zur Poesie nahgekommen und hatten als Geste der Freundschaft Zigaretten getauscht: die irakische Marke "Bagdad" gegen "Marlboro".

Der Titel des Buchs ist eine Reminiszenz an den Erzählband "Sarajevo Marlboro" des Kroaten Miljenko Jergovic; er hätte auch "Schuld und Sühne" lauten können, womit die zentralen Motive des Buchs benannt wären. Denn keinem, auch der reinsten Seele nicht, gelingt es, im irakischen Schlamassel die Unschuld zu bewahren. Selbst der immer gut gelaunte "Smiley Man" Daniel und der manisch-depressive Salman werden zu Mördern, ebenso wie am Ende der bis dahin das Geschehen eher aus der Distanz verfolgende Ich-Erzähler, der sich in Form der erlebten Rede in alle seine Nebenfiguren erstaunlich gut einzufühlen vermag.

Bei den ermordeten Kriegsgefangenen findet Daniel einen Brief Salmans, der an den Erzähler gerichtet ist. Als er zwölf Jahre später im Fernsehen die Berichte vom Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sieht, beschließt er, seine Schuld zu sühnen, indem er für die irakischen Opfer sammelt und den Brief an den Adressaten aushändigt. Kaum im Irak angekommen, wird er entführt, und der Adressat, unser Erzähler, sieht sich vor die Wahl gestellt, ihn zu ermorden oder selbst dran zu glauben.

Dieser Plot wird mit großem Aufwand und zahlreichen Nebenfiguren im Prinzip chronologisch erzählt; der Leser lasse sich durch die zahlreichen Verästelungen und überbordenden Erzählerkommentare nicht in die Irre führen. Spannung entsteht durch den ständigen Aufschub des Hauptstrangs in Gestalt von Nebenerzählungen - das gute alte Prinzip der Märchen von "Tausendundeine Nacht". Das ist wie ein Strom, der viel Geröll mit sich führt und natürlich doch nur ins Meer mündet: Interessant ist das Geröll, nicht die Ankunft im Meer.

Man erfährt bei Wali viel über den Irak seit den achtziger Jahren, über die wechselnde Befindlichkeit der Iraker, über den Fluch, der über dem Land liegt, über die Gewalt in Gestalt von Diktatoren, Invasoren und schließlich in der waffenstarrenden Anarchie der Gegenwart der einfachen Iraker. Man erlebt den quälenden Alltag mit Straßensperren und der ständigen Gefahr von Entführung, Mord, Anschlägen.

Man liest aber auch über die Suche nach Liebe, das Leben in den Bars und Cafés, den Fluchtpunkt Poesie. Egal, was geschieht, stets werden die Verse des irakischen Dichters Sargon Boulus (1944 bis 2007) zitiert, mit denen die Iraker ihren Trotz gegen Gewalt und Willkürherrschaft ausdrücken: "Du Henkersknecht, geht doch in dein Kaff zurück. Wir jagen dich zum Teufel und schmeißen dich aus Amt und Würden."

Fast wundert man sich, dass es dem Autor am Ende gelingt, seinen Sack voller Geschichten zuzumachen. Bis es so weit ist, müssen noch einige Iraker mehr sterben. Es gehört zu den Erkenntnissen, die man aus der Lektüre zieht, dass die Realität, jedenfalls im Irak, womöglich wilder ist als der phantasievollste Autor sich auszumalen vermag. Oder sitzen wir bei dieser Erkenntnis nur einer Kolportage auf? Der Erzähler in "Bagdad Marlboro" jedenfalls hebt seinen Bericht auf die Stufe der Militärgeheimnisse, die Bradley Manning an Wikileaks verraten hat, und so wird Manning vom Verräter, als der er verurteilt wurde, seinerseits zum Autor und dann von seinem Kollegen wie folgt angeredet: "Werden sie mir auch Verrat vorwerfen? Sei's drum. Zwei wie wir, Sie und ich, lassen sich doch nicht durch Gefängnis oder Haft von ihrem Vorhaben abbringen. Unsere Stärke liegt in der Einsamkeit. Wir haben Geschichten genug."

