Sara - Ramírez, Sergio
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Der Roman Sara erzählt die Geschichte der biblischen >Erzeltern Stammvater Abraham oder John Milton, die biblische Themen als Vorlage nahmen. Mit grosser historischer Detailtreue lässt Ramírez vor den Augen der Leser*innen die Alltagswelt Mesopotamiens im Altertum erstehen und gebraucht dabei eine Erzähltechnik, die mit Elementen der Verfremdung Distanz schafft und die Rolle…mehr

Produktbeschreibung
Der Roman Sara erzählt die Geschichte der biblischen >Erzeltern< Sara und Abraham, die in der Tradition über Jahrhunderte den >Stammvater Abraham< in den Mittelpunkt stellte, aus der Sicht von Sara und gesellt sich somit zu den Werken anderer grosser Autoren wie José Saramago, Jorge Luis Borges oder John Milton, die biblische Themen als Vorlage nahmen. Mit grosser historischer Detailtreue lässt Ramírez vor den Augen der Leser*innen die Alltagswelt Mesopotamiens im Altertum erstehen und gebraucht dabei eine Erzähltechnik, die mit Elementen der Verfremdung Distanz schafft und die Rolle beziehungsweise das Verhalten der verschiedenen Protagonisten aus unterschiedlichen Perspektiven darstellt. Anstelle von Abraham rückt bei Ramírez Sara in den Mittelpunkt der Handlung, eine resolute, selbstbewusste, listige Frau, die das Handeln ihres Mannes Abraham und auch das Handeln des >Zauberers< - Ramírez' Name für Gott - nicht einfach hinnimmt, sondern hinterfragt und sich dagegen auflehnt. Als Abraham dem >Zauberer< in blindem Gehorsam seinen einzigen Sohn Isaak opfern will, ist es Sara, die den Jungen vom Altar reisst, als ihr Mann sich anschickt, ihn im Opferritus zu töten. Zwar hält sich Ramírez nicht sklavisch an die biblische Vorlage, die wichtigsten Motive der überlieferten Legende bilden jedoch den Handlungsrahmen: Saras anfängliche Kinderlosigkeit, Abrahams Zeugung von Ismael mit Hagar, Saras Sklavin, die Zerstörung von Sodom und Gomorrha und Lots Flucht aus der Stadt, bei der seine Frau zur Salzsäule erstarrt. Dabei ist die Darstellung von Sara und der anderen handelnden Personen geprägt von dem für Ramírez charakteristischen hintergründigen Humor, der es meisterhaft versteht, die Balance zu halten zwischen dem Tragischen und dem Komischen im menschlichen Leben, der >Comédie< und der >Tragédie humaine<.
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition 8
  • Seitenzahl: 214
  • Erscheinungstermin: Juni 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 133mm x 21mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783859904156
  • ISBN-10: 3859904159
  • Artikelnr.: 60738719
Autorenporträt
Sergio Ramírez Mercado (*1942) stammt aus Nicaragua und ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Erzähler Lateinamerikas. In den vergangenen nahezu 50 Jahren hat er ein umfassendes erzählerisches Werk vorgelegt. 2017 erhielt er den spanischen Premio Cervantes, von vielen als der spanische Literaturnobelpreis bezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.10.2021

Manchmal lacht man, wenn man sich fürchtet
Literarische Rückgriffe aufs Alte Testament sind typische Krisenbewältigungsstoffe: Auch der nicaraguanische Autor Sergio Ramírez hält es bei seinem Roman "Sara" so

Madrid, Casa de América, Mitte September. Das Publikum erhebt sich von seinen Plätzen und klatscht minutenlang Beifall, als Sergio Ramírez den Saal betritt. Der Applaus gilt nicht nur dem - neben Mario Vargas Llosa - letzten Repräsentanten des als "Boom" bezeichneten Welterfolgs lateinamerikanischer Literatur, sondern auch dem Homo politicus Ramírez: Mitgründer der Befreiungsfront, die den Diktator Somoza aus Nicaragua vertrieb, Vizepräsident und Außenminister der Sandinisten und graue Eminenz des Widerstands gegen seinen Ex-Kampfgefährten Daniel Ortega, der die Revolution usurpierte und mit Petrodollars aus Venezuela das Land diktatorisch regiert. Ramírez war in Madrid zur Vorstellung seines jüngsten Buchs, eines Krimis, den das Leben schrieb: Ein "roman noir" über die schmutzigen Tricks, mit denen Ortega und die First Lady Rosario Murillo sich an der Macht behaupten, von Einschüchterung und Terror bis zu politischem Mord. Das Regime reagierte brachial: Das Buch von Ramírez wurde verboten, sein Haus durchsucht, er selbst zur Fahndung ausgeschrieben. Keine Kleinigkeit in einem Land, das seit Rubén Darío, dem Schöpfer des "Modernismo", stolz ist auf seine Literatur - einen Cervantes-Preisträger verhaftet man nicht!

Sergio Ramírez hat mehr als fünfzig Bücher veröffentlicht, und sein vorletzter Roman, um den es im Folgenden geht, greift ein biblisches Thema auf, das auch Thomas Mann und Sigmund Freud beschäftigte (um nur diese Namen zu nennen): die Geschichte Abrahams und seiner Frau Sara, der Gott verkündet, sie werde im hohen Alter schwanger und einen Sohn gebären, dessen Nachkommen sich über die halbe Welt verbreiten. Hinter einem Vorhang versteckt, hört Sara die Prophezeiung und reagiert wie Armin Laschet bei der Flutkatastrophe in Ahrweiler: Sie lacht. "Verzeiht, ihr Herren, wenn ich das tatsächlich getan habe, dann geschah das ohne Absicht. Aus reiner Unsicherheit habe ich gelacht, oder vielleicht weil ich Angst bekommen habe. Manchmal lacht man ja, weil man sich fürchtet."

Ähnlich wie beim Kanzlerkandidaten der Union, den der Lacher zur Unzeit wohl den Wahlsieg kostete, läuft es auch hier: Bis Sara einen Sohn gebiert, ist es ein langer, beschwerlicher Weg, auf dem Sodom und Gomorrha untergehen und Lot die eigenen Töchter schwängert - aber es ist nicht nötig, die von Ramírez kongenial nacherzählte biblische Geschichte hier zu rekapitulieren. Wichtiger ist die Frage, was einen Erzähler, der sonst Stoffe aus Nicaraguas Gegenwart oder Vergangenheit aufgreift, dazu veranlasst hat, sich den Erzvätern und der Wiege der Menschheit zuzuwenden.

Eskapismus vielleicht, ein Ausweichen vor der politischen Aktualität - oder was verbirgt sich dahinter? Diese Frage hätte man auch Freud und Thomas Mann stellen können, und die Antwort läge auf der Hand: Nur auf den ersten Blick sind Manns Joseph-Trilogie und Freuds "Moses" abgeklärte Alterswerke, die vor den Imperativen der Dreißigerjahre in mythisch verklärte Urzeiten flohen. In Wahrheit führen beide Bücher ins Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Faschismus und Barbarei am Beispiel der "Judenfrage", die den Nationalsozialisten als Hebel zur Machtergreifung und zum späteren Vernichtungskrieg diente. So besehen ist die Frage nach dem Ursprung des Monotheismus, um die es bei Ramírez geht, nur scheinbar abgehoben von jenem Circulus vitiosus aus Gewalt und Korruption, in dem Nicaragua, ähnlich wie Venezuela, versinkt.

"Ich habe dir eine Geschichte erzählt, die für dich noch gar nicht geschehen ist, denn in Wirklichkeit geschieht in der Welt nicht ein Ereignis nach dem anderen . . . Alles geschieht vielmehr zur gleichen Zeit, sodass man die Zukunft als Vergangenheit sehen kann und umgekehrt. Und die Gegenwart ist nichts als eine Illusion." Eine ernst zu nehmende Literaturtheorie besagt, dass die Dichter uns stets aufs Neue dieselben Geschichten erzählen von Penelope, Odysseus, Ödipus, Antigone und so fort. Jan und Aleida Assmann haben gezeigt, dass und wie der von Echnaton eingeführte Monotheismus im alten Ägypten verdrängt und verleugnet wurde, aber in entstellter, verzerrter Form weiterwirkte. So auch hier. Und die Art und Weise, wie Sara dem Erzvater Abraham in den Arm fällt, um die von Gott befohlene Opferung Isaaks zu verhindern, verweist auf das geflügelte Wort von der Revolution, die, wie derzeit in Nicaragua, ihre Kinder frisst.

All das klingt äußerst tiefsinnig und gelehrt. Doch was die Inhaltsangabe unterschlägt, ist die Tatsache, dass Sergio Ramírez einen unterhaltsamen, heiteren, streckenweise sogar humoristischen Roman geschrieben hat, der wie einst Thomas Mann das biblische Geschehen ironisch gebrochen nacherzählt. Die mal zu zweit, mal zu dritt auftretenden Engel machen alberne Faxen wie die Gehilfen in Kafkas Schloss, und Jehova ist ehrfurchtgebietend, gleichzeitig aber grausam und nachtragend wie ein orientalischer Despot. Dass die epische Ironie den Text über Räume und Zeiten hinweg trägt, ist auch ein Verdienst der gelungenen Übersetzung von Lutz Kliche, die dem Original bis in feinste Verästelungen hinein nachspürt.

Einen Voltaire verhaftet man nicht, soll Charles de Gaulle als französischer Staatspräsident mit Blick auf Sartre gesagt haben. Verhaftung droht Sergio Ramírez bei einer Rückkehr nach Nicaragua - das Regime seines Erzfeinds Ortega schreckt vor nichts zurück. Vielleicht ist das der Grund, warum er auf Befragen erklärte, er fühle sich wohler in einem Land, dessen Staatschef mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. HANS CHRISTOPH BUCH

Sergio Ramírez: "Sara". Roman.

Aus dem nicaraguanischen Spanisch von Lutz Kliche. Edition 8, Zürich 2021. 214 S., geb., 21,80 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Hans Christoph Buch warnt vor einer eskapistischen Lesart des Romans von Sergio Ramirez. Dass der sonst so engagierte Autor die politische Aktualität verlässt, um die biblische Geschichte von Abraham und Sara zu erzählen, mag er nicht glauben. Nach genauerem Besehen erkennt er, dass die Beschäftigung mit dem "Ursprung des Monotheismus" bei Ramirez mit der Gewalt und der Revolution in seiner Heimat Nicaragua zu tun hat. Dass der Autor zudem einen ebenso feinsinnigen wie humoristischen Roman verfasst hat, die biblische Geschichte ironisch bricht, die Engel Faxen machen und Jehova wie einen "orientalischen Despoten" auftreten lässt, macht für Buch den Unterschied. In Lutz Kliches Übersetzung liest sich das noch mal so schön, findet er.

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