Man wüsste gern, was Manning der sich als Frau fühlt und deshalb seinen Vornamen rechtskräftig in Chelsea abgewandelt hat, zu dieser Metamorphose sagt, die Najem Wali hier vorgenommen hat. Zu fünfunddreißig Jahren Haft verurteilt, dürfte Chelsea Manning finden, dass zumindest die Risiken bei Verräter und Erzähler sehr ungleich verteilt sind. Da wir keine Zyniker sein wollen, wünschen wir inständig, dass die Zukunft des Iraks anders aussieht als diese Gegenwart, über die uns die Literatur die Augen öffnen will.

STEFAN WEIDNER

Najem Wali: "Bagdad Marlboro". Roman.

Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Carl Hanser Verlag, München 2014. 350 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"So großartig wie Najem Wali in diesem bedrückenden Epos die großen Themen der Literatur behandelt: Liebe und Einsamkeit, Freundschaft und Verrat, Schuld und Sühne, Leben und Tod, zeigt sich erneut, was er im Kern ist: Autor einer Prosa von Weltrang." Ingo Arend, taz, 05.06.2014 "'Bagdad Marlboro' ist ein Antikriegsroman, der sich mit Erich Maria Remarques 'Im Western nichts Neues' messen kann, auch wenn sich die Kriege nicht mehr so einfach erzählen lassen." Meike Fessmann, Der Tagesspiegel, 29.04.14 "'Bagdad Marlboro' ist ein anspruchsvoller, packender Kriegsroman, der den Leser herausfordert - mit seiner literarischen Raffinesse, aber auch wegen der deprimierenden Perspektive, die er bietet." Karl-Markus Gauss, Süddeutsche Zeitung, 07.05.2014 "Najem Wali beschreibt eine von Schuld und Gewalt durchtränkte, von Traumata gelähmte und innerlich zersetzte Gesellschaft." Andreas Pflitsch, Neue Zürcher Zeitung, 29.04.14 "Wali [...] schildert Charaktere, die Hamlets poetisches Zögern verinnerlicht haben, er zeigt uns willensstarke Frauen, die Martyrien auf sich nehmen, er führt uns durch das Labyrinth eines vielschichtigen Landes." Norbert Mayer, Die Presse, 26.04.14 "Man wünscht sich, dass Najem Wali nicht ablässt, auf poetische Weise Zeugnis der gewaltigen Umbrüche im Irak zu geben und beharrlich weiter arbeitet an der Schaffung seines eigenen geschichtenreichen Archivs." Sigrid Brinkmann, Deutschlandradio Kultur, 22.04.14 "In der spiraligen Struktur des Romans offenbart sich Najem Walis ganze formale Meisterschaft. Ein großer Kriegsroman ist ihm damit gelungen." Sigrid Löffler, Salzburger Nachrichten, 05.04.14 "Wali möchte all jene Geschichten hörbar machen, die 'noch keine Zunge erzählt hat'. Der Roman - der als elegisches Mahnmal und wütendes j'accuse zugleich funktioniert - ist deshalb auch dem ehemaligen US-Soldaten Bradley Manning gewidmet." Claudia Kramatschek, SWR2, 12.05.14 "so großartig wie Najem Wali in diesem bedrückenden Epos die großen Themen der Literatur behandelt: Liebe und Einsamkeit, Freundschaft und Verrat, Schuld und Sühne, Leben und Tod, zeigt sich erneut, was er im Kern ist: Autor einer Prosa von Weltrang." Ingo Arend, die tageszeitung, 05.06.14 "Najem Wali erzählt in seinem packenden Kriegsroman "Bagdad Marlboro" von zwei eigentlich friedfertigen Freunden, die zu Kriegsverbrechern werden - und von der nicht endenden Gewaltspirale in seiner irakischen Heimat"..."Alle Romane Najem Walis sind hochkomplexe literarische Konstruktionen"..."Bagdad Marlboro ist ein anspruchsvoller, packender Kriegsroman, der den Leser herausfordert - mit seiner literarischen Raffinesse, aber auch wegen der deprimierenden Perspektive, die er bietet."..."Der Roman ist ein Versuch, die Kette der Gewalt aufzubrechen, indem von dem erzählt wird, was die Menschen getan haben und was ihnen angetan wurde." Karl-Markus Gauß, Süddeutsche Zeitung, 07.05.14…mehr